Die Menschheit schrumpft – nicht überall gleich schnell, aber sie schrumpft. Kein Land steht so exemplarisch für diesen Wandel wie Südkorea, das mit einer Geburtenrate von 0,72 (2023) Kindern pro Frau den niedrigsten jemals gemessenen Wert eines Industriestaates verzeichnete. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 1,35 (2024). Zur Einordnung: Als Wert, ab dem eine Bevölkerung sich selbst erhält, gilt seit jeher 2,1.
Was in Seoul bereits demografische Realität ist, zeichnet sich in Berlin, Paris und London als Trend ab: Eine wachsende Zahl junger Menschen entscheidet sich bewusst gegen Kinder – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einer nüchternen Bestandsaufnahme der Gegenwart. Min Kyung (Mia) Yoo ist in Korea geboren, in den USA zur Schule gegangen, hat in Berlin studiert und als Dozentin gearbeitet – bis sie in der Pandemie ihre Stelle verlor. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann in Pankow.
Frau Yoo, als Sie und Ihr Mann geheiratet haben – war Kinderkriegen da eine Selbstverständlichkeit für Sie?
Absolut. Wir kommen beide aus Familien, in denen Kinder einfach der nächste logische Schritt waren. Wir sagten damals: „In drei bis fünf Jahren.“ Wir gingen davon aus, dass unser Leben bis dahin stabil sein würde – finanziell, beruflich, emotional. Aber diese Stabilität kam nie wirklich. Das ist jetzt acht Jahre her.
Was hat sich verändert?
Zuerst kam die Inflation. Wir hatten nicht erwartet, dass sie uns so hart treffen würde. Jedes Jahr muss man sich finanziell neu sortieren. Und dann beginnt man, langfristig zu denken: Was ist mit der Rente? Den Gesundheitskosten? Die Zahlen wurden immer düsterer. Dann kam Covid, und das hat alles verschoben. Die Pandemie war für mich besonders schwer, weil ich gleichzeitig mit Rassismus konfrontiert war und meinen Job verlor – in einem fremden Land.
Es war eine enorme Belastungsprobe für unsere Beziehung. Ohne die Therapie, die wir beide gemacht haben, ohne die vielen langen Gespräche und die Geduld füreinander – ich weiß nicht, ob wir noch zusammen wären. Ein Kind in dieses Chaos hineinzusetzen, war das Letzte, woran wir dachten.
Inwiefern hat die Pandemie Ihre Sicht auf Elternschaft verändert?
Sie hat verändert, was es bedeutet, Eltern zu sein – und was es bedeutet, Kind zu sein. Weltweit waren es überwiegend die Frauen, die wieder in die klassische Rolle der Hausfrau und Mutter fielen, mit den Kindern zu Hause blieben, während die Männer weiterhin ins Büro gingen.
In Korea waren die Maskenvorschriften extrem streng. Kleine Kinder trugen jahrelang Masken im Kindergarten. Manche von ihnen sind aufgewachsen, ohne jemals die Gesichter ihrer Spielkameraden zu sehen. Und dann hörte ich von meinen Freundinnen in Amerika, dass dort die Kindergartenkinder Übungen für den Fall eines Amoklaufs absolvieren. Vielleicht war die Welt immer schon gefährlich – aber ich wurde mir dessen viel bewusster. Jedes Jahr kommt etwas Neues: Covid, der Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten, Menschen, die vom dritten Weltkrieg reden.
Aktuelle Ereignisse haben also eine große Rolle gespielt?
Ja. Jedes Jahr wurde mindestens eine Freundin schwanger, und ich dachte jedes Mal: Wie schafft ihr das? Ich glaube, man muss all das wissen – die Instabilität, die Risiken – und dennoch tief in sich spüren: „Ich will trotzdem unbedingt ein Kind.“ Dieses Gefühl hatte ich nie. Stattdessen habe ich mich immer wieder gefragt: Tun wir eigentlich genug, um diese Welt zu einem besseren Ort für unsere Kinder zu machen?
Gab es einen Moment, in dem die Entscheidung endgültig wurde?
