Gespräch

Richard David Precht im Interview: „Die Nato ist vielleicht nur ein riesiger Bluff“

Der Philosoph Richard David Precht hält Aufrüstung für sinnlos und sieht die Meinungsfreiheit bedroht. Zudem erzählt er, was er mit 15 zu DDR-Zeiten im Tierpark erlebte.

Richard David Precht in Berlin-Mitte: „Es hat für Deutschland kaum einen Sinn aufzurüsten.“
Richard David Precht in Berlin-Mitte: „Es hat für Deutschland kaum einen Sinn aufzurüsten.“Ina Schoenenburg/Ostkreuz

Dieses Interview ist zuerst am 24.05.2025 erschienen.

Richard David Precht ist einer der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland, manchen gilt er als letzter Universalgelehrter und manchen als eitel. Immer wieder äußert er sich zu aktuellen Debatten, so auch in diesem Interview. Er sagt, was er von der Aufrüstung, von Trump und der Nato hält, und warum er nicht glaubt, dass die Russen in Deutschland einmarschieren werden. Bevor das Interview beginnt, lobt er die Berliner Zeitung: Er nennt sie einen Lichtblick in der deutschen Zeitungslandschaft – wegen der Meinungsvielfalt, die dort herrsche. Precht lebt in Düsseldorf, dort sind wir im Lorettoviertel verabredet, einer Nachbarschaft mit vielen Altbauten, Cafés und kleinen Geschäften.

Herr Precht, Sie sind Philosoph. Philosophen streben danach, die Welt zu verstehen. Verstehen Sie die Welt gerade?

Dieses Streben ist eine unendliche Aufgabe, an der man immer scheitert. Man kann nur versuchen, das auf hohem Niveau zu tun. Ich glaube aber nicht, dass die Welt heute sehr viel schwerer zu verstehen ist als früher.

Als der Ukrainekrieg 2022 begann, sprach der damalige Kanzler Olaf Scholz von einer Zeitenwende. Dieses Wort hat seit dem Amtsantritt von Donald Trump eine ganz neue Bedeutung bekommen, oder?

Das ist ein Lieblingswort von Olaf Scholz, er benutzte es auch zuvor häufig. Für ihn bedeutete das nicht ganz so viel. Es bedeutete aber denjenigen viel, die heraushören wollten, dass das auf lange Zeit das Ende einer Annäherung an Russland ist und wir uns auf eine dauerhafte Konfrontation einstellen müssen. Im Hinblick auf Donald Trump ist der Begriff Zeitenwende sicher sehr viel angebrachter, wobei ich in ihm nicht den Hauptgrund der Veränderungen sehe.

Was sehen Sie dann in Trump?

Trump ist eher ein Symptom. Die große Zeitenwende, die wir gegenwärtig erleben, ist der Übergang von der Zeit der Hegemonie der USA in eine multipolare Weltordnung. Das hat nicht mit Donald Trump begonnen, sondern bereits vor zehn, 15 Jahren, mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas. Andere Länder werden dazukommen. Das heißt, wir werden nicht mehr in einer Welt leben, die so von den USA dominiert wird, wie Menschen unserer Generation das kannten. Das bedeutet, dass wir Europäer unseren Kompass neu justieren müssen.

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Ina Schoenenburg/Ostkreuz
Zur Person
Der Philosoph Richard David Precht, geboren 1964, ist einer der bekanntesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Seit 14 Jahren ist er Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.
Schlagartig bekannt wurde er mit „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung „Precht“ im ZDF und diskutiert zusammen mit Markus Lanz in dem Podcast „Lanz & Precht“ über gesellschaftliche, politische und philosophische Themen. Im Herbst erscheint sein Essay „Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet“ (Goldmann).

Die letzte Zeitenwende fand 1989 statt. Die hatten die Deutschen positiv empfunden, für sie bedeutete es den Mauerfall. Die heutige Zeitenwende scheint aus der Perspektive der Deutschen und der Europäer vor allem Ungewissheit mit sich zu bringen.

