Regimewechsel

Iran-Krieg: „Die EU als Friedensprojekt ist inzwischen nur noch eine Lachnummer“

Warum scheiterten die Genfer Gespräche in letzter Sekunde? Nahostexperte Roland Popp analysiert im Interview den gemeinsamen Angriff von USA und Israel auf den Iran.

Experte Roland Popp bewertet die Angriffe von Trump und Netanjahu als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.
Experte Roland Popp bewertet die Angriffe von Trump und Netanjahu als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.Evan Vucci/dpa

Der Angriff Israels und der USA auf den Iran markiert eine neue Eskalationsstufe im Nahen Osten. Für den Nahost- und Sicherheitsexperten Roland Popp geht es dabei um weit mehr als das Atomprogramm: Er sieht eine gezielte Neuordnung der Region zugunsten westlicher Interessen – mit unabsehbaren Folgen für Stabilität und Weltwirtschaft.

Herr Popp, warum haben Israel und die USA die Gespräche in Genf an diesem Montag nicht abgewartet, bevor sie angegriffen haben? Wie war der Stand der Verhandlungen?

Laut den omanischen Vermittlern gab es große Zugeständnisse vonseiten der Iraner, viel weitergehend als alles, was man noch unter Obama zu konzedieren bereit war. Es drängt sich stark der Eindruck auf, dass die Amerikaner zu keinem Zeitpunkt an ernsthaften Verhandlungen interessiert waren und man diese nur zur Ablenkung verfolgte.

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Zur Person
Roland Popp ist Nahost- und Sicherheitsexperte der Militärakademie (MILAK) an der ETH Zürich. Er forscht zu militär- und gesamtstrategischen Fragen, Nuklearwaffen, technologischer Innovation und internationaler Geschichte.

Welche strategischen Ziele verfolgt Israel mit dem Angriff, welche die USA? Was sind die jeweiligen konkreten Interessen?

Im Gegensatz zum letzten Krieg im Juni 2025 ist das nun ein gemeinsam geplanter Angriff, völkerrechtlich eindeutig und ohne jeden Zweifel ein Angriffskrieg, falls es noch Leute gibt, die sich für das Völkerrecht interessieren. Im Zwölf-Tage-Krieg im letzten Jahr verfolgte Israel bereits erfolglos den Versuch einer „Software“-Lösung der iranischen Nuklearfrage, also über einen Wechsel hin zu einem neuen „Regime“, das dann auf politischem Wege die Nuklearambitionen aufgeben würde.

Das amerikanische Eingreifen am Ende dieses Waffengangs war dann wieder die „Hardware“-Lösung, also die physische Vernichtung der nuklearen Fähigkeiten. Entgegen der großspurigen Verkündungen Trumps ist das aber offenbar nicht gelungen. Daher nun dieser erneute Angriff, dieses Mal mit dem einheitlichen strategischen Ziel des „Regime Change“. Das Töten der gegnerischen Staatsspitze signalisiert auch die Weigerung, überhaupt vor einer Transformation des politischen Systems verhandeln zu wollen. Selbstverständlich geht es aber um viel mehr als die Nuklearfrage, es geht um eine Neuordnung der Nahostregion zugunsten amerikanischer und israelischer Interessen.

Welche Folgen hat der Tod Chameneis?

Eine große symbolische, zugleich eine nur begrenzte politische und militärische. Der Rahbar, der islamische Führer, der Chamenei war, spielt eine zentrale Rolle im iranischen Verfassungssystem. Die komplizierten Prozeduren einer Nachfolgeregelung sind unter den Bedingungen eines dauerhaften Bombardements und der gegnerischen, auf Enthauptung abzielenden Schläge nicht durchführbar, wenngleich man offenbar bereits den verfassungsmäßig vorgeschriebenen Übergangsrat eingesetzt hat. Strategisch war Iran auf den Verlust vorbereitet, viele militärische Entscheidungen wurden nach unten delegiert bzw. Redundanzen in die Befehlskette eingebaut. Aber sicherlich ist die Umsetzung einer kohärenten militärischen Gesamtstrategie unter diesen Bedingungen sehr schwierig, gerade auch wegen der eingeschränkten Kommunikation.

Wie bewerten Sie die Reaktion Deutschlands und der europäischen Staaten auf die Angriffe auf den Iran?

Die Europäer sind weiter im Beschwichtigungsmodus gegenüber Trump und geben mit ihrer bereitwilligen Preisgabe völkerrechtlicher Prinzipien auch ihre globale Glaubwürdigkeit auf. Die EU als Friedensprojekt ist inzwischen nur noch eine Lachnummer.

Ist ein Regime Change im Iran jetzt realistisch?

Unmöglich zu sagen zu diesem Zeitpunkt. Die Gegenwehr der Islamischen Republik ist beträchtlich gegenwärtig, aber entscheidend ist, ob sie diese aufrechterhalten kann. Und die militärische Gegenstrategie der Iraner ist langfristig angelegt, zielend auf die Weltwirtschaft, die regionalen Verbündeten der Amerikaner, im Grunde auch auf die amerikanische Innenpolitik. Wenn es gelingt, den Beschuss Israels, Jordaniens und der Golfstaaten fortzusetzen und eine Sperrung der Straße von Hormus durchzusetzen, kann das Kalkül aufgehen. Da die Angreifer nicht auf eine Bodenoffensive setzen, rechne ich nun mit Aufstandsversuchen beziehungsweise eher asymmetrischen militärischen Operationen in den Provinzen, vor allem in Kurdistan, Iranisch-Aserbaidschan oder Belutschistan, um den Eindruck eines Zusammenbruchs der iranischen Zentralgewalt zu erwecken.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass es nun zu einem regionalen Flächenbrand kommt?

Den haben wir ja bereits, es sind schon über zehn regionale Staaten betroffen, eine einzige Katastrophe. Letztlich aber gilt für diesen Konflikt eine ähnliche Konstellation wie im Zwölf-Tage-Krieg: Er wird auf große Distanz ausgetragen. Vielleicht ändert sich das nach einem Zusammenbruch der iranischen Luftabwehr und dem Erlangen einer tatsächlichen Luftüberlegenheit der Angreifernationen. Die Beobachtungen aus dem Krieg gegen die Huthis, Operation Rough Rider im letzten Frühling, lassen mich da etwas zweifeln. Sollte es beim Beschuss aus der Distanz bleiben und die Regierung im Iran nicht die Kontrolle verlieren, dürfte die Einsicht einsetzen, dass der Angriff abgebrochen werden muss. Aber gegenwärtig ist das alles noch Spekulation, eine weitere Eskalation sieht wahrscheinlicher aus.