Geopolitik der Rohstoffe

Zentralbanken auf Einkaufstour: Gold als Schlüssel zur globalen Macht

Gold wird für die Großmächte zum immer wichtigeren geopolitischen Instrument. USA, China, Russland und Indien bauen ihre Reserven aus. Welche Rolle spielt der Dollar? Ein Gastbeitrag.

Gold gewinnt im Wettbewerb der Großmächte an Bedeutung und wird von immer mehr Staaten als strategische Reserve genutzt.
Gold gewinnt im Wettbewerb der Großmächte an Bedeutung und wird von immer mehr Staaten als strategische Reserve genutzt.AFP

Der Anstieg der Goldpreise in den letzten Jahren hat nicht nur Privatanleger, sondern auch Staaten motiviert, einen immer größeren Teil ihrer Reserven in dem Edelmetall anzulegen. Für einige Regierungen wird Gold zunehmend zu einem Machtmittel im Konkurrenzkampf mit anderen Ländern. Zudem macht Gold Staaten unabhängiger vom internationalen Finanzsystem. Verschärft der Run auf Gold die Rivalität der Großmächte?

Die USA verfügen über die größten Goldreserven der Welt. Neben der internationalen Leitwährung Dollar sichert dies den Vereinigten Staaten einen großen Vorteil im geopolitischen Wettbewerb. Auffallend ist jedoch der Rückgang der Goldförderung in den USA. 2025 sank die Produktion bereits das siebte Jahr in Folge. Auch Präsident Donald Trump, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Bedeutung der Rohstoffproduktion im eigenen Land betont, konnte diesen Trend bislang nicht umkehren. Stattdessen treten die USA als aggressive Goldkäufer insbesondere in afrikanischen Ländern wie dem Sudan oder Südafrika auf. Die Europäer haben hier oft das Nachsehen.

USA: Goldreserven als geopolitischer Hebel

Gegenwärtig denkt man in der US-Regierung offenbar über eine Neubewertung der eigenen Reserven nach. Bisher sind diese mit lediglich 42,5 Dollar je Feinunze bewertet – ein Wert aus dem Jahr 1973, der unmittelbar nach dem Ende des Goldstandards festgelegt wurde. Der derzeitige Preis liegt hingegen bei rund 5000 Dollar pro Feinunze, mit Schwankungen nach oben und unten. Da die USA über mehr als 8000 Tonnen Gold verfügen, würde eine Neubewertung zu einem buchhalterischen Gewinn von rund einer Billion Dollar führen.

Die Ökonomin Judy Shelton, eine frühere Beraterin Trumps, schlägt vor diesem Hintergrund sogar vor, dass amerikanische Staatsanleihen in Gold einlösbar sein sollten. Insbesondere Anleihen mit langen Laufzeiten sollten eine Umtauschoption in das Edelmetall erhalten. Für viele Anleger könnte dies durchaus attraktiv sein, vor allem vor dem Hintergrund der hohen Staatsverschuldung der USA und der anhaltenden Inflation.

Noch ist Sheltons Vorschlag keine Mehrheitsposition in den USA. Die Höherbewertung der Reserven ist jedoch keineswegs vom Tisch. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent sagte dazu lediglich, dies sei „bisher noch kein unmittelbarer Plan“. Ein entschiedenes Nein klingt anders. Unvorhersehbar wären allerdings die Auswirkungen auf die internationalen Finanzmärkte. Wie so vieles in der gegenwärtigen US-Regierung wirken auch die Positionen zur Reservewährung Gold widersprüchlich und schwer kalkulierbar.

China: Gold als heimliche Alternative zum Dollar

China hatte in der Vergangenheit stärker auf amerikanische Staatsanleihen als auf seine Goldreserven gesetzt. Die Führung in Peking war lange Zeit der größte Gläubiger der hoch verschuldeten USA. Doch das Verhältnis zwischen beiden Ländern war in den vergangenen Jahren zunehmenden Spannungen ausgesetzt. Auch deshalb hat China seine Bestände an US-Anleihen deutlich reduziert. Aurum (Gold) ist für das Reich der Mitte nun ebenfalls zu einer wichtigen Reservewährung geworden.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die chinesische Regierung die wahre Höhe ihrer Goldkäufe verschleiert. Offensichtlich will Peking vermeiden, dass seine Abwendung vom Dollar in vollem Umfang sichtbar wird. Denn beim unberechenbaren Trump kann niemand wissen, wie er auf eine solche Entwicklung reagieren würde. Wahrscheinlich treibt die chinesische Zentralbank aber auch die Sorge um, dass die Bekanntgabe größerer Käufe den Goldpreis weiter nach oben treiben könnte. Das liegt nicht im Interesse der Zentralbanker, solange sie noch umfangreiche Käufe planen. Angeblich legt auch das chinesische Militär einen Teil seiner Reserven in Aurum an. Dass die Militärs keine Angaben zu ihrer Anlagestrategie machen, überrascht allerdings kaum.