Das weiß ich gar nicht. Wenn es mehrere Weltmächte gibt, ist die Balance natürlich schwieriger, als wenn es nur eine oder zwei gibt. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass China, ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen, Anspruch darauf erhebt, eine Weltmacht zu sein. Die muss es auch deshalb sein, um diese 1,4 Milliarden in eine glückliche Zukunft führen zu können. Das Gleiche gilt für Indien. Die Mächte, die jetzt hervorstreben, stellen zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung. Es ist nicht ganz unnatürlich, dass sie in eine starke Position drängen und eigenständige Pole werden. Selbst wenn wir wollten, könnten wir das nicht verhindern.

Und Sie betrachten das mit Neugier? Oder haben Sie auch Bedenken oder Angst?

Natürlich sind unruhige Zeiten auch immer gefährliche Zeiten. Es gilt, so intelligent wie möglich darauf zu reagieren. Darin sind wir derzeit leider schlecht. Wir sehen Europa als den Mittelpunkt der Welt, im Zweifelsfall auch noch Deutschland. Wir sehen, dass die USA sich von uns distanzieren und kriegen sofort Angst, dass die Russen uns angreifen könnten. Und wir sehen, dass es nichtdemokratische Länder sind, die diesen Aufstieg hinlegen. Indien ist nur formal eine Demokratie, China ist keine Demokratie und wird auch keine werden. Und Russland ist ebenfalls eine Pappdemokratie. Das beängstigt uns.

Können Sie das nicht verstehen?

Wir müssen aber doch weder in China, in Russland noch in Indien leben. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu entscheiden, was diese Länder für eine Regierung haben. Das ist der alte christliche Missionseifer, der meint, andere müssten dieselben Werte und Herrschaftssysteme haben wie wir. Jeder Chinese wird Ihnen in einer halben Stunde erklären können, dass man China nicht in absehbarer Zeit in eine liberale Demokratie verwandeln kann, ohne dass das Land ins Chaos abgleitet.

Sie sprachen gerade von der deutschen Angst vor einem russischen Angriff. Deutschland rüstet massiv auf. Hätten Sie mit so etwas gerechnet?

Überhaupt nicht. Und es bestürzt mich. Ich halte die Gefahr eines russischen Angriffs auf Deutschland für äußerst minimal. Es gibt kein Motiv dafür, wohingegen es für den Angriff auf die Ukraine ein aus russischer Sicht starkes Motiv gab. Putin verfolgt eine strategische Machtpolitik, die er wie ein Schachspieler berechnet. Krieg gehört dabei leider zu seinen Mitteln. Aus meiner Sicht ist das verbrecherisch. Aber Putin wird deshalb noch lange nicht so etwas Irrsinniges tun, wie die polnische Grenze zu überqueren. Denn in dem Moment müssen wir mit einem Dritten Weltkrieg rechnen, in dem alle sterben. Es hat deshalb auch für Deutschland kaum einen Sinn aufzurüsten, denn für den Fall, dass es einen Krieg gäbe, würden wir ihn verlieren.

Auch wenn wir militärisch stark wären?

Ja, weil der Krieg in Deutschland und Polen ausgetragen würde. Dann würde hier kein Haus mehr stehen und kein Mensch mehr leben. Das heißt, wir haben in diesem Krieg rein gar nichts zu gewinnen. Aber ehrlich gesagt, geht es bei der zukünftigen Aufrüstung ja ohnehin nicht um Landesverteidigung. Das ist das, was man den Leuten erzählt, damit sie emotional getriggert werden.

Worum geht es Ihrer Meinung nach dann?

Es geht um die Frage, ob wir Litauen verteidigen würden. Also darum, ob die Nato stabil und belastbar ist. Wir glauben nicht wirklich, dass Putin seine Heere durch Weißrussland und Polen bis nach Deutschland schickt. Aber wir haben Angst, dass er begreift, dass die Nato möglicherweise nicht funktioniert. Würden wir für Litauen den Dritten Weltkrieg riskieren? Im Zweifelsfall wahrscheinlich nicht. Das heißt, die Nato ist vielleicht nur ein riesiger Bluff, und der ist mit Trumps opportunistischer Politik aufgeflogen. Und jetzt haben viele Panik, dass Putin diese Situation militärisch ausnutzt.

