Christentum

Leo XIV. gegen Trump: Die politische Wahrheit hinter dem „überraschenden“ Papst in Rom

Pontifex und POTUS liefern sich einen offenen Schlagabtausch. Das ist unterhaltsam, aber nicht überraschend. Warum sich eine Phalanx von Linken bis Christdemokraten zu Unrecht freut.

Manch alter weißer Mann mit Problemen hält sich für Napoleon, er hält sich für Jesus: Donald J. Trump
Manch alter weißer Mann mit Problemen hält sich für Napoleon, er hält sich für Jesus: Donald J. TrumpDonald Trump / KI-generiert

Es ist dieser Tage ein Phänomen zu beobachten, das man getrost als kollektive Amnesie der westlichen Öffentlichkeit bezeichnen darf. Mit einer Mischung aus erstaunten Augenbrauen und feuilletonistischem Raunen wird zur Kenntnis genommen, dass Papst Leo XIV. – der erste US-amerikanische Pontifex der Geschichte – sich in einen veritablen Schlagabtausch mit Donald Trump verwickelt hat. Der Papst, so heißt es allenthalben, sei eine „politische Wahl“ des Konklave gewesen. Holy shit, Leute!

Denn solche Themen offenbaren vordergründig eines: das erschreckende Maß an historischer Ahnungslosigkeit. Denn die römisch-katholische Kirche und der Vatikanstaat bilden in ihrer Einheit die älteste, machtbewussteste und – ja, das muss man so klar sagen – reaktionärste durchgehend operierende Organisation der Menschheitsgeschichte. Eine Wahl, die in dieser Institution stattfindet, ist niemals „nur“ geistlich. Sie war es nie. Und sie wird es nie sein.

Eine kleine Geschichte der Machtpolitik im Purpur

Wer das nicht glauben mag, dem sei ein kurzer Streifzug durch zweitausend Jahre Papstwahl empfohlen. Bereits im Jahr 418, als nach dem Tod des Papstes Zosimus zwei Männer zugleich auf den Stuhl Petri Anspruch erhoben, war es nicht etwa ein Geistlicher, der die Sache entschied – sondern Kaiser Honorius, der kurzerhand Bonifatius I. zum rechtmäßigen Papst erklärte. So viel zur frommen Vorstellung, der Heilige Geist habe sich in römischen Konklaven jemals ungestört entfalten können.

Im 11. Jahrhundert wurde das Papstamt zeitweise zur Beute römischer Adelsfamilien wie der Tusculaner; Benedikt IX. ist bis heute das Lehrstück dafür, wie man mit dem Stuhl Petri umspringen kann, wenn man die richtigen Verwandten hat. Wer heute über Vetternwirtschaft im Vatikan die Nase rümpft, sollte sich klarmachen, dass dies historisch eher die Regel als die Ausnahme war.

Der berüchtigtste Fall politisch erpresster Papstwahlen aber ist das Konklave von Viterbo 1268 bis 1271 – ganze 1005 Tage dauerte es, weil sich pro-französische und kaiserlich-staufische Kardinalsfraktionen gegenseitig blockierten. Die Bürger Viterbos hatten irgendwann genug, sperrten die Herren Eminenzen ein (daher unser Wort Konklave – „mit Schlüssel“), kürzten die Verpflegung und ließen am Ende sogar das Dach des Bischofspalasts abdecken. Erst unter Hitze, Regen und Hunger einigte man sich auf einen Kompromisskandidaten, der nicht einmal Kardinal war: Gregor X. Aus dieser drastischen Erfahrung entstand 1274 mit Ubi periculum das moderne Konklave-Verfahren. Eine Reform, geboren aus purer Machtpolitik.

Es ging munter weiter: 1305 sicherte sich der französische König Philipp IV. so massiven Einfluss, dass mit Clemens V. ein französischer Papst gewählt wurde, der prompt seinen Sitz nach Avignon verlegte – Beginn jener Periode, in der sieben französische Päpste in Folge regierten. 1378 endete das Ganze in einem regelrechten Schisma mit zwei, zeitweise drei konkurrierenden Päpsten, weil französische und italienische Interessen unvereinbar geworden waren.

Im Renaissance-Konklave 1492 kaufte sich Rodrigo Borgia, der spätere Alexander VI., das Amt schlicht durch Simonie zusammen. 1644 stritten Frankreich und Spanien per „Kardinalprotektoren“ um den Ausgang. Und noch 1903 legte Kaiser Franz Joseph I. via Kardinal Puzyna ein formelles ius exclusivae-Veto gegen den Favoriten Mariano Rampolla ein – woraufhin Giuseppe Sarto als Pius X. gewählt wurde. Erst dieser verbot dann 1904 das monarchische Vetorecht in der Konstitution Commissum Nobis.

