Geschichtsaufarbeitung

Ex-Botschafter in Moskau Rüdiger von Fritsch: „Mein Vater war glühender Nationalsozialist“

In seinem neuen Buch behandelt der frühere Diplomat seine Familiengeschichte und den Streit mit seinem Vater, einem NS-Anhänger. Ein Gespräch über Schuld und das „Ja, aber“.

Rüdiger von Fritsch (r.) mit Michail Gorbatschow bei einem Mittagessen im August 2014
Rüdiger von Fritsch (r.) mit Michail Gorbatschow bei einem Mittagessen im August 2014Privat

Ein alter Briefmarkenvorrat seiner deutschbaltischen Großmutter brachte die Geschichte ins Rollen: Marken mit Hitlers Konterfei und dem Aufdruck „Ostland“. Plötzlich lag, wie Rüdiger von Fritsch erzählt, die ganze Familiengeschichte vor ihm – die Schicksale der Menschen vor ihm, die Erzählungen, das Verschwiegene. Der frühere Botschafter in Warschau und Moskau hat sein Berufsleben der Verständigung verschrieben. Sein Vater hingegen blieb bis zu seinem Tod überzeugter Nationalsozialist und sprach von „unserer herrlichen Bewegung“.

In seinem neuen Buch „Die Geschichte in mir“ erzählt der mehrfache Bestsellerautor die Geschichte seiner Familie als Spiegel des 20. Jahrhunderts: vom deutschbaltischen Adel im Dienst der Zaren bis zu seinem Großonkel Werner von Fritsch, Generaloberst und Oberbefehlshaber des Heeres, den Hitler 1938 ausschaltete. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt er, warum er familiäre Entlastungserzählungen für problematisch hält, wie er auf seinen Vater blickt – und warum er die heutige Debatte um Wehrhaftigkeit klar von dem militärischen Pathos früherer Zeiten abgrenzt.

Herr von Fritsch, Ihr neues Buch „Die Geschichte in mir“ kreist um die Frage, was die Lebenswege der Menschen vor Ihnen mit Ihrem eigenen Leben gemacht haben. Warum mussten Sie Ihre Familiengeschichte schreiben?

Ich musste es nicht. Aber nach manchen Büchern, die ich geschrieben habe, ist es das eine Buch, das ich immer habe schreiben wollen. Die zentrale Frage, die das Buch leitet, ist die von Ihnen zitierte, die mich sehr lange begleitet und mich durch meinen Beruf zunehmend beschäftigt hat: Was haben die Lebenswege, die Biografien, die Leben der Menschen vor mir – Eltern, Großeltern, andere – mit meinem Leben gemacht? Und davon abgeleitet: Wie bin ich damit umgegangen, und was bedeutet das für die größere Geschichte in unserer Zeit?

Inkaufnahme des Todes der eigenen Kinder

Eine der härtesten Stellen betrifft Ihren Großvater väterlicherseits. Er sagte an seinem 91. Geburtstag, er bedaure, nicht „vor Paris oder Petersburg liegen geblieben“ zu sein. Seinen Söhnen gab er mit in den Krieg: „Ich erwarte nicht, dass ihr wiederkommt. Ich erwarte, dass ihr tapfer seid.“

Als Kind hört man Dinge und fragt nicht nach. Man legt sich einen Flickenteppich der Vergangenheit zurecht, ein Mosaik. Und in diesem Mosaik waren solche Aussagen nicht unterzubringen. Das hat mich sehr erschüttert. Diese Selbstverständlichkeit, mit der der Tod naher Angehöriger, sogar der eigenen Kinder, in Kauf genommen wurde. Damit wird auch die Distanz zu einer völlig anderen Zeit deutlich. Die Kindheit und Jugend meiner Eltern und Großeltern lag für mich wie hinter dem Mond. Dazwischen lag ein Ereignis von unvorstellbarer Schrecklichkeit – der Krieg mit allem, was dazugehörte –, das ständig die Erzählungen der Erwachsenen bestimmte.

Mein Großvater war 1875 geboren, ganz in der Tradition und im militärischen Denken jener Zeit aufgewachsen, ohne selbst umfassend an Kriegshandlungen teilgenommen zu haben. Im Gegensatz zu meinem Vater, der mit dem Kriegsbegriff und dem Begriff des Militärischen seines eigenen Vaters nicht umgehen konnte – bis zu dem Punkt, an dem beide das Gespräch darüber einstellten.

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Gottfried Stoppel
INTERVIEWPARTNER
Der 1953 geborene Rüdiger von Fritsch studierte Geschichte und Germanistik in Erlangen und Bonn und trat 1984 in den Auswärtigen Dienst ein. Er war an den Botschaften in Warschau und Nairobi tätig, arbeitete bei der deutschen EU-Vertretung in Brüssel an der Vorbereitung der Osterweiterung und leitete später den Planungsstab im Bundespräsidialamt.