China baut seine Goldreserven kontinuierlich aus und versucht sich im internationalen Finanzsystem unabhängiger vom US-Dollar zu positionieren.
China baut seine Goldreserven kontinuierlich aus und versucht sich im internationalen Finanzsystem unabhängiger vom US-Dollar zu positionieren.AFP

China ist der größte Goldproduzent der Welt – für viele Leser vermutlich überraschend. Gemeinhin verbindet man eher Länder wie Russland, Australien und Kanada mit intensivem Goldabbau. Diese drei Nationen folgen jedoch erst auf den Plätzen zwei bis vier der größten Förderländer. Die chinesische Führung fördert den Goldabbau im eigenen Land gezielt. Offensichtlich hat sie ein Interesse daran, einen Teil des weltweiten Abbaus selbst zu kontrollieren, was die Abhängigkeit von ausländischen Produzenten verringert.

Es gibt jedoch viele Goldproduzenten weltweit. Neben Australien, Russland und Kanada zählen auch Mexiko, Kasachstan, die USA, Südafrika und Ghana dazu. Chinas Anteil an der weltweiten Goldproduktion liegt bei etwa zehn Prozent. Von einer Dominanz Chinas kann daher kaum gesprochen werden.

Im Goldhandel will China seine Position dennoch stärken. Die chinesische Notenbank wirbt bei befreundeten Ländern dafür, ihr Aurum in China aufzubewahren. Dadurch könnte Peking einerseits seine Stellung am internationalen Markt ausbauen, andererseits würde dies für Staaten ohne ausreichende eigene Lagerkapazitäten den Kauf des Edelmetalls erleichtern und zugleich die Position des Dollars als internationale Leitwährung weiter schwächen.

Zugleich versucht China, unabhängiger von London zu werden, dem führenden Goldhandelsplatz der Welt. Adrian Ash, Research-Direktor der Handelsplattform BullionVault, erklärt: „Chinesische Bürger dürfen Goldbarren nur an der Shanghai Gold Exchange kaufen, nicht in London.“ Münzen dürfen hingegen auch bei Banken erworben werden.

Indien: Unabhängigkeit durch Gold?

Die Inder haben eine besonders enge Beziehung zu dem Edelmetall. Vor allem in Form von Schmuck ist Gold sehr beliebt, insbesondere bei Hochzeiten als Teil der Ausstattung der Braut. Doch durch den starken Preisanstieg im Jahr 2025 können sich immer weniger Inder Goldschmuck leisten. Stattdessen ist Aurum für wohlhabendere Bevölkerungsschichten zunehmend als Wertanlage in Form von Münzen und Barren interessant geworden.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch die indische Zentralbank verstärkt auf Gold als Reservewährung setzt. Ein Grund dafür ist, dass die Sanktionen des Westens gegen Russland bei der Regierung in Neu-Delhi Unbehagen ausgelöst haben, da Indien seit sowjetischen Zeiten enge Beziehungen zu Moskau pflegt. Die von Trump im Sommer 2025 gegen Indien verhängten Zölle von 50 Prozent auf zahlreiche Produkte verstärkten diese Sorgen weiter. Eine Abwendung vom Dollar hin zum Gold erscheint daher strategisch sinnvoll. Auch das Zollabkommen zwischen den USA und Indien Anfang Februar 2026 dürfte daran wenig ändern.

Indien setzt bereits seit Jahren auf mehr geopolitische und wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Westen. So holte die Reserve Bank of India 2024 rund 100 Tonnen Gold aus London zurück, weitere 64 Tonnen folgten im Oktober 2025. Mittlerweile lagert mehr als die Hälfte des indischen Aurums im eigenen Land. Insgesamt verfügte die indische Zentralbank Ende 2025 über knapp 900 Tonnen Gold. Ein weiterer Anstieg ist wahrscheinlich, da das Edelmetall bislang nur elf Prozent der indischen Gesamtreserven ausmacht.

