Interview

Wenn die Mutter schweigt: Ein Hörfunkdirektor und sein deutsches Familiengeheimnis

Jens Wendland ist Medien-Urgestein. FAZ, Radio Bremen, zuletzt Hörfunkdirektor beim SFB. Wer sein Vater ist, erfährt er erst mit 75. Ein Interview.

[ Jens Wendland] 
18.02.2026, Berlin - Germany: Jens Wendland wird bei sich zuhause für die Berliner Zeitung fotografiert. (Foto: Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung)
[ Jens Wendland] 18.02.2026, Berlin - Germany: Jens Wendland wird bei sich zuhause für die Berliner Zeitung fotografiert. (Foto: Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung)Lauryn Zoe Hinsch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung

Geboren in einem Heim der SS-Organisation Lebensborn wächst Jens Wendland, heute 81, in einer westdeutschen Polizistenfamilie auf. Viele Jahrzehnte später, der erfolgreiche Journalist ist längst pensioniert, stößt er zufällig auf das Geheimnis, das seine Mutter mit ins Grab genommen hat. Die Berliner Zeitung hat mit ihm gesprochen.

Herr Wendland, Sie haben absolviert, was man eine makellose Medienkarriere nennt. Die meisten Kollegen dürften Sie beneiden.

Nun, ich habe Jura studiert und bin, wie mein damaliger Professor Harry Westermann sagte, in die Journaille gefallen. Schon während des Studiums habe ich für die FAZ geschrieben, beginnend mit einer Rezension, mit der ich mir ein Hausverbot in einem Münsteraner Theater einhandelte. Das hat meine Karriere eigentlich befördert.

Später war ich bei Radio Bremen und dem Hessischen Rundfunk und kam 1984 mit Beginn des Privatfunks wieder zur FAZ, diesmal als Ressortleiter und Chefredakteur für alle neuen Medien. Und als Leitartikler. Nach einer Zwischenstation bei Tele West, dem Regionalfernsehen NRW bei RTL, kam ich zum Sender Freies Berlin. Zunächst als Kulturchef, dann als Programmdirektor Hörfunk. Meine letzte Tat war, einer der Bauherren des Hauptstadtstudios zu sein. Als der SFB 2003 mit dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg fusionierte, hatte ich das Glück, einen Ruf an die Universität der Künste zu bekommen. Parallel dazu habe ich an der journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau gearbeitet, ab 2009 als sogenannter Foreign Professor für das Lehrfach Medienökonomie.

Das Foto zeigt eines der Mütterheime des von der SS unterhaltenen Vereins "Lebensborn" in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern. Der Lebensborn, nach dem Krieg wegen seiner rassenpolitischen Verschleppungsaktion fremder Kinder stark angefeindet, war ursprünglich als Entbindungsheim für uneheliche Mütter gegründet worden. (Aufnahmedatum: 01.01.1940-31.12.1940)
Das Foto zeigt eines der Mütterheime des von der SS unterhaltenen Vereins "Lebensborn" in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern. Der Lebensborn, nach dem Krieg wegen seiner rassenpolitischen Verschleppungsaktion fremder Kinder stark angefeindet, war ursprünglich als Entbindungsheim für uneheliche Mütter gegründet worden. (Aufnahmedatum: 01.01.1940-31.12.1940)sz photo/picture alliance

Einige Jahre später kam dann, was sie als aufwühlendste Erfahrung in Ihrem Leben bezeichnen. Eine Entdeckung auf Umwegen.

Ein Zufall. Ich schrieb an einem Buch über meine 50 Jahre Journalismus, über seinen Wandel und die Digitalisierung. Da sah ich eine Fernsehsendung, die handelte von der SS-Organisation Lebensborn. Dass ich im Heim des Lebensborn im pommerschen Bad Polzin zur Welt gekommen war, wusste ich. Die Sendung fand ich so interessant, dass ich die interviewte Wissenschaftlerin, Dorothee Schmitz-Köster, über die Redaktion anschrieb.