Von 2004 bis 2007 war er Vizepräsident des Bundesnachrichtendiensts, danach von 2010 bis 2014 deutscher Botschafter in Warschau, von 2014 bis 2019 in Moskau. Heute ist von Fritsch Partner bei Berlin Global Advisors und Senior Advisor bei McKinsey.

Heute spricht Deutschland wieder über Wehrdienst, Musterung und Wehrhaftigkeit. Ab Juli 2027 sollen Männer des Jahrgangs 2008 verpflichtend gemustert werden. Welche Begriffe machen Sie mit Ihrer Familiengeschichte im Ohr hellhörig? 

Der Schluss aus der Geschichte ist, dass wir bereit und in der Lage sein müssen, uns gegen die Aggression totalitärer Systeme zu wehren. Entscheidend ist, dass wir das als Demokratie tun. In einer Situation, in der es reale und konkrete Bedrohungen gibt, gegen die wir unsere Freiheit und Sicherheit verteidigen können müssen, ist es gut, dass wir das mit einem solchen System tun. Eingedenk des Satzes von Helmut Schmidt: „Kämpfen können heißt nicht, kämpfen wollen.“ Aber kämpfen zu können ist die beste Voraussetzung dafür, nicht kämpfen zu müssen.

Wenn ein System geeignet ist, Irrwege zu verhindern, dann ist es die Demokratie: ein System, in dem der offene Streit und die Kontroverse möglich und angelegt sind, ja geradezu ermutigt werden. Das unterscheidet uns von Systemen, in denen die Menschen gar keine Chance haben, auf die Aggression ihrer eigenen Führung irgendeinen Einfluss zu nehmen – nehmen Sie das Russland von heute.

Ihr Vater war, wie Sie schreiben, ein glühender Nationalsozialist – und zugleich ein liebevoller Vater. Wie lebt man als Sohn mit diesem Widerspruch?

Mein Vater war, wie er und seine Freunde sich selbst bezeichneten, ein „glühender Nationalsozialist“. Er blieb seiner Ideologie ein Leben lang verbunden. Damit war er Teil eines verbrecherischen Systems. Punkt. Das gilt es festzuhalten. Darüber haben wir lebenslang gestritten – Auseinandersetzungen im doppelten Sinne des Wortes geführt: diskursiv, streitend, aber auch im Sinne des Sich-Absetzens von Positionen.

Auszuhalten war es, weil er nie Gefolgschaft verlangt hat. Im Gegenteil: Weil er realisierte, dass wir in einer anderen Welt leben würden, hat er alles unternommen, uns die Wege in diese eigene Welt zu bahnen. Er gab meine Brüder und mich auf ein Internat, das sehr anderen Idealen folgte. Hinzu kam, dass ihn natürlich – wie jeden Menschen – sehr viel mehr ausmachte als bloß seine Gesinnung. Dadurch konnte das Band erhalten bleiben, das ihm noch wichtiger war als seine ideologische Überzeugung: die Familie.

Das Buch ist der Versuch, dafür zu plädieren, das Gegensätzliche und Widersprüchliche auszuhalten. Das beginnt damit, dass man die Dinge beim Namen nennt und so gut es geht aufarbeitet. Es ist ein Plädoyer für einen ehrlichen Umgang mit Geschichte – und gegen das „Ja, aber“. Das „Ja, aber“ steht für Verrechnung, und Verrechnung ist der falsche Zugang.

Wehrpass von Paul Baron von Hahn, dem Bruder der Mutter, der mit 18 Jahren im Kaukasus fiel.
Wehrpass von Paul Baron von Hahn, dem Bruder der Mutter, der mit 18 Jahren im Kaukasus fiel.Privat

Dieses „Ja, aber“ ist ein zentrales Motiv. Warum stören die Entlastungserzählungen Sie so? 

Was mich lebenslang gestört hat und bis heute stört, sind Erzählungen, die versuchen, die eigene Familiengeschichte zu beschönigen, indem man die Dinge durch dieses „Ja, aber“ wegglättet. „Er war zwar in der Partei, aber nur, um anderen helfen zu können“ – solche Sätze kennt man. Diese Entlastungsgeschichten werden der Geschichte aber vielfach nicht gerecht, und wir sollten uns nichts Falsches einreden.

Das Buch ist auch ein Plädoyer für einen ehrlichen Umgang mit Geschichte, weil dies die Voraussetzung dafür ist, dass wir versöhnt mit uns selbst, aber vor allem auch mit anderen leben können. Nicht nur innergesellschaftlich, sondern auch zwischen Völkern und Staaten. Darin liegt für mich die Aktualität des Buches.

