Energie

Geheime Verhandlungen: Kommt Nord Stream unter US-Kontrolle zurück?

Offiziell ist die Ostsee-Pipeline politisch erledigt. Doch hinter den Kulissen laufen Gespräche über ein mögliches Comeback von Nord Stream unter neuer Regie. Europa bleibt bislang Zuschauer.

Nord Stream ist Teil der Verhandlungen zwischen Russlands Staatschef <a href="https://www.berliner-zeitung.de/topics/wladimir-putin">Wladimir Putin</a>&nbsp;und US-Präsident Donald Trump.
Nord Stream ist Teil der Verhandlungen zwischen Russlands Staatschef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump.Andrew Caballero Reynolds/AFP

Die Rohre liegen seit September 2022 beschädigt auf dem Grund der Ostsee. Technisch ist Nord Stream schwer getroffen, politisch jedoch keineswegs erledigt. Während Berlin und Brüssel öffentlich betonen, die Abhängigkeit von russischem Pipelinegas sei überwunden, deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass die Pipeline in informellen Gesprächskanälen weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

Quellen berichten von Hinterzimmer-Diplomatie, inoffiziellen Kanälen und von einem Szenario, in dem Washington ausgerechnet jenes russische Gas, das es jahrelang zu verhindern suchte, wieder nach Europa bringen könnte. Nur unter einem entscheidenden Vorzeichen: unter amerikanischer Regie.

Sabotage von Nord Stream mit amerikanischer Hilfe?

Der Anschlag auf Nord Stream 1 und 2 im September 2022 markierte einen historischen Einschnitt. Mehrere Stränge der Pipelines wurden durch Explosionen zerstört. Es kam zu massiven Gaslecks, erheblichen Umweltschäden in der Ostsee und zum abrupten Stopp russischer Direktlieferungen nach Deutschland.

Inzwischen konkretisieren sich die Ermittlungen. Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft soll der ukrainische Elitesoldat Serhij K., Angehöriger einer Spezialeinheit, als führendes Besatzungsmitglied der Segeljacht „Andromeda“ die Operation koordiniert haben. Der Bundesgerichtshof sieht dringende Gründe dafür, dass der ukrainische Staat den Anschlag „initiiert und gesteuert“ habe. Eine abschließende gerichtliche Bewertung steht aus.

In ihrer Februarausgabe berichtet die französische Monatszeitung Le Monde diplomatique unter Berufung auf mehrere Gesprächspartner, die Zerstörung sei das Ergebnis einer ukrainischen Operation gewesen, mutmaßlich unterstützt durch Expertise, Ausbildung und „wahrscheinlich logistische Hilfe“ aus Washington, London und Warschau. Sollte sich diese These bestätigen, hätte das weitreichende Folgen: Ein oder mehrere Partnerstaaten hätte zentrale deutsche Energieinfrastruktur angegriffen – just in einem Moment, in dem Deutschland militärische und finanzielle Unterstützung für Kiew leistete.

Finanzielle und industrielle Katastrophe

Die wirtschaftlichen Folgen des Pipeline-Endes sind erheblich. Der Wegfall günstigen russischen Pipelinegases führte zu drastischen Preissteigerungen. Energieintensive Branchen wie die Chemie- oder Metallindustrie gerieten unter erheblichen Druck.

Die Transportkapazität der Pipelines.
Die Transportkapazität der Pipelines.Grafik: OAZ. Quelle: Global Energy Monitor, 2025

Besonders betroffen ist Ostdeutschland. Die Leitungen landeten in Lubmin bei Greifswald an. Die gesamte Ostseeregion in Mecklenburg-Vorpommern war ursprünglich als Energie-Drehscheibe geplant, mit Perspektiven für industrielle Ansiedlungen auf Basis günstiger Energie. Mit der Sabotage entfiel diese Grundlage.

Die Betreibergesellschaft Nord Stream 2 AG entließ Mitarbeiter und stand vor existenziellen Herausforderungen. Standortprojekte wurden gestoppt, Industrieansiedlungen verschoben. Für viele Kommunen bedeutete das Ende von Nord Stream den Verlust einer langfristigen Entwicklungsperspektive.

