Bei den ungarischen Parlamentswahlen am 12. April 2026 wurde der Langzeitministerpräsident Viktor Orbán nach 16 Jahren aus dem Amt gewählt. Er erhielt mit seiner Partei Fidesz nur 38,61 Prozent der Stimmen, während der Herausforderer Péter Magyar von der Tisza 53,18 Prozent erzielen konnte. Orbán war von 2010 bis 2026 ungarischer Ministerpräsident. Als er damals ins Amt gewählt wurde, war Angela Merkel gerade einmal eine Legislatur deutsche Bundeskanzlerin, Deutschland wurde von einer schwarz-gelben Regierung geführt und die Migrationskrise war noch nicht absehbar. In Ungarn herrschte damals große Aufbruchstimmung. Die Bilanz der Orbán-Jahre ist bei näherer Betrachtung ambivalenter, als die öffentliche Debatte in Deutschland zuletzt bisweilen nahelegt.
Die für Orbán günstige politische Konjunktur, die nun in Ungarn zu einem jähen Ende kommt, begann schon vor 2010. Mit der sogenannten Lügenrede des damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány im Jahre 2006 begann der Niedergang der postkommunistischen politischen Eliten. Damals räumte Gyurcsány ein, die Wähler betrogen und Budgetzahlen frisiert zu haben, es folgte eine große öffentliche Entrüstung, das Land war politisch und moralisch paralysiert. Damit verbunden war auch ein kometenhafter Aufstieg von Orbán und seiner Fidesz, deren Diskursmacht ganze zwei Jahrzehnte dauerte. In dieser Zeit gewann die Partei 14 Wahlen, Referenden und Abstimmungen jeweils haushoch, und in den Umfragen lag sie lange bei knapp unter oder über 50 Prozent. Nun wendete sich das Blatt.
Die Grenzen langer Regierungszeiten
Mit dem Auftreten von Péter Magyar und seiner Partei Tisza im Jahre 2024 deutete sich der Popularitäts- und schließlich der Machtverfall von Fidesz an; erstmals seit 2006 führte eine andere politische Kraft die Umfragen an. Die zwei Jahrzehnte dauernde Regierungszeit von Fidesz endet mit diesem unzweideutigen Wahlergebnis abrupt. Die damals zu beobachtende Agonie der Sozialisten, die sich bis zur Zweidrittelwahl von Fidesz im April 2010 noch dreieinhalb Jahre halb tot durch die Manege schleppten, ist bei Fidesz im Jahre 2026 ganz anders eingetreten als gedacht: Es ist ein Ende mit Schrecken und weniger ein Schrecken ohne Ende.
Orbán ist heftig und unerwartet tief gefallen: Noch am Wahlnachmittag auf der Höhe seiner politischen Macht, musste er schon am frühen Wahlabend die dunkelsten Minuten seiner politischen Karriere erleben. Anders als 2002, als er nach vier Jahren an der Regierung denkbar knapp abgewählt wurde und nach weiteren acht Jahren in der Opposition schließlich an die Macht zurückkehren konnte, ist die Niederlage von 2026 deutlich größer und schmerzvoller – und sie beendet eine ganze Epoche, die Orbán nachhaltig geprägt hatte. Jetzt ist es Zeit für eine inhaltliche und personelle Neuaufstellung der Partei.
Die Abwahl von Orbán hat tiefgreifende strukturelle und inhaltliche Gründe und sollte nicht ausschließlich mit dem Wahlkampf erklärt werden. Keinesfalls bedeutet die Wahl, dass nunmehr alles infrage gestellt werden sollte, was in vier Legislaturperioden umgesetzt wurde. In einem demokratischen System ist es aber absolut selbstverständlich, dass die Bevölkerung nach langen 16 Jahren andere politische Führungspersönlichkeiten und ein neues Gesicht wünscht. In Deutschland endeten die Amtszeiten der großen und bedeutenden CDU-Bundeskanzler immer nach vier Legislaturperioden oder schon mitten in der vierten.
Spätestens nach der vierten Wahl begannen Lethargie und Agonie: Adenauer wurde nur noch für zwei Jahre zum Kanzler gewählt, Helmut Kohl gewann seine letzte Wiederwahl im Herbst 1994 nur knapp, Angela Merkel gelang es ein halbes Jahr lang nicht, eine handlungsfähige Regierung zu bilden. Kaum war das Kabinett Merkel IV am 14. März 2018 zusammengestellt, folgte ein erbitterter Streit zwischen CDU und CSU um die Migration und das damals schon die Gemüter erregende Problem der Zurückweisungen an den deutschen Außengrenzen. Im Herbst 2018 war die Kanzlerin nach dem Scheitern ihres Kandidaten für den CDU/CSU-Fraktionsvorsitz, Volker Kauder, sowie dem herben Rückschlag bei der hessischen Landtagswahl derart angezählt, dass sie den CDU-Bundesvorsitz aufgab.

In Ungarn ist die Bilanz von Orbán gemischt. Positiv waren die familien- und unternehmensfreundliche Steuerpolitik, die Senkung der Staatsschulden, die deutlich gestiegene Beschäftigungsquote, verbunden mit einer Million neuer Arbeitsplätze, sowie die internationale Positionierung Ungarns als attraktiver Investitionsstandort mit vielen Direktinvestitionen. Viele weitere Errungenschaften wie die Modernisierung der Infrastruktur, des Militärwesens oder öffentlicher Einrichtungen runden das Bild ab.