Vor diesem historischen Hintergrund sollte die einzige seriöse Frage nicht lauten, ob das Konklave 2024 politisch entschieden hat, sondern: Wie sehr eigentlich – und entlang welcher Bruchlinien?

Die Wahl Leos: Antizipierter Ernstfall

Dass eine im November 2024 wiedergewählte Trump-Regierung für die katholische Kirche in nahezu jeder zentralen Frage – Migration, Krieg, Klima, soziale Frage, religiöser Nationalismus – zum Stresstest werden würde, war für jeden halbwegs nüchternen Beobachter absehbar. Ein Kardinalskollegium, das genau das nicht in seine Überlegungen einbezogen hätte, wäre in seinen institutionellen Sorgfaltspflichten grob fahrlässig gewesen.

Die Wahl eines US-Amerikaners war dabei kein Zufall, sondern ein präziser strategischer Schachzug: Nur ein Papst mit US-Pass kann Trump das wegnehmen, was dieser am dringendsten braucht – die Behauptung, „die Amerikaner“ stünden hinter ihm.

Trump selbst hat in einem seiner Truth-Social-Wutausbrüche unfreiwillig den Kern getroffen: „If I wasn't in the White House, Leo wouldn't be in the Vatican.“ Ja, klar. War doch offensichtlich, nur eben in umgekehrter Logik.

Wer übrigens glaubt, religiöse Institutionen seien als geopolitische Akteure ein katholisches Sonderphänomen, dem sei der Blick nach Osteuropa empfohlen. Patriarch Kyrill von Moskau hat den Angriffskrieg gegen die Ukraine theologisch flankiert, mit eigenen „Russki Mir“-Konzepten ausgestattet und sich damit endgültig zur geistlichen Ressortleitung des Kremls gemacht.

Die Spaltung der orthodoxen Welt zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel ist keine theologische Petitesse, sondern Geopolitik im Talar und mit orthodoxem Fusselbart. Religion und Macht – das war nie zu trennen, und wer es heute trennt, hat entweder nicht hingesehen oder will nicht hinsehen.

Iran-Krieg und die rhetorische Eskalation

Konkret entzündete sich der Streit zwischen Vatikan und Weißem Haus an der „Operation Epic Fury“, dem gemeinsamen US-israelischen Krieg gegen Iran, der am 28. Februar begonnen wurde. Trump drohte am 7. April, „eine ganze Zivilisation“ werde „heute Nacht sterben, niemals wiederzubringen“, sollte Iran nicht die Straße von Hormus öffnen. Leo nannte das nicht weniger als das, was es war: „wahrhaft inakzeptabel“. Es seien „sicherlich Fragen des Völkerrechts, aber viel mehr noch eine moralische Frage“.

Trump reagierte, wie Trump reagiert: mit der Behauptung, Leo sei „WEAK on Crime, and terrible for Foreign Policy“, er solle „sich zusammenreißen“ und „nicht der radikalen Linken nachgeben“. Garniert wurde das Ganze von einem KI-generierten Bild, das den Präsidenten als Jesus-ähnlichen Heiler darstellte – nach Protesten auch aus dem evangelikalen Lager wieder gelöscht. Zwei Tage später folgte ein Bild, das Trump in Jesu Armen zeigte, US-Flagge im Hintergrund. Theologisch eher gewagt.

Leo blieb gelassen: Er habe „keine Furcht vor der Trump-Administration“ und werde weiter laut „die Botschaft des Evangeliums“ verkünden. Auf seiner Afrika-Reise legte er in Bamenda im westlichen Kamerun nach: „Wehe denen, die die Religion und den Namen Gottes für ihren militärischen, wirtschaftlichen und politischen Profit manipulieren, die das Heilige in Dunkelheit und Schmutz ziehen.“ Und: „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen verwüstet.“

Niemand wurde namentlich genannt. Niemand musste namentlich genannt werden.

Vance, der Hobby-Theologe

Den intellektuell erstaunlichsten – und sagen wir ruhig: skurrilsten – Beitrag lieferte Vizepräsident JD Vance, ein zum Katholizismus konvertierter Schüler diverser konservativer Strömungen. Bei einem Turning-Point-USA-Event an der University of Georgia belehrte Vance den Papst, dieser solle „vorsichtig sein, wenn er über theologische Fragen spricht“, und sich vergewissern, dass diese „in der Wahrheit verankert“ seien. Den Augustinerpapst – Leo war über ein Jahrzehnt Generalprior der Augustiner – belehrte Vance ausgerechnet über die christliche Lehre vom gerechten Krieg, die wesentlich auf Augustinus zurückgeht.