Richard David Precht: „Jeder Bundeskanzler weiß, dass wir unsere Kinder nicht in einen Krieg schicken würden, um Litauen zu verteidigen.“
Richard David Precht: „Jeder Bundeskanzler weiß, dass wir unsere Kinder nicht in einen Krieg schicken würden, um Litauen zu verteidigen.“Ina Schoenenburg/Ostkreuz

Die Nato ein Bluff? Warum rüsten wir dann so sehr auf?

Die Aufrüstung ist eine Panikreaktion, weil wir plötzlich sehen: Okay, die USA würden uns nicht verteidigen. Würden es andere tun? Und wären wir bereit, andere Nato-Länder im Falle eines Krieges zu unterstützen? Das ist die große Unsicherheit. Die Nato glaubt gerade nicht mehr so recht an sich selbst, und das macht sie derzeit sehr forsch und sehr laut. Wir drohen aus Unsicherheit. Dabei weiß jeder deutsche Bundeskanzler, dass wir unsere Kinder nicht in einen Krieg schicken würden, um Litauen zu verteidigen.

Die Gruppen, die sich in der heutigen Nachrüstungsdebatte gegenüberstehen, sind doch im Grunde dieselben wie zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses in den Achtzigern, oder? Die einen sagen, man müsse sich auf Krieg vorbereiten, wenn man Frieden wolle, und die anderen sagen, Säbelrasseln provoziert Krieg.

Nur dass diejenigen, die damals gesagt haben, Säbelrasseln erzeuge Krieg, heute auf der Gegenseite stehen. Die Grünen sind die Partei jener Leute geworden, gegen die sie einst gegründet wurden. Wenn sich diese Partei heute nochmal gründen würde, wären die real existierenden Grünen ihre größten Feinde.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Macht korrumpiert, das ist nichts Neues. Parteien neigen immer dazu, sich nach und nach in die Mitte zu bewegen. Die Sozialdemokraten waren mal eine radikale Arbeiterpartei, doch irgendwann waren sie die Partei Helmut Schmidts und Gerhard Schröders. Auch die CDU ist verglichen mit dem, was sie in den 50er-, 60er-Jahren war, in die Mitte gezogen. Und Merkel hat das vollendet. Das ist ganz normal, denn in der Mitte werden Wahlen gewonnen. Wenn man an die Macht kommen will, muss man Kompromisse machen und dabei Weltanschauung und Idealismus überwinden. Und wenn man an der Macht ist, will man an der Macht bleiben.

Meine Hypothese ist: Alle wollen doch eigentlich Frieden. Aber es gibt eine Situation, in der man sich sogar moralisch dazu aufgefordert fühlen kann, doch Krieg zu führen oder einen Krieg zu unterstützen, nämlich wenn man glaubt, dass es um eine gerechte Sache geht, man also im Recht ist. Ist es nicht das, was gerade passiert?

Nein. Wenn es ernsthaft um Moral ginge, dann müssten wir uns doch auch in vielen anderen Ländern ernsthaft einmischen. Im Sudan etwa, wo sich der grausigste Krieg unserer Zeit abspielt. Dort könnten wir mit minimalem Aufwand Hunderttausende Menschenleben retten. Tun wir aber nicht, wir bleiben völlig moralfrei und sehen tatenlos zu.

Und warum tun wir es in der Ukraine?

Weil die USA, der Sieger, nach Ende des Kalten Krieges einfach weitergemacht haben. Sie haben die Nato beibehalten, die ein Verteidigungsbündnis gegen Russland ist, und haben sie sogar immer weiter ausgedehnt und die Russen gleichsam eingekesselt. Die Ukraine und Georgien waren die letzten Bastionen, die noch fehlten. Mit der Wahl Selenskyjs kam in der Ukraine ein Präsident an die Macht, der sich bedingungslos an die USA, insbesondere an die Biden-Regierung hielt, massiv aufrüstete und die Nato-Mitgliedschaft ansteuerte. Russland hat darauf reagiert und die Ukraine völkerrechtswidrig mit einem schrecklichen Krieg überzogen, was ich zutiefst verurteile. Aber ich teile nicht die simple Erzählung, dass es hierbei um die „Freiheit des Westens“ geht. Und ich glaube auch nicht, dass Putin nun plant, Nato-Staaten anzugreifen.

