Von Russland ist Deutschland abgeklemmt, auch die Beziehungen zu China werden absichtsvoll verkompliziert, nun ist mit Amerika die dritte Großmacht dran. Der Russland-Boykott traf vor allem den Osten Deutschlands, das China-Bashing belastete das ganze Land, die Folgen enttäuschter Liebe zu den USA wirken vor allem im Westen. Der Osten reagiert auf den transatlantischen Bruch eher schulterzuckend: Man kommt auch ohne die Amis klar. War schön, mal hinzufliegen, wirklich nette Leute kennenzulernen – aber die gestrenge Umerziehung von der Ost- zur Westbindung ist gescheitert.
Alle drei Deutschland über Jahrzehnte tragenden Säulen haben nun einen Knick, die russische liegt völlig eingerissen da. Zuerst verabschiedete sich Deutschland vom russischen Gas, einer Lieblingsspeise im Energie-Schlaraffenland der vergangenen Jahrzehnte. Auswärtige Pipeline-Sprengkommandos beschleunigten den Prozess. Das kam unerbeten, passte aber in den Plan des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck, Nord Stream ein Ende zu setzen. Begründung: Deutschland mache sich erpressbar.
Als die beiden Nord-Stream-Röhren am 26. September 2022 gesprengt wurden, war es noch der Demokrat Joe Biden, der die Frackinggas-Exporte nach Deutschland steigern wollte (also durchaus ein Motiv für einen solchen Terrorakt hatte). Welches Ausmaß die erpresserische Energie Donald Trumps in dessen zweiter Amtszeit diesbezüglich erreichen sollte, ahnten nur wenige.
In Deutschland bekamen Wirtschaft und Bevölkerung den Krieg ums Gas mit umfassender Langzeitwirkung zu spüren. Teure Energie schwächt Groß- wie Kleinbetriebe. Als unmittelbare politische Folge der Gaswende erlebte die AfD nach 2022 einen Zustimmungsschub; die Werte stiegen von zuvor zehn bis 15 auf mehr als 20 Prozent Mitte 2023. In den von ausbleibenden Gas- und Öllieferungen aus Russland am stärksten betroffenen Bundesländern im Osten erreicht die AfD Zustimmungswerte zwischen 35 und 39 Prozent, bundesweit um 26 Prozent. Die Popularität der Rechtspopulisten hat ihre Ursache eben nicht nur in der Angst vor ungeregelter Migration.
Chinesen zum Brodeln bringen
2023 genügten der rot-grün-gelben Bundesregierung unter Olaf Scholz der Ärger mit Russland und die Katastrophe in der Ukraine offenbar nicht mehr: Sie wechselte die China-Strategie und brachte ein neues Wort dafür in Stellung: Derisking. Dazu trat die Wortschwester Decoupling, Entkopplung. Um die Chinesen so richtig zum Brodeln zu bringen, nannte die deutsche Chefdiplomatin Annalena Baerbock den chinesischen Präsidenten einen Diktator und belehrte sie mit Werte-Rhetorik.
Die deutsche Politik hoffte offenbar allen Ernstes, den erstarkenden Konkurrenten durch Zufügen von Schaden bremsen zu können. Eine krasse Fehleinschätzung, typisch für absinkende Mächte. Inzwischen ist nicht mehr zu leugnen, auch nicht durch hartnäckiges mediales Schlechtmachen Chinas, dass sich das Land in zukunftentscheidenden Bereichen an die Spitze schiebt: Autos (welche Schmach für die habituell protzende deutsche Autoindustrie), Umwelttechnologien, vor allem aber Hightech: Chips, Halbleiter, Mobiltelefone, Rechner … Chinas wirtschaftliche Stärke, im Zusammenspiel mit langfristig und planvoll aufgebauten weltweiten Netzwerken, erlaubt eine starke Außenpolitik; man muss sich nicht vor Trump in den Staub werfen. China war über Jahrzehnte für Deutschland ein verlässlicher Handelspartner. Es funktionierte zum beiderseitigen Vorteil. Wie dumm, das aufzugeben.

Jetzt also sind die USA dran mit Derisking, gezwungenermaßen. Seit Donald Trumps Europahassrede in Davos kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass in Washington, nicht in China, das größere Risiko sitzt: Europa ist komplett abhängig von amerikanischer IT (Software wie Hardware), vom Finanzsystem – ob Paypal, Visa oder Swift –, militärisch sowieso, Energie ist schon genannt. Wenn Elon Musk seine Starlink-Satelliten abschaltet, ergeht es der Ukraine sehr, sehr schlecht. Kein Land hat einen schwerer berechenbaren Vorsteher als die USA, auch nicht Russland. Schon gar nicht China.
Im vergangenen Jahr kamen 96 Prozent des über die eilends errichteten deutschen Flüssiggasterminals importierten LNGs aus den USA. Donald Trump wollte es so, sein „Drill, baby, drill“-Stoff muss ja zahlende Abnehmer finden. Betrachtet man sämtlich LNG-Importe in die EU, so stieg der amerikanische Anteil von fünf Prozent im Jahr 2021 auf 27 Prozent. Und da geht noch mehr. Stellt sich die Frage: Wer hat sich hier erpressbar gemacht?
Deutschland (und Europa) mühen sich, den Eindruck zu erwecken, man könne die Ablösung von allen bisherigen Großpartnern mit wenig Schaden bewerkstelligen. Das ist verständlich, alles andere hieße Panik auszulösen. Man feiert jedes neue Freihandelsabkommen (mit Mercosur und Indien verhandelte man jeweils mehr als 20 Jahre).