Hinterzimmerkanäle und strategische Optionen

Während die offizielle europäische Linie eindeutig ist, berichtet Le Monde diplomatique von informellen Gesprächsfäden. Die französische Zeitung beschreibt eine Diplomatie der Kulissen, fern von internationalen Institutionen. In diesem Umfeld werde ohne öffentliche Kontrolle und jenseits multilateraler Foren verhandelt.

Eine Vielzahl an Informationen deute darauf hin, dass Nord Stream tatsächlich zurückkehren könnte – an der EU vorbei und „unter der Leitung der USA“. Konkret zitiert die Zeitung eine Quelle aus dem Umfeld von Gazprom, wonach Nord Stream „absolut Teil geheimer Verhandlungen“ zwischen US-Präsident Donald Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin ist. Ein Szenario sei, Nord Stream in Partnerschaft mit den USA wieder zu öffnen.

Ob diese Angaben zutreffen, lässt sich von außen nicht verifizieren. Doch sie passen in ein strategisches Muster: Energieinfrastruktur ist Hebelpolitik. Gerade vor dem Hintergrund möglicher Friedensverhandlungen zur Ukraine gewinnt dieser Aspekt an Gewicht.

Die USA hatten Nord Stream über Jahre hinweg politisch bekämpft. Mit dem Fracking-Boom in den frühen 2010er-Jahren gewann der Export von Flüssigerdgas (LNG) in Washington strategische Bedeutung. Zusätzliche russische Gaslieferungen über Nord Stream 2 nach Europa hätten die Marktchancen für amerikanisches LNG spürbar verringert.

Die Amerikaner übten deshalb massiv Druck aus, sodass Deutschland im Jahr 2021 die Zertifizierung von Nord Stream 2 kurz vor Abschluss stoppte. Zuvor hatten US-Sanktionen das Projekt wiederholt verzögert. Ein möglicher Kurswechsel – russisches Gas, aber unter US-Einfluss – wäre deshalb eine spektakuläre Kehrtwende.

US-Investoren bekunden Interesse

Ziel der Amerikaner könnte dabei sein, nicht mehr nur LNG zu verkaufen oder eine russisch-europäische Annäherung zu verhindern, sondern die Kontrolle über die Energieinfrastruktur – wo immer möglich, eben auch auf dem alten Kontinent – auszubauen.

Im Zusammenhang mit einem unter US-Regie stehenden Nord Stream 2 taucht immer wieder der Name von Stephen P. Lynch auf, ein Investor aus Miami, der laut Wall Street Journal die Pipeline erwerben will, mit dem erklärten Ziel, „der reichste Typ zu werden, von dem Sie noch nie gehört haben“. Lynch gilt als Spezialist für angeschlagene Vermögenswerte und hatte zuvor Geschäfte in Russland getätigt, unter anderem im Umfeld der Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos sowie bei einer Transaktion rund um eine Sberbank-Tochter.

Die wirtschaftlichen Folgen des Aus für Nord Stream sind erheblich, insbesondere für Ostdeutschland.
Die wirtschaftlichen Folgen des Aus für Nord Stream sind erheblich, insbesondere für Ostdeutschland.Jens Büttner/dpa

Lynch soll aber nicht der einzige Interessent sein. Auch Gentry Beach, ein texanischer Banker, der mit Donald Trump Jr. befreundet sein soll, wird gehandelt. Beach hat zwar öffentlich abgestritten, sich für die Pipeline zu interessieren, doch Recherchen von Le Monde diplomatique zufolge soll er gemeinsam mit einem rumänischen Geschäftspartner versucht haben, Nord Stream zu übernehmen. Im Hintergrund steht ein Milieu, das Politik als Plattform für Geschäfte versteht. Das Wall Street Journal beschreibt Beach als jemanden, der weltweit Projekte anbahnt und dabei mit Trump-Nähe operiert.

Genannt wird außerdem Elliott Management, ein US-Finanzriese, der sich nicht nur für Nord Stream, sondern auch für die Pipeline TurkStream, die Gas von Russland über die Türkei nach Bulgarien bringt, interessieren soll.

