Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine öffnete die EU 2022 aus Solidarität ihre Agrarmärkte und setzte Zölle sowie Importquoten aus. Ziel war es, der Ukraine Exporteinnahmen zu sichern und die Wirtschaft im Krieg zu stützen.
Jetzt machen neue EU-Daten deutlich, wie stark sich diese Sonderregeln auswirken: Von Januar bis November 2025 exportierte die Ukraine laut Eurostat mehr als 85.000 Tonnen Schaleneier im Wert von rund 148 Millionen Euro in die EU. 2022 waren es noch rund 13.000 Tonnen für etwa 18 Millionen Euro. Das entspricht einem mengenmäßigen Anstieg um rund 550 Prozent und einem Wertzuwachs von gut 720 Prozent.
Grafiken: BLZ. Quelle: EU-Kommission
Eier aus der Ukraine: „Für Verbraucher praktisch unsichtbar“
Frische Schaleneier im Supermarkt stammen weiterhin aus Deutschland oder den Niederlanden und sind entsprechend gekennzeichnet. Ukrainische Eier landen hingegen in Produkten, bei denen keine Herkunftsangabe nötig ist: Nudeln, Backwaren, Snacks, Desserts, Mayonnaise oder in der Gastronomie.
„Das ist der entscheidende Punkt“, sagt Dr. Nora Irrgang, Expertin für Tiere in der Landwirtschaft bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. „Diese Produkte sind für Verbraucher praktisch unsichtbar. Man erfährt weder, woher die Eier stammen, noch unter welchen Bedingungen sie produziert wurden.“
Für verarbeitete Eiprodukte gibt es keine verpflichtende Herkunftskennzeichnung. Auch die Haltungsform der Legehennen bleibt ungenannt. „Der deutsche Verbraucher hat sich vor Jahren klar gegen Käfigeier entschieden“, sagt Irrgang. „Doch genau diese Eier kommen über Umwege auf den Markt – ohne Kennzeichnung und ohne Transparenz.“
Produktion in der Ukraine, Gewinne im Ausland
Davon profitieren vor allem große Agrarkonzerne mit Produktionsstandorten in der Ukraine. Kaum ein Sektor wächst dort so schnell wie die Geflügel- und Eierproduktion. Direkt im Eierexport aktiv ist etwa der Konzern Ovostar Union. Ovostar zählt zu den größten Eierproduzenten Europas und beliefert mehr als 35 Länder, darunter zahlreiche EU-Staaten. Produziert wird überwiegend in der Ukraine, während der Firmensitz auf Zypern liegt.
Während EU-Betriebe ihre Ställe seit 2012 auf tierwohlgerechtere Systeme umstellen mussten – in Deutschland gilt seit 2023 sogar ein Verbot der Kleingruppenhaltung –, sind entsprechende Käfigsysteme in der Ukraine weiterhin erlaubt. Die Wertschöpfung der Exportgeschäfte fließt dabei häufig über Holdings außerhalb der Ukraine, während vor Ort vor allem die Produktion verbleibt.
„Dort ist erlaubt, was hier längst verboten ist“
„Dort ist erlaubt, was hier längst verboten ist“, sagt Nora Irrgang von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Deutschland verschärft den Tierschutz in der eigenen Landwirtschaft, erlaubt aber zugleich den Import von Produkten, die unter Bedingungen entstehen, die hier nicht mehr zulässig wären.

Expertin: „In der Ukraine sind Pestizide erlaubt, die in der EU verboten sind“
Die Problematik betreffe dabei nicht allein die Ukraine, betont Irrgang. Auch innerhalb der EU gebe es Haltungsformen, die in Deutschland nicht mehr erlaubt seien – etwa die Kleingruppenhaltung in Polen, aus der ebenfalls Eier nach Deutschland importiert würden.
Unabhängig davon sind in der Ukraine auch Umweltstandards betroffen. „In der Ukraine sind Pestizide erlaubt, die in der EU seit Jahren verboten sind“, so Irrgang weiter. „Das ist ein weiterer Aspekt, über den Verbraucher informiert sein müssten, wenn sie Produkte aus solchen Ländern konsumieren.“
Zudem erschwert der Krieg Kontrollen. Stromausfälle, Futterengpässe und Personalmangel könnten Tiergesundheit und Produktionsstandards beeinträchtigen. „Ob dort wirklich kontrolliert wird, ist fraglich“, sagt Irrgang. „Das betrifft nicht nur den Tierschutz, sondern auch den Verbraucherschutz.“
Auf Basis der EU-Importdaten ergibt sich ein durchschnittlicher Importwert von rund 1,7 Euro pro Kilogramm ukrainischer Eier. Besonders betroffen davon sind Eierproduzenten in Deutschland, Österreich, Polen und den Niederlanden. Im Jahr 2023 gelangten laut Eurostat rund 962 Tonnen ukrainischer Eier für insgesamt 1,43 Millionen Euro nach Deutschland. Zwischen Januar und November 2025 sank die Menge auf etwas mehr als eine halbe Tonne. In Polen protestieren Landwirte seit 2023 immer wieder gegen Agrarimporte aus der Ukraine, darunter Eier und Geflügelprodukte. Sie blockieren Grenzübergänge und fordern Importbeschränkungen sowie strengere Kontrollen. Gleichzeitig spürt die Ukraine die Schattenseiten des Booms: Die Eierpreise stiegen zuletzt um fast 60 Prozent.