Diesen Gegensatz zwischen Freiheit und Diktatur hat in den Achtzigern auch Helmut Schmidt aufgemacht. Er sagte, wer den Frieden als absolut höchsten Wert setzt, muss damit rechnen, dass er die Freiheit aufopfern muss.

Aber derselbe Helmut Schmidt hat auch davor gewarnt, Russland einzukesseln und zu viele Länder in die Nato aufzunehmen. Sicher, viele Staaten wollten das, sie hatten schlechte Erfahrungen mit Russland gemacht, Polen und das Baltikum an erster Stelle. Und die USA, die der große Sieger waren, wollten ihren Machtbereich ausdehnen. Unser Fehler war, dass wir in den 90er-Jahren kein neues Verteidigungssystem unter Einbeziehung Russlands geschaffen haben. Das wäre damals möglich gewesen, wenn der Sieger gewollt hätte. Stattdessen haben wir in einer neuen Welt, in der wir nicht mehr von Russland bedroht waren, die alten Strukturen beibehalten. Das ist die Mutter aller Konflikte mit Russland.

Sie sagten vorhin, Trump sei ein Symptom der Zeitenwende. Was meinen Sie damit?

Er ist vor allem ein Symptom einer durch und durch kapitalistischen Welt. Es gibt heute fast nur noch kapitalistische Länder. Zugleich sind wir Kapitalisten unserer selbst, wir versuchen alle, das Optimum für uns zu schaffen und so effizient wie möglich zu leben. Wir leben in einem kulturellen Kapitalismus. Da ist es doch der logisch nächste Schritt, dass sich die Politik von allen sozialen Werten befreit und auch durch und durch kapitalistisch wird. Diesen Schritt hat Donald Trump vollzogen. Das ist der Kapitalismus in Reinform an der Macht. Wahrscheinlich wird es Schule machen, dass man Länder wie Firmen führt.

Wobei J.D .Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz durchaus von Werten gesprochen hat. Was haben Sie gedacht, als Sie seine Rede gehört haben?

Ich war schon sprachlos. J.D. Vance in der Rolle des Freiheitskämpfers ist eine schräge Besetzung. Vor allem, wenn man weiß, wie Donald Trump versucht, gegen die amerikanischen Leitmedien vorzugehen und die Meinungsfreiheit in den USA einzuschränken. Vance hat ziemlich viel Unsinn erzählt, aber er hat leider auch punkten können, etwa als er auf Rumänien zeigte. Rumänien hat nicht zuletzt auf Druck der EU und der USA, damals noch unter Biden, aufgrund von schlecht bewiesenen Behauptungen im Dezember 2024 eine Wahl nicht anerkannt. Das ist ein einmaliger Vorgang. Und zuletzt hat Rumänien ein Gesetz vorgelegt, mit dem die Meinungsfreiheit auf ein für ein EU-Land beispiellose Weise eingeschränkt werden soll. Das sind bedenkliche Entwicklungen. Darauf hat Vance zu Recht hingewiesen, bei all dem Blödsinn, den er sonst erzählt hat.

Es gibt einen Passus im Koalitionsvertrag, in dem es heißt, dass die bewusste Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen durch die Meinungsfreiheit nicht gedeckt sei. Deshalb müsse die staatsferne Medienaufsicht unter Wahrung der Meinungsfreiheit auf der Basis klarer gesetzlicher Vorgaben gegen Informationsmanipulation sowie Hass und Hetze vorgehen können. Auch wenn man noch nicht weiß, ob und was möglicherweise gesetzgeberisch geplant ist – was halten Sie davon?

