Es war Donnerstagabend in der Ukraine, als sich die Meldungen auf den Handys verdichteten. Warnungen, wonach ein Großangriff Russlands anstehe, wurden immer konkreter. Wenig später sprach die Botschaft der USA in Kiew die Warnung auch offiziell aus, der ukrainische Präsident Selenskyj wiederholte sie in seiner abendlichen Ansprache. Derartige Meldungen wurden in der Vergangenheit oft belächelt, man verspottete die vermeintlich leeren Drohungen und prostete sich weiter zu. Das war diesmal anders. Zu Recht, wie man wenige Stunden später merken sollte.
Um 23.33 Uhr ertönte im gesamten Land von Ost bis West, von Nord bis Süd Luftalarm. Rund 20 Minuten später dann die ersten Einschläge in der Hauptstadt Kiew: Mehr als ein Dutzend ballistische Raketen, fast zwei Dutzend Marschflugkörper des Typs Kalibr und Hunderte Shahed-Drohnen durchbrachen in Masse die ukrainische Luftabwehr. Am Ende fielen diesen Angriffen mindestens vier Zivilisten zum Opfer, viele weitere wurden verletzt.
Putins „Superwaffe“ trifft Westukraine
Von Explosionen in Lwiw hörte man zu diesem Zeitpunkt nur am Rande. Es war gegen 0.30 Uhr, als die Ukraine erklärte, dass die Rakete, welche für die dortigen Explosionen verantwortlich war, mit rund 13.000 km/h flog – deutlich schneller als klassische Marschflugkörper. Schnell wurde ein Name genannt, der hier in der Ukraine für Schaudern sorgt: Oreschnik. War es die Hyperschallrakete, die nuklear bestückt werden kann und kaum abzufangen ist?
Moskau meldete am Morgen, die Angriffswelle sei „als Reaktion auf den Terroranschlag des Kiewer Regimes auf die Residenz des Präsidenten der Russischen Föderation“ durchgeführt worden. Dabei bestätigte man auch, dass die Oreschnik beim Angriff auf Lwiw eingesetzt wurde. In der Ukraine wurde dies mittlerweile ebenfalls zähneknirschend bestätigt.
Doch warum die große Angst vor diesem Raketentyp? Die Oreschnik ist eine ballistische Mittelstreckenrakete, die Hyperschallgeschwindigkeit erreicht und laut dem Militärexperten Markus Reisner eine Reichweite von rund 5000 Kilometern besitzt. Sie kann mehrere Gefechtsköpfe tragen und ist sowohl für konventionelle als auch für nukleare Sprengköpfe ausgelegt. Technisch gehört sie zu den klassischen ballistischen Raketen, erreicht aber Geschwindigkeiten über Mach 10, wodurch sie von Abwehrsystemen kaum abgefangen werden kann.

Die Geschichte der Oreschnik reicht in die späten 2010er-Jahre zurück, als Russland nach dem Ende des INF-Vertrags wieder begann, Mittelstreckenraketen zu entwickeln. Der erste bestätigte Einsatz im Ukraine-Krieg erfolgte im November 2024 in Dnipro, der Einsatz vor wenigen Stunden war also der zweite seiner Art.
Attacke auf Lwiw als Zeichen an EU und Nato
Dass es Lwiw getroffen hat, kann natürlich mehrere Gründe haben. Die Stadt in der Westukraine gilt als Drehscheibe für Waffenlieferungen aus dem Westen. Dort treffen regelmäßig amerikanische und Nato-Waffen, Munition und Ausrüstung ein.
Doch dies ist nicht der eigentliche Grund. Lwiw liegt rund 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Nach Berlin sind es keine 800 Kilometer. Der Donbass ist also weiter von Lwiw entfernt als die deutsche Hauptstadt. „Der Einsatz der Oreschnik war wohl auch ein Zeichen Richtung Westen, daher das Ziel Lwiw“, erklärt Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer. Die psychologische Botschaft ist eindeutig: „Wir können Ziele nahe eurer Grenzen treffen – oder auch weit hinter diesen Grenzen, wenn wir wollen.“
Nahezu alle europäischen Hauptstädte, Nato-Stützpunkte und strategische Infrastruktur liegen potenziell in Reichweite der Oreschnik. Die Rakete müsste hierfür nur auf russischem Territorium stationiert sein – oder in Belarus, wo sie laut Angaben aus Moskau und Minsk bereits angekommen und kampfbereit sein soll. Und nicht zuletzt wird durch den Einsatz, erklärt Reisner, Trumps Verlangen nach Grönland bestärkt. „Damit treibt er den Keil in die Nato noch tiefer.“




