Die Frauen in Kreuzberg sahen aus wie Nutten. Die Männer sahen aus wie Penner. Und damit gehe ich rein in meine raue Beobachtung. Das letzte Mal war ich 2018 in Kreuzberg am Tag der Arbeit unterwegs. Die Menschen trugen am 1. Mai schon immer festivalähnliche Kleidung, aber ich erinnere mich nicht an ein Gesamtbild einer kultivierten Verwahrlosung.
2018 trug man Vintage. 2026 sind es Klamotten aus zweiter Hand oder auch: die Wiederverwertung von Teilen aus Woolworth in dritter Generation. Ich glaube, nicht mal in Marzahn und im Märkischen Viertel liefen die Leute jemals so herum.
Wissen Sie noch, als Ihre Mutter oder Ihr Vater Sie zuletzt fragte, kurz bevor Sie das Haus verließen: „Wie siehst du denn aus? Hast du dich mal im Spiegel angeschaut?!“ Genau aus dieser emotionalen Erinnerung heraus entstand die Idee für den folgenden Verriss.
Der 1. Mai: Zwischen Revolution und Restposten
Die Frauen trugen am diesjährigen 1. Mai viel Figurbetontes und Kleiderbefreites. Nur hatte es überhaupt keinen Stil. Und bei nicht wenigen Frauen hatten wiederverwertete Bikini-Oberteile oder löchrige Klamotten Konjunktur und etwas von einem Besuch im Untergrund-Puff. Zumindest so, wie ich ihn mir vorstelle.
Die Männer – könnte man meinen – imitierten die Klientel am Bahnhof Zoo. Viele sahen aus wie Obdachlose. Ich fragte mich, ob Karl Marx sich seine Traumgesellschaft so vorgestellt hat. Und wie er das Gendern von „Kommunist:innen“ finden würde.

Auch wenn der große Philosoph laut einigen Historikern selbst nicht der Ordentlichste war – jede Wette: Beim Anblick in Kreuzberg würde er sich im Grabe umdrehen.
Die Ästhetik der Antiästhetik
Ich nehme auch hier kein Blatt vor den Mund: Unfassbar viele Menschen sahen am 1. Mai einfach hässlich aus. Ich meine konkret die Europäer, die zu 90 Prozent das Publikum ausmachten. Und da es meine eigenen Leute sind, darf ich auch direkt sein, ohne eine Minderheit zu beleidigen, oder?
Mit „hässlich“ meine ich konkret: die Körperformen, die ich in meinen schlimmsten Albträumen nicht gesehen habe. Bei Männern wie Frauen – ich betone: beide Geschlechter, nicht nur die Frauen, wie es oft einseitig von Männern verlautet, die zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen.
Jedenfalls war es ein Anblick verformter Hüften und Oberarme und weißer Schwabbelschenkel. Manche Menschen erinnerten an Orks, jene Figuren aus „Der Herr der Ringe“. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf übergewichtige Menschen, sondern auch auf schlanke.
Die große Tattoo-Inflation
Zu guter Letzt: Gesichter, die wirklich nur die eigene Mutter lieben kann; von einer Entstellung nicht mehr weit entfernt. Falten bei Anfang bis Mitte 20-Jährigen? Halbglatzen bei Männern, die definitiv ihre 30 noch nicht erreicht haben?! Woran liegt das? Keiner kann mir erzählen, dass es mit ungesunder Ernährung zusammenhängt. Vermutlich sind es oft übertriebener Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch.
Und dann noch die historische Körperbemalung, für die sich so mancher Kelte und Pikte im Grabe umdrehen würde. Wenn Tattoos früher etwas Exklusives waren, eine Kunst, eine Art Zeichen von Mut, sich „stechen“ zu lassen, die Schmerzen auszuhalten und ein Leben lang etwa den Piranha auf der Brust zu tragen, dann lieferte das Publikum in Kreuzberg weitere Facetten: Statuen, Laternen, Eiscreme, Croissants, Tische, Stühle, Frauen, Punkte, Striche, Dreiecke, Männer, Karl Marx, Namen, Daten, Zeichen einer Sprache, die man nicht spricht.
Doch bei allem, was einst modisch war, galt: Solange man einer von wenigen war, hieß es „geiler Scheiß“, „originell“. Aber jetzt, wo das gefühlt jeder unter 30 trägt, ist diese modische Stecherei vollkommen entwertet. Zu viele Menschen sind schwarz zu blau angemalt. In der Masse sieht das aus wie eine Epidemie einer Hautkrankheit. Es tut mir leid für diejenigen, die sich einst mit ihrer Körperbemalung abheben wollten.
Wieso lassen sich die Leute so gehen?
Das eine und andere ist wie so oft Geschmackssache. Man mag mich für diese Worte an den rhetorischen Pranger stellen, aber wir müssen jetzt einfach mal häufiger ansprechen, dass seit Corona die Deutschen oder vermutlich in Gänze die Europäer (am Freitag waren ja auch viele Touristen am Start) sich haben gehen lassen.

Bin ich vulgär?
Ich erspare Ihnen die Bilder einzelner Beobachtungen, sonst heißt es wieder: Das sind nur Einzelfälle. Und irgendwo, in anderen Ecken Berlins, zum Beispiel in der Nähe der Pfaueninsel, ist die Welt doch in Ordnung.
Natürlich war die Klientel in Kreuzberg speziell und zweifellos eine Blase. Aber auch diese Leute sind volljährig, sie gehen wählen und entscheiden über die politischen Entwicklungen mit.
Das Konzert von Ikkimel im Programm der Linkspartei war unerwartet, weil es eigentlich zu einer Partei nicht passt. Übrigens reiht sich die selbsternannte „Sluts“-Rapperin optisch doch in genau das Bild ein, das ich eben beschrieben habe. Sie ist für viele junge Menschen ganz klar ein Vorbild. Sluts ist Englisch und bedeutet wortwörtlich Schlampen. Wenn also Ikkimel vulgäre Sprache verwenden darf, dann werde ich mir dieses Recht ebenfalls herausnehmen.
Vielleicht irre ich mich. Vielleicht auch nicht.
Schlussendlich ist der 1. Mai 2026 meine persönliche Wahrnehmung. Wenn jemand der Meinung ist, dass es voll schön ist, wie die „Ladies“ am 1. Mai herumliefen, und superhip und „voll yolo“ (you only live once – Du lebst nur einmal), wie abgefuckt die Gentlemen aussahen – ich bin absolut fein damit. Eins ist nun mal auch Teil der Menschheit: die ewige Verschiebung dessen, was normal ist und was nicht.
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