Es gibt Monate, in denen Parteien verlieren. Und es gibt Monate, in denen Parteien sich beim Verschwinden zusehen können. Der März 2026 ist für die SPD beides zugleich.
In Rheinland-Pfalz, jenem Bundesland, das die Sozialdemokraten über Jahrzehnte als ihre westdeutsche Festung betrachtet hatten, stürzte die Partei gestern von 35,7 Prozent auf 25,9 Prozent – ein Verlust von fast zehn Punkten auf einen Schlag. Die CDU übernahm nach 35 Jahren wieder die Führung. Noch-Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) sprach tapfer von einer „Riesen-Aufholjagd“. Es klang wie der Kommentar eines Marathonläufers, der auf Kilometer 20 zusammenbricht und sich dafür lobt, überhaupt gestartet zu sein.
Doch was in Mainz als schmerzhaft galt, wirkt im Vergleich zu Stuttgart geradezu gnädig. In Baden-Württemberg erreichte die SPD 5,5 Prozent. Fünf Komma fünf. Eine Zahl, die man zweimal lesen muss, um sie zu glauben. Minus 5,5 Punkte gegenüber den ohnehin schon desaströsen elf Prozent von 2021. Die älteste Partei Deutschlands, die Partei August Bebels, Willy Brandts und Helmut Schmidts – auf dem Niveau einer Splittergruppe. Näher an der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit als am Anspruch, dieses Land zu regieren.
Die Chronik eines angekündigten Niedergangs
Man kann diese Ergebnisse als Ausreißer behandeln, als regionale Besonderheiten, als Folge schwacher Spitzenkandidaten oder ungünstiger Großwetterlagen. Das tut die SPD-Führung reflexhaft nach jedem Wahlabend. Doch wer die Zahlen der letzten Jahre nebeneinanderlegt, erkennt kein Pech, sondern ein Muster – und zwar ein unerbittliches.
Bei der Bundestagswahl 2021 holte die SPD mit Olaf Scholz noch 25,7 Prozent und die Kanzlerschaft. Es war ein kurzes Aufflackern, genährt weniger von sozialdemokratischer Begeisterung als von der Schwäche Armin Laschets. Vier Jahre später, im Februar 2025, landete dieselbe Partei bei 16,4 Prozent – dem schlechtesten Bundestagsergebnis ihrer Geschichte. Minus 9,3 Punkte.
Scholz war da bereits als Kanzlerkandidat gescheitert, nachdem er zunächst aufgestellt, dann wieder abgesägt und durch Boris Pistorius ersetzt worden war – oder eben nicht ersetzt, je nachdem, welcher Woche man glaubte. Die Personalrochade selbst wurde zur Metapher: eine Partei, die nicht einmal mehr weiß, wen sie nach vorne schicken soll.
In Hamburg, der einstigen Hochburg, verlor die SPD bei der Bürgerschaftswahl 2025 knapp sechs Punkte und landete bei 33,5 Prozent – noch regierungsfähig, aber mit schrumpfendem Fundament. In Thüringen 2024 waren es 6,1 Prozent. Im Saarland 2022 gab es zwar einen Ausreißer nach oben – 43,5 Prozent dank Anke Rehlinger –, doch er bestätigte eher die Regel: Dort, wo eine einzelne populäre Landespolitikerin den Bundestrend überdecken konnte, funktionierte es noch. Überall sonst nicht.
Die Kurve zeigt seit zwei Jahrzehnten in eine Richtung: nach unten. Und der Ursprung dieser Abwärtsbewegung lässt sich auf ein Datum, ein Projekt, einen Namen bringen.
Agenda 2010: Der Moment, in dem die SPD sich selbst verriet
Am 14. März 2003 trat Bundeskanzler Gerhard Schröder vor den Bundestag und verkündete das größte Reformpaket der Nachkriegsgeschichte. Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln, Lockerung des Kündigungsschutzes, Ausweitung prekärer Beschäftigung. Die Agenda 2010 war, je nach Perspektive, eine mutige Modernisierung des verkrusteten deutschen Sozialstaats oder ein Verrat an allem, wofür die Sozialdemokratie seit 140 Jahren gestanden hatte.
