Religion

Die Kirche verliert ihre Schäfchen: Wer Wokeness predigt, braucht sich nicht über Austritte wundern

Zu teuer, zu politisch und zu weit weg von der Realität: Rund eine Million Menschen kehren den Kirchen jährlich den Rücken. Hätte weniger Regenbogen auf der Kanzel das verhindern können?

Gläubige hissen auf dem Petersplatz eine große Regenbogen-Fahne während des Angelus-Gebets von Papst Franziskus, der zum Ende des Ukraine-Kriegs aufruft.
Gläubige hissen auf dem Petersplatz eine große Regenbogen-Fahne während des Angelus-Gebets von Papst Franziskus, der zum Ende des Ukraine-Kriegs aufruft.Gregorio Borgia

Die Kirchen in Deutschland erleben einen seit Jahren messbaren Exodus. Bereits 2013 schrieb die Berliner Zeitung: „Schlange stehen für den Kirchenaustritt“. Im selben Jahr wurde vielerorts eine Austrittsgebühr von rund 30 Euro eingeführt. Offenbar in der Hoffnung, den Trend zu bremsen. Vergeblich. Gott gab den Menschen bekanntlich den freien Willen. Und viele nutzen ihn: Sie gehen – auch, wenn ihnen etwas fehlen würde.

Die hohe Zahl an Kirchenaustritten lässt sich zunächst sachlich erklären. Am häufigsten werden die Missbrauchsskandale als Grund genannt, vor allem in der katholischen Kirche. Daneben spielt aber auch ein ganz pragmatisches Motiv eine Rolle: der Wunsch, Geld zu sparen – schließlich bleibt nach dem Austritt mehr Netto vom Brutto. Die Möglichkeit, freiwillig (!) zu spenden, bleibt einem ja erhalten.

2026: Die Homepage des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Mitte zeigt die Regenbogen-Flagge.
2026: Die Homepage des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Mitte zeigt die Regenbogen-Flagge.Screenshot

Vielfalt statt Stabilität

Gleichzeitig begründet ein Verlust an Sinn für viele Menschen die Abkehr von der Institution. Über Jahrhunderte hinweg wurde die Kirche besucht, weil sie Stabilität und Orientierung versprach. Problematisch wird es, wenn dieses Fundament ins Wanken gerät; etwa dann, wenn zunehmend kulturelle und identitätspolitische Deutungen in Predigten auftauchen.

Debatten über queere Theologie oder die Forderung nach Fachkräften aus dem Nahen Osten sind längst in kirchlichen Kontexten angekommen. Auch die unterschiedliche Behandlung von Geflüchteten – wenn etwa für die einen gebetet wird, sie mögen bald in ihre Heimat zurückkehren (Ukrainer) und für die anderen, sie schaffen es sich zu integrieren (Syrer) – offenbart eine befremdliche Denkweise am Altar, die Jesus wohl kaum gutgeheißen hätte.

Und in Zeiten der Digitalisierung muss man nicht einmal mehr vor Ort sein, um diesen Irrweg zu verfolgen. Beiträge in sozialen Medien belegen die eigentliche Abweichung von Pfaden des Herrn. Für manche Gläubige, vermutlich aber vor allem für Ungläubige, wirkt das wie Vielfalt, sich Neuem zu öffnen und modern zu sein; für andere, für wahrhaftige Christen, wie Entfremdung, als hätte sich der Altar selbst verirrt.

Im Video zu sehen: Tim Lahr, evangelischer Queer-Pfarrer aus Köln, kämpft auf Social Media gegen LGBTIQ-Plus-Kritiker.

Es sterben mehr, als neue hinzukommen

Ob mit oder ohne einen vermeintlich queeren Jesus: Der Trend lässt sich nicht wegbeten. Zum Jahresende 2025 lebten in Deutschland rund 83,5 Millionen Menschen. Davon gehörten etwa 36,6 Millionen einer der beiden großen Kirchen an – das entspricht 43,8 Prozent der Bevölkerung, wie Mitgliederstatistiken aus 2025 zeigen.

Die katholische Kirche zählte rund 19,2 Millionen Mitglieder (23,0 Prozent), die evangelische Kirche etwa 17,4 Millionen (20,8 Prozent). Allein im Jahr 2025 sank die Mitgliederzahl um rund 1,13 Millionen.

