Chinas Blick auf Europa

„Europa ist kein Museum“: Warum China trotz Krise weiter auf Deutschland setzt

Krieg, wirtschaftlicher Druck und politische Unsicherheit prägen Europa. China-Experte Zichen Wang erklärt, warum Deutschland für Peking dennoch ein zentraler Partner bleibt. Ein Interview.

Zichen Wang Gründer und Herausgeber des einflussreichen China-Newsletters Pekingnology.
Zichen Wang Gründer und Herausgeber des einflussreichen China-Newsletters Pekingnology.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

Europa zwischen Krieg, Trump und China: Der chinesische Politikexperte Zichen Wang warnt im Interview vor Europas gefährlicher Gemengelage – und erklärt, warum der Kontinent aus Pekings Sicht trotz Ukraine-Krieg, transatlantischer Spannungen und wirtschaftlicher Schwäche alles andere als ein Auslaufmodell ist. Warum China auf Europa setzt, welche Rolle Macron und Deutschland spielen und weshalb die nächste globale Eskalation nicht ausgemacht ist.

Herr Wang, Europa steckt in einer politischen und ökonomischen Krise. Sie sind derzeit zu Besuch hier. Wie nehmen Sie die Lage wahr?

Die Krise ist real und vielschichtig. Erstens dauert der Krieg in der Ukraine nun fast vier Jahre. Viele europäische Staaten und Nato-Länder sind stark involviert und investieren enorme finanzielle und materielle Ressourcen in die Unterstützung der Ukraine. Menschen sterben, und der Krieg ist geografisch nah. Zweitens gerät das transatlantische Bündnis unter Druck. Unter Donald Trump zeigt sich, wie fragil die militärische, wirtschaftliche und wertebasierte Partnerschaft sein kann. Drittens steht Europas Wettbewerbsfähigkeit massiv unter Druck. Ich habe in den vergangenen Jahren viele europäische Führungskräfte getroffen, die Sorge ist spürbar. Man versteht, dass es sich um eine ernste Lage handelt. Trotzdem sollte man die Stärken Europas nicht unterschätzen.

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Paulus Ponizak/Berliner Zeitung
Zur Person
Zichen Wang (37) ist Gründer und Herausgeber des einflussreichen China-Newsletters Pekingnology sowie stellvertretender Generalsekretär des Pekinger Thinktanks Center for China and Globalization (CCG). Zuvor arbeitete er über elf Jahre als Journalist für Xinhua, unter anderem als EU-Korrespondent in Brüssel, und studierte Public Policy an der Princeton University.

Welche zum Beispiel?

Europa ist weiterhin eine der wohlhabendsten Regionen der Welt. Das Pro-Kopf-BIP liegt deutlich über dem chinesischen Niveau von rund 13.000 bis 14.000 US-Dollar. Selbst das einkommensschwächste EU-Land liegt etwa auf diesem Niveau. Der Lebensstandard ist hoch, genau deshalb bleibt Europa für chinesische Unternehmen attraktiv. Europa verfügt zudem über Freizügigkeit, Infrastruktur und stabile Institutionen. Entgegen mancher US-amerikanischer Erzählung ist Europa kein Museum. Es gibt exzellente Unternehmen wie Airbus und viele starke Industrien. Krisen können Reformen auslösen und damit neue Chancen eröffnen.

Ist Europa aus chinesischer Sicht also weiterhin ein funktionierendes Modell?

Absolut. Europa ist sehr attraktiv. Chinesen wollen hier reisen, einkaufen und investieren. Zwar gilt das umfassende Investitionsabkommen zwischen China und der EU in Brüssel als gescheitert, doch in China gibt es weiterhin Stimmen – auch innerhalb der Regierung –, die an eine Wiederbelebung glauben. Europa wird als weniger ideologisch und weniger sicherheitspolitisch aufgeladen wahrgenommen, wenn es um wirtschaftliche Zusammenarbeit geht. Zudem ist Europa innovativ. Universitäten und Hochschulbildung genießen in China hohes Ansehen. Auch jüngste hochrangige Besuche wurden sehr positiv aufgenommen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wurde in China wie ein Rockstar empfangen.

Macron hat kürzlich erklärt, chinesische Investitionen in Europa seien willkommen. Ist er Chinas neue Hoffnung in Europa?

Macron hat erfolgreich eine persönliche Beziehung zur chinesischen Führung aufgebaut. Frankreich strebt jetzt jährliche Gipfeltreffen an, das ist bemerkenswert. Der chinesische Präsident verbringt bei Macrons Besuchen viel Zeit mit ihm, auch außerhalb Pekings. Das ist ein klares Signal von Wertschätzung. Gleichzeitig ist klar: Europa will mehr als reine Endmontage für seine Produkte. Gewünscht sind Direktinvestitionen, die Arbeitsplätze schaffen, Lieferketten stärken und Technologie transferieren. China kennt diese Erwartungen und ist grundsätzlich offen dafür. Schließlich hat es selbst während seiner Reformphase stark von europäischen Investitionen profitiert.

Frankreichs Präsident <a href="https://www.berliner-zeitung.de/topics/emmanuel-macron">Emmanuel Macron</a> wurde in China wie ein Rockstar empfangen.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wurde in China wie ein Rockstar empfangen.Sarah Meyssonnier/AFP

Treibt Trumps Politik – etwa durch Zolldrohungen – Europa in Richtung China?

