Kriege fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen aus politischen Entscheidungen, unterlassenen Entscheidungen, aus Fehlwahrnehmungen, verletzten Interessen und dem schrittweisen Abbau von Vertrauen. Wer diese Vorgeschichte ausblendet, reduziert Politik auf Moralurteile und beraubt sich selbst der Fähigkeit zur aktiven Friedensgestaltung.
Genau diese Gefahr prägt derzeit das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland. Die gegenwärtige Eskalation ist nicht das Ergebnis eines plötzlichen Zivilisationsbruchs, sondern Ausdruck eines langfristigen Scheiterns politischer Friedensfähigkeit. Um dieses Scheitern zu verstehen – und um künftige Eskalationen zu verhindern – ist der Rückgriff auf das politisch-pragmatische Friedenskonzept von Egon Bahr sinnvoller denn je.
„Wandel durch Annäherung“
Nach der Kuba-Krise von 1962, als die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion am Rand eines atomaren Weltkrieges standen, setzte sich die Einsicht durch, dass Sicherheit nicht durch maximale Rüstung, sondern durch kontrollierte Begrenzung des Gegeneinanders zu erreichen ist. Rüstungskontrollverträge, direkte Kommunikationskanäle und verlässliche Vereinbarungen reduzierten das Risiko eines unbeabsichtigten Krieges erheblich.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde diese Logik mit der Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr in konkrete europäische Politik übersetzt. „Wandel durch Annäherung“ war dabei kein moralisches Projekt, sondern eine realpolitische Strategie zur Entschärfung eines hochgefährlichen Systemkonflikts. Bahr ging von der nüchternen Erkenntnis aus, dass Sicherheit nicht gegen, sondern nur mit dem jeweiligen Gegner organisiert werden kann.
Dieses Denken beruhte auf klaren Voraussetzungen friedensfähiger Politik: erstens der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zweitens der systematischen Einbeziehung der Interessen des Gegenübers, drittens der Kenntnis seiner historischen Erfahrungen, viertens der Berücksichtigung kultureller und emotionaler Faktoren sowie fünftens dem Aufbau überprüfbarer vertrauensbildender Maßnahmen. Diese Prinzipien dienten nicht der Harmonie, sondern der politischen Steuerung von Konflikten. Sie machten die Entspannungspolitik erfolgreich – gerieten aber nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise in Vergessenheit.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 eröffnete sich die historische Chance, eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung zu schaffen, die alte Blocklogiken überwindet. Von einem gemeinsamen europäischen Haus war die Rede, in dem auch Russland einen gleichberechtigten Platz haben sollte. Diese Chance wurde jedoch nicht genutzt. Während der Warschauer Pakt aufgelöst wurde und Russland seine Truppen schnell und bedingungslos aus Ostdeutschland und Osteuropa abzog, blieb die Nato bestehen und begann sich schrittweise nach Osten auszudehnen. Aus westlicher Sicht geschah dies defensiv, stabilisierend und auf freiwilliger Basis. Aus russischer Perspektive stellte dieselbe Entwicklung jedoch eine systematische strategische Einkreisung dar. Egon Bahr: „Ein Jahrhundertfehler“.
Der entscheidende Fehler bestand weniger in einzelnen Entscheidungen als in der Weigerung, die Sicherheitswahrnehmung Russlands ernsthaft in die eigene Politik einzubeziehen. Egon Bahr hatte früh erkannt, dass politische Maßnahmen nicht danach beurteilt werden dürfen, wie sie gemeint sind, sondern danach, wie sie auf der Gegenseite verstanden werden. Diese Einsicht ging nach 1990 weitgehend verloren. Perspektivwechsel wurde als Nachgiebigkeit missverstanden und damit politisch diskreditiert.
Dabei hätte ein solcher Perspektivwechsel nicht bedeutet, russischer Politik zuzustimmen oder völkerrechtswidriges Handeln zu akzeptieren. Er hätte bedeutet, Eskalationsschwellen zu erkennen, rote Linien ernst zu nehmen und Alternativen zur militärischen Konfrontation offenzuhalten. Stattdessen setzte sich zunehmend eine interessengelenkte Außenpolitik durch, die eigene Werte absolut setzte und fremde Interessen entweder moralisch delegitimierte oder strategisch ausblendete. Damit wurde Politik durch hegemoniale Gesinnung ersetzt – mit absehbaren Folgen.
Deutlich wurde dies am Beispiel der Ukraine. Das Land geriet zum Kristallisationspunkt widerstreitender Interessen: westlicher Integrationspolitik, russischer Sicherheitsansprüche und ukrainischer Eigeninteressen. Eine Politik, die diese Konfliktlage nicht offen adressierte, sondern moralisch überhöhte, trug nicht zur Stabilisierung bei, sondern verschärfte die Fronten. Interessenkenntnis bedeutet keine Legitimation, sondern ist Voraussetzung politischer Gestaltung. Wer Interessen ignoriert, verzichtet auf Steuerung und überlässt Konflikte der Logik der Eskalation.
Hinzu kommt die weitgehende Ausblendung der historischen Erfahrungen Russlands nach 1990. Der Zerfall der Sowjetunion war nicht nur ein geopolitischer Einschnitt, sondern ein tiefgreifender sozialer und ökonomischer Schock. Der Zusammenbruch staatlicher Sicherungssysteme, Massenarmut, sinkende Lebenserwartung und der Ausverkauf zentraler Industrien prägten eine ganze Generation. Diese Erfahrungen erklären nicht den Angriffskrieg gegen die Ukraine, sie erklären jedoch, warum Misstrauen, Kränkung und nationalistische Mobilisierung politisch wirksam werden konnten. Außenpolitik ohne historische Sensibilität verliert den Kontakt zur Realität.