Jörg Cezanne, energiepolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, bewertet solche Aktivitäten als ernst zu nehmende Gefahr. Gegenüber der Berliner Zeitung sagte er: „Solche Versuche gibt es und diese müssen ernst genommen werden. Kürzlich kaufte sich ein Trump-naher Investor mit dem Unternehmen Tanquid rund ein Fünftel der deutschen Tanklagerinfrastruktur. Wir fordern die Bundesregierung auf, derartige Übernahmen im Rahmen der Investitionsprüfung von kritischer Infrastruktur zu prüfen und zu untersagen. Energienetze sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und müssen grundsätzlich in öffentlicher Hand betrieben und verwaltet werden.“

Die Linke spricht sich zugleich grundsätzlich gegen eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream aus. Der Gasausstieg müsse jetzt eingeleitet werden, so Cezanne, „denn schon in weniger als 20 Jahren muss Deutschland klimaneutral sein“. Schon zu Beginn der Planungen von Nord Stream 1 sei klar gewesen, dass die Pipelines im Betrieb nicht wirtschaftlich sein würden.

Europas alte Idee: Wandel durch Handel

Nord Stream stand ursprünglich für die europäische Idee „Wandel durch Handel“. Interdependenz sollte Frieden schaffen. In den 2000er- und 2010er-Jahren glaubten deutsche und französische Spitzenpolitiker, Russland werde als industrieller Partner allmählich zum politischen Partner – ohne Nato- oder EU-Mitgliedschaft, aber eingebunden über Gas, Industrie, Geld. Europäische Konzerne wie Engie, Uniper, Wintershall Dea, OMV, Shell und Gasunie hofften auf Profite und Steuerbarkeit; Gazprom auf stabile Einnahmen und Marktmacht.

Die Ukraine-Invasion zerstörte dieses Arrangement. Deutschland verstaatlichte Uniper, der Bund übernahm auch SEFE (früher Gazprom Germania) – Symbole eines abrupten Paradigmenwechsels. Der wirtschaftliche Schmerz verschwand aber nicht, weshalb die politische Debatte in Deutschland um Nord Stream auch noch heute weitergeführt wird.

Eine gut informierte Quelle aus dem Umfeld der CDU erklärt zwar, Nord Stream stehe derzeit nicht auf der Tagesordnung. In der Energiepolitik könne man aber „niemals nie sagen“. Der Druck aus der Wirtschaft auf die Bundesregierung, für günstige Energie zu sorgen, sei weiterhin enorm.

Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer zählt zu den prominentesten Befürwortern von Gesprächen mit Russland über eine Wiederaufnahme von Energielieferungen. Kretschmer betont, dass eine Wiederinbetriebnahme der Ostseepipeline eine „starke wirtschaftliche Komponente“ für Deutschland hätte: „Die Produktionskosten sind zu hoch. Ich warne seit langem vor einer Abwanderung von Firmen, die bei uns nun tatsächlich beginnt. Die Frage der Energiepreise ist dabei so zentral, die kann man nicht beiseiteschieben“, sagte er im vergangenen Jahr im Interview mit der Zeit.

Dem gegenüber steht die harte Linie von Kanzler Friedrich Merz, der jegliche Energiepartnerschaften mit Russland ausschließt. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person erklärte der Berliner Zeitung, Deutschland spiele beim Sanktionskurs gegen Russland sogar eine besondere Rolle; Merz sei die treibende Kraft gewesen, Nord Stream im 19. Russland-Sanktionspaket im vergangenen Oktober zu sanktionieren.

Die Quelle bezeichnet das Vorgehen als „absurd“, da über Umwege weiterhin russische Energie nach Europa komme, etwa über Indien. Dort werde russisches Öl verarbeitet und anschließend als raffinierte Produkte wieder exportiert. Rechtlich gelten diese Produkte nicht mehr als russische Importe.

Auch über Kasachstan werde Energie nach Europa geliefert. Offiziell handle es sich dabei um kasachisches Öl. „Vorne wird kasachisches Öl eingespeist, hinten kommt möglicherweise russisches Öl mit hinein.“ Belegen lasse sich das im Einzelfall kaum, doch die strukturelle Durchmischung von Fördergebieten und Leitungen erschwere eine eindeutige Trennung, so die Quelle, die anonym bleiben will.