Für die Ökonomenzunft war sie ein Erfolg: Die Arbeitslosigkeit sank in den Folgejahren deutlich, der deutsche Arbeitsmarkt wurde flexibler, wettbewerbsfähiger, exportstärker. Doch das brachte weder Schröder noch der SPD etwas. Die Ernte fuhr Angela Merkel ein, die ab 2005 16 Jahre lang regierte – auf einem Fundament, das Sozialdemokraten gegossen hatten.
Für die SPD selbst war die Agenda 2010 eine Kernspaltung. Hunderttausende Mitglieder traten aus. Die Gewerkschaften, über ein Jahrhundert lang natürliche Verbündete, wandten sich ab. Aus dem Protest gegen Hartz IV entstand 2004 die WASG, die sich 2007 mit der PDS zur Linkspartei vereinigte und damit das tat, was der SPD am meisten schadete: Sie institutionalisierte die Enttäuschung. Fortan gab es links der SPD eine parlamentarische Alternative für alle, die sich von ihrer Partei verraten fühlten.
Die Politikwissenschaft hat dafür einen Begriff geprägt, der so nüchtern klingt wie ein Befund auf dem Totenschein: „Modernize and die.“ Wer als sozialdemokratische Partei den Sozialstaat beschneidet, mag die Volkswirtschaft retten – aber er zerstört die eigene Existenzgrundlage. Die SPD verlor nicht nur Wähler, sondern etwas Tieferes: das Vertrauen, dass sie meint, was sie sagt. Dass sie die Partei der kleinen Leute ist und nicht der McKinsey-Berater.
Eine Partei im Krieg mit sich selbst
Was die SPD von anderen schrumpfenden Volksparteien unterscheidet, ist nicht der Niedergang – den teilen CDU, Konservative und Sozialdemokraten in ganz Europa. Es ist die Art, wie die SPD mit ihrer eigenen Geschichte umgeht. Oder genauer: wie sie sie systematisch zerstört.
Gerhard Schröder, der letzte SPD-Kanzler vor Olaf Scholz, der Mann, der die Partei 1998 mit 40,9 Prozent zum Sieg führte und Deutschland grundlegend reformierte, wird in seiner eigenen Partei behandelt wie ein Aussätziger. Es gab Parteiausschlussverfahren, die juristisch scheiterten, aber symbolisch ihre Wirkung entfalteten. Es gab die groteske Debatte um sein Büro als Altkanzler – ob er es behalten dürfe, wie groß es sein solle, ob die Bundesrepublik einem ehemaligen Regierungschef noch Räumlichkeiten schulde. Es gab öffentliche Distanzierungen im Wochentakt, Tabuisierungen seines Namens auf Parteitagen, eine kollektive Amnesie, als hätte Schröder nie existiert.
Der Anlass – Schröders Nähe zu Wladimir Putin, seine Aufsichtsratsposten bei russischen Energiekonzernen, sein Auftritt an der russischen Botschaft nach Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine – ist zweifellos problematisch und kritikwürdig. Doch die Art der Auseinandersetzung offenbart etwas über die SPD, das über den Einzelfall hinausweist: Diese Partei kann mit Widersprüchen nicht umgehen. Sie kann nicht sagen: „Schröder hat Bedeutendes geleistet und zugleich schwere Fehler gemacht.“ Sie kann nur tilgen, verdrängen, amputieren.
Es ist nicht das erste Mal. Schon mit Helmut Schmidt fremdelte die Partei in seinen letzten Jahren, als der Nato-Doppelbeschluss die Friedensbewegung in die Arme der Grünen trieb. Mit Willy Brandt gab es Spannungen, sobald die Realpolitik die Visionen einholte. Die SPD hat eine Tradition der Selbstverleugnung, die in der deutschen Parteienlandschaft einzigartig ist. Sie ist eine Organisation, die ihre erfolgreichsten Protagonisten nachträglich zu Unpersonen erklärt – und sich dann wundert, warum niemand mehr weiß, wofür sie eigentlich steht.
