Osteuropa

Lernen Sie von den Polen in der Ukraine, Herr Merz?

Die territoriale Integrität der Ukraine formierte sich unter abenteuerlichen Umständen. Und die Polen mischten schon immer kräftig mit. Teil 7 der Essayreihe „Frag den Kanzler nach Eutopie“.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)Kay Nietfeld/dpa

Mein Großvater, der Vater meines Vaters, hat mir einen wahren Schatz hinterlassen: seine Tagebücher, die er als Jugendlicher und junger Erwachsener vor etwa hundert Jahren in Warschau geschrieben hat. Zwar hat meine Großmutter so manche Seite, die sein Liebesleben dokumentierte, später herausgerissen, doch vieles ist erhalten geblieben. Darunter befindet sich ein Schulaufsatz über die Zustände in der Stadt zwei Jahre nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921.

In diesem Aufsatz steht Folgendes: „Unser größtes Problem [der heutigen Jugend] ist das unmoralische Leben. Aber was kann man denn auch erwarten? Man muss sich nur daran erinnern, was Krieg und Militärdienst mit Menschen machen. Krieg ist schließlich der größte Faktor der Demoralisierung. Unsere Jugend war im August 1920 bei der Verteidigung Warschaus zahlreich vertreten und hat zu diesem denkwürdigen Sieg beigetragen. Doch sie zahlt jetzt den Preis dafür. Der moralische Verfall der Jugend spiegelt sich in der Zersetzung vieler Familien wider. Und auch in der starken Zunahme sog. käuflicher Mädchen (…). Und was sind die Ursachen für diese Phänomene? Es ist der Krieg, der so viele Menschen ins Verderben gestürzt hat. Nun zieht er erneut die Jugend in seinen Bann. Und wir junge, unerfahrene Menschen folgen ...“

Über den Autor
Stanisław (Stan) Strasburger ist Schriftsteller, Übersetzer und Kulturmanager. Seine Schwerpunkte sind Eutopie, internationale Politik, Erinnerung und Mobilität. Kürzlich ist in seiner Übersetzung die literarische Reportage „Mitternacht in Donezk“ erschienen. Sein jüngster Roman „Der Geschichtenhändler“ erschien 2018 auf Deutsch (2009 auf Polnisch und 2014 auf Arabisch). Der Autor wurde in Warschau geboren und lebt zurzeit abwechselnd in Berlin, Warschau und Granada, wo er 2024 das Casa Eutopia eröffnet hat. Zudem ist er Ratsmitglied des internationalen Vereins Humanismo Solidario.

Dieser Aufsatz fällt mir immer ein, wenn ich Sie, Herr Bundeskanzler, und Ihr Team von Kriegstüchtigkeit und Verteidigung reden höre. Und wissen Sie, was der Lehrer von dem Aufsatz hielt? In Polen schlug nach dem Sieg über die junge Sowjetunion der Patriotismus hohe Wellen. Offensichtlich haben diese Wellen auch den Lehrer erreicht. Es gab lediglich ein Befriedigend. Und diesen Kommentar, in roter Schrift: „Schieb nicht alles auf den Krieg!“

Die frühen 1920er-Jahre in Osteuropa halte ich für äußerst lehrreich für unsere Zeit. In meinem letzten offenen Brief an Sie, Herr Bundeskanzler, habe ich das Völkerrecht als Relikt einer vergangenen Zeit herausgearbeitet. Die Subjekte dieses Rechts sind bekanntlich die Nationalstaaten. Diese verstehen sich als Territorien, die von einer bestimmten Bevölkerung bewohnt und im Rahmen eines Machtmonopols verwaltet werden. Ich habe die Frage nach der Legitimation dieser Macht gestellt. Der Schulaufsatz meines Großvaters führt mich zu der Frage nach den Staatsgrenzen.

Kiew per Straßenbahn erobern

Denn es gab eine Vorgeschichte zu diesem denkwürdigen Sieg, der meinen Großvater zum Schreiben des Aufsatzes inspirierte: Drei Monate davor verlief die Front noch ganz woanders. Ein Stoßtrupp der polnischen Armee hatte damals eine Kiewer Straßenbahn beschlagnahmt, darin ein Maschinengewehr platziert und dem Fahrer befohlen, loszufahren. So landeten polnische Soldaten direkt am Chreschtschatyk-Boulevard, unweit des heutigen Wahrzeichens der Stadt, dem Majdan-Unabhängigkeitsplatz. Die Streitkräfte der Bolschewiken befanden sich bereits auf dem Rückzug. Zwei Tage später besetzten die Polen ganz Kiew und organisierten eine Siegesparade.