Aufarbeitung in Ost und West

Die Studie „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall hat 2002 untersucht, wie Familien über Angehörige in der NS-Zeit sprechen. Demnach hätten 26 Prozent Verfolgten geholfen, 13 Prozent seien im Widerstand aktiv gewesen und nur ein Prozent an Verbrechen beteiligt – Zahlen, die nicht die Wirklichkeit abbilden, sondern die Kraft familiärer Entlastungserzählungen. Ist das spezifisch deutsch? 

Ich weiß gar nicht, ob das spezifisch deutsch ist. Es ist in gewisser Weise menschlich verständlich. Man will eine persönlich schwierige Geschichte aushalten können. Der einfachste Weg besteht darin, sie so lange zu glätten, bis man die Scherbe in der Hand halten kann, die einen eigentlich schneidet.

Das bedeutet nicht, dass Menschen, die so mit eigener oder familiärer Vergangenheit umgehen, deswegen grundsätzlich eine völlig falsche Vorstellung von Geschichte insgesamt haben. Oft existiert beides gleichzeitig: Die Menschen wissen sehr wohl um Schrecken, Verbrechen und Schuld der Vergangenheit. Aber wenn es in den persönlichen Bereich geht, fällt es schwer, das an sich heranzulassen. Ich glaube dennoch, man kann beides gleichzeitig aushalten.

Deutschland gilt international als Land gelungener Aufarbeitung. Ist das öffentliche Gedenken weiter als die private Erinnerung?

Man sollte sehr vorsichtig sein, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Aber ich denke, in Summe ist in Deutschland sehr viel unternommen worden, um die Vergangenheit gut, ehrlich und aufrichtig aufzuarbeiten und aus vergangener Schuld heutige Verantwortung abzuleiten. Das habe ich in meinem Beruf intensiv erlebt. Meine Arbeit als Botschafter in Polen wie in Russland war richtigerweise vielfach bestimmt vom Gedenken an die Vergangenheit und an die Verbrechen des Nationalsozialismus in diesen Ländern.

Kritikwürdig finde ich es, wenn solche Aufarbeitung unterbleibt oder unterdrückt wird, wie wir das im Russland von heute erleben, wo gerade die eine große Institution verboten wurde, die genau das geleistet hat, nämlich die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Organisation Memorial.

Das Gutshaus der Familie von Hahn in Plonėnas (Litauen), Heimat der Großeltern mütterlicherseits, um 1930.
Das Gutshaus der Familie von Hahn in Plonėnas (Litauen), Heimat der Großeltern mütterlicherseits, um 1930.Privat

Ihr Vater war als Verwaltungsleiter in Kaunas tätig, während die litauischen Juden fast vollständig ermordet wurden. Wie verliefen die Gespräche darüber?

Er versuchte nie, seine Vergangenheit schönzureden. Das war vielleicht untypisch. Er entlastete sich nicht einfach. Aber er bestritt ungeheuer viel von dem, was objektiv geschehen war. Wenn man ihn auf manches ansprach, sagte er: Das kann ich gar nicht gewusst haben, das ist ja nicht passiert.

Er bestritt beispielsweise nicht, dass es in Kaunas ein Ghetto gegeben habe. Aber dass dieses Ghetto die Vorstufe zur Vernichtung der litauischen Juden war, das bestritt er. Er las sehr viel – natürlich Literatur, die seine Thesen stützte. Die Auseinandersetzungen mit ihm animierten mich daher immer wieder, mich selbst kundig zu machen, zu lesen, Dokumente zu suchen, sie ihm vorzulegen.

Adel zwischen Anpassung und Widerstand

Er sagte, dass vieles von dem, was heute behauptet werde, sich so nicht zugetragen habe. Das ändert nichts daran, dass er, unabhängig von der Frage individueller Schuld, Teil eines Systems war, das in Litauen dazu diente, das Land zu besetzen, zu unterjochen, die litauische Bevölkerung zu Menschen zweiter Klasse zu machen – und die jüdische Bevölkerung umzubringen.

Ihre Familiengeschichte führt in die Welt des baltischen Adels, des Zarenreichs und des Dienstes. War der Adel im Nationalsozialismus eher moralischer Kompass oder Teil des Problems?

Es gibt heute umfangreiche Studien zu Adel und Weimarer Republik, Adel und Nationalsozialismus. Sie kommen nicht zuletzt zu dem Schluss, dass eine große Zahl von Angehörigen des ehemaligen Adels – Adel gibt es ja seit 1918 nicht mehr, nur noch als Namensbestandteil – in Opposition zur Weimarer Republik stand und in nicht geringem Umfang den Nationalsozialismus unterstützte. Viele glaubten darin eine Antwort auf die tiefen Erschütterungen nach dem Ersten Weltkrieg zu erkennen.