Das Personalkarussell des Vergessens
Parallel zum inhaltlichen Identitätsverlust vollzog sich ein personeller Ausverkauf, der in seiner Geschwindigkeit schwindelerregend ist.
Man versuche einmal, die SPD-Vorsitzenden der letzten 15 Jahre aus dem Gedächtnis aufzuzählen. Sigmar Gabriel, Martin Schulz, Andrea Nahles, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, Lars Klingbeil und Saskia Esken, dann Klingbeil und Bärbel Bas. Sechs Führungswechsel in einem Jahrzehnt. Manche dieser Namen waren so kurz im Amt, dass sich die Druckerschwärze auf den Visitenkarten kaum lohnte. Andrea Nahles hielt elf Monate. Martin Schulz schaffte es vom „Gottkanzler“ der Titelseiten zum Rücktritt in weniger als einem Jahr. Die Halbwertszeit sozialdemokratischer Hoffnungsträger unterschritt irgendwann die Halbwertszeit einer Tageszeitung.
Und mit jeder neuen Personalie kam ein neues Versprechen: Jetzt wird alles anders. Jetzt hören wir auf die Basis. Jetzt kehren wir zu unseren Wurzeln zurück. Doch die Wurzeln waren längst gekappt, und die Basis – jene schrumpfende Schar von Mitgliedern, die noch Beiträge zahlte und Ortsvereine am Leben hielt – hatte aufgehört, zuzuhören.
Pistorius: Der letzte Joker?
Nun also Boris Pistorius. Der ehemalige Verteidigungsminister, der im Herbst 2024 in Umfragen populärer war als jeder andere SPD-Politiker, der als Kanzlerkandidat gehandelt, dann übergangen, dann doch wieder ins Spiel gebracht wurde. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Pistorius für die Rolle des Retters geschont wird. Die Frage ist nur: Retter wovon? Und zu welchem Preis?

Pistorius steht für eine klare transatlantische Orientierung, für militärische Stärke, für eine harte Linie gegenüber Russland und entschiedene Unterstützung der Ukraine. In der deutschen Sicherheitsdebatte nach dem 24. Februar 2022 hat ihm das Profil Glaubwürdigkeit verschafft. Doch innerhalb der SPD öffnet genau diese Positionierung eine weitere Bruchlinie.
Denn die deutsche Sozialdemokratie hat eine außenpolitische Tradition, die weit über Schröders Gazprom-Verstrickungen hinausreicht. Willy Brandts Ostpolitik, Egon Bahrs „Wandel durch Annäherung“, Helmut Schmidts Entspannungspolitik – all das war getragen von der Überzeugung, dass Deutschland nach den Menschheitsverbrechen des Hitlerfaschismus eine besondere Verantwortung für Dialog und Deeskalation trage, gerade gegenüber den Völkern, die unter dem deutschen Vernichtungskrieg am meisten gelitten haben. Russland, die Sowjetunion, die Ukraine – sie alle waren Opfer. Die Brücken, die Brandt baute, waren aus dem ehrlichen Bewusstsein dieser Schuld errichtet.
Das bedeutet nicht – und das muss mit aller Deutlichkeit gesagt werden –, dass diese Tradition den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine relativieren oder entschuldigen würde. Putins Krieg ist ein Bruch des Völkerrechts, ein Verbrechen, das durch nichts zu rechtfertigen ist. Doch die Art, wie die SPD unter Pistorius’ Einfluss ihre eigene außenpolitische Geschichte entsorgt, wie sie Entspannungspolitik nachträglich zur Naivität erklärt und diplomatische Traditionen als Schwäche umdeutet, empfinden weite Teile der sozialdemokratischen Basis als weiteren Verrat – als Bruch nicht nur mit Schröder, sondern mit Brandt, mit Bahr, mit dem moralischen Fundament der Nachkriegs-SPD.
Pistorius selbst verkörpert diesen Bruch. Er hat Schröder wegen dessen Auftritten an der russischen Botschaft als „entsetzlich“ und „fassungslos machend“ kritisiert. Er war über Doris Schröder-Köpf, mit der er bis 2022 liiert war, persönlich mit dem Altkanzler verbunden – was die Distanzierung umso schärfer wirken lässt. Hier trennt sich nicht nur ein Politiker von einem Vorgänger, hier trennt sich ein Milieu von sich selbst.
