Abstieg des Westens

Brics: Ende von Dollar-Dominanz und Sanktionen? Russland testet erstmals goldgedeckte Kryptowährung

Die Brics kommen mit der Entwicklung einer Gemeinschaftswährung voran. Treibt Trump mit seinen Drohungen selbst skeptische Länder wie Indien aus dem Dollar-System?

Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und Indiens Premier Narendra Modi am vergangenen Freitag in Neu-Delhi
Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und Indiens Premier Narendra Modi am vergangenen Freitag in Neu-Delhiimago

Die westlichen Sanktionen gegen Russland, China und andere Staaten haben zahlreiche Regierungen dazu veranlasst, eine Alternative zum Dollar-dominierten Swift-Zahlungssystem zu suchen. Der Streit innerhalb der EU, wie mit den Milliarden an eingefrorenem russischen Zentralbankvermögen umgegangen werden soll, verdeutlicht, dass die Glaubwürdigkeit des westlich dominierten Finanzsystems auf dem Spiel steht.

Innerhalb der Brics-Gruppe – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – wird seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs intensiv darüber diskutiert, wie die Dollar-Dominanz gebrochen und somit ein wirksamer Schutz gegen westliche Sanktionen eingeführt werden kann.

Euro und Dollar verlieren an Bedeutung

„Aus verschiedenen Gründen glaube ich nicht, dass der Dollar weiterhin so wichtig bleiben wird“, sagt der brasilianische Ökonom Paulo Nogueira Batista in einem Interview mit dem norwegischen Geopolitik-Analysten Glenn Diesen. „Internationales Geld spiegelt gewissermaßen die geopolitischen Gegebenheiten wider. Da die USA und Europa an Bedeutung verlieren, wird auch die relative Bedeutung ihrer Währungen sinken“, führt der Wirtschaftswissenschaftler aus.

Batista hat einen besonderen Einblick in internationale Währungsfragen. Schließlich war er ab 2007 und damit während der großen globalen Finanzkrise Exekutivdirektor im Internationalen Währungsfonds (IWF). Später trieb er die Gründung der Neuen Entwicklungsbank der Brics voran und war dort von 2015 bis 2017 Mitglied des Board of Directors.

Bislang schaffen sich die Brics-Staaten mit bilateralen Abkommen einen Ausweg aus der Dollar-Abhängigkeit. China hat erst im November sein Swift-Zahlungssystem-Pendant Cips (Cross-Border Interbank Payment System) auf den afrikanischen Kontinent ausgeweitet und somit zahlreichen Staaten ermöglicht, ihre Staatsschulden von Dollar in Renminbi umzuschichten. Ein weiteres Beispiel ist die vor wenigen Tagen von Russland aufgelegte „Dim-Sum“-Staatsanleihe, die erstmals in chinesischen Renminbi denominiert ist. Das russische Finanzministerium gab die Emission von Staatsanleihen im Wert von 20 Milliarden Renminbi bekannt. Damit eröffnet sich Moskau die Möglichkeit, von Chinas niedrigen Zinsen für die Inlandsfinanzierung zu profitieren.

Doch eine alternative globale Finanzordnung abseits des Dollar muss über bilaterale Abkommen hinausgehen. „Wer wird die Lücke füllen, die der Dollar hinterlässt?“, fragte Batista in dem Interview. „Nicht der Euro, nicht die anderen westlichen Währungen.“ Auch China zögere, den Renminbi als Leitwährung zu fördern.

Insofern bleibe als einzige Alternative die Schaffung einer neuen Reservewährung. „Es bräuchte also eine neue Währung, die von einer Gruppe von Ländern, vermutlich ausschließlich aus dem Globalen Süden, getragen wird. Das wäre eine echte Neuerung im Bereich des internationalen Geldwesens“, sagte Batista.

Russland stellt goldgedeckte Kryptowährung vor

Tatsächlich wird innerhalb der Brics-Gruppe bereits intensiv an einer Gemeinschaftswährung gearbeitet. Das Institut für Wirtschaftsstrategien der Russischen Akademie der Wissenschaften (Irias) hat nun mitgeteilt, einen funktionsfähigen Prototyp einer goldgedeckten Handelswährung namens „Unit“ auf den Markt gebracht zu haben.

Die Unit ist ein digitales Handelsinstrument, das durch einen Währungskorb gedeckt ist, der zu 40 Prozent aus physischem Gold und zu 60 Prozent aus den nationalen Währungen der Brics-Staaten besteht. Somit sind der brasilianische Real, der chinesische Renminbi, die indische Rupie, der russische Rubel und der südafrikanische Rand jeweils gleich gewichtet. Irias initiierte das Pilotprojekt am 31. Oktober, indem es 100 Units ausgab, die anfänglich jeweils an ein Gramm Gold gekoppelt waren.