Ob dies als ein Befreiungsakt zu werten ist oder eher als eine sich anbahnende Besatzung, bleibt offen. Das Blatt wendete sich schnell. Die berüchtigte 1. Rote Reiterarmee durchbrach die polnische Front am Dnjepr und ritt unaufhaltsam gen Westen. Zwei Monate später war Kiew verloren, und die Polen sahen sich gezwungen, Warschau als ihre letzte Bastion zu verteidigen.

Derweil formierte sich die territoriale Integrität der Ukraine unter wahrlich abenteuerlichen Umständen. Es gab mehrere ukrainische Staaten, die gleichzeitig ein und dasselbe Territorium mit ihren Machtmonopolen beanspruchten. Diese Staaten schlossen internationale Allianzen, änderten ihre politischen Systeme von einem Tag auf den anderen und erlebten immer wieder gewalttätige Putsche.

Die politischen Staatsformen waren bunt gemischt. So gab es beispielsweise das anarchistische Netzwerk von Kommunen unter der Führung eines gewissen Nestor Machno. Dieses Netzwerk erstreckte sich zeitweise auf etwa ein Drittel des Gebiets der heutigen Ukraine. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges favorisierten die deutschen und österreichischen Besatzungsmächte in der Ukraine wiederum das sogenannte Hetmanat. Dann gab es die Ukrainische Volksrepublik, die jedoch nicht mit der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zu verwechseln ist. Auch die sogenannten Weißen, die dem Zaren nachtrauerten, mischten in der Region kräftig mit. Schließlich setzte sich die Rote Armee gegen alle anderen durch und zementierte die Sowjetrepublik.

Die Reichtümer der Ukraine stets nutzbar haben

Die Rolle der Polen ist in diesen Jahren zwiespältig. Auch der polnische Staat ist gerade Ende 1918 wieder unabhängig geworden. Die Grenzen zwischen Polen und der sich formierenden Ukraine sind alles andere als geklärt. Alle genannten Parteien erheben widersprüchliche territoriale Ansprüche und führen blutige Kriege, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Sie morden, vergewaltigen und quälen unzählige unschuldige Menschen, rauben und legen ganze Landstriche in Schutt und Asche.

Der damalige polnische Staatschef Piłsudski trifft sich kurz nach den Ereignissen in Kiew mit seinem ukrainischen Kollegen Petljura in Winnyzja, das etwa 250 Kilometer von der ukrainischen Hauptstadt entfernt liegt. In einer feierlichen und viel zitierten Rede im örtlichen Stadtamt erklärt er öffentlich: „Ihr solltet im Glanz unserer Bajonette und Säbel keine neue Unterwerfung unter fremden Willen sehen. Ich möchte, dass ihr darin den Widerschein eurer Freiheit erkennt.“ Nebenbei sei erwähnt, dass ein Großteil des polnischen Kriegsgeräts aus Frankreich und England stammte.

Nur wenige Tage vor Winnyzja schreibt derselbe Piłsudski jedoch einen Brief an den damaligen polnischen Premierminister. In diesem mehrseitigen Schreiben stellt er seine Sicht der Lage vor Ort dar. Mit erstaunlicher Klarheit hält er fest: „Unsere Truppen, wie alle anderen fremden Truppen auch, werden, selbst wenn sie anfänglich gut aufgenommen werden, mit der Zeit zu einer immer größeren Last, die die Bevölkerung erzürnt und Ablehnung hervorruft.“

Dennoch bleibt Piłsudskis Brief unmissverständlich. Die polnischen Interessen in der Ukraine, wirtschaftliche inklusive, sollen vertraglich gesichert werden, bevor das polnische Militär aus dem zukünftigen ukrainischen Staatsgebiet abzieht. Und solange das nicht der Fall sei, garantiere die Präsenz der polnischen Streitkräfte, dass „die Reichtümer der Ukraine für Polen stets nutzbar bleiben“.

Völker ohne Staat

Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass Piłsudski seinen Verbündeten Petljura nur ein Jahr später im Friedensvertrag von Riga gänzlich fallen ließ und gegenüber den Sowjets eine Grenzziehung bestätigte, die de facto eine Teilung der Ukraine zwischen Moskau und Warschau bedeutete.

Doch der polnisch-ukrainische Konflikt war nur ein Teil der Realität. In dem besagten Gebiet lebten viele Menschen, die sich von keinem der politischen Akteure repräsentiert sahen. Juden, Kosaken, Tataren, Altgläubige und viele mehr, Völker ohne Staat.

