Russland

Zentralbank schlägt Alarm: Russland steht „erstmals“ vor Arbeitskräftemangel

Ukraine-Invasion verschärft Arbeitskräftemangel: Zentralbankchefin Nabiullina sieht Russlands Wirtschaft am Limit – trotz hoher Energieeinnahmen.

Der russische Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow, die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina und der russische Finanzminister Anton Siluanow am Donnerstag auf dem Börsenforum der Moskauer Börse.
Der russische Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow, die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina und der russische Finanzminister Anton Siluanow am Donnerstag auf dem Börsenforum der Moskauer Börse.Mikhail Metzel/imago

Russlands Zentralbankchefin Elwira Nabiullina schlägt Alarm: „Erstmals in unserer modernen Geschichte“ stoße die Wirtschaft auf einen Mangel an Arbeitskräften und klare Grenzen ihrer Verfügbarkeit. Unternehmen und Staat müssten sich auf diese Realität einstellen, sagte Nabiullina am Donnerstag auf dem Börsenforum der Moskauer Börse.

Gleichzeitig machte sie deutlich, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Hohe Zinsen seien heute kein vorübergehendes Phänomen mehr. Früher seien Phasen straffer Geldpolitik stets mit kurzfristigen externen Schocks verbunden gewesen – und die Zinsen danach schnell gesenkt worden. „Jetzt verschlechtern sich die äußeren Bedingungen nahezu dauerhaft – sowohl im Export als auch im Import“, legte Nabiullina nach.

Eine extrem niedrige Arbeitslosigkeit von rund zwei Prozent und eine zeitweise zweistellige Inflation seien kein Zeichen von Stärke, sondern „ein Beleg für eine Überhitzung der Wirtschaft“. Nicht hohe Wachstumsraten, sondern genau diese Faktoren zeigten den Zustand der Wirtschaft, so die russische Zentralbankchefin.

Arbeitskräftemangel in Russland: Krieg und Abwanderung verschärfen die Lage

Tatsächlich ist der Arbeitskräftemangel nicht überraschend. Ein wesentlicher Teil der Erwerbsbevölkerung ist durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden – entweder direkt im Militär oder in der Rüstungsindustrie. Gleichzeitig haben seit Beginn der Invasion Hunderttausende gut ausgebildete Fachkräfte das Land verlassen.

Schon seit Monaten warnen russische Industrievertreter vor Engpässen. Unternehmen klagen vor allem in der Produktion, im Bauwesen und in der Energieversorgung über fehlende Arbeitskräfte, also genau in den Sektoren, die für nachhaltiges Wachstum entscheidend sind.

Versuche, diese Lücke mit ausländischen Arbeitskräften zu schließen, bleiben bislang wenig erfolgreich. Diskussionen über die Anwerbung von Hunderttausenden Arbeitsmigranten, etwa aus Indien oder Nordkorea, zeigen vor allem, wie groß der Bedarf inzwischen ist.

Russland: Überhitzte Wirtschaft ohne Wachstum

Niedrige Arbeitslosigkeit bedeutet in diesem Fall nicht mehr Wohlstand, sondern einen ausgereizten Arbeitsmarkt. Unternehmen außerhalb des Rüstungssektors können nicht wachsen, weil Personal fehlt. Gleichzeitig treiben steigende Kosten die Preise nach oben.

Die Verschlechterung im Export und Import ist dabei konkret greifbar. Neue Sanktionen und wachsender Druck der USA auf russische Öl- und Gasexporte verteuern den Handel und erschweren den Zugang von russischem Öl und LNG zu internationalen Märkten. Russlands Einnahmen steigen zwar durch die Preissprünge infolge des Iran-Kriegs, können jedoch die Verluste nicht ausgleichen.

Das passt zu den jüngsten Aussagen von Kreml-Chef Wladimir Putin. Er hatte seine eigene wirtschaftspolitische Führung ungewöhnlich offen kritisiert und eingeräumt, dass zentrale Kennzahlen unter den Erwartungen liegen. Industrie und Bauwirtschaft schrumpfen – trotz hoher staatlicher Ausgaben.

Auch langfristig dürfte sich die Lage kaum entspannen. Wirtschaftsverbände gehen davon aus, dass Russland bis 2030 mehr als drei Millionen Arbeitskräfte fehlen könnten. Die Botschaft der Zentralbank ist deshalb deutlich: Das Problem liegt nicht im konjunkturellen Zyklus, sondern im System selbst.

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