Dass diese positiven Entwicklungen im Wahlkampf nicht überzeugten, verweist auf ein grundlegendes Problem: Wo das Vertrauen in die Integrität staatlicher Institutionen bereits erodiert ist, verlieren auch reale Leistungsausweise ihre Überzeugungskraft. Dazu kam, dass sich die Bevölkerung im System einer sie beschützenden öffentlichen Hand gut eingerichtet hatte. Die großzügigen Familienbeihilfen und Steuernachlässe, die Eigenheimdarlehen und -boni, die niedrigen Energie- und Spritpreise werden von der Bevölkerung mittlerweile als selbstverständlicher Dauerzustand begriffen.

Die von Orbán propagierten soliden Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu Russland, die niedrige Energiepreise ermöglichten, wandten sich gegen die Regierung selbst. Eine angebliche Russlandfreundschaft stand im Raum und überdeckte den sachlogischen Zusammenhang: Günstige Energiepreise gibt es nur mit Russland. Erschwerend kam hinzu, dass in den europäischen und internationalen Debatten das Bild einer russlandfreundlichen ungarischen Regierungspolitik überwog und von vielen politischen und medialen Akteuren bewusst betont wurde, wenn es um Kritik an Orbán ging.
Insbesondere belastete dieses Narrativ die bisher immer gut funktionierenden deutsch-ungarischen Beziehungen massiv und sorgte für eine politische Entfremdung. Das Wahlergebnis vom 12. April lässt sich aber dennoch weniger als programmatische Entscheidung für eine alternative Regierungspolitik verstehen, denn als kumulativer Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit der Bürger mit dem Zustand des Landes – gespeist von dem allgemeinen Wunsch nach Veränderung. Wirtschaftliche Stagnation, gestiegene Lebenshaltungskosten und Korruptionsvorwürfe dürften die zentralen Triebkräfte dieser Wechselstimmung gewesen sein.
Der „junge Orbán“ als Gegenentwurf
Auf der anderen Seite verstand es Magyar sehr gut, auch konservative und bürgerliche Wählerklientel bis tief in die Fidesz hinein anzusprechen. Magyar wurde in der Fidesz sozialisiert, war bis 2024 Mitglied und konnte den Bruch mit der Partei authentisch verkörpern. Er sprach mit großem Erfolg die von Fidesz enttäuschten Wählerschichten an und stellte Tisza als modernere, jüngere, unverbrauchte, nicht korrupte Fidesz dar. Er bereiste das Land querfeldein und stieß auch zu kleinstädtischen Wählerschichten vor, die bisher immer eine sichere Bank für Fidesz waren. Sein professionelles Auftreten, das sichere Beherrschen der Onlinewelt, die Dynamik, seine Eloquenz und Sprachbegabung wirkten in diesem Zusammenhang authentisch und erinnerten viele an den jungen Orbán.
Wie der Zufall es will: Magyar wird mit 45 Jahren Ministerpräsident, Orbán war bei seiner Vereidigung im Jahre 2010 mit 46 Jahren praktisch gleichaltrig. Der neue Ministerpräsident setzt darauf, vieles eben nicht fundamental anders zu machen als Orbán, sondern Nuancen und Feinabstimmungen an den Punkten vorzunehmen, die manchmal zu Recht kritisiert wurden: Europapolitik, Kommunikation, Vergabewesen. Seine Einlassungen insbesondere nach dem Wahlsieg zeugen davon, dass er weiterhin eine im Interesse der ungarischen Landesbevölkerung ausgerichtete Politik zu verwirklichen bemüht ist; insbesondere ist keine radikale Wende in der Migrations- oder der Ukrainepolitik zu erwarten.
Vielen Wählern schien dieses Auftreten zu gefallen, denn Magyar erkannte völlig zutreffend, dass große Teile der Bevölkerung, vor allem die Unentschiedenen und die Nichtwähler, keine Fundamentalkritik an den vielen Errungenschaften der 16-jährigen Amtszeit von Fidesz hatten, sondern schlicht ermattet und ermüdet waren; sie wollten nun ein frisches Gesicht, ohne aber alles, wofür Fidesz bisher stand, aufgeben zu müssen. Die oft offensiven Kampagnen der Fidesz dürften für eine weitere Entfremdung gesorgt haben. Freilich verhielt es sich bei den linken Wählern anders, sie übten heftige Kritik an den Inhalten wie am Stil von Orbán. Diese heterogen zusammengewürfelte Wählerschaft muss nun Magyar weiterhin bei der Stange halten, andernfalls droht sein Lager zu zerfallen.
Die bisher angekündigten Maßnahmen personeller und inhaltlicher Art dürften dabei eher überzeugen. Magyar konnte viele ehemalige Fidesz-Funktionäre in sein Kabinett integrieren, Personen, an deren Leistungsfähigkeit und Integrität kein Zweifel besteht. Sollte Magyar sich konziliant geben, die sich gegenüberstehenden Blöcke miteinander versöhnen und eventuell auch noch eine Politik machen, an der Fidesz-Wähler Gefallen finden können, so hätte er die Chance auf eine lange Regierungszeit à la Orbán und Merkel.