Es gab einen Punkt, an dem es sehr real wurde, dass wir kein Baby bekommen würden. Und ich war traurig – aber nicht, weil mir etwas fehlte. Es war eher ein Abschied von einer Version meiner Zukunft, die ich mir immer vorgestellt hatte. Ich hatte mich mit zwei Kindern gesehen. Ich komme aus einer konservativen Familie, in der das schlicht erwartet wurde.
Nachdem ich meinen Job aufgegeben hatte, gab es diesen unausgesprochenen Druck: „Na ja, wenn du nicht arbeitest, solltest du wenigstens ein Kind bekommen.“ Aber dann begann ich, aus der Perspektive des Kindes zu denken. Wenn meine Mutter mich nur bekommen hätte, um sich nicht nutzlos zu fühlen – was für ein Grund wäre das? Mir wurde klar, dass ich kein neues Leben in diese Welt setzen wollte, während ich selbst mit meinen eigenen Herausforderungen kämpfte. Ehrlich gesagt glaube ich, ich wäre eine sehr ängstliche, paranoide, depressive Mutter geworden.
Wie sieht Ihr Mann das?
Er hat bei der Hochzeit, genau wie ich, mit zwei Kindern geplant. Aber dann haben wir ein paar Mal auf andere Kinder aufgepasst, Zeit mit jungen Eltern verbracht, und uns wurde klar: Man muss das Kind permanent im Blick haben. Es ist nicht zehn Minuten spielen und dann macht man sein eigenes Ding.
Mein Mann schätzt seine Zeit für sich sehr – er liest, er interessiert sich für Technik, Naturwissenschaften, Autos. Jetzt haben wir endlich Stabilität in unserer Beziehung, in unseren Finanzen. Wir haben das Gefühl, das Leben führen zu können, das wir wollen. Ein Kind würde bedeuten, all das aufzugeben. Er hat erkannt, dass wir kein Kind brauchen, um unser Leben als lebenswert zu empfinden.
Manche würden das egoistisch nennen.
Ich finde es eigentlich egoistischer, gerade jetzt Kinder zu bekommen. Es gibt Kinder in Heimen, misshandelte und vernachlässigte Kinder, die Eltern oder Bezugspersonen brauchen. Ganz zu schweigen von dem Geld, das in künstliche Befruchtung gesteckt wird.
Wenn ich mir jemals Mutterschaft vorstellen könnte, dann als Pflegemutter. Ich habe mein ganzes Berufsleben mit Kindern gearbeitet – ich habe als Dozentin jungen Menschen Soziologie beigebracht, Themen wie Moral, Gesellschaft, Zusammenleben und auch gesellschaftliche Herausforderungen wie Rassismus oder Sexismus. Ich liebe Kinder. Und ich habe mich gefragt, wie unser Kind aussehen und wer es sein würde. Aber das ist für mich kein ausreichender Grund, ein neues Leben in diese Welt zu setzen.
Haben Sie Angst, diese Entscheidung zu bereuen?
Am Anfang schon. Aber inzwischen sind einige Jahre vergangen, und jedes Mal, wenn wir Freunde mit Babys besuchen, schauen wir uns an und denken: Das ist wirklich nichts für uns. Ich hatte Angst, wir würden uns ausgeschlossen fühlen – keine Kindergeburtstage, keine gemeinsamen Familienerinnerungen. Aber ich habe gelernt, dass Erinnerungen mit Freunden und mit meinem Mann genauso bedeutsam sind. Unsere Kultur legt so viel Gewicht auf die Eltern-Kind-Bindung, aber ich glaube, das wird sich ändern.
Inwiefern?
In Korea ist die Mehrheit der Menschen in ihren Dreißigern kinderlos, viele sind nicht einmal verheiratet. Es wird eine Phase geben, in der sich diese Menschen einsam fühlen. Und dann, glaube ich, wird eine Art Erwachen kommen: Wie bauen wir bedeutungsvolle Beziehungen auf, die nicht auf Blutsverwandtschaft beruhen? Wie definieren wir Gemeinschaft und den Sinn des Lebens jenseits der Elternschaft neu?
Selbst für Menschen mit Kindern ist das eine relevante Frage. Erwachsene Kinder ziehen irgendwann weg und leben ihr eigenes Leben. Ich finde es fast ein wenig grausam, zu erwarten, dass der eigene Nachwuchs einem im Alter einen Sinn gibt oder sich um einen kümmern muss.