Brüssel verschärft Kurs gegenüber Russland

Unterdessen arbeitet die EU an einem Rechtsrahmen, der eine Rückkehr russischer Energie in Zukunft faktisch verhindern soll. Eine Sprecherin der EU-Kommission antwortete auf Anfrage der Berliner Zeitung, Anfang Februar sei die RePowerEU-Gasverordnung in Kraft getreten, die neue Gasverträge mit Russland, langfristige Verträge sowie Spotmarktimporte verbiete. „Damit beenden wir die Instrumentalisierung von Energie. Dies ist ein historischer Moment für die Europäische Union“, so die Kommissionssprecherin. Gas, das über Nord Stream 2 eingeführt würde, gelte als russisches Gas und sei gemäß Artikel 7 Absatz 4 der Verordnung verboten.

Ähnlich klingt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium: Ministerin Katherina Reiche setze sich „im Einklang mit der Bundesregierung weiterhin gegen eine Inbetriebnahme der Nord-Stream(2)-Pipelines ein“, heißt es auf Anfrage. Nord Stream unterliege europäischen Sanktionen, die Deutschland ausdrücklich mittrage. Deutschland habe die Abhängigkeit von russischem Gas beendet, „daran halten wir fest“.

Man beobachte die Versorgungslage eng, LNG-Terminals stünden zur Verfügung, norwegisches Pipelinegas sei die Hauptsäule, die Versorgung für diesen Winter sei gesichert; die Nachfrage sei seit der Krise 2022 deutlich gesunken, Preise hätten auf Kälte reagiert, lägen aber wieder deutlich unter den Spitzen früherer Jahre.

EU-Sanktionen als Selbstbestrafung

Diplomaten beschreiben die EU-Sanktionsstrategie seit 2022 als eine Art Selbstbestrafung, um Verhandlungsmacht zu gewinnen: Man schneide sich selbst von russischer Energie ab, um Druck auf Moskau aufzubauen – und zahle dabei bewusst wirtschaftliche Kosten. Bislang ist die Strategie allerdings nicht wirklich aufgegangen: Europa sitzt bei den Verhandlungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs aktuell nicht am Tisch.

Trotzdem soll der Sanktionsrahmen weiter verschärft werden. Die EU arbeitet derzeit an einem 20. Sanktionspaket, das zum vierten Jahrestag der Invasion am 24. Februar in Kraft treten soll; dabei geht es unter anderem um strengere Maßnahmen gegen Einnahmen aus Öl und Gas sowie um neue Mechanismen gegen Umgehung über Drittländer.

Berichten zufolge herrscht allerdings Nervosität im EU-Rat: Mehrere Staaten – nicht nur übliche Verdächtige wie Ungarn oder die Slowakei – hätten darum gebeten, einzelne Schritte zu verschieben. Hintergrund sei die Desorientierung in der Wirtschaft: Märkte wüssten nicht, ob sie in LNG, Erneuerbare, Wasserstoff oder doch wieder russische Energie investieren sollten; genau diese Unsicherheit vertreibe Kapital.

Der EU-Abgeordnete und Bundesvorsitzende des BSW, Fabio De Masi, kritisiert den Kurs der EU und der Bundesregierung. „Die Bundesregierung liefert Waffen und Geld an die hochkorrupte Ukraine, die uns laut Bundesgerichtshof die Pipeline weggesprengt hat“, sagt er der Berliner Zeitung. „Gleichzeitig füllen wir Donald Trump die Auftragsbücher bei schmutzigem und teurem US-Frackinggas. Nun sehen wir zu, wie wir nach Sanktionen, die den Krieg nicht verkürzt haben, aber unsere Energiepreise hochgejazzt haben, einem US-Energiekartell ausgeliefert werden! Wir haben wirklich die dümmste Regierung Europas!“, so der BSW-Politiker.