Auch kulturelle und emotionale Faktoren spielten in der westlichen Politik lange Zeit kaum eine Rolle. Sicherheitsängste wurden als vorgeschoben oder irrational abgetan, obwohl sie handlungsleitend sind. Die russische Erinnerung an Napoleon und Hitler ist ebenso politisch und psychologisch wirksam wie die historischen Traumata osteuropäischer Bevölkerungen gegenüber Russland. Friedenspolitik hätte beide Perspektiven berücksichtigen müssen. Stattdessen dominierte eine technokratische Vorstellung von Sicherheit, die glaubte, objektive Stabilität schaffen zu können – und dabei subjektive Wahrnehmungen ignorierte.
Friedenspolitik scheitert nicht mit dem ersten Schuss
Besonders folgenreich war der schrittweise Abbau vertrauensbildender Maßnahmen. Rüstungskontrollverträge, Transparenzregeln und institutionalisierte Dialogformate hatten über viele Jahre zur Stabilisierung Europas beigetragen. Ihre Kündigung und der Abbruch regelmäßiger politischer Kommunikation senkten die Schwelle zur Eskalation erheblich. Vertrauen ist kein Gefühl, sondern das Ergebnis überprüfbarer politischer Praxis. Wo diese Praxis aufgegeben wird, wachsen Misstrauen, Fehlkalkulationen und die Gefahr militärischer Konfrontation.
Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass Friedenspolitik nicht erst mit dem ersten Schuss scheitert. Sie scheitert lange vorher – durch Ignoranz, Arroganz und den Verzicht auf politisches Verstehen. Bahrs Friedenskonzept ist daher kein überholtes historisches Dokument, sondern ein strategisches Instrument zur Vermeidung von Krieg. Es steht nicht im Widerspruch zur Verteidigungsfähigkeit, sondern ergänzt sie. Ohne Perspektivwechsel, Interessenkenntnis, historische Sensibilität, kulturelles Verständnis und vertrauensbildende Maßnahmen wird Sicherheit nicht gestaltet, sondern verspielt.
Bahr und Brandt ist das mit der deutschen Ostpolitik gelungen, einer Friedenspolitik unter schwierigsten Bedingungen. Vorbild war John F. Kennedys historische „Friedensrede“ vom 10. Juni 1963 an der American University in Washington, wo er durch Perspektivwechsel ein besseres Verständnis für die Sowjetunion zeigte, den Verzicht auf nukleare Konfrontationen vorschlug und nach Wegen zu einem langfristigen Frieden suchte.
Egon Bahrs fünf Punkte beruhen im Wesentlichen auf dieser Rede. Kennedy hatte erkannt, dass im atomaren Zeitalter Abrüstung, Rüstungskontrolle, die Interessen und die Vorgeschichte des anderen berücksichtigt werden müssen. Wird das unterlassen, könnten konventionell begonnene Kriege in einem atomaren Krieg münden, der die Spezies Mensch insgesamt auslöscht.
Dieses Friedenskonzept ist nicht an ein Zeitfenster gebunden. Es gilt immer – sowohl im zwischenmenschlichen wie auch im zwischenstaatlichen Bereich. Wichtig ist, dass Bahr und Brandt diese attraktive Friedenspolitik zugleich mit einer starken, verteidigungsfähigen Bundeswehr verbunden hatten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde kein einziger dieser fünf Punkte gegenüber Russland angewendet. Durchgesetzt wurde eine rücksichtlose Interessenpolitik der USA, während Europa eigene Interessen zurücksetzte und wegen seiner vielfachen Abhängigkeiten von den USA erpresst wurde und wird. Der Krieg in der Ukraine ist das Ergebnis.
Was ist zu tun? Die Bundesregierung sollte das Gespräch mit Wladimir Putin suchen – in Anlehnung an die fünf Punkte Egon Bahrs. Dessen Friedenspolitik genießt in Russland nach wie vor Anerkennung – auch bei Putin. So schwer es auch fallen mag: Altkanzler Gerhard Schröder könnte als Brückenbauer nützlich sein.
Was sollte Europa tun?
Als Europäer sollten wir unsere Interessen in die eigenen Hände nehmen – und sie nicht den USA und schon gar nicht ihrem gegenwärtigen Präsidenten überlassen. Alle, die die Friedenspolitik von Bahr und Brandt ernst nehmen, Politiker, Abgeordnete, Wissenschaftler, Journalisten und die friedensorientierten NGOs sollten ein Netzwerk aufbauen mit dem Ziel, eine eigenständige europäische Friedenspolitik zu ermöglichen.
Hunderttausende von Toten und Verwundeten, Millionen Vertriebene und massive Zerstörungen sind Kriegsverbrechen, die nicht länger hingenommen werden dürfen. Die Sicherheitsinteressen Russlands, der Ukraine und Europas müssen in ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem einfließen, so, wie das 1990 in der Charta von Paris angestrebt wurde. Nehmen wir unsere Interessen nicht aktiv in die eigenen Hände, riskieren wir das, was der kanadische Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2026 nüchtern beschreibt: Wer nicht am Tisch sitzt, landet auf dem Teller.