Jahr für Jahr verlassen Hunderttausende die Kirchen, während gleichzeitig mehr Mitglieder sterben als neu hinzukommen. So standen etwa 2024 den rund 548.000 Todesfällen, deutlich weniger Taufen und Eintritte gegenüber.

2020: Der Kölner Dom lässt nur noch Gottesdienstbesucher und Betende herein, keine Touristen mehr. Eine Gläubige verfolgt den Gottesdienst.
2020: Der Kölner Dom lässt nur noch Gottesdienstbesucher und Betende herein, keine Touristen mehr. Eine Gläubige verfolgt den Gottesdienst.Oliver Berg
2013: Vor dem Kölner Dom weht die Regenbogenflagge.
2013: Vor dem Kölner Dom weht die Regenbogenflagge.imago stock&people

Alle 47 Sekunden tritt ein Mensch aus

Wie dramatisch die Entwicklung ist, zeigt auch der Blick zurück: 1995 lag die Zahl der Kirchenaustritte noch weit unter 200.000 im Jahr. Heute hat sie sich mehr als verdreifacht.

Noch drastischer wird die Entwicklung im langfristigen Vergleich. Vor wenigen Jahrzehnten waren über 90 Prozent der Deutschen Mitglied einer Kirche, heute sind es nicht einmal mehr 45 Prozent.

Und die Dynamik beschleunigt sich weiter: 2024 trat statistisch gesehen etwa alle 47 Sekunden ein Mensch aus der Kirche aus; berechnet auf Basis der durchschnittlichen Jahreszahlen. Erstmals stellen Konfessionslose inzwischen die größte, weltanschauliche Gruppe im Land.

Die Sache mit Wokeness und Politik

In Predigten, Stellungnahmen und kirchlichen Kampagnen dominieren heute oft Themen, die viele Gottesdienstbesucher eher aus politischen Debatten kennen als aus der Bibel. Auf Kirchentagen wird über gendergerechte Sprache diskutiert, Gemeinden organisieren Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare, Bischöfe äußern sich zu Migration oder Klimapolitik. Einige rufen gezielt zur Wahl konkreter Parteien auf. Oder - konkrete Parteien nicht zu wählen.

Das alles mag für kleine, aber laute Teile der Bevölkerung legitim sein, doch in der Summe entsteht der Eindruck, dass die Kirche immer öfter nur über das spricht, was sonst während politischen Wahlkämpfen gepredigt wird.

Pfarrer bezeichnet Menschen als „braune Sülze“

So kann es passieren, dass ein Pfarrer an Heiligabend weniger über die Weihnachtsbotschaft spricht als über seine persönliche politische Haltung – zumindest in der Mannheimer Jesuitenkirche war dies 2025 der Fall. Kurz bevor das Jesus-Kind zur Krippe getragen wurde, bezeichnete der glatzköpfige Botschafter Gottes Teile der Gesellschaft als „braune Sülze“. Er forderte die Kirchenbesucher - Familien, Kinder, Alte - auf, dass man „bestimmten Menschen“ entschieden entgegentreten müsse.

Auch das Erscheinungsbild des Gottesdienstes wirkte auf manche Besucher irritierend: Messdiener mit Piercings, bunt lackierten Fingernägeln – für einige ein Ausdruck von Fortschritt, für andere ein Bruch mit der Würde und dem Anlass des Moments.

Für viele Gläubige, gerade außerhalb urbaner Milieus, fühlt sich das wie ein Rollenwechsel an. Wer zur Messe geht, sucht keine moralische Einordnung der Tagespolitik, auch keine Wiedergabe der Abendnachrichten, sondern Orientierung jenseits davon: Trost, Sinn, Transzendenz.

Die Kirche erntet, was sie gesät hat: leise Entfremdung. Allein an jenem Heiligabend verließen doch zu viele Besucher die Messe vorzeitig. Jede Wette, dass ein paar von ihnen Anfang Januar ihre kirchliche Mitgliedschaft kündigten. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

Im Video zu sehen: Ein junger Mann in Drag-Aufmachung erklärt im Namen der Katholischen jungen Gemeinde Stuttgart, wie sich eine Gemeinde in einen „Safer Space“ verwandeln lasse.

Die Sache mit den Missbrauchsskandalen

Noch lange vor Inflation und Kulturdebatten kam der erste große Bruch – ein Fall aus der eigenen moralischen Höhe: die Missbrauchsskandale.

