Frag den Kanzler nach Eutopie (5)

Wie vergesslich sind Sie, Herr Merz?

Wir haben uns daran gewöhnt, auf die Gewalt in der Vergangenheit mit dem Schaffen von Gedenkstätten zu reagieren. Was wäre, wenn wir mit gleichem Eifer Orte des Vergessens schaffen würden?

Bundeskanzler Friedrich Merz.
Bundeskanzler Friedrich Merz.Michael Kappeler/dpa

Diese eutopischen Essays werden parallel in der polnischen Zeitschrift Liberté! und in der mexikanischen Conspiratio veröffentlicht.

In den besinnlichen Tagen um Weihnachten und Neujahr möchte ich Sie, Herr Bundeskanzler, zu einer Reise einladen. Es ist eine Zeit, in der sich viele von uns an ein Ereignis vor über 2.000 Jahren erinnern. Gleichzeitig äußern wir Wünsche und fassen Vorsätze. Diese Verflechtung von Vergangenheit und Zukunft soll uns auf unserer kleinen Weihnachtsreise begleiten. Es geht nach Spanien. Und es wird auch ein wenig philosophisch. Sind Sie bereit?

Im Rahmen der von mir mitkuratierten Literaturresidenz im Casa Eutopia in Granada habe ich mit unserem diesjährigen Gast Albert, einem katalanischen Essayisten und Anthropologen, eine Fahrradtour unternommen. Es war ein bewölkter Novembertag, und wir fuhren nach Barranco de Viznar. Der mit Pinien bewachsene Hang, der die Kurve auf der schmalen Straße zwischen den Orten Viznar und Alfacar nordöstlich von Granada umgibt, ist Teil einer malerischen Landschaft. Nur liegen hier unter der Erde noch immer die Überreste von mehreren Tausend Menschen, die 1936–37 von den Franco-Anhängern erschossen wurden. Unter ihnen sind der weltberühmte Dichter Federico García Lorca, der damalige Rektor der Universität von Granada, Salvador Vila, sowie Aktivisten, Kommunalpolitiker, Gewerkschafter und viele weitere Frauen und Männer, die das faschistische Regime loswerden wollte.

Berliner Zeitung

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