Der amerikanische Diplomat und Ökonom Jeffrey Sachs hält eine Ausweitung des Krieges zwischen den USA und Israel mit dem Iran für denkbar. Er sagte dieser Zeitung: „Ein Weltkrieg ist möglich. Israel und die USA könnten eskalieren, wenn ihr erster Angriff die iranische Regierung nicht stürzen kann. Dies könnte eine Eskalationskette auslösen, da der Iran über starke Unterstützer verfügt.“
Die USA und Israel führen seit Samstag Militärschläge gegen den Iran durch. Die Angriffe erfolgten ohne vorherige Zustimmung des US-Kongresses. Das Weiße Haus rechtfertigte den Angriff mit angeblichen Raketen- und Atombedrohungen aus dem Iran.
Präsident Donald Trump hatte in der Nacht zum Samstag erklärt, Ziel des Angriffs sei vor allem ein „regime change“, also der Sturz der aktuellen Regierung in Teheran. In einem ersten Schritt scheint dieses Kriegsziel erreicht zu sein: Das iranische Staatsfernsehen berichtete, dass der Oberste Führer Ali Khamenei am Morgen des 28. Februar bei einem Angriff auf seine Residenz getötet worden sei, und das Land ordnete eine 40-tägige Staatstrauer an. Auch mehrere hohe iranische Militärs wurden getötet, wie der Iran bestätigte. Ob damit allerdings wirklich ein Machtwechsel eingeleitet ist, ist unklar.
Am Sonntag gab die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA bekannt, dass der Präsident Masoud Pezeshkian, der Justizminister und ein Mitglied des Wächterrats das Land vorübergehend führen werden. Das Dreierkollegium werde das Land in einer „Übergangszeit“ Khameinis führen.
„Zerschlagung des Iran von zentraler Bedeutung“
Israelische und US-amerikanische Einheiten griffen wichtige iranische Städte, darunter Teheran, an. Die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC, Eliteeinheiten der iranischen Streitkräfte) kündigten eine großangelegte Vergeltungsoperation an. Es gab Berichte über Raketen- und Drohnenangriffe aus dem Iran. Im Raum Tel Aviv und anderen Regionen Israels gab es Luftalarm. Laut der Nachrichtenagentur Mehr wurden auch US-Militärbasen in Bahrain, Jordanien, Katar, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien angegriffen. Länder der Region sperrten ihren Luftraum, und Fluggesellschaften stellten ihren Flugbetrieb ein. Der UN-Sicherheitsrat hielt am Samstag (Ortszeit) eine Dringlichkeitssitzung zur Lage im Iran ab.
Jeffrey Sachs zum Hintergrund des Krieges: „Die USA und Israel versuchen seit langem, die vollständige regionale Hegemonie zu erlangen, und die Zerschlagung des Iran ist dafür von zentraler Bedeutung. Aus diesem Grund haben die USA und Israel in den letzten dreißig Jahren gemeinsam Regierungen gestürzt, unter anderem in Libyen, Sudan, Syrien, Irak und anderen Ländern.“
Die Zerschlagung des Iran sei nun ein „Kernpunkt der US-israelischen Strategie“. Erst vor wenigen Tagen hatte der amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, im Interview mit Tucker Carlson gesagt, er fände es gut, wenn Israel die Kontrolle über sämtliche Gebiete übernähme, die Abraham von Gott verheißen worden waren. Gemäß der Bibel wäre dies das Land zwischen dem Nil und dem Euphrat – also die meisten der Nachbarstaaten. Huckabee habe „die wahre Position des US-amerikanischen Tiefen Staates zum Ausdruck“ gebracht, so Sachs. Israel solle „die volle regionale Hegemonie im Nahen Osten besitzen“. Bemerkenswert sei, „dass Huckabee von den USA in keiner Weise gerügt wurde“. Sachs: „Er wurde zweifellos im Weißen Haus und im Kongress bejubelt.“
Sachs hält die Strategie nicht für erfolgsversprechend: „Dieser Versuch wird höchstwahrscheinlich scheitern, aber nicht ohne zuvor immenses Leid, Zerstörung und Tod zu verursachen, so wie die USA und Israel es bereits in der gesamten Region getan haben“, so der Diplomat. Sachs glaubt, dass der Krieg dem Ansehen der USA und Israels nachhaltig schaden werde: „Eine ehrliche Einschätzung – zu der der Westen völlig unfähig ist – würde zeigen, dass die USA heute die gefährlichste Nation der Welt sind und Israel mit Sicherheit die gefährlichste Nation im Nahen Osten.“
Eine Fortsetzung oder gar Ausweitung des Krieges würde gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben: „Wenn die Straße von Hormus mehrere Wochen lang gesperrt bleibt, wird dies voraussichtlich zu einem globalen Wirtschaftsrückgang im Jahr 2026 führen“, sagte Sachs.