2010 machte der Rektor des Canisius-Kolleg in Berlin, Klaus Mertes, erstmals systematische Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich, die sich vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren ereignet hatten. Auf seinen Aufruf hin meldeten sich ehemalige Schüler, wodurch der Skandal bundesweit bekannt wurde. Es gab zwar eine Aufarbeitung, doch echte Reue kam bei der Gesellschaft kaum an.

2014 der nächste Skandal: Papst Benedikt XVI. macht öffentlich, in den letzten Jahren seines Pontifikats hunderte Priester wegen Kindesmissbrauchs aus dem Amt entfernt zu haben. 171 in den Jahren 2008 und 2009, 260 im Jahr 2011 und 124 im Jahr 2012. Für das Jahr 2010 wurden keine Zahlen veröffentlicht, sodass das tatsächliche Ausmaß noch darüber gelegen haben dürfte.

2005: Der damals neu gewählte Papst Benedikt XVI., zuvor Joseph Kardinal Ratzinger, grüßt die Menschen auf dem Petersplatz in Rom.
2005: Der damals neu gewählte Papst Benedikt XVI., zuvor Joseph Kardinal Ratzinger, grüßt die Menschen auf dem Petersplatz in Rom.Claudio Onorati

2018 dokumentierte die Mannheim-Heidelberg-Gießen- Studie (MHG) mindestens 3.677 Betroffene und über 1.600 beschuldigte Kleriker – bei unvollständiger Aktenlage und auf Basis von Untersuchungen in allen 27 deutschen (Erz-)Bistümern für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Für viele Gläubige war dabei nicht nur das Verbrechen selbst entscheidend, sondern vor allem der Umgang damit: Vertuschung, Versetzungen und mangelnde Transparenz.

2021 zeigte ein Bericht einer unabhängigen Kommission zu sexuellem Missbrauch in der Kirche zudem, dass seit den 1950er Jahren in Frankreich insgesamt bis zu 330.000 Kinder durch Vertreter der katholischen Kirche missbraucht wurden, mit mehreren tausend mutmaßlichen Tätern und überwiegend männlichen Opfern im Kindesalter.

Auch die evangelische Kirche steht inzwischen in der Kritik: Eine 2024 veröffentlichte Studie spricht von mehreren tausend Betroffenen und strukturellen Defiziten in der Aufarbeitung, wie ein Blick in die Aufarbeitungsstudien zur Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) zeigen. Und ist das Vertrauen einmal zerstört, lässt sich das nur mit Mühe wieder herstellen.

Kirche verliert Mitglieder, nicht Bedeutung

Das Paradoxe:  Trotz aller Skandale und trotz der massiven Austrittszahlen sagen laut einer repräsentativen Studie, über die auch die Tagespost – eine katholisch geprägte Wochenzeitung – berichtete, 71 Prozent der Deutschen, dass ihnen etwas fehlen würde, wenn es die Kirchen überhaupt nicht mehr gäbe.

2025: Christliche Pilger feiern das "Heilige Feuer" in der Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem.
2025: Christliche Pilger feiern das "Heilige Feuer" in der Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem.Stefan Arend

Vermisst würde vor allem die Kirche als Ort der Stille und Besinnung, gefolgt von ihrer kulturellen Bedeutung, dem Wertesystem sowie sozialen Angeboten. Klassische Aufgaben wie Seelsorge oder Glaubensvermittlung spielen dagegen eine deutlich geringere Rolle. Was schwindet, ist also nicht unbedingt das Bedürfnis nach Kirche, also nach der Institution selbst; es ist die Selbstverständlichkeit ihrer Präsenz im Alltag, meint zumindest die Zeitung.

Wir müssen endlich darüber reden dürfen

Ehrlicherweise muss man zugeben und festhalten, dass ja doch sehr viele Kirchenmitglieder noch Jahre nach den Missbrauchsskandalen und den ersten Regenbogen-Flaggen, die Kirchensteuer weiter bezahlten; sogar, ohne überhaupt in die Kirche zu gehen. Heißt, sie gaben die Hoffnungen und den Glauben (!) an das Institut Kirche lange nicht auf.

Genau deshalb muss die Frage ins Feld geführt werden, nein, sie muss in weiten Teilen der Gesellschaft endlich und ohne Tabu besprochen werden dürfen: Hätte weniger politische Aufladung, weniger Wokeness auf der Kanzel, den Exodus doch bremsen können?