Ich dachte, das kann nicht wahr sein

Um es kurz zu machen, eines Tages antwortet sie mir, sie habe tatsächlich zwei Dokumente gefunden. Ich sei dort geboren und nach Kriegsende in das SS-Mutterheim in Steinhöring gekommen. Das stimmte, dort hatten mich meine Eltern 1946 abgeholt. Dann schrieb sie: Jetzt kommt eine Überraschung. Als Ihr leiblicher Vater ist Hans-Adolf Prützmann eingetragen.

Sagte Ihnen der Name was?

Gar nichts. Dorothee Schmitz-Köster gab mir den Hinweis: Lesen Sie in Wikipedia nach. Ich war mit meiner Familie gerade auf Weihnachtsurlaub und dachte, das kann nicht wahr sein. Ich bin der leibliche Sohn von Hans-Adolf Prützmann, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS und Polizei, verantwortlich für den Bereich Russland-Süd, Initiator von Massenerschießungen der Zivilbevölkerung, der jüdischen Bevölkerung, einer der Architekten der Umwandlung von Ghettos in KZs, zum Schluss Chef des „Werwolf“. Einer von Himmlers Paladinen, zu dem er jederzeit vorgelassen wurde und bei dem er regelmäßig zum Abendessen war.

1-H940-F1933 (6017) Heinrich Himmler in Stuttgart 1933 Himmler, Heinrich, Politiker (NSDAP), München 7.10.1900 - (Selbstmord) nahe Lüneburg 23.5.1945. - Himmler am 29.März 1933 in Stuttgart (v.l.n.r.: Pruetzmann, Karl Wolff, Himmler, Reinhard Heydrich). - Foto. E: Heinrich Himmler in Stuttgart 1933 Himmler, Heinrich, Politician (NSDAP), Munich 7.10.1900 - (suicide) near Lüneburg 23.5.1945. - Himmler on 29th March 1933 in Stuttgart (lt. to rt.: Pruetzmann, Karl Wolff Himmler, Reinhard Heydrich). - Photo.
1-H940-F1933 (6017) Heinrich Himmler in Stuttgart 1933 Himmler, Heinrich, Politiker (NSDAP), München 7.10.1900 - (Selbstmord) nahe Lüneburg 23.5.1945. - Himmler am 29.März 1933 in Stuttgart (v.l.n.r.: Pruetzmann, Karl Wolff, Himmler, Reinhard Heydrich). - Foto. E: Heinrich Himmler in Stuttgart 1933 Himmler, Heinrich, Politician (NSDAP), Munich 7.10.1900 - (suicide) near Lüneburg 23.5.1945. - Himmler on 29th March 1933 in Stuttgart (lt. to rt.: Pruetzmann, Karl Wolff Himmler, Reinhard Heydrich). - Photo.akg-images/picture alliance

Was war schlimmer: zu erfahren, dass der Vater nicht der eigentliche Vater oder wer der eigentliche Vater war?

Letzteres. Ich hatte ja mit meinem Stiefvater ungeheures Glück. Der war auch SS-Offizier gewesen bei der Ordnungspolizei. Er war ein toller Vater. Er hatte sich Ende 1941 erfolgreich einem Erschießungskommando verweigert, und das auch noch im Befehlsbereich meines leiblichen Vaters. Danach wurde er an die russische Front versetzt und nach einer Verletzung nach Norwegen, was sein Glück war.

Kein Strafbataillon?

Nein, ein Polizeiregiment. Zum Schluss war er Ordonnanzoffizier des Regimentskommandeurs in Oslo. Dort lernte er meine Mutter kennen, nach meiner Geburt in Bad Polzin 1944 im Oktober. Prützmann hatte sie geschwängert, sie war als sogenannte Stabshelferin in seiner Nähe. Nach meiner Geburt wurde sie nach Norwegen abgeordnet. Ich ging mein Leben lang davon aus, dass ich einer ganz normalen Familie entstammte. Die Wahrheit erfuhr ich erst im Alter von 75.

