Personalnot

„So etwas gab es noch nie“: Russlands Zentralbank sieht die Wirtschaft am Limit

Russlands Zentralbank verschärft die Warnung: Der Arbeitskräftemangel erreicht ein historisches Ausmaß. Krieg und Abwanderung bringen die Wirtschaft an Grenzen.

Russlands Zentralbankchefin sprach am Dienstag von einem Mangel, den es in der modernen Geschichte Russlands so nicht gegeben hat.
Russlands Zentralbankchefin sprach am Dienstag von einem Mangel, den es in der modernen Geschichte Russlands so nicht gegeben hat.Grigory Sysoev/imago

Erst vor Kurzem hatte Russlands Zentralbank vor akutem Arbeitskräftemangel gewarnt. Jetzt verschärft Chefin Elwira Nabiullina den Ton – und spricht von einem Mangel, den es in der modernen Geschichte Russlands so noch nicht gegeben hat.

„So etwas hat es bei uns noch nie gegeben“, sagte Nabiullina am Dienstag auf dem „Alfa Summit“ in Moskau mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Der Mangel wirke sich auf die gesamte wirtschaftliche Lage aus und beeinflusse direkt die Entscheidungen der Zentralbank.

Russland: Krieg bindet Arbeitskräfte und entzieht der Wirtschaft Personal

Ein erheblicher Teil der Arbeitskräfte ist durch den Krieg gebunden – entweder direkt im Militär oder in der Rüstungsindustrie. Gleichzeitig haben seit Beginn der Invasion der Ukraine Hunderttausende das Land verlassen. Was zunächst als kurzfristiger Effekt erschien, wird damit zu einem strukturellen Problem für die gesamte russische Wirtschaft.

Eine extrem niedrige Arbeitslosigkeit von rund zwei Prozent gilt in diesem Umfeld nicht mehr als Zeichen von Stärke, sondern als Hinweis darauf, dass das verfügbare Arbeitskräftepotenzial weitgehend ausgeschöpft ist. Die Folge: Unternehmen können nicht wachsen, weil Personal fehlt. Gleichzeitig bindet der Staat genau die Ressourcen, die der zivilen Wirtschaft entzogen werden.

Leitzins bei 14,5 Prozent: Russlands Zentralbank sieht „keine Wahl“

Gleichzeitig gerät die Geldpolitik unter Druck. Die Zentralbank sieht sich regelmäßig dem Vorwurf ausgesetzt, das Wirtschaftswachstum bewusst zu bremsen. Nabiullina wies diese Kritik zurück. „Wir haben im Grunde keine Wahl“, sagte sie weiter am Dienstag. Bei hoher Inflation müsse die Zentralbank restriktiv bleiben, auch wenn dies die wirtschaftliche Dynamik dämpfe.

Eine wirtschaftliche „Überhitzung“ sei nicht immer spürbar, insbesondere nicht auf der Ebene einzelner Unternehmen. Die makroökonomischen Daten zeigten jedoch, dass die Nachfrage in der Wirtschaft das Angebot deutlich übersteige, so Nabiullina.

Offiziell liegt die Inflationsrate bei rund sechs Prozent – in der Wahrnehmung der Bevölkerung jedoch deutlich höher. Die Zentralbank senkte letzte Woche ihren Leitzins zum achten Mal in Folge um weitere 0,5 Prozent auf aktuell 14,5 Prozent. Zum Vergleich: Der Einlagenzins der EZB liegt seit der letzten Senkung im Juni 2025 bei rund zwei Prozent.

Zuvor hatte Alexander Schochin, Vorsitzender des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbands (RSPP), die Zentralbank zu radikaleren Maßnahmen aufgefordert. Seiner Ansicht nach reiche es nicht aus, den Leitzins bis Jahresende mit einer derart langsamen Senkung auf 13 Prozent zu bringen, um die Investitionstätigkeit im Land anzukurbeln.

Sanktionen lassen die Öl- und Gaseinnahmen langfristig einbrechen

Auch in den aktuellen Daten zeigt sich die wachsende Belastung. Zwar sind die Öl- und Gasexporte durch den Iran-Krieg kurzfristig preislich gestiegen. Physisch brechen sie dennoch wegen der Sanktionen der USA sowie der EU weiter ein, und der eingeschränkte Zugang zu westlichen Importen treibt die Inflation weiter nach oben.

Nach offiziellen Angaben ist die Wirtschaftsleistung in den ersten beiden Monaten um rund 1,8 Prozent zurückgegangen. Kreml-Chef Wladimir Putin räumte zuletzt ein, dass zentrale Kennzahlen hinter den Erwartungen zurückbleiben würden. Gleichzeitig erwartet die Zentralbank für das erste Quartal noch ein Wachstum von rund 1,6 Prozent.

Dabei hatte Putin noch im Dezember des letzten Jahres die Verlangsamung des russischen Wirtschaftswachstums als bewusste Maßnahme der Regierung und der Zentralbank zur Bekämpfung der Inflation bezeichnet. Damit zeigt sich ein Widerspruch, der die russische Wirtschaft zunehmend prägt: Sie funktioniert weiter, stößt aber gleichzeitig an ihre Grenzen.