Die US-Bischofskonferenz reagierte mit einer für vatikanische Verhältnisse erstaunlich deutlichen Klatsche, ausgesprochen vom Vorsitzenden der Glaubenskommission Bishop James Massa: Wenn der Papst als oberster Hirte spreche, biete er keine Meinungen an, sondern verkünde das Evangelium „als Stellvertreter Christi“. Und im Kern der Lehre vom gerechten Krieg stehe nun einmal, dass dieser nur im Falle der Selbstverteidigung legitim sei, „nachdem alle Friedensbemühungen gescheitert sind“. Genau das hatte Leo gesagt – und genau das, was Trump in Iran tat, war es nicht.

Man darf das, was Vance hier vorführte, mit einem klaren Wort benennen: Anmaßung. Oder, wie es ein Kommentator im Atlantic eleganter formulierte, mit der jiddischen Chuzpe. Dass Hauptamtspolitiker einer säkularen Republik dem Bischof von Rom in Echtzeit per Talkshow erklären, wie Theologie geht, war auch in der bewegten Geschichte des Verhältnisses Washington–Vatikan eine Premiere.

Die eigentlich interessante Frage: Warum die Linke jubelt

So weit, so erwartbar. Wirklich diskutierwürdig wird der Vorgang erst, wenn man fragt, warum ausgerechnet jetzt linke und progressive Stimmen in Europa und den USA den Vorsitzenden einer Institution als Heilsbringer feiern, die im Kern nach wie vor frauenfeindlich ist (kein Diakonat, geschweige denn Priestertum für Frauen), die queere Menschen bestenfalls „begleitet“, aber nicht anerkennt, die Empfängnisverhütung weiterhin offiziell ablehnt und deren weltliche Geschichte ein Lehrbuch der Reaktion bietet – von der Inquisition über den Index bis zur jahrzehntelangen Vertuschung des sexuellen Missbrauchs.

Die Antwort ist unbequem: Weil die progressive und sozialdemokratische Linke des Westens politisch so erschöpft ist, dass sie jeden hörbaren moralischen Gegenklang dankbar adoptiert – auch wenn dieser aus einer Institution kommt, die sie ansonsten zu Recht für vieles kritisiert. Es ist das Eingeständnis einer Leerstelle. Wenn die einzige große Stimme, die Trumps Kriegsrhetorik mit moralischem Gewicht widerspricht, in Rom sitzt und einen weißen Talar trägt, dann ist das nicht primär ein Triumph der Kirche, sondern eine Bankrotterklärung der weltlichen Mitte und Linken.

Das Phänomen reicht weit hinein in die christdemokratischen Apparate Europas. Die EVP, die sich einst als ideelle Heimat Helmut Kohls und Jacques Delors’ verstand, hat ihre eigene Sprache gegenüber dem Trumpismus – und gegenüber den autoritär-nationalistischen Tendenzen in den eigenen Reihen – weitgehend verloren. Wenn Friedrich Merz oder Manfred Weber zu den großen moralischen Fragen der Stunde schweigen oder lavieren, springt eben der Papst ein. Das ist, wenn man so will, eine kuriose historische Pointe: Die katholische Soziallehre wird zum letzten Refugium christdemokratischer Selbstvergewisserung – ausgeführt ausgerechnet von einem amerikanischen Augustiner.

Man kann darin etwas Tröstliches sehen. Man muss aber auch sehen, was es bedeutet: dass die demokratisch legitimierten politischen Kräfte des Westens es nicht schaffen, ein eigenes, säkulares, durchsetzungsfähiges Gegen-Narrativ zu Trump zu formulieren. Sie outsourcen Moral nach Rom. Das ist, mit Verlaub, kein nachhaltiges Geschäftsmodell für die liberale Demokratie.

Die Pointe: Wenn Sektierer den Papst von rechts angreifen

Den vielleicht skurrilsten Effekt aber produziert die andere Flanke des Spektrums. Während die linke Mitte den Papst feiert, formiert sich eine ultrakonservative bis rechtskatholische Opposition, die Leo XIV. von rechts außen attackiert – und dabei nahtlos das Narrativ einer „Christenverfolgung im Westen“ bedient.

Diese Strömungen sind im Kern Erben jener traditionalistischen Milieus, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) gegen jede Reform stemmen. In den USA verbinden sie sich mit dem evangelikalen „Religious Right“-Milieu, das seit den 1970er Jahren Religion und politische Identität zu einer kulturkämpferischen Mischung verschmolzen hat. Hinzu kommen rechtskatholische Netzwerke, die Papst Franziskus bereits offen der Häresie bezichtigten und Leo nun bruchlos in derselben Tradition verorten. Aus der protestantisch-fundamentalistischen Ecke hört man ohnehin den seit Reformationszeiten gepflegten Antikatholizismus, der den Papst grundsätzlich für illegitim hält – jetzt aber, in geradezu dialektischer Volte, plötzlich gemeinsame Sache mit jenen Rechtskatholiken macht, die ihren eigenen Papst für einen „linken Verräter“ halten.