Was war ausschlaggebend für das lebenslange Verschweigen? Dass Sie ein uneheliches Kind waren oder der Status und die Taten des biologischen Vaters?

Beides. Unehelich war in den 1950ern noch eine Schande vor der Verwandtschaft. Aber das andere, Prützmann als leiblicher Vater, schlägt im Rückblick natürlich stärker durch. Prützmann beging wie Himmler nach Kriegsende Selbstmord. Mein Stiefvater machte Karriere bei der niedersächsischen Polizei. Das Verschweigen war ein Verdrängen. Eine kollektive Haltung eines großen Teils der Deutschen nach dem Krieg.

Ihre Medienkarriere in Westdeutschland hätten Sie als Jens Prützmann wohl nicht gemacht.

Dafür spricht vieles. Vor allen Dingen muss man sehen, mit wem ich zusammenkam. Mein größter Förderer war Ignaz Bubis, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Ein sehr guter, befreundeter Kollege bei der FAZ war Marcel Reich-Ranicki. Man muss sich das vorstellen, diese Konstellation.

Ignatz Bubis 05/94 am Mann Politik FDP Zentralrat der Juden Halbglatze grauhaarig seriös quer Portrait lächelnd gestikulierend
Ignatz Bubis 05/94 am Mann Politik FDP Zentralrat der Juden Halbglatze grauhaarig seriös quer Portrait lächelnd gestikulierendteutopress/imago

Seit Beginn des Gazakriegs wird deutlich mehr über Antisemitismus geklagt. Mit Ihrer eigenen Familiengeschichte – würden Sie sagen, die sogenannte Vergangenheitsbewältigung ist geglückt?

Das kann ich mit einem klaren Nein beantworten. Ich bin in dem Versuch groß geworden, unter Verdrängung vieler Dinge aus gleich zwei Weltkriegen eine bürgerliche, zivilgesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen. Was da alles weggewischt und weggedrängt wurde, ist wirklich schockierend. Natürlich gehöre ich auch zur Generation von 1968. Wobei ich sagen muss, die hat mich eigentlich nie sonderlich berührt. Deren Aufbegehren war ja viel mehr Aggressionsakt als Aufklärung. Die alten Probleme, auch die antisemitischen Haltungen, haben wir einfach mit fortgeschleppt.

Gerade mein Thema, der SS-Lebensborn, erlebt erst seit einigen Jahren eine publizistische Konjunktur. Vor 50 Jahren wurden Schmierenfilme darüber gedreht. Zum Beispiel Atze Brauners „Lebensborn“ als Edelpuff der Nazis. Die Wirklichkeit war entsetzlich genug: Es ging um arischen Nachwuchs und Kinderraub in den besetzten Ländern. In der bürgerlichen Familie nach dem Krieg spielte das alles keine Rolle. Nehmen Sie meine Eltern: Die waren weitgehend aufgeklärt und tolerant, sehr tolerant. Aber das Thema Nationalsozialismus mit Blick auf die eigene Familie fand nicht statt. Das wurde völlig weggewischt.

Vorbilder färbten sich immer brauner

Zu den interessantesten Erfahrungen bei der Recherche der eigenen Vergangenheit gehörte auch, dass sich die Vorbilder, Journalisten und andere, immer brauner färbten, je tiefer man in den Biografien nachfasste. Was unsere deutsche Vergangenheit und unsere Identität angeht, leben wir in einer unaufgeräumten Situation.

Sie sprechen von Toleranz im Elternhaus. Gleichzeitig war da das Schweigen über den Tod hinaus.

Das war schon eine Leistung. Meine Mutter gab sozusagen die bürgerliche Modellmutter. Beide Eltern waren sehr zugewandte Menschen, doch als mein Vater gestorben war, drei Jahre vor ihr, hat sie uns kaum mehr erkannt. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Sie war sozusagen innerlich abgestorben. Jahrzehntelang hatte sie die unbelastete Mutter gespielt, das muss hart gewesen sein. Ich glaube auch, dass sie den Herrn Prützmann geliebt hat. Das war eine echte Affäre.