Welches Schicksal sich für sie anzubahnen drohte, wird in dem zitierten Brief ebenfalls deutlich. Piłsudski schrieb beispielsweise über die jüdische Jugend in der Ukraine, dass sie sich auf die Seite der Bolschewiken stelle. Sie bilde lose „Sicherheitskomitees“, die „willkürlich und mit brutalstem Terror“ in den Städten und auf dem Land agierten. Während in Kiew eine Million ausgehungerter und ausgeraubter Menschen lebten und es weder Wasser noch Strom gebe, verfügten die genannten Juden über „ordentliche Wohnungen, Möbel, Wäsche etc.“.

Und im Vergleich zu anderen Politikern seiner Zeit galt Piłsudski als toleranter, verständnisvoller und dem Dialog zugeneigter Staatsmann, alles andere als ein Antisemit. Tatsache ist aber auch, dass die damaligen Konfliktparteien Judenpogrome stillschweigend billigten oder gar mit verursachten.

Brennende Holzbalken

In den Folgejahren der Zweiten Polnischen Republik (1918–1939) gab es zwar vorerst keinen Krieg, doch die Verhältnisse im polnischen Teil der Westukraine blieben angespannt. Kaum jemand schien mit dem Verlauf der Staatsgrenze glücklich zu sein.

Einerseits gab es Gewalt, die sich gegen die Vertreter der Regierung in Warschau richtete. Beamte wurden erschossen, die Infrastruktur wurde zerstört und vermeintliche Verräter wurden entführt, misshandelt und getötet. Andererseits machte auch der polnische Staat reichlich von seinem Machtapparat Gebrauch. Zahlreiche lokale Organisationen wurden aufgespürt und zerschlagen, ihre Anführer ermordet oder weggesperrt. Zwischenzeitlich ließ man immer wieder Soldaten wüten. Es wurde willkürlich gemordet und misshandelt; religiöse Kultstätten und privates Hab und Gut wurden zerstört. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fand somit eine beachtliche Radikalisierung auf allen Seiten statt.

Eine weitere Familienerinnerung macht diese Vergangenheit für mich konkret nachspürbar. Meine Großmutter mütterlicherseits wurde im September 1939 als Sanitäterin in die polnische Armee einberufen. Nach ein paar Tagen trat sie einen Rückzugsmarsch von Warschau in die besagten Gebiete an. Die Truppen, die bereits psychisch von der erdrückenden Niederlage und Machtlosigkeit belastet waren, wurden von der Bevölkerung nicht gerade freundlich empfangen.

Meine Großmutter erzählte mir, dass immer wieder jemand an vergifteten Lebensmitteln starb, die unachtsam von den Bewohnern entgegengenommen wurden. Tagsüber flogen die Piloten der deutschen Luftwaffe ihre Tiefflüge und schossen mit Maschinengewehren auf die marschierenden Kolonnen. Nachts warfen Menschen aus den Häusern brennende Holzbalken auf die Vorbeiziehenden. Die Balken waren mit in Benzin getränktem Stoff umwickelt. Einmal stand meine Großmutter mit ein paar anderen an einem Zaun. Sie waren von antipolnischen Kämpfern gefangen genommen und zum Erschießen abkommandiert worden. Der Befehlshaber des Kommandos ließ sie und eine andere junge Frau in letzter Sekunde gehen. Die anderen wurden vor ihren Augen exekutiert.

Nationalstaaten sind ein historischer Fehler

In diese Stimmung fallen die Wolhynien-Massaker, die im Schatten des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1943 verübt wurden. Sie sind ein weiteres Beispiel dafür, wie territoriale Machtansprüche, willkürlich gezogene Staatsgrenzen und irregeleitete Machtmonopole die Spirale der Gewalt potenzieren. Meine Großmutter hatte Glück, dass sie nach Warschau zurückkehren konnte und den Krieg überlebte. Viele andere Menschen, die Polnisch, Ukrainisch, Jiddisch, Russisch oder Deutsch sprachen, hatten es nicht.

Herr Bundeskanzler, sicherlich haben auch Sie ähnliche Familienerinnerungen. Welche Lehren ziehen Sie daraus? Da Sie den Frieden ja bereits abgeschrieben haben, übernehmen Sie dann gegebenenfalls die Verantwortung für solche Zustände? Und vor dem Hintergrund der genannten Umstände würde ich gerne von Ihnen konkret wissen, wo Sie die staatliche Souveränität ansetzen, in Bezug auf welches Staatsvolk und innerhalb welcher Grenzen. In welcher Form sollte eine legitime Staatsmacht gedacht und gelebt werden?