Mehrere EU-Länder wollen die Sonderregeln für ukrainische Agrarimporte wieder einschränken. Polen, Ungarn, die Slowakei und Bulgarien drängen darauf. Polen und Ungarn halten sogar eigene Importverbote aufrecht. Auch in Tschechien, Rumänien sowie bei deutschen und österreichischen Bauernverbänden wächst die Kritik.
„Nichts ist so anfällig für Betrug wie ein Ei“
Scharfe Kritik kommt vom flämischen Geflügelverband Landsbond Pluimvee. Nach dessen Einschätzung könnten ukrainische Eier trotz neuer EU-Vorgaben als Bio-Produkte im Regal landen. Grund sei ein Schlupfloch bei der Kennzeichnung.
Seit November 2024 müssen Eier direkt im Stall gestempelt werden, um Herkunft und Haltungsform nachvollziehbar zu machen. Doch eine Umfrage aus 2024 zeigt: Nur Belgien, Deutschland, die Niederlande und Italien setzen die Kennzeichnungspflicht um. Möglich macht das eine EU-Bestimmung, die Ausnahmen „auf Grundlage objektiver Kriterien“ erlaubt. „Nichts ist so anfällig für Betrug wie ein Ei“, sagt Martijn Chombaere, Politikbeauftragter von Landsbond Pluimvee auf Anfrage der Berliner Zeitung.
Das Stempel-Schlupfloch: Ohne Stempel lässt sich die Herkunft kaum feststellen
Die Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union, Europol, erklärt auf Anfrage, dass keine konkreten Fälle falsch gekennzeichneter Eier bekannt seien. Das bedeute jedoch nicht, dass es solche Fälle nicht gebe. „Jedes Land könnte entschieden haben, diese Informationen nicht mit Europol zu teilen“, so ein Sprecher.
Ohne Stempel aus dem Stall lässt sich nicht mehr nachvollziehen, woher ein Ei stammt und unter welchen Bedingungen es produziert wurde. Kontrollen finden nur im ersten EU-Eintrittsland statt. „Ungestempelte ukrainische Eier können so über Länder wie Polen praktisch frei durch Europa transportiert werden“, warnt Chombaere.
Landsbond Pluimvee fordert eine verpflichtende Kennzeichnung direkt im Erzeugerbetrieb. Langfristig plädiert der Verband für ein vollständiges Importverbot von Eiern aus konventioneller Käfighaltung. Zudem müsse bei verarbeiteten Lebensmitteln klar erkennbar sein, ob die Eier aus der EU oder Drittstaaten stammen. „Wer Pfannkuchen oder Backwaren kauft, weiß heute nicht, welche Eier darinstecken“, sagt Chombaere.
* Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels ging es im Kontext der ukrainischer Eier-Exporte auch um den Konzern MHP, einen prägenden Akteur der ukrainischen Geflügelindustrie. Nach einem Hinweis des Konzerns, dass MHP keine Schaleneier in die EU exportiere, haben wir den Artikel entsprechend aktualisiert. MPH teilte zudem mit:
„MHP produziert keine Eier für den kommerziellen Markt und exportiert keine Eier in die EU oder andere Länder weltweit. Ausführliche Informationen über die Produkte des Unternehmens und den Export in die EU finden Sie im aktuellen Jahresbericht, auf Wikipedia und in anderen Online-Quellen.
MHP betreibt keine „großen Legebatterien“. Das Unternehmen hält sich strikt an die aktuellen EU-Standards, die durch unabhängige Audits der zuständigen EU-Behörden bestätigt wurden. Sollten sich diese Standards in Zukunft ändern, wird MHP Maßnahmen ergreifen, um sie ebenso wie seine europäischen und britischen Mitbewerber vollständig einzuhalten. Als Unternehmen, das Geflügelprodukte in die EU exportiert, hält sich MHP strikt an alle geltenden Vorschriften, einschließlich der EU-Standards und Tierschutzanforderungen.
In vielen Fällen hat MHP diese Anforderungen bereits umgesetzt, lange bevor sie in der Ukraine gesetzlich vorgeschrieben wurden. So hat MHP beispielsweise sichergestellt, dass es die neuen EU-Tierschutzvorschriften einhält, bevor diese 2026 in Kraft treten.“
Wir bedanken uns für den Hinweis.


