Bahnt sich da eine finanzpolitische Revolution an? Die Brics-Staaten könnten jedenfalls noch in diesem Jahr einen entscheidenden Schritt zur Neuordnung der globalen Finanzarchitektur gehen. Mit der geplanten Einführung einer gemeinsamen Zahlungsplattform, die vorläufig Brics Pay genannt wird, will das lose Bündnis seine Abhängigkeit von westlich dominierten Finanzstrukturen reduzieren.
Im Kern geht es um nichts weniger als die Umgehung des Dollars als zentrale Abrechnungswährung und damit um die Schwächung eines der wirkungsvollsten Machtinstrumente des Westens: der Finanzsanktionen.
Die Initiative geht nach übereinstimmenden Medienberichten maßgeblich von Indien aus, das derzeit den Vorsitz im Brics-Verbund innehat. Die indische Zentralbank (RBI) hat vorgeschlagen, die digitalen Zentralbankwährungen (CBDC) der Mitgliedsstaaten über eine gemeinsame technologische Plattform miteinander zu verbinden. Ziel ist es, grenzüberschreitende Zahlungen in nationalen Währungen zu ermöglichen. Explizit ohne den Umweg über Dollar-Clearingstellen oder Systeme wie Swift.
Brics Pay: Angriff auf den Dollar und die Sanktionsmacht des Westens
Wichtig dabei: Anders als frühere, teils politisch heikel aufgeladene Debatten über eine gemeinsame Brics-Währung setzt das neue Projekt ausdrücklich nicht auf monetäre Vereinheitlichung. Stattdessen soll, so indische Finanzfachmedien, eine rein technologische Infrastruktur entstehen, die bestehende nationale Währungen miteinander kompatibel macht.
Besondere Brisanz erhält das Vorhaben durch die jüngste Erweiterung der Brics-Gruppe. Mit dem Beitritt von Staaten wie Saudi-Arabien, Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten rücken finanzpolitische Debatten immer mehr in den Fokus. Denn vor allem im Energiehandel, der traditionell fest in Dollar-Hand ist, eröffnen sich damit für Riad, Teheran und Abu Dhabi neue Spielräume.
Gleichzeitig stehen die großen Brics-Staaten erst am Anfang ihrer digitalen Währungsprojekte. China, Indien und Russland testen ihre digitalen Zentralbankwährungen bislang nur in Pilotprogrammen. Fragen der technischen Interoperabilität, der Datensicherheit und der gemeinsamen Governance sind ungelöst. Genau hier liegen die größten Hürden für Brics Pay. Dennoch sollte das ambitionierte Projekt nicht unterschätzt werden. Gelingt der Aufbau einer funktionierenden alternativen Zahlungsinfrastruktur, könnte dies langfristig die Sanktionsmacht des Westens erheblich einschränken.
Victoria Panova, Wissenschaftlerin an der Higher School of Economics (HSE) in Moskau und Leiterin des Brics-Expertenrats in Russland, sieht in dem Vorhaben einen konsequenten Schritt. Alle Initiativen innerhalb des Bündnisses folgten demselben Ziel, erklärte sie gegenüber dem russischen Online-Medium Wfokuse: „Jede Bewegung im Rahmen der Brics zielt darauf ab, die Unabhängigkeit dieses Zusammenschlusses zu erhöhen und die Fähigkeit der Staaten, nicht sanktionierbar zu sein und nicht unter externer Aufsicht zu stehen.“
Dass ausgerechnet Indien, traditionell ein vorsichtig balancierender Brics-Akteur zwischen West und Ost, die Initiative vorantreibt, wertet Panova als politisches Signal. Die Reduzierung der Dollar-Abhängigkeit sei damit endgültig aus der rhetorischen in die praktische Phase eingetreten. Die entscheidende Frage laute nun nicht mehr „warum“, sondern „wie“.
Allerdings ist der politische Wille innerhalb der Brics nicht einheitlich ausgeprägt. Während sanktionierte Staaten wie Russland oder der Iran ein starkes Interesse an alternativen Zahlungssystemen haben, profitieren andere Mitglieder weiterhin vom bestehenden Dollar-System. „Einige Länder wollen sich von Sanktionen befreien, andere sind mit dem Dollar durchaus zufrieden“, so Panova.
Hinzu kommt ein erhebliches technologisches Gefälle. „Eine ausgebaute Infrastruktur für digitale Währungen existiert bislang nicht überall“, betont die Expertin. Einige Staaten müssten diesen Entwicklungsweg erst noch vollständig gehen, bevor eine gemeinsame Plattform realistisch sei.
Globale Finanzordnung: Werden erste Risse sichtbar?
Für die russische Politik und Wirtschaft, die seit Jahren unter massivem Sanktionsdruck stehen, hat das Projekt eine besondere strategische Bedeutung. Eine funktionierende Brics-Zahlungsplattform würde nicht nur neue Handelswege eröffnen, sondern auch die Rolle des russischen Rubels stärken. „Jede Infrastruktur, die die Nutzung des Rubels erweitert, stabilisiert letztlich die gesamte wirtschaftliche Architektur“, so Panova.