Russland hat zwar bereits Anfang des Jahres den digitalen Rubel im heimischen Bankensystem getestet. Die Brics-Unit ist jedoch der erste funktionierende Prototyp einer goldgedeckten Handelswährung. Der Wert des Unit ist so konzipiert, dass er täglich entsprechend den Kursbewegungen der enthaltenen Währungen gegenüber Gold schwankt.

Das Projekt wurde vom Brics-Block und seinen Zentralbanken noch nicht offiziell übernommen, aber das Experiment wurde von ausgewählten Mitgliedstaaten vorangetrieben, die nach Alternativen zur gegenwärtigen Dollar-dominierten Finanzarchitektur suchen.

Der brasilianische Ökonom Batista meint, innerhalb der Brics-Staaten herrsche bezüglich einer Gemeinschaftswährung keine umfassende Einigkeit. „Indien ist natürlich ein Widerstandsfaktor“, sagte er. Bei seinem jüngsten Besuch in Indien hatte Russlands Präsident Wladimir Putin zwar die Notwendigkeit eines verstärkten bilateralen Handels, auch in Landeswährungen, betont. Hoffnungen auf die schnelle Einführung einer Brics-Währung erteilte er jedoch eine Absage. „Es besteht kein Grund zur Eile“, sagte Putin. „Und wenn es keine Eile gibt, dann wird man viele schwere Fehler vermeiden.“ Er unterstrich die Notwendigkeit, Lehren aus der Eurozone zu ziehen, und sagte, dass Länder nicht gezwungen werden könnten, einem „gemeinsamen System“ zu folgen, wenn die Strukturen nicht aufeinander abgestimmt seien.

Putin und Modi zurückhaltend

Indien wird 2026 den Brics-Vorsitz übernehmen. Zwar setzt sich Ministerpräsident Narendra Modi für den Handel in Landeswährungen ein und wirbt für die Einführung des indischen Zahlungssystems Unified Payment Interface (UPI) in den anderen Brics-Staaten, doch hat er sich mehrfach kategorisch von der Idee einer gemeinsamen Brics-Währung distanziert. Insbesondere wegen des starken Konkurrenzverhältnisses gegenüber China ist die indische Regierung skeptisch gegenüber einem Gemeinschaftsprojekt.

Ökonom Batista ist dennoch zuversichtlich. „Indien könnte zunächst abwarten und später beitreten wollen“, sagte er. „Wir sollten uns daher nicht von der Notwendigkeit lähmen lassen, jedes einzelne Mitglied zu mobilisieren.“ Ein wesentlicher Faktor, der Indien zum Beitritt einer Brics-Währung veranlassen könnte, sei, dass der Handel in der eigenen Währung an seine Grenzen stoße. Dieses System lasse keine dauerhaften Handelsüberschüsse und -defizite zwischen den Ländern zu. „Man braucht also internationale Währungen, um den Dollar weiter zu entdollarisieren“, so Batista.

Eine gemeinsame Brics-Reservewährung dürfe allerdings nicht wie der Euro konstruiert werden. „Wir denken an eine parallele internationale Währung, beschränkt auf internationale Transaktionen zwischen den Ländern“, sagte Batista. Diese könnte die Form eines Währungskorbs annehmen, ähnlich der Sonderziehungsrechte des IWF.

Trump droht bei Dollar-Abkehr mit Sanktionen

Die IWF-Sonderziehungsrechte seien eine gute Idee, um den Finanzmärkten Stabilität zu verleihen, doch seien sie von den USA nie akzeptiert worden, führte Batista aus. „Die USA unterstützen grundsätzlich keine Währungen, die mit dem Dollar konkurrieren (…) sie besitzen ein Vetorecht bei Entscheidungen, die die Sonderziehungsrechte (SZR) betreffen, und dieses Vetorecht haben sie auch ausgeübt.“

Es sei kein Zufall, dass US-Präsident Donald Trump in dieser Angelegenheit sehr konsequent und äußerst vorsichtig vorgegangen ist. Trump hat angekündigt, jedes Land zu sanktionieren, das versucht, aus dem Dollar-System auszusteigen. „Doch darin liegt ein Widerspruch“, meint Ökonom Batista, „denn gerade die ständige Drohung mit Sanktionen und wirtschaftlichem Zwang motiviert Länder zur Abschaffung des Dollar.“