Von der EU importierte Eier aus der Ukraine weisen offenbar vermehrt Rückstände von Antibiotika auf. Das zeigen aktuelle Daten aus dem Schnellwarnystem für Lebens- und Futtermittel (RASFF), welche die Berliner Zeitung ausgewertet hat. Seit September 2023 wurden insgesamt 14 Meldungen zu Problemen bei Lieferungen von Eiern oder Eiprodukten aus der Ukraine auf der Plattform registriert.
Die Dunkelziffer ist womöglich noch größer: Denn nach dem russischen Angriff 2022 hat die EU ihre Agrarmärkte für die Ukraine geöffnet und ihre Eierimporte aus der Region massiv erhöht – von 13.000 Tonnen Schaleneiern 2022 auf mehr als 85.000 Tonnen im vergangenen Jahr, die Berliner Zeitung berichtete. Der Druck auf die EU-Kontrollen wächst.
EU hat Eier-Importe aus der Ukraine versechsfacht
Als die EU nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Frühjahr 2022 ihre Agrarmärkte öffnete, war das als Akt der Solidarität gedacht. Zölle und Importquoten für zahlreiche ukrainische Agrarprodukte wurden ausgesetzt, um der Wirtschaft des Landes trotz Krieg neue Exportmöglichkeiten zu sichern.
Seitdem haben sich die Handelsströme deutlich verändert – auch im Eiermarkt. Während ukrainische Eier früher nur eine vergleichsweise kleine Rolle im EU-Handel spielten, sind die Exporte in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Seit 2022 hat sich die Menge mehr als versechsfacht. Die RASFF-Daten zeigen jetzt die Risiken, die mit dem Export-Boom einhergehen.
Verbotene Antibiotika in Ukraine-Eiern aufgetaucht
Die im RASFF registrierten Fälle zu Eiern aus der Ukraine in der EU betreffen unterschiedliche Risiken – von Rückständen verbotener Tierarzneimittel über mikrobiologische Belastungen bis hin zu Kennzeichnungsmängeln. Besonders häufig tauchen dabei allerdings Antibiotikarückstände auf.
In mehreren Fällen meldeten EU-Behörden den Nachweis des Stoffes AOZ (3-Amino-2-Oxazolidinon) – ein Abbauprodukt der Antibiotikagruppe der Nitrofurane, die früher in der Tierhaltung eingesetzt wurden, etwa zur Behandlung bakterieller Infektionen oder zur Wachstumsförderung. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist es für Nutztiere in der EU verboten.
Die meisten Meldungen stammen aus EU-Staaten an der östlichen Grenze des Binnenmarktes – darunter Polen, Ungarn und die Slowakei. Über diese Länder gelangt ein großer Teil der ukrainischen Agrarimporte in die Europäische Union. Auch Behörden in Schweden und den Niederlanden registrierten einzelne Fälle.
Warum Verbraucher die Herkunft der Eier nicht kennen
Ein großer Teil der importierten Eier aus der Ukraine landet nicht direkt in Deutschland. Über Umwege tauchen sie allerdings in verarbeiteten Produkten wie Nudeln, Backwaren, Desserts, Mayonnaise oder Fertigprodukten für Kantinen und Gastronomie auf. Für diese Produkte gibt es bislang keine verpflichtende Herkunftskennzeichnung – Verbraucher können daher in der Regel nicht erkennen, aus welchem Land die verwendeten Produkte stammen.
