Der Krieg im Iran und die sich auf die Golfstaaten ausweitenden Kampfhandlungen stellen viele Länder vor die grundsätzliche Frage, wie sie ihre Energieversorgung sicherstellen sollen. Mehrere asiatische Staaten haben Krisenstäbe eingerichtet für den Fall, dass die Straße von Hormus geschlossen wird. Experten wie der Ökonom Jeffery Sachs hält einen Ölpreis-Schock für möglich (mehr hier).
Der Konflikt hat sich bereits über weite Teile des Nahen Ostens ausgebreitet und den Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gebracht. Dies verstärkt laut Bloomberg „die Befürchtung, dass die Lieferungen einiger der größten Energieexporteure der Welt durch einen langwierigen Krieg beeinträchtigt werden könnten“. Die europäischen Gaspreise stiegen am Montagmorgen um 25 Prozent.
Am Montag hat nach einem Drohnenangriff in der Region hat Aramco den Betrieb der größten Raffinerie Saudi-Arabiens in Ras Tanura an der Küste des Persischen Golfs eingestellt.
Gaspreise steigen
Auch Flüssigerdgas (LNG) ist betroffen: Qatar Energy stellte am Montag die Produktion von LNG wegen Angriffen auf seinen Komplex in Ras Laffan vorübergehend ein. wie das Unternehmen in einer Erklärung mitteilte. Qatar Energy ist einer der weltweit größten LNG-Produzente. Der Komplex in Ras Laffan ist ein wichtiger Knotenpunkt für Katars Energieexporte. Der Produktionsstopp könnte erhebliche Folgen für die globale LNG-Versorgung haben.
Laut Daten der Londoner ICE hat der Gaspreis an der europäischen Börse erstmals seit Februar 2025 die Marke von 550 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter wegen des Produktionsstopps von Katar überstiegen.
Qatar Energy wird laut Reuters nach der Ankündigung der Produktionsunterbrechung aufgrund der iranischen Angriffe höhere Gewalt (force majeure) für die nicht erfolgte LNG-Lieferungen erklären. Die Erklärung höherer Gewalt würde es dem Unternehmen ermöglichen, sich vorübergehend von der Haftung für die Nichterfüllung vertraglicher Verpflichtungen gegenüber Gasabnehmern weltweit zu befreien.
„Force majeure“ war auch ein Thema, mit dem sich Deutschland im Zusammenhang mit den Anschlägen gegen die Nord Stream 2-Pipeline auseinanderzusetzen hatte. Damals weigerten sich die Versicherungen zu zahlen - mit dem Verweis auf „höhere Gewalt“.
Deutschland mit zerstörter Infrastruktur
Wie stellt sich vor diesem Hintergrund die Lage in Deutschland heute dar?
Der Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) vom Dezember 2025 über die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines liest sich wie ein Krimi: „Die Sprengsätze detonierten am 26. September 2022 um 2.03 Uhr beziehungsweise 19.03 Uhr. Dabei wurden beide Stränge der Pipeline ,Nord-Stream 1‘ und eine Rohrleitung von ,Nord-Stream 2‘ auf einer Länge von bis zu mehreren hundert Metern aufgerissen und zerstört. Infolge der Sprengung kam es zu einem Druckabfall in den betroffenen Rohrleitungen und einem Austritt großer Mengen Gas in die Ostsee. Die drei von der Sabotage betroffenen Stränge der Pipelines wurden funktionsunfähig; sie sind bis heute nicht instandgesetzt oder neu errichtet worden. Ein Import von russischem Erdgas durch sie in die Bundesrepublik Deutschland ist seither nicht mehr möglich.“
Vor der Sprengung war durch die Gaspipeline Nord Stream 1 etwa die Hälfte des zur Energiegewinnung benötigten deutschen Jahresbedarfs an Erdgas geleitet worden. Die Pipelines waren „mithin für die öffentliche Energieversorgung Deutschlands von zentraler Bedeutung“. Nach Einschätzung des BGH wollten die Täter „durch die schweren Beschädigungen der Rohrleitungen auf Dauer Gaslieferungen aus der Russischen Föderation in die Bundesrepublik Deutschland unterbinden“.