Kein Zwang, kein Druck?

Nein, eine echte Affäre. Alle Bilder aus der Zeit zeigen sie als sehr fröhliche Frau in fröhlicher Umgebung. Ihre Toleranz nach dem Krieg war aber nicht gespielt. Etwa was meine Berufswahl angeht. Gut, es wurde erwartet, dass man ein ordentlicher Schüler ist. Dass man ein Studium macht. Aber in den Urteilen über andere Menschen, auch über die eigenen Kinder, waren meine Eltern tolerant. Bei meinem Stiefvater spielte während der Nazizeit wohl eine Rolle, dass er aus Lettland stammte, also Baltendeutscher war. Die hatten einen etwas anderen inneren Kompass, seine Eltern waren auch sehr gläubig. Das hat meinen Stiefvater in der Nazizeit geschützt und ein bisschen gerettet.

Infobox image
Lauryn Zoe Hinsch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Zur Person
Der Medienwissenschaftler Jens Wendland, geb. 1944, war schon als Student journalistisch aktiv. Zuletzt war er Programmdirektor Hörfunk des Senders Freies Berlin. Wendland hatte Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland inne und besaß Professuren an der Universität der Künste (UdK) und der journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau.

Seine autobiografischen Erinnerungen „Wo ist der rote Faden“ erschienen 2024 im Cuvillier Verlag.

Beide Väter entstammten dem agrarischen Milieu, da gab es Schnittmengen. Beide hatten kein Geld für ein abgeschlossenes Studium. Im Grunde waren sie ein gefundenes Fressen für Organisationen wie die SA oder SS. Nur hatte mein Stiefvater, auch wenn er später bei der SS war, eindeutig eine andere Einstellung. Seine Familie war zum Teil ultrakonservativ geprägt, da gab es eine eigene Vorstellung von Welt und Gesellschaft.

Glauben Sie, dass Deutschland in der Lage ist, noch einmal ähnlich abzurutschen?

Die Gesellschaft entwickelt sich heute anders. Vor allem haben wir es mit anderen geopolitischen Zusammenhängen zu tun. Das betrifft nicht nur die Wirtschaftskapitäne und die oberen Zehntausend, das betrifft jeden. Wir stehen vor ganz anderen Fragestellungen. Etwas anderes ist, und da spüre ich auch eine Angst, mit der ich rational nicht umgehen kann: Es gibt wieder Rattenfänger. Das stimmt.

Als die Zeitzeugen noch lebten, hat man die Nazi-Vergangenheit verdrängt. Heute erfährt man nur noch aus zweiter Hand von ihr.

Im Januar war wieder der Auschwitz-Gedenktag. Das sind weitestgehend Rituale, die kann man sich in dieser Form schenken. Auch wenn die Rede der Überlebenden Tova Friedman sehr authentisch war, ähnlich wie die Rede, die Marcel Reich-Ranicki 2012 im Bundestag gehalten hat. Im Großen und Ganzen aber machen wir bei der Behandlung unserer Vergangenheit einen großen Fehler: Entweder wir dämonisieren sie oder wir blenden sie aus.

Der Literaturkritiker und Überlebende des Holocaust, Marcel Reich-Ranicki, spricht am Freitag (27.01.2012) im Bundestag in Berlin. Zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hält Reich-Ranicki die Gedenkrede vor dem Bundestag. Foto: Sebastian Kahnert dpa/lbn ++ +++ dpa-Bildfunk +++
Der Literaturkritiker und Überlebende des Holocaust, Marcel Reich-Ranicki, spricht am Freitag (27.01.2012) im Bundestag in Berlin. Zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hält Reich-Ranicki die Gedenkrede vor dem Bundestag. Foto: Sebastian Kahnert dpa/lbn ++ +++ dpa-Bildfunk +++Sebastian Kahnert/dpa

Wirkung wie eine Immunspritze

Es gibt Ausnahmen. Vor zwei Jahren war ich in dem ehemaligen Lebensborn-Heim in Steinhöring. Der Campus Steinhöring ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mit Geschichte umgehen kann. Eine junge Historikerin hat das einzig Richtige gemacht. Sie hat durch das Heim geführt und einfach nur erzählt, was damals dort stattfand. Die Hausordnung und so. Da hat sich das ganze Elend der Einrichtung offenbart.