Ich halte das für gefährlich. Nehmen wir die Pandemie. Nehmen wir Menschen, die gleich zu Anfang der Impfkampagne gesagt haben, die Covid19-Impfung schütze nicht vor Ansteckung. Dann wäre das, bei neuer Gesetzeslage, als eine falsche Tatsache strafrechtlich verfolgt und im Netz gelöscht worden. Denn der offizielle Stand war, die Impfung verhindert die Ansteckung. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass der Zweifel daran richtig war und die Impfung Ansteckungen nicht verhinderte. Was lernen wir daraus? Wissensbestände können sich ständig ändern. Warum kann unsere Gesellschaft nicht damit umgehen, dass es Menschen gibt, die nicht an den menschengemachten Klimawandel glauben? Dann sollen sie halt. Ich finde die auch nicht schlimmer als diejenigen, die an den Klimawandel glauben, wie Friedrich Merz, aber nichts Entscheidendes tun, um ihn zu verhindern. Warum dürfen die Leute nicht Unsinn erzählen! Wir haben das in der Bundesrepublik immer ausgehalten, warum heute plötzlich nicht mehr?

Ein Grund dafür ist sicher, dass in den sozialen Medien jeder senden und damit eine Menge Leute erreichen kann.

Alles Wichtige ist längst gesetzlich geregelt. Im Netz gelten die gleichen Regeln wie auf der Straße. Man darf Menschen nicht schwer beleidigen, man darf nicht zu Gewalttaten aufrufen, man darf den Holocaust nicht leugnen. Aber wieso definieren wir Beleidigung im Netz auf einmal so dünnhäutig? Ist es wirklich eine schwere Beleidigung, wenn jemand Robert Habeck einen „Schwachkopf“ nennt? Der Staat hat seine Bürger vor Beleidigungen zu schützen, aber er hat nicht zu kontrollieren, was die Leute zu denken haben. Auch nicht im Netz.

Im Herbst erscheint Ihr neues Buch „Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet“. Was meinen Sie mit Angststillstand?

Das Institut für Demoskopie in Allensbach fragt die Bürger seit Bestehen der Bundesrepublik, ob sie finden, dass man in Deutschland frei seine Meinung äußern könne. Jahrzehntelang haben um die 83 Prozent diese Frage bejaht. Seit den 90er-Jahren ist der Prozentsatz gesunken, besonders rasant zuletzt während der Pandemie. Heute liegt er bei 40 Prozent. Dabei gilt die freiheitlich-demokratische Grundordnung immer noch. Aber das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Man kann aufgrund bestimmter Meinungsäußerungen schnell stigmatisiert oder irgendwelchen Lagern zugeordnet werden, in denen man sich nicht im entferntesten sieht. Das ist alarmierend, und ich versuche zu ergründen, woher das kommt.

Richard David Precht: „Im Grunde ist Berlin ein Spiegelbild der Gesellschaft.“
Richard David Precht: „Im Grunde ist Berlin ein Spiegelbild der Gesellschaft.“Ina Schoenenburg/Ostkreuz

Sie selbst sind auch schon stigmatisiert worden, oder?

In der Coronazeit ganz oft. Und von beiden Seiten. Ich bin als Staatsphilosoph verspottet worden und habe Morddrohungen von Coronaleugnern bekommen. Und umgekehrt bin ich in das Lager der Coronaleugner eingeordnet worden, weil ich Zweifel an der flächendeckenden Impfung von Kindern geäußert habe.

Wie fühlt sich das an?

Übel. Man fragt sich, was in diesem Land los ist. Man fragt sich, warum man von Journalisten anhand einer aus dem Kontext gerissenen Äußerung in irgendein Lager einsortiert wird. Das ist ein beunruhigender Verfall der Öffentlichkeit, nicht nur in den sozialen, sondern leider auch in den Leitmedien.

Haben Sie jemals befürchtet, dass Sie aus der Ecke, in die man Sie gestellt hat, nicht mehr rauskommen?

