Der Weltfußball steht erneut vor einer politischen Zerreißprobe. Fifa-Präsident Gianni Infantino hat sich offen für eine Rückkehr russischer Teams auf die internationale Fußballbühne ausgesprochen, zumindest im Jugendbereich. „Oh, auf jeden Fall. Das müssen wir. Zumindest auf Jugendebene“, sagte Infantino in einem Interview mit dem britischen Sender Sky. Das seit 2022 geltende Verbot habe „nichts gebracht“, erklärte der Schweizer. „Es hat nur zu mehr Frustration und Hass geführt.“
Besonders Kindern und Jugendlichen aus Russland wieder internationale Spiele zu ermöglichen, könne laut Infantino „hilfreich“ sein. Jungen und Mädchen sollten nicht für die Entscheidungen politischer Führungen haftbar gemacht werden, so der Schweizer Fußballfunktionär.
Warum dürfen keine russischen Teams an Turnieren teilnehmen?
Russische Nationalmannschaften und Vereine sind seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine von allen Wettbewerben unter dem Dach von Fifa und Uefa ausgeschlossen. Formal begründeten die Verbände den Schritt nicht mit dem Krieg selbst, sondern mit der Gefährdung der „Integrität des Wettbewerbs“. Russische Teams wie beispielsweise Zenit Sankt Petersburg oder Spartak Moskau könnten unter den gegebenen Umständen nicht regulär und sicher an internationalen Turnieren teilnehmen.
Trotz des Ausschlusses bleibt Russland im Fifa-System weiterhin präsent. Die Männer-Nationalmannschaft wird aktuell auf Rang 36 der Weltrangliste geführt, die Frauen auf Platz 28. Freundschaftsspiele bestreitet das Team weiterhin. So spielte die Sbornaja in den vergangenen Monaten und Jahren gegen Nationalmannschaften aus Syrien, dem Iran, Kamerun oder Chile. Es kam seit Kriegsbeginn in der Ukraine aber auch zu Partien gegen andere europäische Teams, etwa gegen Belarus oder Serbien. An großen Turnieren, der WM in Katar, der EM in Deutschland oder der WM in Nordamerika durfte sich die russische Mannschaft jedoch nicht qualifizieren.
Die Reaktion aus der Ukraine ließ nicht lange auf sich warten, in Kiew stießen Infantinos Aussagen auf blankes Entsetzen. Außenminister Andrij Sybiha reagierte in sozialen Netzwerken mit deutlichen Worten. Die Argumentation des Fifa-Präsidenten wies das ukrainische Außenamt entschieden zurück und verwies auf die Folgen des Krieges für ukrainische Sportler und Kinder.
„679 ukrainische Mädchen und Jungen werden niemals Fußball spielen. Russland hat sie getötet“, schrieb Sybiha. „Und es tötet weiter, während moralisch Degenerierte vorschlagen, Sanktionen aufzuheben.“ Künftige Generationen würden dies als Schande betrachten, so Sybiha, „vergleichbar mit den Olympischen Spielen von 1936“.
Ukrainische Vertreter erinnern zudem daran, dass die Fifa bereits 2023 versucht hatte, russische U17-Teams wieder zuzulassen. Nach massiver internationaler Kritik wurde die Idee jedoch rasch verworfen. In den vergangenen Monaten haben Ideen und Entscheidungen der Fifa immer wieder für Empörung in Kiew gesorgt. Beispielsweise echauffierten sich ukrainische Sportfunktionäre, dass auf einer Weltkarte bei der Auslosung zur kommenden WM, die annektierte Krim nicht als Teil der Ukraine dargestellt war.

In Russland hingegen wurden Infantinos Aussagen mit Genugtuung aufgenommen. Die frühere Biathlon-Olympiasiegerin Swetlana Ischmuratowa sprach von einem „überfälligen Signal“. Die Isolation habe „keinen positiven Effekt“, sagte sie dem russischen Sportsender Match TV. „Wenn die Fifa den Sport entwickeln will, braucht es Wettbewerb auf Augenhöhe.“
Auch Wjatscheslaw Koloskow, Ehrenpräsident des russischen Fußballverbands, forderte einen klaren Schritt seitens des Weltfußballverbands. Infantino solle beim kommenden Fifa-Kongress erklären: „Wir haben einen Fehler gemacht und korrigieren ihn. Wir bringen Russland zurück.“ Dann werde man Infantino applaudieren.
Der Fifa-Chef steht mit seiner Russland-Haltung übrigens nicht allein da. Auch Uefa-Präsident Aleksander Čeferin hatte sich in der Vergangenheit ebenfalls kritisch zum Ausschluss russischer Jugendteams geäußert. Der Slowene warnte davor, eine ganze Generation dauerhaft zu isolieren und damit langfristige Schäden für den europäischen Fußball zu riskieren.
Russland und die Fifa: Deutschland unterstützt Ukraine-Kurs
Gleichzeitig bleibt der politische Druck auf die Verbände hoch. Die ukrainische Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj betont, dass Russland Sport gezielt für staatliche Propaganda nutze. Viele russische Athletinnen und Athleten, die international als „neutral“ antreten, hätten enge Verbindungen zum Kreml oder öffentlich den Krieg unterstützt, schreibt der Kyiv Independent. Hunderte ukrainische Sportler, Trainer und Funktionäre seien seit 2022 getötet worden, zahlreiche Sportstätten seien laut ukrainischen Angaben durch russische Raketen zerstört.
Deutschland unterstützt den ukrainischen Kurs und verweist darauf, dass eine Rückkehr russischer Teams oder Athleten nur bei einem glaubwürdigen Bruch mit staatlicher Einflussnahme denkbar sei. Der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium mahnen, Neutralitätskonstruktionen dürften nicht zur Umgehung von Sanktionen führen. Skandinavische Länder wie Schweden, Norwegen und Finnland äußern sich besonders deutlich. Sie warnen davor, den Sport zu „normalisieren“, solange Russland einen Krieg führe, und betonen die Verantwortung internationaler Verbände gegenüber den Opfern des Krieges. Auch die baltischen Staaten oder Großbritannien schließen sich dieser Linie an und fordern, Sanktionen konsequent aufrechtzuerhalten, um politischen Druck auf Moskau nicht zu untergraben.
Auch einzelne prominente Fußballer meldeten sich zu Wort. Der polnische Superstar Robert Lewandowski erklärte früh, er werde nicht gegen Russland spielen, solange der Krieg andauere. In Deutschland äußerten Manuel Neuer und Joshua Kimmich Solidarität mit der Ukraine und unterstützten den Ausschluss russischer Teams. Der schwedische Ex-Star Zlatan Ibrahimovic verurteilte den Krieg ebenso scharf, norwegische Nationalspieler betonten, Sport könne nicht von der politischen Realität getrennt werden. Insgesamt bleibt jedoch auffällig, dass viele aktive Topspieler in der Frage sich überaus zurückhaltend zeigen.