Ritualisierung hat zwei Gesichter. Einerseits abstrahiert sie, andererseits schafft sie Tabus.

Das war bei mir nicht anders. Gewissermaßen als Unfall während meiner Jugend habe ich im örtlichen Haus der Jugend den Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais gesehen. Da war ich 15. Ich hatte nie etwas gehört von den KZs und der Vernichtung der Juden, vom Holocaust. Und dann die Bilder von der Befreiung von Auschwitz. Der Film wirkte bei mir glücklicherweise wie eine Immunspritze. Ich bin nach Hause gegangen und habe davon erzählt. Das wurde dann ein lokaler Presseskandal, weil man uns das zugemutet hatte. Der Leiter der Filmreihe wäre fast geschasst worden.

Wie hat die Familie das diskutiert?

Gar nicht. Im Freundeskreis und später gab es intensive Diskussionen über die Nazizeit, mit zunehmendem Alter sowieso. Ich habe oft mit Bubis oder Reich-Ranicki darüber geredet. Im Studium gab es jüdische Kommilitonen. Aber das Elternhaus blieb stumm. Ich kann mich an keine Diskussion erinnern. Ich habe erwähnt, dass die Vorbilder sich immer brauner färbten. Etwa mein Patenonkel Hans Jürgen Krüger, ab 1951 der erste Afrika-Korrespondent der FAZ. Später fand die Taz heraus, dass er bis 1945 ein übler Propagandaschreiber war. Oder der ARD-Programmdirektor bis 1978, Hans Abich. Den kannte ich gut. Ein wunderbarer Mann, richtig aufklärerisch. Der war Hilfsreferent im Propagandaministerium.

Hans Abich (Filmproduzent) 04/90 ker Mann TV Fernsehen Film Filmproduktion Intendant Intendanz Programmdirektion Programmdirektor Radio Bremen ARD Jura Hörfunk grauhaarig kurzhaarig Halbglatze seriös Anzug Jackett Krawatte Hemd Portrait quer lächelnd
Hans Abich (Filmproduzent) 04/90 ker Mann TV Fernsehen Film Filmproduktion Intendant Intendanz Programmdirektion Programmdirektor Radio Bremen ARD Jura Hörfunk grauhaarig kurzhaarig Halbglatze seriös Anzug Jackett Krawatte Hemd Portrait quer lächelndteutopress/imago

Goebbels hatte ein Gespür für Talente. Henry Nannen, Joachim Fernau und andere.

Man darf eines nicht vergessen: Die ganze Truppe, auch Herr Prützmann und seine Kumpels, das waren junge, enttäuschte Leute. Die wollten was, die hatten in der damaligen Gesellschaft kaum Chancen.

Auch Goebbels hätte einen anderen Weg gehen können. Aber jede Zeit hat ihren Sog.

Es gab den Sog der Zeit, und da die alte Gesellschaft aus Sicht vieler Junger korrumpiert war, haben die sich diesen Wahnsinnsstaat SS aufgebaut.

Sind wir Deutschen der Moderne wirklich gewachsen?

Wir waren immer ein Durchgangsland, das nie ganz seine Identität gefunden hat. Deswegen haben wir sie immer wieder pathetisch überhöht. Denken Sie an Versailles 1871, die deutsche Kaiserkrönung. Später der erste Krieg, dann der zweite. Heute kommt es mir vor, als hätten viele der Jüngeren wenig Interesse an der eigenen Geschichte, auch keine eigene Position. Keine klar erkennbare. Dabei müssen wir uns mit ihr auseinandersetzen. Das ist auch, was ich bei Menschen wie Reich-Ranicki und Bubis und anderen immer erlebt habe. Dass sie sagten: Wir müssen es weitererzählen.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de