Krieg in der Ukraine

Hitlergrüße und Korruption: Ex-Soldat erhebt schwere Vorwürfe gegen ukrainische Armee

Ein niederländischer Freiwilliger berichtet von Korruption, ausbleibendem Geld, Gewalt und rechtsextremer Symbolik in ukrainischen Einheiten. Den Donbass hat er verlassen.

Besonders scharf kritisiert der Niederländer die 3. Separate Angriffsbrigade, eine kampferprobte Einheit der ukrainischen Armee, die 2022 aus Freiwilligen des Asow-Bataillons hervorging.
Besonders scharf kritisiert der Niederländer die 3. Separate Angriffsbrigade, eine kampferprobte Einheit der ukrainischen Armee, die 2022 aus Freiwilligen des Asow-Bataillons hervorging.Diego Herrera Carcedo/imago

Ein niederländischer Freiwilliger, der mehrere Jahre aufseiten der Ukraine gekämpft hat, erhebt in einem Interview mit der Zeitung De Telegraaf schwere Vorwürfe gegen Zustände innerhalb der ukrainischen Streitkräfte. Die Aussagen des Mannes, der unter dem Pseudonym „Hendrik“ auftritt, werden inzwischen auch von renommierten ukrainischen Medien wie dem Dzerkalo Tyzhnia aufgegriffen.

Der 40-Jährige war nach eigenen Angaben rund dreieinhalb Jahre an verschiedenen Frontabschnitten im Donbass im Einsatz. Zuvor diente er in der niederländischen Luftwaffe. Im De Telegraaf berichtet er, ausländische Freiwillige würden systematisch schlecht behandelt. Er habe sich wie „Dreck“ behandelt gefühlt, sagt er der auflagenstärksten niederländischen Tageszeitung.

„Ich wollte mit diesem ganzen Zeug nichts mehr zu tun haben“

Für den Freiwilligen kam es irgendwann in der Ukraine Schlag auf Schlag. Nach einer schweren Verwundung durch einen Mörsereinschlag habe Hendrik seine medizinische Versorgung selbst organisieren und bezahlen müssen. Staatliche Hilfe habe es nicht gegeben. „Sie lassen einen buchstäblich zugrunde gehen, und wenn man dann wieder fit ist, nehmen sie einen plötzlich wieder auf“, sagt er laut De Telegraaf. Außerdem sei ihm nicht einmal das zugesagte Gehalt ausgezahlt worden.

Auch Familien anderer ausländischer Kämpfer in der Ukraine, die im Einsatz gegen russische Soldaten gefallen sind, gingen häufig leer aus. „Die Angehörigen bekommen das versprochene Geld oft überhaupt nicht“, so Hendrik in dem Interview.

Besonders scharfe Kritik äußert der Niederländer an der 3. Separaten Angriffsbrigade, einer kampferprobten Einheit der ukrainischen Armee, die 2022 aus Freiwilligen des Asow-Bataillons hervorging und in die regulären Truppen integriert wurde. Die berüchtigte Einheit ist für ihre offensiv-taktischen Operationen und den Einsatz bei Häuserkämpfen bekannt. Bei seiner Aufnahme habe man ihm versichert, „dass dies nicht mehr das Asow von früher sei – reformiert, gesäubert und neu aufgebaut“, berichtet er De Telegraaf.

Hendrik ist nicht der richtige Name des 40-jährigen Niederländers, der in dreieinhalb Jahren viele Ecken der ukrainischen Front gesehen hat. Er benutzt einen anderen Namen, weil er sich laut eigenen Angaben vor russischen Geheimdiensten fürchtet.
Hendrik ist nicht der richtige Name des 40-jährigen Niederländers, der in dreieinhalb Jahren viele Ecken der ukrainischen Front gesehen hat. Er benutzt einen anderen Namen, weil er sich laut eigenen Angaben vor russischen Geheimdiensten fürchtet.Privat

Vor Ort habe Hendrik jedoch eine andere Realität erlebt. In Büros der Einheit habe er schwarz-rote Fahnen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), Darstellungen von Stepan Bandera sowie Hakenkreuze gesehen. „Ich wollte mit diesem ganzen Zeug nichts mehr zu tun haben“, zitiert ihn die niederländische Zeitung. Andere ausländische Kämpfer hätten ihm berichtet, dass es Einheiten gebe, „in denen jeden Morgen der Hitlergruß gezeigt wird“.

Ukraine: Korruption auch in der Armee

Ein weiteres zentrales Thema seiner Aussagen sind lateinamerikanische Söldner, insbesondere aus Kolumbien. Diese hätten innerhalb der ukrainischen Armee eine Art „Staat im Staat“ gebildet. „Man erlebte regelrecht eine kolumbianische Invasion in der Ukraine“, so der Niederländer. „Sie hielten sich nur untereinander auf. An anderen Ausländern hatten sie kein Interesse.“ Unter den Südamerikanern seien auch Männer mit Verbindungen zu Drogenkartellen gewesen. Hendrik habe von schweren Verbrechen gehört, darunter Folter und Verstümmelungen. Sie sollen ihm Fotos von Enthauptungen gezeigt haben, berichtet er.

Ein Konflikt mit dieser Gruppe, der völlig aus dem Ruder gelaufen ist, war dann für den Niederländer ein Wendepunkt. Nachdem er die Kolumbianer gebeten hatte, laute Musik vor dem morgendlichen Appell abzustellen, sei er mit einem Messer bedroht worden. „Sie sagten, sie würden mir im Schlaf ein ,warmes kolumbianisches Willkommen‘ bereiten. Ein Dolchstoß ins Herz“, zitiert ihn De Telegraaf. Ein Mann sei mit gezogenem Messer auf ihn zugegangen und habe ihn angeschrien, er solle „die Klappe halten“.

Trotz der Drohungen sei letztlich er selbst bestraft worden. Man ließ ihn 35 Liegestütze im strömenden Regen machen, sagt Hendrik. Als er den verantwortlichen Unteroffizier darauf angesprochen habe, sei dieser wütend geworden. Kurz darauf habe er seine Unterlagen abgeholt und die Einheit endgültig verlassen.

Inzwischen lebt Hendrik wieder in den Niederlanden und versucht laut dem De Telegraaf, sich ein neues Leben aufzubauen. Eine Rückkehr in den Krieg schließt er derzeit aus. Seine Kritik richte sich dabei nicht gegen die ukrainische Bevölkerung, betont er, sondern gegen militärische und politische Strukturen im Land. Er wolle nicht der Regierung in Kiew helfen, sondern den „Bürgern“. „Wir helfen nicht wegen der Regierung, sondern wegen der einfachen Leute“, sagt er. Doch „an der Spitze“, so Hendrik, „herrscht eine korrupte Bande“. „Die normalen Bürger können an diesen Missständen nichts ändern“, resümiert er. Eine offizielle Stellungnahme der ukrainischen Behörden zu den Vorwürfen liegt bislang nicht vor, schreiben ukrainische Medien übereinstimmend.