Laut der Financial Times (FT) haben Kriegsrisikoversicherer Reedern am Samstag mitgeteilt, dass sie Policen kündigen und die Prämien für Schiffe erhöhen würden, die den Persischen Golf und die Straße von Hormus passieren. Die Preise dürften in den kommenden Tagen um bis zu 50 Prozent steigen, so die FT. „Wenn Israel und die USA weiterhin den Iran angreifen, ist es wahrscheinlicher, dass der Iran versuchen wird, seine Kontrolle durch die Manipulation des Schiffsverkehrs in der Region auszuweiten“, sagte Dylan Mortimer, Leiter der Abteilung für Schiffsversicherungen beim Maklerunternehmen Marsh, der FT. Die größte Sorge der Versicherer sei, ob der Iran die Straße von Hormus schließen werde, so Mortimer. Die Versicherer rechneten zudem damit, dass iranische Stellvertreter versuchen könnten, Schiffe zu entern und zu beschlagnahmen. Versicherer für Frachtkriegsrisiken – die Güter wie Getreide und Öl auf Tankern versichern – wollen laut FT ihre Policen ebenfalls kündigen.
Schiffe meiden Straße von Hormus bereits
Einige Reedereien meiden die Straße von Hormus bereits. Durch die Straße wird etwa ein Fünftel des weltweiten Rohöls transportiert. Am Samstag kehrten mindestens drei Schiffe um, weil sie Angriffe befürchteten. Das Beratungsunternehmen EOS Risk berichtet laut FT, dass einige Schiffe offenbar eine Funkwarnung der iranischen Revolutionsgarden erhalten hätten, wonach die Straße nun für die Schifffahrt gesperrt sei. Ob das zutreffend ist, ist unklar. Von einer Sperrung der Straße von Hormus wäre vor allem der Handel mit China betroffen.
Chinas Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, Fu Cong, erklärte während der Sitzung des Sicherheitsrats laut der staatlichen chinesischen Global Times, China habe stets betont, dass alle Parteien die Ziele und Grundsätze der UN-Charta achten müssten, und lehne den Einsatz oder die Androhung von Gewalt in den internationalen Beziehungen entschieden ab, so Fu. Er unterstrich, dass die Souveränität, Sicherheit und territoriale Integrität des Iran und anderer Länder der Region geachtet werden müssten.
Fu sagte, ein Übergreifen der Konflikte auf andere Regionen im Nahen Osten sei in niemandes Interesse. Die Beilegung von Differenzen durch Dialog und Verhandlungen sei der einzige Ausweg. China fordere ein sofortiges Ende der Militäraktionen, um eine Eskalationsspirale zu verhindern. China sei bereit, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um einen Konsens für Friedensbemühungen zu erzielen und eine rasche Wiederherstellung von Frieden und Stabilität im Nahen Osten zu fördern.
Allerdings haben die Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren signifikant an Bedeutung und Einfluss verloren. Jeffrey Sachs sieht die Schwächung der UN als Teil der US-Politik: „Die USA und Israel versuchen aktiv, die Uno zu zerstören. Europa trägt zu dieser Zerstörung bei. Jedes Mal, wenn der Iran von Israel und den USA bombardiert wird, geben die europäischen Staats- und Regierungschefs dem Iran die Schuld, nicht den Angreifern.“
Tatsächlich meldeten sich nach dem amerikanisch-israelischen Angriff Keir Starmer, Emmanuel Macron und Friedrich Merz zu Wort und forderten den Iran auf, seine Angriffe zu stoppen. Ein ähnliches Verhalten sei bereits bei der Aufkündigung des JCPOA, des Atomabkommens mit dem Iran, durch die USA zu beobachten gewesen, so Sachs: Die Europäer hätten „dem Iran die Schuld gegeben, nicht den USA, die den Vertrag zerstört haben“. Sachs: „Die europäischen Staats- und Regierungschefs haben jeglichen Bezug zur Wahrheit verloren. Sie betteln die USA geradezu erbärmlich um Schutz an. Die europäischen Staats- und Regierungschefs stehen nicht zur UN-Charta.“ Dies sei auch im aktuellen Fall zu erkennen: „Die europäischen Staats- und Regierungschefs überschlagen sich wie üblich mit Lob für die USA und Israel und attackieren den Iran. Europa ist rückgratlos und führungslos, ein perfekter Vasall der USA“, so Jeffrey Sachs.
Eine besondere Verantwortung sieht Sachs bei Deutschland: Bundeskanzler Friedrich Merz habe im vergangenen Jahr gesagt, Israel „erledige mit dem Angriff auf den Iran die Drecksarbeit der Welt“. Der Diplomat: „Genug davon! Es ist Zeit, dass Deutschland sich für etwas Positives einsetzt.“