Der BGH geht davon aus, „dass die Tat hochwahrscheinlich im Auftrag eines fremden Staates und gesteuert durch diesen begangen wurde“. Dafür sprächen zum einen die äußeren Tatumstände – „die Art des verwendeten Sprengstoffes, die Nutzung von originalen Ausweisdokumenten mit falschen Personalangaben und die Professionalität des Vorgehens der Täter, das insbesondere eine hohe Sachkunde und gute Ausbildung erforderte“. Das Gericht sieht eine deutlich erkennbare „Motivlage für eine staatliche Steuerung des Geschehens“: „Ziel der Tat war es offensichtlich, Gaslieferungen Russlands an die Bundesrepublik Deutschland durch einen Sabotageakt zumindest langfristig zu unterbinden. Damit ist anzunehmen, dass mit der Tat ein primär politisches Ziel verfolgt wurde.“

Die Folgen des Anschlags sind weitreichend: Mit der Pipeline hätte Deutschland zu einem Energiehub für Europa werden sollen. Dass sich nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine alle Voraussetzungen grundlegend ändern würden, war vor Jahren nicht absehbar. Noch wenige Wochen vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Jahr 2022 hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) der FAZ am Sonntag gesagt: „Wenn die Bundesregierung Nord Stream 2 stoppt, dann muss sie auch sagen, was die Alternativen sind. Man muss auch klären, ob es nur um den Stopp von Nord Stream 2 oder gar alle Gaslieferungen aus Russland gehen sollte. In diesem Fall könnte es für Deutschland nämlich sehr kalt und sehr teuer werden.“
Am Tag nach dem russischen Angriff sah Söder die Lage fundamental anders: „Das russische Vorgehen in der Ukraine ist ein inakzeptabler Bruch des Völkerrechts. Bayern unterstützt die Bundesregierung in vollster Weise. Nord Stream 2 ist vom Tisch“, erklärte Söder in einer Aussendung. Seither liegt die massive Industrieanlage auf dem Meeresgrund – völlig herrenlos und damit ein Sicherheitsrisiko für die maritime Schifffahrt wie die Fauna und Flora der Ostsee.
Nord Stream: Reparatur möglich, aber nicht genehmigt
Nach Informationen der Berliner Zeitung ist der nicht beschädigte Strang immer noch mit Gas gefüllt. Seit dem Inkrafttreten der äußerst strengen EU-Sanktionen gegen Nord Stream wurde kein Schiff mehr losgeschickt, das die Pipeline auf mögliche Lecks hin absuchen könnte – von Reparaturen ganz zu schweigen.
Zwar gab es einmal informelle Absprachen zwischen einzelnen Behörden und dem Unternehmen, dass, schon wegen der Haftungsrisiken, kleinere Reparaturen durchgeführt werden könnten. Doch dazu kam es nicht. Kein Subunternehmer wollte das Risiko eingehen, wegen der Möglichkeit der Sanktionsverletzung eine Millionenstrafe zu kassieren. Das Milliarden-Projekt Nord Stream ist also vorerst nur ein „Haufen Schrott auf dem Meeresgrund“, wie die frühere US-Staatssekretärin Victoria Nuland nach der Sprengung in einem Hearing des US-Kongresses zufrieden zu Protokoll gab.
Allerdings sind nicht alle Röhren der Pipeline zum Verrotten verdammt: Einige der nicht verbauten Rohre wurden nach Informationen der OAZ von der Nord Stream an das Bundeswirtschaftsministerium verkauft. Genau diese Röhren kamen dieser Tage zum Einsatz: Der ukrainische Naftogaz-Konzern hatte von der Firma Total Energies Flüssigerdgas (LNG) aus den USA gekauft.
Wo geht LNG hin?
Dieses wurde über den Hafen Mukran über die Nord-Stream-Röhren bei Lubmin in das deutsche Verteilsystem eingespeist: „Die Ukraine bekommt ab jetzt Gas aus einem deutschen Flüssiggas-Terminal auf der Insel Rügen – gegen den Kälte-Terror Russlands!“, schrieb die Bild-Zeitung. Nachdem das LNG von der Deutsche ReGas wieder in Gas umgewandelt wurde, wird es über Pipelines nach Lubmin geleitet – laut Bild dem Ort, von wo „russisches Gas von 2011 bis 2022 über Nord Stream nach Deutschland“ gekommen war.
Ingo Wagner, Chef von Deutsche ReGas, sagt: „Wir sind besonders stolz darauf, als einziges privat finanziertes und betriebenes LNG-Terminal in Deutschland einen direkten Beitrag zur Energiesicherheit der Ukraine zu leisten.“ Dass das Gas allerdings wirklich in die Ukraine gelangt ist, ist nicht belegt. Beobachter halten es auch für möglich, dass das Gas in Deutschland Verwendung fand.
