Die Siegesparade am 9. Mai ist der wichtigste Feiertag in Russland. Der Sieg über Hitlerdeutschland kostete schätzungsweise über 25 Millionen Sowjetbürgern das Leben. Die Militärparade auf dem Roten Platz gilt deshalb seit jeher als Bühne russischer Macht. Panzer, Raketen und neue Waffensysteme demonstrieren Stärke – nach innen wie nach außen. In diesem Jahr wird dieses Bild jedoch grundlegend gebrochen: Erstmals seit Beginn des Ukraine-Kriegs, sogar erstmals seit Jahrzehnten, wird keine Militärtechnik über den Roten Platz rollen.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte das nun offiziell. „Die Kolonne der Militärtechnik wird in diesem Jahr aufgrund der aktuellen operativen Lage nicht am Militärparade teilnehmen“, heißt es in einer Mitteilung wie russische Medien übereinstimmend berichten. Stattdessen werde ausschließlich eine Fußkolonne marschieren.
Auch Kadetten und Militärschüler bleiben fern. „Zöglinge der Suworow- und Nachimow-Schulen sowie Kadettenkorps werden in diesem Jahr ebenfalls nicht teilnehmen“, teilte das Ministerium mit.
Drohnenangst als zentraler Faktor
Offiziell bleibt die Begründung vage: die „operative Lage“. Gemeint ist vor allem die wachsende Bedrohung durch ukrainische Angriffe auf russisches Territorium.
Nach Einschätzung russischer Stellen könnten solche ukrainischen Attacken gezielt am 9. Mai stattfinden. Der Duma-Abgeordnete Alexej Schurawljow warnte: Ukrainische Kräfte könnten versuchen, „den Paradeablauf durch den Einsatz eines Schwarms von Drohnen zu stören“ und bezeichnete die Veranstaltung unter Kriegsbedingungen als „gefährliches Ereignis“.
Tatsächlich wurden Luftabwehrsysteme in und um Moskau verstärkt, Stäbe arbeiten im Dauerbetrieb, die Luftwaffe hält Bereitschaft. Die Angst vor einem Fiasko am wichtigsten Feiertag in Russland ist enorm. Ein Zwischenfall am symbolträchtigsten Tag des Landes wäre ein massiver Imageschaden. Der 9. Mai ist für den Kreml und die russische Bevölkerung nämlich weit mehr als nur ein Gedenktag. Monatelang wird der Ablauf dieser wenigen Stunden langen Parade im Zentrum der russischen Hauptstadt vorbereitet.
Hinzu kommt: In den vergangenen Monaten haben ukrainische Angriffe auf strategische Infrastruktur deutlich zugenommen. Besonders im Fokus standen dabei russische Ölterminals wie Ust-Luga an der Ostsee oder Raffinerien wie in Tupase an der Schwarzmeerküste, die wiederholt Ziel von Drohnenattacken wurden. Solche Entwicklungen verstärken die Nervosität der russischen Sicherheitsbehörden zusätzlich.

Gerade deshalb ist ein Verzicht auf die Militärtechnik so brisant. Die britische BBC spricht gar von einem Novum. „Militärtechnik wird erstmals seit Beginn der Invasion 2022 nicht an der Parade teilnehmen.“ Historisch ist das ein klarer Bruch. Bei den Militärparaden der vergangenen Jahrzehnte gehörten russische Raketen und Militärsysteme zum festen Kern der Inszenierung. Das letzte Mal war zu Beginn der 1990er-Jahre, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als sich Russland ökonomisch in einer desaströsen Lage befand, keine Militärtechnik bei der Siegesparade zu sehen.
Insiderberichte in russischen Telegram-Kanälen deuten zudem auf weitere Kürzungen hin: weniger Gäste, kürzere Dauer, kaum internationale Präsenz. Journalistin Alexandra Prokopenko schreibt beispielsweise, der russische Staatsapparat werde behaupten, „dass dies so geplant gewesen sei und nichts mit Drohnen zu tun habe“.
9. Mai: Wer kommt und wer kommt nicht?
Auch außenpolitisch verliert die Parade – im Gegensatz zum letztjährigen 80. Jubiläum mit über 29 Staats- und Regierungschefs, darunter Chinas Xi Jinping – an Strahlkraft. Der Kreml konnte bisher kaum internationale Gäste benennen. Beispielsweise hat der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko seine Teilnahme an der Moskauer Parade zugesagt. „Keiner der üblichen Teilnehmer aus Zentralasien hat seine Teilnahme an der Militärparade am 9. Mai bisher bestätigt“, kommentierte der Zentralasien-Experte Temur Umarov auf X.
Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte lediglich: „Wir werden Sie später darüber informieren.“ Nicht zu vergessen: ein zentraler Zweck der Parade war schon immer auch die Demonstration internationaler Unterstützung. Aus dem Westen nimmt seit Beginn des Ukraine-Krieges kaum mehr jemand an der Parade teil. Eine Ausnahme war lediglich der slowakische Regierungschef Robert Fico sowie der serbische Präsident Aleksandar Vucic.