Da sind sie wieder, die vom kanadischen Premier Carney in Davos beschriebene Naivität und der geliebte Selbstbetrug. In derselben Rede nannte Carney übrigens den jüngsten Abschluss neuer strategischer Partnerschaften Kanadas mit China einen Weg pragmatischer Diversifizierung. Der britische Premier Starmer machte vorige Woche nach acht Jahren Schluss mit China-Auszeit, eine Kehrtwende zu „reifen Beziehungen“.
Die Rückkehr zu sachlichen Beziehungen zu China hat Deutschland noch vor sich. Allerdings scheint sie in der Wirtschaft schon eingeleitet: Vergangene Woche wurde aus dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) bekannt, wie deutsche Firmen im vergangenen Jahr ihre Investitionen in China steigerten – insgesamt seien mehr als sieben Milliarden Euro zusätzlich an Direktinvestitionen geflossen. So hoch hatte die Summe zuletzt 2021 gelegen, also vor Beginn des Stänkerkurses gegen China.
Eine andere Studie des Instituts zeigt das Ausmaß des Deriskings hinsichtlich der USA: Von Februar bis November 2025, also im ersten Halbjahr der zweiten Trump-Regentschaft, brachen die deutschen Direktinvestitionen um 45 Prozent ein.
Als großes Glück erweist sich der in Deutschland vor allem von der AfD schlechtgeredete Ausbau der erneuerbaren Energien. Mit jeder Windmühle, mit jedem Solarmodul, jedem Speicher (ob Batterie, Pumpspeicher oder anderen innovativen Lösungen) wächst die Energieautarkie. 64 Prozent des Stroms kommen bereits von Sonne und Wind – und die können weder Wladimir noch Donald ausschalten. Letzterer wurde in Davos unter anderem mit der Bemerkung auffällig: „Jedes Mal, wenn sich ein Windrad dreht, verliert man 1000 Dollar.“
Da fällt einem die Schimpfkanonade von Alice Weidel ein, die vor einem Jahr von „Windmühlen der Schande“ redete und versprach: „Wir reißen alle Windkraftwerke nieder!“ Zu Jahresbeginn 2026 brachte die AfD-Fraktion fünf Anträge zur Beratung auf die Tagesordnung des Bundestages – alle darauf gerichtet, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu stoppen. Verrückt, oder? Man wolle Kommunen, Landschaft und Natur schützen, lautete die Begründung, besonders die Insektenbiomasse und -vielfalt und die Fledermäuse. Nach Umfragen befürworten 81 Prozent der Deutschen den Ausbau erneuerbarer Energien und damit ein schönes Derisking-Programm
Derisking mit Wind und Sonne
Der Bundeskanzler hat sich bereits eines Besseren besonnen: Im Wahlkampf fabulierte er 2024 vom Segen der Kernfusion, dann könne man die hässlichen Windräder wieder abreißen. Das liegt weit hinter seinem Lebenshorizont. Gut, dass er dieser Tage zum Nordseegipfel nach Hamburg lud, um dem Ausbau großer Offshore-Windanlagen neuen Schwung zu verleihen.
Natürlich ist Unabhängigkeit in keinem der hier genannten Beispiele vollständig zu erreichen. Es ist abwegig, zu glauben, man könnte Russland, größtes Land der Welt und europäischer Nachbar, langfristig als Paria behandeln. Schon vor dem Ende des Krieges sollte man sich wenigstens Gedanken über eine Normalisierung machen. Ebenso verrückt wäre der Gedanke, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht China auf der Liste der Partner weit unten ansiedeln zu können. Wie man die USA zurückdrängen kann, ist die große Frage – es scheint ja selbst in den täglichen Internetroutinen nicht praktikabel. Das Erpressungspotenzial hat unvorstellbare Dimension.

Dass Autarkie möglich ist, lebt Nordkorea vor, Weltmeister der Unabhängigkeit. Dort ist Autarkie Staatsräson und ideologisches Fundament. Das System heißt Dschutsche. Großvater Kim Il-sung, Gründer der Kim-Dynastie, errichtete 1955 die Ideologie als Mauer rund um sein Reich: Demnach hat der Staat die Aufgabe, politische, wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit zu gewährleisten. Schlichter formuliert: Wir machen alles selber – egal ob Futter, Fahrräder, Fernseher oder Fernstreckenraketen. Importe machen abhängig; nichts geht raus, nichts kommt rein. Hat man dann noch eine, natürlich selbstgebaute, Atombombe, wird man groß und stark.
Der Osten weiß, wie man importarm lebt
Im Osten weiß man noch, wie man mit viel Selbstversorgung und gebremsten Importen leben kann. Dann gibt’s nur manchmal Bananen, dafür viel gesunden Kohl. Man trennt alte Strickpullover wieder auf und macht neue draus, wendet Hemdkragen und näht Flecken auf Jackenärmel. Zeit dafür bleibt genug – wenn Insta und TikTok abgeschaltet sind.
Nein, nein, so wird es nicht wieder werden. Aber wie wird das zu erwartende Downgrading des Lebens aussehen? Zum Beispiel, wenn Deutschland auf AfD-Wunsch aus dem Euro ausscheidet und die jetzige EU verlässt. Da wird sich im Leben mehr ändern als nur das Regierungspersonal.
Im Osten Deutschlands kann man sich heute schon besser vorstellen, mit den Russen wieder ein anständiges Verhältnis zu finden. Man wird ja wohl glauben dürfen, dass mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine irgendwann auch die Ausgrenzung Russlands endet – auf Bruderküsse darf man gern verzichten.
Großmächte tun derzeit, was sie immer taten: andere auf Abstand halten. Sie bestehen auf politischen und militärischen Pufferzonen. Der Rest ist stetes Aushandeln von immer neuen Balancen. Der kanadische Premier Carney sagte es so: „Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“