Darüber habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Es geht mir beim Thema Meinungsfreiheit auch nicht um mich, sondern um Leute, die heute 30 sind. Wir müssen resilienter werden, Meinungen nicht so ernst nehmen. Ich war Anfang der 80er-Jahre in London, an der Speaker’s Corner im Hyde Park. Auf der Kiste stand ein Pakistani und beschimpfte die Frauen. Sie gehörten in die Küche. Alle lachten über diesen Spinner. Wenn heute jemand so etwas in den sozialen Netzwerken schreibt, wird sich immer jemand finden, der sich davon gekränkt oder angegriffen fühlt.

Ich verstehe Resilienz eigentlich als persönliche Eigenschaft.

Es könnte auch eine gesellschaftliche Resilienz geben. Oder eine Resilienz in den Medien, dass man bestimmte Dinge nicht macht, sie etwa über Gebühr skandalisiert. Es müsste einen Ehrenkodex für Medien geben, der sie davon abhält, Extremmeinungen aus dem Netz genüsslich zu zitieren. Wenn die Medien sich weiter so verhalten, kann man sie irgendwann nicht mehr von den sozialen Medien unterscheiden. Ihr kurzfristiger Erfolg ist dann langfristig ihr Untergang.

Sie sind oft in Berlin, nicht zuletzt wegen Ihrer Honorarprofessur an der Hanns-Eisler-Musikhochschule. Wie blicken Sie auf die Stadt?

Berlin ist faszinierend vielschichtig. Im Grunde ist die Stadt ein Spiegelbild der Gesellschaft, weil sie in lauter Blasen zerfällt, die miteinander nichts zu tun haben. Und sie besteht aus vielen undefinierten Ecken, aus Zwischenräumen. Man entdeckt immer wieder irgendwas. Mein Lieblingsort ist der Tierpark.

Ach so?

Ich wollte früher Zoodirektor werden, und der Tierpark war schon in den 70er-Jahren der aufregendste Zoo der Welt. Ich war zu DDR-Zeiten das erste Mal dort. Er hat sich seitdem sehr verändert, zum Teil zu Recht, weil die Tierhaltungsbedingungen modernisiert werden mussten. Andererseits ist er mir viel zu viel Disneyland geworden, darüber habe ich auch mit Herrn Knierim diskutiert. Ich wünschte, man hätte eine Formsprache gefunden, die an die Weltklassearchitektur des Alfred-Brehm-Hauses anknüpft. An die Architektur von Heinz Graffunder, der auch den Palast der Republik gebaut hat. Auch seine Cafeteria im Tierpark ist ein Schmuckstück.

Wie kommt es, dass Sie zu DDR-Zeiten im Tierpark waren?

Ich war 1974 in Köthen, wo meine Mutter aufgewachsen ist. Ein Nachbar dort hat mir einen Tierpark-Führer geschenkt, den habe ich heute noch. Diese riesige Eisbären-Anlage, so etwas kannte ich nicht. Ich wollte da unbedingt hin. Als ich 15 war, haben wir Verwandte in West-Berlin besucht. Einen Tag sind wir nach Ost-Berlin, und unsere Eltern haben meinen zehnjährigen Bruder und mich an einem nebligen Oktobertag am Tränenpalast verabschiedet und gen Tierpark entlassen. Meine Mutter war so drauf. Außerdem dachte sie, die DDR sei ein sicheres Land.

Wie war es im Tierpark?

Der Eintritt hat 50 Pfennige gekostet. Vorher waren wir in einem Supermarkt in Friedrichsfelde und haben was zu essen gekauft. Würstchen in Plastikfolie, und wir wussten nicht, ob man die mitisst. Man konnte die Würstchen nicht von der Folie befreien, aber sie ließ sich auch sehr schwer kauen. Im Tierpark sind wir aufgefallen, es gab wenig Besucher, wegen des Wetters. Ein uniformierter Zoowärter, wie die Tierpfleger damals hießen, fragte uns, wie alt wir wären und woher wir kämen. Wahrscheinlich hat er an der Kleidung erkannt, dass wir Westler sind.

Und dann?

Dann hat er unsere Pässe kontrolliert und meinte: Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik.


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