Ash betont: „Indien hat keine eigenen Minen, ist aber einer der größten Goldkäufer der Welt, vor allem aufgrund privater Nachfrage. Gerade deshalb hat die indische Regierung den Export von Gold ins Ausland verboten.“ Zudem senkte die Regierung im Sommer 2024 die Importzölle auf Gold und Silber von 15 auf sechs Prozent – ebenfalls als Reaktion auf die hohe Nachfrage.

Russland: Gold als Schutz vor Sanktionen

Wie China profitiert auch Russland von einer starken eigenen Goldförderung. Der Finanzexperte Ash erklärt: „Zwischen 2014 und 2018 hat Russland 80 Prozent seiner eigenen Produktion aufgekauft.“ Bereits damals bestanden Sanktionen gegen Russland wegen der Annexion der Krim. In den folgenden Jahren erhöhte das Land seine Reserven weiter.

Eine Goldmine in Burkina Faso: Afrikanische Förderländer rücken zunehmend in den Fokus geopolitischer Interessen internationaler Goldkäufer.
Eine Goldmine in Burkina Faso: Afrikanische Förderländer rücken zunehmend in den Fokus geopolitischer Interessen internationaler Goldkäufer.Dreamstime Gillespai/imago

Im November 2025 kam es jedoch zu einer bemerkenswerten Kursänderung. Die russische Zentralbank kündigte an, physisches Gold aus ihren Reserven auf dem Inlandsmarkt verkaufen zu wollen. Diese Verkäufe haben den Vorteil, dass sie nicht dem internationalen Zahlungssystem Swift unterliegen und somit nicht vom Westen sanktioniert werden können.

Ob dies auf eine dauerhafte Änderung der russischen Finanzpolitik hindeutet, ist derzeit unklar. Der Krieg in der Ukraine verursacht sehr hohe Staatsausgaben. Infolgedessen sind die Goldreserven des Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF) seit 2022 von mehr als 405 Tonnen auf 173 Tonnen geschrumpft (Stand: 1. November 2025). Der Fonds wird seit Kriegsbeginn verstärkt zur Finanzierung des Staatshaushalts genutzt. Er wird vom russischen Finanzministerium kontrolliert und war ursprünglich aus überschüssigen Öleinnahmen gespeist worden.

Bedeutet das Schrumpfen der Reserven, dass Russland die finanzielle Kraft ausgeht, den Krieg weiterzuführen, und ein Ende des Blutvergießens wahrscheinlicher wird? Nicht zwingend. Denn die gesamten Gold- und Währungsreserven Russlands beliefen sich laut dem Portal tradingeconomics.com im Dezember 2025 auf 754 Milliarden Dollar und sind im Laufe des vergangenen Jahres sogar weiter gestiegen. Allerdings sind rund 300 Milliarden Dollar davon im Westen eingefroren. Der Zuwachs resultiert vor allem aus den gestiegenen Goldpreisen. Der Anteil des Edelmetalls an den russischen Gesamtreserven ist in den vergangenen fünf Jahren von 23 auf mehr als 36 Prozent gestiegen.

Für Russland ist Aurum noch stärker als für China oder Indien ein geopolitisches Instrument zur Unabhängigkeit vom wirtschaftlichen Einfluss des Westens. Entsprechend groß ist Moskaus Interesse am Ausbau der eigenen Goldproduktion. Russland ist nach China der zweitgrößte Goldproduzent der Welt. Zwar haben die USA und die EU bereits Mitte 2022 den Import und den Handel mit russischem Gold verboten, dennoch gelangt es weiterhin auf die internationalen Edelmetallmärkte. Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Armenien gelten als bekannte Umschlagplätze. Dieser Handel ist schwer zu unterbinden, da er zu einem großen Teil über inoffizielle Wege organisiert wird.

Gold spielt im geopolitischen Wettbewerb der Großmächte eine immer wichtigere Rolle. Staaten, die über große Goldreserven verfügen und zugleich selbst produzieren können, haben einen klaren Vorteil gegenüber Konkurrenten mit geringen oder keinen Beständen. Gold steht für finanzielle Unabhängigkeit und geringere Abhängigkeit von Fremdwährungen. Es gilt als sicherer Hafen in wirtschaftlich turbulenten Zeiten und verleiht Staaten auf der internationalen Bühne ökonomische Glaubwürdigkeit und Stärke. Die anhaltenden Goldkäufe der Zentralbanken dürften den Preis weiter nach oben treiben – auch wenn Rückschläge nicht ausgeschlossen sind.