„Diese Produkte sind für Verbraucher praktisch unsichtbar. Man erfährt weder, woher die Eier stammen, noch unter welchen Bedingungen sie produziert wurden“, warnte Dr. Nora Irrgang, Expertin für Tiere in der Landwirtschaft bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten, im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Während EU-Betriebe ihre Ställe seit 2012 auf tierwohlgerechtere Systeme umstellen mussten – in Deutschland gilt seit 2023 sogar ein Verbot der Kleingruppenhaltung –, sind entsprechende Käfigsysteme in der Ukraine weiterhin erlaubt. Die Wertschöpfung der Exportgeschäfte fließt dabei häufig über Holdings außerhalb der Ukraine, während vor Ort vor allem die Produktion verbleibt. „Der deutsche Verbraucher hat sich vor Jahren klar gegen Käfigeier entschieden“, sagte Irrgang. „Doch genau diese Eier kommen über Umwege auf den Markt – ohne Kennzeichnung und ohne Transparenz.“
Ukrainisches Tierarzneimittelrecht nicht auf EU-Stand
Auch in der Ukraine sind Nitrofurane-Antibiotika verboten. Gleichzeitig war das ukrainische Tierarzneimittelrecht lange Zeit noch nicht vollständig an den EU-Stand angeglichen. Das zeigen sowohl der Fortschrittsbericht der EU-Kommission, der weitere Angleichungen beim Tierarzneimittelrecht fordert, als auch eine neue ukrainische Gesetzesreform von 2026, die ausdrücklich als Schritt „hin zu EU-angeglichener Regulierung“ beschrieben wurde. Die Reform trat am 1. März 2026 in Kraft.
Die EU-Kommission bestätigt auf Anfrage der Berliner Zeitung die Zahl der gemeldeten Fälle. Die Details der 14 Meldungen seien öffentlich im RASFF-System einsehbar, erklärte eine Sprecherin. Über mögliche Konsequenzen entschieden jedoch die Mitgliedstaaten selbst. Sie seien dafür zuständig, betroffene Produkte zurückzuweisen, zusätzliche Kontrollen einzuleiten oder weitere Maßnahmen zu ergreifen.
Dass solche Fälle selten an deutschen Grenzen auftauchen, hat einen einfachen Grund: Die meisten Eier aus der Ukraine gelangen gar nicht direkt nach Deutschland. Viele Lieferungen werden zunächst in anderen EU-Staaten kontrolliert, dort verarbeitet oder weitertransportiert. Ein großer Teil der Ware wird anschließend zu Eiprodukten wie Flüssigei oder Eipulver verarbeitet. Erst in dieser Form gelangen die Produkte oftmals in die Bundesrepublik.
Ukraine-Eier werden verstärkt auf Antibiotika untersucht
Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bestätigt auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass seit 2023 ein leichter Anstieg der RASFF-Meldungen zu Eiern aus der Ukraine zu beobachten ist. Die Zahl der Warnmeldungen allein lasse jedoch nicht automatisch auf die Sicherheit eines Produkts schließen, betont die Behörde.
Die Häufigkeit von Meldungen könne von verschiedenen Faktoren wie steigenden Importmengen, speziellen Überwachungsprogrammen oder intensiveren Kontrollen beeinflusst werden. Ob die Entwicklung auf tatsächlich mehr Verstöße oder auf strengere Kontrollen zurückzuführen ist, lasse sich derzeit nicht eindeutig beurteilen. Gleichzeitig zeigt eine Auswertung der EU-Datenbank TRACES, dass frische Eier aus der Ukraine derzeit offenbar verstärkt auf Nitrofurane untersucht werden.
BfR warnt: Antibiotika schädlich für den Menschen
Aus toxikologischer Sicht gelten Nitrofurane als besonders gefährlich. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist darauf hin, dass diese Antibiotika wegen ihrer toxischen Eigenschaften vollständig verboten seien. Für diese Stoffe könnten keine gesundheitlich akzeptablen Grenzwerte festgelegt werden. „Rückstände dieser Stoffe sind daher in jeder Konzentration aus gesundheitlicher Sicht für Verbraucherinnen und Verbraucher unerwünscht und sollten vermieden werden“, teilte das Institut auf Anfrage mit.
Die neuen Daten zeigen damit ein ambivalentes Bild. Einerseits wächst der Handel mit ukrainischen Eiern in der EU rasant. Allerdings tauchen im Kontrollsystem immer wieder Hinweise auf einzelne problematische Lieferungen auf. Ob diese Fälle auf strukturelle Probleme in der Produktion hinweisen oder vor allem das Ergebnis intensiverer Kontrollen sind, lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten.




