ÖRR

Vorwurf der Verzerrung: Ukrainerin attackiert ARD wegen Polen-Bericht

Eine Ukrainerin wirft der ARD vor, ihr „Weltspiegel“-Interview verzerrt zu haben – angeblich wurden Aussagen gekürzt, um Polen negativer darzustellen.

Eine Ukrainerin erhebt Vorwürfe gegen die WDR-Sendung „Weltspiegel“. Sie sieht sich dort verzerrt dargestellt.
Eine Ukrainerin erhebt Vorwürfe gegen die WDR-Sendung „Weltspiegel“. Sie sieht sich dort verzerrt dargestellt.Michael Gstettenbauer/imago

Nach der Ausstrahlung der jüngsten „Weltspiegel“-Reportage der ARD über die Situation ukrainischer Geflüchteter in Polen („Polen: Offene Arme oder Ablehnung für Ukrainer?“) regt sich Kritik im Nachbarland – diesmal jedoch nicht aus rechtskonservativen politischen Kreisen, sondern von einer Ukrainerin, die selbst in dem Beitrag als Protagonistin zu sehen ist.

Die in der Sendung interviewte Frau erhebt nun Vorwürfe gegen die ARD. Sie wirft der verantwortlichen Journalistin vor, ihre Aussagen bewusst zugespitzt und aus dem Zusammenhang gerissen zu haben, um die Beziehungen zwischen Polen und Ukrainern negativer darzustellen, als sie es nach ihren eigenen Erfahrungen tatsächlich seien.

„Weltspiegel“: Aus dem Zusammenhang gerissen

Am 30. März veröffentlichte die Ukrainerin auf Facebook einen ausführlichen Beitrag, in dem sie die „Weltspiegel“-Redaktion scharf kritisiert. Darin schreibt sie: „Mir war bewusst, dass provokative Fragen gestellt werden könnten und dass sie nur für sie passende Ausschnitte zeigen würden, aus dem Zusammenhang gerissen – und genau so ist es gekommen.“

Die Ukrainerin, die seit mehreren Jahren in der polnischen Stadt Toruń lebt und dort als Kellnerin arbeitet, beschreibt in dem Facebook-Post den Dreh mit dem deutschen Fernsehteam zunächst als freundlich und offen. Im Nachhinein jedoch habe sie festgestellt, dass zentrale Passagen ihrer Aussagen im Beitrag weggeschnitten oder in einen verzerrten Zusammenhang gesetzt worden seien.

Verzerrtes Bild: Konstruierte Zuspitzung der ARD

Konkret geht es um eine Szene, in der sie erzählt, dass ein Gast in einem Café ausdrücklich eine polnische statt einer ukrainischen Bedienung verlangt habe. Dieser Moment wurde im „Weltspiegel“ prominent platziert als Beleg für wachsende Ablehnung und Ressentiments gegen Ukrainer in Polen.

Doch die Protagonistin sagt heute: Das sei genau nicht ihre Botschaft gewesen. Im Gegenteil. Sie habe der Redaktion erklärt, dass ihr in vier Jahren Arbeit nur ein einziges Mal eine solche Situation begegnet sei. Dieser entscheidende Hinweis fehle im fertigen Beitrag völlig. Der Eindruck, der nun vermittelt werde, sei für sie irreführend und spiele ein falsches Narrativ.

Die Frau verstehe, dass journalistische Darstellung Zuspitzung verlange, doch hier sei bewusst ein verzerrtes Bild konstruiert worden, das im Widerspruch zu ihrer gelebten Realität stehe.

Historisch belastetes Verhältnis der Nachbarn

Das Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern ist historisch belastet. Besonders prägend sind die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien während des Zweiten Weltkriegs, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten von ukrainischen Nationalisten ermordet wurden.

Die Ereignisse sind bis heute ein zentraler Streitpunkt in der Erinnerungskultur beider Länder: Während sie in Polen als ethnische Säuberung bewertet werden, gibt es in der Ukraine teils differenziertere oder national geprägte Deutungen. Diese Vergangenheit wirkt bis in die Gegenwart nach und beeinflusst trotz der engen Zusammenarbeit seit Beginn des russischen Angriffskrieges immer wieder die gegenseitige Wahrnehmung.

Auch im Alltag kann das eine Rolle spielen. In Polen leben fast eine Million ukrainische Kriegsflüchtlinge.

Auch ihr polnischer Partner fühlt sich falsch dargestellt

Der Partner der Ukrainerin aus dem „Weltspiegel“-Beitrag, ein Pole mit Sympathien für die nationalkonservative und ukrainekritische Partei Konfederacja, wurde ebenfalls von den deutschen Journalisten interviewt. Auch bei ihm sei eine Aussage aus dem Kontext gelöst worden. Auf die Frage, ob er für die Konfederacja gestimmt habe, habe er ausführlich seine Beweggründe erläutert. Im Beitrag jedoch sei der bestätigende Satz zu hören – und nur wenig Einordnung. Er fühle sich ebenfalls falsch dargestellt.

Die Vorwürfe werfen ein Schlaglicht auf ein größeres Thema: Wie westliche Medien – darunter auch deutsche – über Polen und die Ukraine berichten, besonders seit Beginn des russischen Angriffskrieges 2022. Polen hatte in den ersten Kriegsmonaten eine beispiellose Solidarität gezeigt. Doch mit Kürzungen staatlicher Hilfen und dem Erstarken der rechtsnationalen Opposition ist die Stimmung komplexer geworden.

Die Frage ist: Wie zeigt man diese Komplexität, ohne sie künstlich zuzuspitzen? Die Facebook-Kommentare unter dem Post der ukrainischen Frau zeigen, dass viele Polen den deutschen Medien ohnehin kritisch gegenüberstehen und das Gefühl haben, sie wollten einen Keil zwischen Ukrainern und Polen treiben. Verzerrte Darstellungen einer ARD-Sendung sind natürlich gefundenes Fressen, um diese These zu untermauern.