Ich kann meine Meinung nicht oft genug wiederholen: Nationalstaaten und das Völkerrecht, dessen Subjekte diese Staaten sind, sind ein historischer Fehler. Es gab keinen Moment in der Geschichte, in dem dieses System gut funktioniert hätte. Zwar gab es hier und da Benefizianten, doch unzählige andere haben einen extrem hohen Preis für dieses „Funktionieren“ gezahlt. Das wird in Zukunft nicht anders sein. Wir brauchen etwas Neues!

Was genau? Das wollen wir mit dieser eutopischen Briefreihe gemeinsam erarbeiten. Ich lasse mich gerne inspirieren. Meine wärmste Empfehlung für heute ist Anil Bhatti (1944–2023). Diesen brillanten indisch-deutschen Kulturwissenschaftler sehe ich als einen Vorreiter des eutopischen Sprechens. Ich hatte die Ehre, mich mit ihm in seinen letzten Lebensjahren über diese Themen zu unterhalten.

Das Trauma des Turmbaus zu Babel

Bhatti zitierte gerne die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel. Im Buch Genesis wird berichtet, dass die Menschen vor dem Bau alle dieselbe Sprache sprachen. Sie bildeten eine einheitliche Gemeinschaft.
Die Vermischung der Sprachen und der damit verbundene Verlust dieser Einheit werden als Strafe beschrieben. In ähnlicher Weise behandelt das Alte Testament die darauffolgende Zerstreuung, die von dem plötzlichen Verlust der Kommunikationsfähigkeit angetrieben wurde.

Bhatti betrachtete diese Auslegung des Turmbaus zu Babel als kulturelles Trauma der westlich orientierten Welt. Es ist fast wie die zweite Vertreibung aus dem Paradies. Daher rührt unsere negative Einstellung gegenüber jeder gesellschaftlichen Vielfalt. Sie erscheint als eine verdächtige Abweichung, als Mangel, als schmerzlicher Verlust gegenüber der verloren gegangenen Einheit.

Spuren dieses Traumas finden sich laut Bhatti in der Politik (Nationalismus), in der Vergangenheit (Kolonialismus) und in der damit einhergehenden Bildung. Ein prägnantes Beispiel ist das Verhältnis zur Muttersprache. Es kann angeblich immer nur eine Muttersprache geben, und die vollständige Sprachkompetenz in dieser Sprache hat Vorrang vor allen weiteren Sprachen.

Auf diese Weise schneiden wir uns sozusagen ins eigene Fleisch: Wenn es von vornherein unmöglich ist, eine „andere“ Sprache genauso gut zu lernen wie die Muttersprache, warum sollte man sich dann überhaupt bemühen? Darüber hinaus werden in einer globalisierten Welt die Erfahrungen einer großen Zahl von Menschen abgewertet, die de facto mehrsprachig sind.

Das Verhältnis von Dialog und Toleranz

Dieses Babel-Trauma wirft auch ein Licht auf die gut gemeinten Absichten von Menschen, die zu Verständigung, Dialog und Toleranz aufrufen. Bhatti steht diesen Konzepten skeptisch gegenüber. Jemanden zu verstehen, gehe zwangsläufig mit Vereinnahmung einher und öffne so die Tür für Unterdrückung. Es präge ein potenziell konfrontatives Neben-einander.

Dialog setze auf Repräsentanz. Doch nicht zuletzt zeigen die angeführten historischen Beispiele aus der Ukraine, wie lückenhaft politische Repräsentanz bleibt. Für Dialog und Toleranz brauche es darüber hinaus Gruppen von Menschen, die sich eindeutig voneinander unterscheiden. Damit beide überhaupt möglich seien, müssten diese Unterschiede also hervorgehoben werden. Dialog und Toleranz seien somit in konfrontative Hierarchien verwickelt, sie würden das vermeintliche Drama um den Zerfall der Einheit beim Bau des Turms zu Babel nähren und eine latente Nostalgie für diesen Verlust erzeugen.

Bhatti setzte dem ein anderes gesellschaftspolitisches Modell entgegen. Dafür untersuchte er multiethnische Gesellschaften in Südostasien. Dort messe die Lebenspraxis der Verständigung weniger Bedeutung bei und fördere ein gutes Auskommen mit-einander. Anstatt die Unterschiede zu betonen, würden dort die Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Das erleichtere die Kommunikation und entdramatisiere die Differenzen.