Das gemeinsame Vehikel ist das Narrativ der Christenverfolgung. Es speist sich aus realen Sachverhalten – Christenverfolgung ist global ein bitteres Faktum, etwa in Teilen Nigerias, Pakistans, Nordkoreas oder im Nahen Osten. Aber es wird umgemünzt in eine Erzählung, in der westliche Demokratien als Verfolgungsorte christlicher Identität auftreten: Pride-Paraden, Genderdebatten, Migrationspolitik, säkulare Bildung – alles wird zum Beleg einer angeblichen Repression. Wer Privilegien verliert, deutet das als Verfolgung um.

Wenn nun Leo den US-Iran-Krieg verurteilt, kippen diese Kreise das Narrativ kunstvoll: Der Papst sei nicht etwa ein Mahner, sondern selbst Teil einer „globalistischen“, „linksliberalen“ Verschwörung, die die „wahren Christen“ im Stich lasse – die in dieser Logik selbstverständlich Trump, Vance und die MAGA-Bewegung sind. Es ist eine theologische Selbstermächtigung der Laien gegen die Hierarchie, ausgerechnet von jenen, die sich sonst als Hüter der Tradition feiern. Dass dabei Leute wie Pete Hegseth, der US-Verteidigungsminister, im Pentagon Gebete zelebrieren, die „überwältigende Gewalt“ und „Gerechtigkeit ohne Reue“ beschwören, fügt sich ins Bild: Religiöse Sprache wird hier zur Camouflage für eine im Kern säkular-imperiale Politik.

Die Pointe ist, dass diese Strömungen nicht aus der Mitte irgendeiner Kirche kommen, sondern aus deren rechten Rändern – aber durch das Echolot der sozialen Medien Lautstärken erzeugen, die ihrer realen Verankerung nicht entsprechen. Sie sind isoliert, aber laut. Sie sind theologisch dünn, aber politisch wirksam. Und sie zeigen, dass der Konflikt zwischen Vatikan und Weißem Haus am Ende nicht zwischen „Religion“ und „Politik“ verläuft, sondern innerhalb der religiösen Sphäre selbst – als Kulturkampf um die Frage, wem das Christentum gehört.

Was tun?

Es bleibt ein letzter Befund. Trump hat als Vergeltungsmaßnahme einen 11-Millionen-Dollar-Vertrag mit den Catholic Charities der Erzdiözese Miami gekündigt, die seit Jahrzehnten unbegleitete minderjährige Migranten betreuen. Der Erzbischof von Miami, Thomas Wenski, nannte das „verblüffend“. Es ist mehr als das. Es ist die Übersetzung der Truth-Social-Polemik in konkrete Politik – und sie trifft, wie so oft, die Schwächsten.

Vielleicht wird man rückblickend sagen, dass im Frühjahr 2026 ein neues Kapitel im Verhältnis zwischen den USA und dem Vatikan begonnen hat: nicht mehr das diplomatisch eingehegte Verhältnis von Bush und Johannes Paul II. anno 2004, das auch bei Konflikten die Form wahrte, sondern ein offener Schlagabtausch, in dem ein US-Präsident dem Papst per Caps-Lock die Leviten liest und ein Pontifex auf Kameruns Bischofssitzen von „Tyrannen“ spricht.

Wer das für überraschend hält, versteht zwei Jahrtausende Geschichte nicht. Wer es für skandalös hält, sollte einmal überlegen, in welchem dieser zwei Jahrtausende es eigentlich anders war. Und wer auf den Papst hofft, weil ihm sonst niemand mehr einfällt – der sollte sich vielleicht weniger über Leo XIV. wundern als über sich selbst.

Zum Autor: Harald Neuber ist Nachrichtenchef der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Er schreibt nicht unter Pseudonym, vor allem nicht, wenn er Analysen über die Kirche verfasst. Neuber wurde im katholischen Aachen auch unter jesuitischer Führung ausgebildet und hat als Ministrant der örtlichen Herz-Jesu-Kirche die Sakramente der Heiligen Kommunion sowie der Firmung empfangen. Er schwört bis heute, dass das nicht nur wegen der Geschenke geschehen ist. Später wurde er im gleichen Soziotop Marxist-Leninist. Er hat sich von beiden Lehren seiner Meinung nach erfolgreich emanzipiert.