Eine größere Distanz zwischen Europa und den USA führt nicht automatisch zu einer engeren Beziehung zwischen Europa und China. Gleichzeitig erzeugt ein unberechenbares Amerika Risiken für Europa. Viele europäische Länder suchen daher nach einer zweiten Option. China ist ein riesiger Markt und zunehmend auch ein Innovationszentrum. Europäische Wirtschaftsvertreter sagen offen, dass sie den Zugang zu chinesischer Technologie und Forschung brauchen.

Wie wird Deutschland heute in China wahrgenommen?

Deutschland gilt weiterhin als Führungsnation. Unter Angela Merkel waren die Beziehungen sehr stabil. Seitdem hat sich viel verändert – in Deutschland, in Europa und global. Dennoch genießt Deutschland großen Respekt: für seine Industrie, sein Ingenieurwesen, seine Präzision und seine historische Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Bedeutung ist nicht geschrumpft. Der Bundeskanzler wird respektiert – ein Land dieser Größe in dieser Zeit zu führen, ist keine leichte Aufgabe.

Was erwarten Sie vom China-Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz Ende Februar?

Niemand sucht eine Konfrontation. Deutschland hofft, dass China mehr Einfluss auf Russland ausübt, um den Ukraine-Krieg zu beenden. Gleichzeitig wird es um Wirtschaftsbeziehungen gehen – mit dem Ziel, stärker zu kooperieren statt nur zu konkurrieren. Beide Seiten wünschen sich einen konstruktiven Besuch, der Probleme offen anspricht, aber konkrete Kooperation ermöglicht.

Hat China tatsächlich Einfluss auf Russland, was den Ukraine-Krieg betrifft?

China ist Russlands größter Handelspartner und pflegt enge Beziehungen, hat aber auch Exportkontrollen eingeführt. Diplomatisch ist China aktiv und hat Sondergesandte nach Europa entsandt. Gleichzeitig beliefert China Russland weiterhin in erheblichem Umfang mit sogenannten Dual-Use-Gütern, darunter auch Bauteile für Drohnen, was in Europa kritisch gesehen wird.

Ob China Russlands Verhalten grundlegend ändern kann, ist offen. Beim letzten Kanzlerbesuch hat China jedoch öffentlich den Einsatz von Atomwaffen abgelehnt, das wurde international sehr begrüßt. China wünscht sich einen Waffenstillstand und Stabilität. Auch die Ukraine ist ein wichtiger Handelspartner für Peking.

Sind die USA aus chinesischer Sicht ein fallendes Imperium?

Militärisch mögen die USA stark sein, strategisch wirken manche Aktionen – etwa in Venezuela oder in der Grönland-Frage – destabiliserend und sind völkerrechtswidrig. Bedrohungsszenarien werden konstruiert, um aggressives Verhalten zu rechtfertigen. Europa beginnt, sich dagegen zu wehren. Das ist ein Warnsignal, auch für die USA selbst.

Zu Beginn des Jahres hatte US-Präsident Donald Trump wiederholt die amerikanische Kontrolle über Grönland gefordert.
Zu Beginn des Jahres hatte US-Präsident Donald Trump wiederholt die amerikanische Kontrolle über Grönland gefordert.Ina Fassbender/AFP

Fürchten Sie eine große Konfrontation zwischen China und den USA?

Solange sich die Präsidenten regelmäßig treffen, wird niemand eskalieren. Selbst bekannte China-Hardliner in den USA sprechen inzwischen von notwendiger Zusammenarbeit. China bleibt ein strategischer Konkurrent, aber ein militärischer Konflikt ist aus meiner Sicht unwahrscheinlich, zumindest solange nichts Unvorhergesehenes geschieht.

In Deutschland wird oft behauptet, China sei eine neue imperiale Macht.

Diese Sorge ist verständlich: China ist ein großes und mächtiges Land. Aber es ist nach wie vor ein Land mit mittlerem Einkommen, das enorme innere Herausforderungen zu bewältigen hat. Seine Priorität ist die eigene Entwicklung. Zudem hat China keine Tradition, anderen Ländern seine Ordnung aufzuzwingen. Den Vorwurf, China sei eine imperiale Macht, halte ich daher für falsch.

„Europäische Wirtschaftsvertreter sagen offen, dass sie den Zugang zu chinesischer Technologie und Forschung brauchen“, sagt Zichen Wang
„Europäische Wirtschaftsvertreter sagen offen, dass sie den Zugang zu chinesischer Technologie und Forschung brauchen“, sagt Zichen WangPaulus Ponizak/Berliner Zeitung

In letzter Zeit ist oft vom Niedergang Deutschlands die Rede. Wie sehen Sie das?

Ja, das Wetter ist gerade schlecht. Aber mal ernsthaft: Der öffentliche Nahverkehr hier in Berlin ist besser als in New York, es gibt weniger Obdachlosigkeit, eine universelle Gesundheitsversorgung, funktionierende Institutionen und Rechtsstaatlichkeit. Darauf kann man stolz sein. Deutschland hat in seiner Geschichte weitaus schlimmere Krisen überstanden. Auch diese Krise ist ein Prüfstein und eine Chance, erneut Stärke zu zeigen.