So wies Bhatti auf die vorherrschende kulturelle Praxis in Indien hin, die den Schwerpunkt auf das Wechselspiel der ineinander übergehenden Kulturen legt. Menschliche Vielfalt, inklusive der sprachlichen, ist wie die Vielfalt der Natur. Denn wir sind zwar alle ein wenig unterschiedlich, aber auch – oder vielleicht sogar vor allem – ein wenig ähnlich.

Die gleitenden Staatsgrenzen

Im eutopischen Sinne ist eine auf Gemeinsamkeiten basierende Kommunikation wünschenswert. Sie erweist sich sowohl auf der zwischenmenschlichen als auch auf der gesellschaftspolitischen Ebene als weniger konfliktträchtig und effektiver. Aus dem Recht auf Differenz wird ein Recht auf Ähnlichkeit (Samir Amin).

Was bedeutet das konkret im Hinblick auf Grenzen, Kulturen und Nationalitäten? Bhatti bezog sich immer wieder gerne auf die sprachliche Lebenspraxis. Er wies zum Beispiel auf das Zusammenleben von Sprechern verschiedener Sprachen in großen urbanen Ballungsräumen hin. Dies ist aber auch in sogenannten Grenzregionen sowie in Gebieten mit hohem Migrationsaufkommen der Fall – also praktisch überall auf der Welt. Und er hielt fest, dass dieses Zusammenleben oft von Anerkennung, Höflichkeit und Solidarität geprägt ist. Aus dieser im Kern ethischen Perspektive sind kulturelle Unterschiede weder dramatisch noch mangelhaft. Vielmehr erscheinen sie als fluide und verhandelbar. Oft erwecken sie sogar inspirierende Neugierde.

Während die westliche Sprachwissenschaft strikt zwischen Sprachen und Dialekten unterscheidet, setzt sie auf Vereinheitlichung und Standardisierung. Dadurch trübt sie unnötig die Lebenspraxis. Schließlich kann sich ein Einwohner von Masowien mit einem Schlesier verständigen, ein Schlesier mit einem Sachsen, ein Sachse mit einem Bayern, ein Bayer mit einem Saarländer und dieser wiederum mit einem Elsässer. So könnten wir nicht nur bis nach Andalusien kommen, sondern mit einer kurzen Zwischenstation auf Malta an den Küsten Afrikas landen und weiter ... Bhatti sprach hier vom Schweben oder Gleiten zwischen den Sprachen.

Im utopischen Sinne sollte dieses Gleiten auch auf Grenzen und Nationalitäten übertragen werden. Auf Polnisch gibt es ein Sprichwort: „Jeder Pole hat in seiner Familie einen Juden. Die Menschen unterscheiden sich nur darin, ob sie es zugeben oder nicht.“ Ich kann mich als rein polnisch, deutsch, spanisch oder meinetwegen auch jüdisch betrachten, aber diese Reinheit ist eine Selbstdarstellung. Ein Bewusstseinszustand. Es kommt immer darauf an, wie viel ich über meine Vorfahren weiß oder wissen möchte.

Warum einen Regenbogen in einzelne Farben zerlegen?

Demnach wären Kultur und Nationalität vielmehr offene Räume, die sich in einem ständigen Wandlungsprozess befinden. Diese Räume werden immer wieder neu verhandelt von Menschen, die sich unabhängig von ihrer familiären Herkunft als Teilhabende derselben Kultur verstehen. Gute Politik und die entsprechenden Formen der Staatlichkeit mit ihren Machtmonopolen müssten dieser fluiden Teilhabe gerecht werden. Starre, militarisierte Grenzen sind ihr zuwider. Unter diesen Umständen lässt sich eine Staatsmacht kaum legitimieren.

Eine gute Staatengemeinschaft sollte man vielmehr mit einem Regenbogen vergleichen können. Natürlich kann man einen Regenbogen in einzelne Farben zerlegen. Aber warum ihn nicht als ein vielfarbiges Ganzes betrachten? Anstatt mit Feuer und Schwert krampfhaft Grenzen zu ziehen und die Menschen, die innerhalb dieser Grenzen leben, mit Gewalt zu vereinheitlichen, sollten wir einfach nie aufhören, miteinander zu sprechen. Deshalb geht es hier in einem Monat weiter. Bleiben Sie gespannt.

Die eutopischen Essays werden parallel in der polnischen Zeitschrift Liberté! und in der mexikanischen Conspiratio veröffentlicht.