Das Scheitern in Zahlen
Die Zahlen erzählen die Geschichte nüchterner als jede Analyse, aber nicht weniger brutal.
1998 holte die SPD bei der Bundestagswahl 40,9 Prozent. 2009 waren es 23,0 Prozent. 2017 dann 20,5 Prozent. 2025 schließlich 16,4 Prozent – das schlechteste Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik. In nicht einmal drei Jahrzehnten hat die Partei mehr als die Hälfte ihrer Wählerschaft verloren.
Auf Landesebene ist die Erosion noch dramatischer. In Baden-Württemberg, wo die SPD 2001 noch 33,3 Prozent holte, steht sie heute bei 5,5 Prozent. In Thüringen bei 6,1 Prozent. In Sachsen zuletzt bei 7,3 Prozent. Das sind keine Ergebnisse einer Volkspartei. Das sind Ergebnisse einer Partei, die in ganzen Landstrichen aufgehört hat zu existieren.
Und es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die Partei, die sich die „Brandmauer“ gegen die AfD auf die Fahnen geschrieben hat, durch ihr eigenes Scheitern diese Brandmauer untergräbt. Denn je schwächer die SPD wird, desto weniger demokratische Koalitionsoptionen bleiben. In Rheinland-Pfalz kann die CDU noch mit der SPD regieren – aber was, wenn die SPD bei der nächsten Wahl unter 20 Prozent fällt? In Baden-Württemberg ist die SPD bereits so schwach, dass sie als Koalitionspartner arithmetisch kaum noch taugt. Und in Ostdeutschland hat sie diese Rolle längst verloren.
Die SPD wird, wenn sie weiter schrumpft, selbst zum Hydraulikhammer an jener Brandmauer, die sie zu verteidigen vorgibt. Nicht, weil sie die AfD unterstützt – das tut sie nicht und wird sie nicht tun –, sondern weil sie als demokratische Kraft ausfällt. Weil sie nicht mehr genug Stimmen auf sich vereint, um Koalitionen ohne Extremisten rechnerisch möglich zu machen. Die Brandmauer braucht Mörtel, und der Mörtel sind Wählerstimmen. Davon hat die SPD immer weniger.
Der traurige Befund
Die SPD liegt auf der Intensivstation, und die Diagnose ist nicht Fremdeinwirkung, sondern Autoimmunerkrankung. Eine Partei, die ihre erfolgreichsten Kanzler nachträglich zu Parias erklärt. Die ihre außenpolitische Tradition als Irrtum abtut. Die ihre Vorsitzenden schneller verschleißt als Einweggeschirr. Die mit der Agenda 2010 ihre Kernwählerschaft verprellte und nie den Mut fand, sich ehrlich dazu zu verhalten – weder zur Reform selbst noch zu deren sozialen Kosten.
Boris Pistorius mag ein fähiger Politiker sein, ein Mann mit Autorität und Ausstrahlung. Aber er ist auch ein Mann, der für den jüngsten Bruch mit der eigenen Parteigeschichte steht. Ein Mann, der die SPD weiter in Richtung einer transatlantisch-moralisierenden Sicherheitspolitik führen wird, die von der Basis nicht getragen wird und die historische Identität der Partei weiter aushöhlt. Die noch nicht einmal von Washington getragen wird.
Die Frage ist nicht, ob Pistorius den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Die Frage ist, ob es den Karren noch gibt. Oder ob die SPD bereits so weit geschrumpft ist, dass sie nur noch die Erinnerung an eine Volkspartei verwaltet – eine Erinnerung, die sie selbst am liebsten vergessen würde.
In Rheinland-Pfalz sagte Alexander Schweitzer am Wahlabend: „Wir haben gekämpft wie die Löwen.“ In Baden-Württemberg hätte man ergänzen können: Und sind geendet wie die Lämmer.
5,5 Prozent. Das war keine Delle. Das ist ein Epitaph.