Wie beeinflusst die Familiendynamik die Entscheidung, kinderfrei zu bleiben?
Meine zwei Brüder sind ein gutes Beispiel. Der eine ist 36 und weiß nicht, ob er später seine Rente sichern kann. Der andere ist Ende 20, Gen Z, und kann sich gar nicht vorstellen, unabhängig zu werden. Beide hängen finanziell an meiner Mutter – in Korea nennt man das „Känguru-Eltern“.
Das Phänomen ist dort weit verbreitet: Die Gesellschaft hat sich rasend schnell modernisiert, aber die Gehälter sind für die meisten niedrig. Wer es nicht in eine der großen Firmen schafft, bleibt oft bis in die 30er oder 40er bei den Eltern wohnen. Und es ist immer die Mutter, die den ganzen Haushalt schmeißt – unbezahlt. Gerade koreanische Frauen sehen das und sagen: Das will ich nicht.
Wie haben Ihre deutschen Schwiegereltern reagiert?
Sie waren tatsächlich erleichtert. Die Schwester meines Mannes hat zwei kleine Kinder, und seine Eltern helfen ihr täglich, weil sie in der Nähe wohnen. Sie sind erschöpft – sie werden älter, und es hat seinen Grund, warum man mit sechzig keine Kinder mehr großzieht. Als wir es ihnen sagten, waren sie verständnisvoll. Sie wollen in Rente gehen und ihr Leben genießen.
Sie haben die Geburtenkrise in Korea erwähnt. Wie geht das Land damit um?
Korea wird mehr Einwanderung akzeptieren müssen. Es heißt bereits, Südkorea könnte eine multiethnische Gesellschaft werden. Das ist ein gewaltiger Umbruch. Ich gehöre zur letzten Generation, der in der Schule beigebracht wurde, dass Koreaner ethnisch homogen seien – und dass das ein Grund sei, stolz zu sein. Im Grunde hatte das rassistische Untertöne. Inzwischen wurde das aus dem Lehrplan gestrichen, aber viele Menschen tun sich nach wie vor schwer mit ethnischer Vielfalt, und es wird eine Herausforderung für sie werden, diese neue koreanische Identität zu akzeptieren.
Interessanterweise vollzieht sich der Wandel zuerst auf dem Land. Die Frauen verließen die ländlichen Regionen für Bildung und Karriere in den Städten. Die Männer blieben, erbten das Land – und viele heirateten vietnamesische, philippinische, thailändische oder russische Frauen. In manchen ländlichen Grundschulen sind ethnisch koreanische Kinder bereits in der Minderheit.
Und was beobachten Sie in Deutschland – sind die Erwartungen hier anders?
In Korea werden deutsche Frauen oft als Positivbeispiel genannt, weil sie unabhängig und emanzipiert sind – sie teilen die Rechnung, sind finanziell eigenständig. Koreanische Männer beschwerten sich: „Warum müssen immer wir zahlen?“ Aber seit ich hier bin, habe ich festgestellt, dass viele deutsche Frauen alles machen – Vollzeit arbeiten und den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen.
In Korea ist es akzeptiert, dass die Mutter zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist. Hier fragt man: „Wo ist der Vater?“ Die Erwartungen sind andere, aber ich bin mir nicht sicher, ob es berufstätige Mütter in Deutschland tatsächlich leichter haben.
Wie reagieren Menschen, wenn Sie sagen, dass Sie keine Kinder wollen?
Mütter haben früher oft versucht, mich zu überzeugen – auch, weil ich gut mit Kindern umgehen kann und sie deshalb nicht verstehen konnten, warum ich keine eigenen will. Aber wenn ich dann meine Gründe erklärt habe – dass die gegenwärtige Welt für Kinder furchtbar ist, egal ob sie in Europa, den USA oder Korea aufwachsen, oder dass ich keine Erwartungen im Alter an sie stellen will – wurde es schnell unangenehm. Denn implizit stelle ich damit ihre Entscheidungen infrage. Inzwischen versuche ich, es von Anfang an klarzustellen, bevor es zur Debatte wird.