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine stoppt Deutschland das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2.
Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine stoppt Deutschland das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2.Bernd Wüstneck/dpa

Benjamin L. Schmitt, Energie- und Sicherheitsexperte an der University of Pennsylvania, widerspricht. Washington habe Nord Stream „seit langem“ aus nationalen Sicherheits- und geostrategischen Gründen abgelehnt; Europas Überabhängigkeit von russischem Gas und russisch betriebener Infrastruktur habe Deutschland und den Kontinent verwundbar gemacht. „Es ist eine Energiewaffe, die der Kreml nutzen kann“, sagt er der Berliner Zeitung.

Nord Stream habe zudem als Hebel gegen die Ukraine gedient; diese Sorge sei nach der Invasion 2022 bestätigt worden. Deshalb gebe es „kein Szenario“, in dem eine Rückkehr von Nord Stream im Sicherheitsinteresse Deutschlands liege – auch nicht, wenn ein US-Investor oder eine US-Firma die Kontrolle übernehmen wollte. Denn selbst dann käme das Gas aus russischen Staatsunternehmen, und der Kreml könne Lieferungen jederzeit aus geopolitischen Gründen stoppen. „Berlin und Brüssel sollten alles tun, damit Sanktionen nie aufgehoben werden und niemand – egal ob Amerikaner, Deutscher oder jemand anders – die Pipelines reaktiviert“, sagt Schmitt.

Trumps Geist für gute Geschäfte

Artem Sokolow, Deutschland-Experte am Moskauer Institut MGIMO, hält eine Wiederinbetriebnahme technisch und politisch nicht für ausgeschlossen. Wenn politische Hindernisse beseitigt würden, könne mindestens eine unbeschädigte Leitung als Szenario betrachtet werden, sagt er der Berliner Zeitung. Wegen der schwierigen Lage deutscher Industrieunternehmen und hoher Energiepreise gebe es Nachfrage nach russischem Gas; er verweist dabei auch auf deutsche Politiker wie Kretschmer.

Eine US-Beteiligung an Nord Stream 2 sei möglich, aber die Details wären entscheidend: Das passe zum Trump-Geist „guter Geschäfte“, allerdings könnten Europäer unter den derzeitigen Bedingungen gegenüber Washington nicht genug Vertrauen haben. Zugleich betont Sokolow einen Interessenkonflikt: Der Versuch der USA, Russland aus dem EU-Energiemarkt zu drängen, mache beide zu Konkurrenten; eine Kontrollfunktion Washingtons würde amerikanische Lieferanten priorisieren, was nicht im russischen Interesse sei.

Eine Rückkehr zur Energiekooperation liege aber im Interesse Russlands und Deutschlands; das Bedürfnis in der deutschen Gesellschaft sei größer, als manche politische Kräfte, Thinktanks oder Medien darstellten, so Sokolow. Russland habe die Zweckmäßigkeit konstruktiver Zusammenarbeit nie infrage gestellt.

Europas blinder Fleck: Zuschauen reicht nicht

Wenn sich aus alldem ein Bild zusammensetzt, dann dieses: Europa baut Rechtsrahmen, verhängt Sanktionen, diversifiziert Lieferketten – und verliert gleichzeitig die Deutungshoheit darüber, wer am Ende den Hebel über seine Energie hat.

Dabei ist besonders brisant: Sollte es zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Konflikt kommen, werden Energiefragen Bestandteil des Deals werden. „Zwar kann rechtlich gesehen ein Deal zwischen Trump und Putin nicht über unsere Köpfe hinweg gemacht werden“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Berliner Zeitung. Durch das 19. Sanktionspaket brauche es am Ende das „Okay“ der EU. Doch Washington könne Europa „unter Druck setzen“, das Ergebnis zu akzeptieren.

Unter diesen Vorzeichen muss Europa sich die Frage stellen: Will man eine aktive Rolle bei den Ukraine-Verhandlungen einnehmen und die Zukunft der europäischen Energieversorgung mitbestimmen, oder will man am Ende nur abnicken, was Putin und Trump beschließen? Wer gestalten will, kann es sich jedenfalls nicht leisten, laufende informelle Gespräche über Nord Stream zu ignorieren oder die Pipeline vorschnell für politisch erledigt zu erklären.