Nahost

Angriff auf den Iran: Haben sich Netanjahu und Trump verrechnet?

Nach dem Angriff auf den Iran stehen die Golfstaaten unter Beschuss. Der Iran reagiert härter als erwartet. Die USA und Israel könnten die Lage falsch eingeschätzt haben.

Benjamin Netanjahu (l.) und Donald Trump: Der gemeinsame Angriff auf den Iran könnte sich als riskantes Kalkül erweisen.
Benjamin Netanjahu (l.) und Donald Trump: Der gemeinsame Angriff auf den Iran könnte sich als riskantes Kalkül erweisen.Daniel Torok/Avalon/imago

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Region in eine Eskalationsspirale gestürzt, deren Dynamik Washington und Tel Aviv möglicherweise unterschätzt haben. Anstelle des schnellen Sturzes der iranischen Regierung erlebt der Nahe Osten nun eine Phase intensiver militärischer Auseinandersetzungen mit offenem Ausgang.

Teheran hat Kommandostrukturen dezentralisiert

Seit Beginn der iranischen Vergeltungsangriffe hat Teheran Hunderte Raketen und Drohnen auf Israel sowie auf US-Stützpunkte und zivile Ziele in der Golfregion abgefeuert. In Israel schlugen mehrere Salven nahezu gleichzeitig ein. Berichten zufolge war die Luftabwehr in einzelnen Nächten zeitweise überfordert. Auch in Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait kam es zu Einschlägen oder Schäden durch Trümmer abgefangener Geschosse. In Saudi-Arabien geriet am Montag eine Anlage des Ölkonzerns Saudi Aramco in Brand, nachdem sie von Raketentrümmern getroffen wurde.

Das zentrale Problem für die USA und Israel: Bislang ist es nicht gelungen, die iranischen Abschusskapazitäten entscheidend zu neutralisieren. Offenbar hat Teheran seine Kommandostrukturen dezentralisiert und mobile Startsysteme vorbereitet. Das „iranische Regime“, wie es im Westen bezeichnet wird, kämpft ums Überleben; das erklärt die Intensität der Reaktion.

Hinzu kommt ein logistischer Faktor: Abfangraketen, die ursprünglich für zwei bis drei Wochen intensiver Gefechte kalkuliert waren, könnten bei der derzeitigen Schlagfrequenz bereits nach rund zehn Tagen erschöpft sein. Sollte sich diese Einschätzung bewahrheiten, stünden Israel und die USA vor einem Dilemma: Entweder die Angriffe nehmen spürbar zu, um die iranische Regierung schnell in die Knie zu zwingen, oder man drängt auf einen Waffenstillstand, der politisch als Niederlage ausgelegt würde.

Golfstaaten zwischen Fronten

Dass erstmals seit Jahrzehnten alle sechs Golfmonarchien – Katar, Oman, Kuwait, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate und Saudi-Arabien – zugleich unter direktem Beschuss stehen, ist besonders brisant. Wochenlang hatten sie versucht, US-Präsident Donald Trump von einem Angriff auf den Iran abzubringen. Sie fürchteten genau dieses Szenario, bei dem Teheran nicht nur Israel, sondern auch amerikanische Infrastruktur auf arabischem Boden ins Visier nehmen und damit die Golfstaaten de facto in einen Krieg hineinziehen würde, den sie um jeden Preis vermeiden wollten.

Die Strategie der arabischen Staaten, die Spannungen mit Teheran in den vergangenen Jahren zu dämpfen und ihre eigene Verwundbarkeit zu reduzieren, wurde durch den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran am Samstagmorgen zunichtegemacht.

Noch spielt sich der Konflikt primär in der Luft ab. Doch erste Vorfälle auf See – ein beschädigtes iranisches Kriegsschiff im Hafen, verstärkte Bewegungen israelischer U-Boote – deuten auf eine mögliche Ausweitung hin. Sollte sich der Krieg in den maritimen Raum verlagern, droht eine weitere Eskalationsstufe.

Besonders alarmierend wäre eine dauerhafte Schließung der Straße von Hormus. Bereits jetzt reagieren die Märkte nervös, die Ölpreise sind deutlich gestiegen. Eine Blockade dieser Lebensader des globalen Energiemarktes würde aus einer regionalen Konfrontation rasch eine weltwirtschaftliche Krise machen.

Ein Regimewechsel im Iran würde die Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens im Interesse der USA und Israels grundlegend verändern. Teherans Unterstützung für Milizen im Libanon, im Irak oder im Jemen würde damit enden. Sollte das iranische System aber trotz massiver Angriffe überleben und sich womöglich enger an Russland oder China anlehnen, hätte sich der Angriff auf den Iran als „Eigentor“ erwiesen.

Auch der innenpolitische Preis könnte erheblich sein, insbesondere wenn amerikanische Verluste steigen oder die Energiepreise weiter explodieren. Gleichzeitig wächst in Teilen der arabischen Öffentlichkeit die Kritik an der US-Militärpräsenz in der Region. Die Frage, ob amerikanische Basen Sicherheit garantieren oder im Gegenteil zur Zielscheibe werden, wird nun offen diskutiert.

Die Lage ist für Benjamin Netanjahu und Trump daher hochriskant. Ein Abbruch der Operation ohne sichtbaren Erfolg würde als strategische Niederlage gelten. Eine Ausweitung, etwa durch den Einsatz von Bodentruppen, wäre eine dramatische Eskalation mit unabsehbaren globalen Folgen.

Eine Region im Schwebezustand

Der Krieg hat gerade erst begonnen. Ob er in wenigen Tagen durch diplomatischen Druck eingefroren wird oder sich zu einem offenen Flächenbrand entwickelt, der sich über Wochen oder gar Jahre hinzieht, lässt sich derzeit nicht sagen.

Die Annahme, das iranische System durch gezielte Luftschläge rasch stürzen zu können, erweist sich bislang jedenfalls als trügerisch. Die Stärke der iranischen Vergeltung scheint die Amerikaner und Israelis zu überfordern. Sollte es Trump und Netanjahu nicht gelingen, das Kräfteverhältnis schnell und eindeutig zu ihren Gunsten zu drehen, könnte sich dieser Krieg als folgenschwere Fehleinschätzung erweisen – mit Konsequenzen, die weit über die Region hinausreichen.