Auf der anderen Seite ist der Begriff Kompass nicht falsch: Auch im Widerstand gegen das Dritte Reich findet sich eine hohe Zahl von Angehörigen ehemals adliger Familien, die von einem bestimmten traditionellen Selbstverständnis geleitet waren, sehr stark auch christlich geprägt.

Wie blickt man heute auf militärische Eliten wie Werner von Fritsch, Ihren Großonkel und Oberbefehlshaber des Heeres, den Hitler 1938 ausschaltete?

Man kann sie nicht über einen Kamm scheren. Sie handelten im Denken und Bewusstsein ihrer Zeit. Im Rückblick muss man grundsätzlich versuchen, Dinge auch aus der jeweiligen Zeit heraus zu beurteilen. Der englische Schriftsteller J.P. Hartley beginnt seinen Roman „Der Mittler“ mit den Worten: „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land; sie machen die Dinge anders dort.“ Das darf uns zugleich nicht dazu verleiten, alles Vergangene zu entschuldigen – aber eben auch nicht dazu, alles nach einem Urteilskonsens der Gegenwart zu verurteilen.

Ost und West haben die Vergangenheit unterschiedlich verarbeitet. Was unterscheidet die Erinnerungskulturen?

Ich will mir nicht anmaßen, im größeren Stil darüber zu urteilen, wie in der damaligen DDR privat gedacht wurde. Aber es gab natürlich ein offizielles, verordnetes Denken. In der Bundesrepublik hat sich das Gedenken vielleicht eher im Streit, im Diskurs entwickelt und dadurch eher Akzeptanz gefunden.

Gedenkstätte am Neunten Fort in Kaunas: Hier ermordeten die Nationalsozialisten und litauische Kollaborateure mehr als 50.000 Menschen, überwiegend Juden.
Gedenkstätte am Neunten Fort in Kaunas: Hier ermordeten die Nationalsozialisten und litauische Kollaborateure mehr als 50.000 Menschen, überwiegend Juden.Martina Pellecchia/imago

Zugleich haben sich Ostdeutsche 1953 und 1989 gegen die Diktatur erhoben. Welche Bedeutung hat das?

Es zeigt, wie stark das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung in den Menschen verankert ist. Dass es in der DDR zweimal revolutionäre Bewegungen gab, die sich gegen die Diktatur aufgelehnt haben, ist eindrucksvoll und ein großer Beitrag zur deutschen Geschichte. Der 17. Juni 1953 blieb aufgrund der schrecklichen Niederschlagung erfolglos – aber im Grunde war damit schon etwas angelegt, auch in der Furcht der Herrschenden. Erich Mielke fragte im Oktober 1989 im Politbüro sinngemäß: Ist es so, dass morgen der 17. Juni bevorsteht? Und 1989 erkämpften sich die Menschen dieses Mal erfolgreich auf revolutionärem Weg die Freiheit.

Gerade im Osten klingt Wehrdienst für viele anders – wegen der NVA, der prägenden Beziehung zur Sowjetunion und des staatlichen Zwangs. Muss man dort über Wehrhaftigkeit anders sprechen?

Es gilt, überall in Deutschland in der Debatte klarzumachen, wozu etwas wie Wehrpflicht dienen soll: nämlich ein freiheitliches System und die Möglichkeit, sein Geschick selbst zu entscheiden, gegen eine reale Bedrohung verteidigen zu können. Das ist etwas anderes, als eine Diktatur zu schützen oder gar zur Aggression zu befähigen, wie wir das in Russland erleben. Dieser Unterschied muss überall herausgearbeitet werden.

Wenn Sie den Satz Ihres Großvaters – „Ich erwarte nicht, dass ihr wiederkommt. Ich erwarte, dass ihr tapfer seid“ – heute demokratisch umformulieren müssten, was würden Sie jungen Menschen sagen?

Ich denke, Helmut Schmidts Satz ist ein sehr guter. Er ist von der demokratischen Überzeugung geprägt, dass Wehrfähigkeit dazu dient, unsere Freiheit und Sicherheit und die unserer Verbündeten verteidigen zu können. Kämpfen können heißt nicht, kämpfen wollen. Aber kämpfen zu können ist die Voraussetzung dafür, nicht kämpfen zu müssen.

Rüdiger von Fritschs „Die Geschichte in mir: Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert“ erscheint am 29. April 2026 im Siedler-Verlag. 336 Seiten, 26 Euro.