Jedenfalls preist Deutsche ReGas-Chef Wagner „die strategische Bedeutung unseres Standorts, nicht nur für den deutschen Marktbereich, sondern insbesondere für unsere mittel- und osteuropäischen Nachbarn“. Ob Deutschland und Osteuropa allerdings auf Dauer mit LNG allein auskommen werden, ist eine offene Frage. Der Transport ist teuer, die Verfügbarkeiten sind eingeschränkt, die Umweltverträglichkeit ist schlecht.
LNG: Umstritten und teuer
Auch gibt es meist erbitterten Streit mit den Anwohnern: Gegen die unbefristete Genehmigung des LNG-Terminals in Mukran sind laut dem NDR 14 Beschwerden beim Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern (StALU) eingegangen. Als Auflage des Landesumweltministeriums für die Genehmigung müssen eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage und eine Landstromversorgung errichtet werden. Die Deutsche ReGas will die Auflagen nicht erfüllen, sondern „das Terminal mit schiffseigenen Motoren und Kesseln versorgen“, so der NDR. Die Bürgerinitiative „Lebenswertes Rügen“ befürchtet eine dauerhaft hohe Lärmbelastung und kritisiert die mangende Transparenz seitens des Unternehmens.
Das Hauptargument gegen LNG ist allerdings der Preis. Alles in allem ist Flüssigerdgas fünfmal so teuer wie Pipelinegas. Trotz der Zusagen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an US-Präsident Donald Trump ist das Interesse von europäischen Unternehmen am Kauf von amerikanischem LNG überschaubar. Daher hat die Europäische Union auch ihre Strategie geändert. Um die bisher aus Russland gelieferten Mengen zu substituieren, soll Aserbaidschan die Rolle Russlands übernehmen. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew wird am 16. März zu einem „hochrangigen Austausch“ mit deutschen Unternehmen – auf „Vorstands- und Geschäftsführerebene“ – erwartet.

Im Juli vergangenen Jahres hatte die Ukraine erstmals in ihrer Geschichte Erdgas aus Aserbaidschan importiert. Die Ukraine wolle damit ihre Energieversorgung diversifizieren, die Energiesicherheit erhöhen und die erheblichen Produktionsausfälle im Inland ausgleichen, die durch die ständigen russischen Angriffe auf ihre Infrastruktur verursacht wurden. Das Gas soll über die Transbalkan-Route kommen, die der Ukraine nicht nur den Zugang zu aserbaidschanischem Gas über die Transadriatische Pipeline (TAP) bietet, sondern auch zu LNG aus Terminals in der Türkei und Griechenland sowie zu den Schelfgebieten im Schwarzen Meer vor Rumänien und Bulgarien.
Die EU will nachziehen. Die EU-Kommission hat in ihrer jüngsten Meta-Studie zur Energievernetzung des Kontinents Aserbaidschan als wichtigen und strategischen Partner der EU identifiziert. Das Gas soll über den Südlichen Gaskorridor (SGC), also die Türkei, Bulgarien und Griechenland, in die EU kommen. Das Problem mit Aserbaidschan: Die Gasvorkommen sind zu gering und wegen Streitigkeiten mit Turkmenistan mit Unsicherheit behaftet. Das Problem mit der Türkei: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in der Flüchtlingskrise vorgeführt, dass Erpressung zu seinem politischen Repertoire gehört.
Auch bei Erdöllieferungen ist die Lage nicht ganz einfach: Hier liegt eines der Zentren der deutschen Energieversorgung im brandenburgischen Schwedt. Die Raffinerie PCK Schwedt versorgt Ostdeutschland, die Hauptstadt Berlin und wichtige Teile der Nato-Ostflanke. Die PCK gehört zu 54,17 Prozent dem sanktionierten russischen Ölkonzern Rosneft. Die PCK-Anteile von Rosneft wurden nach dem russischen Überfall auf die Ukraine von einer Treuhand übernommen. Die Treuhand hatte der PCK bereits ein halbes Jahr vor den verschärften Sanktionen verboten, russisches Öl zu kaufen.
PCK Schwedt: Zittern um Ausnahmegenehmigung
Die entsprechenden Entschädigungsanträge der Russen belaufen sich auf mehr als eine Milliarde Euro. Die PCK ist seither auf Erdöl aus Kasachstan umgestiegen, von wo aus vor allem der US-Konzern Chevron liefert. Allerdings kommen diese Lieferungen über die Druschba-Pipeline und über russisches Territorium, wo die staatliche russische Transneft den Hahn jederzeit abdrehen könnte. Außerdem ist das Öl von schlechterer Qualität, die Raffinerie muss mehr Chemikalien verwenden, wodurch die Umwelt belastet wird.
Doch die PCK Schwedt hat noch akutere Probleme: In Kürze läuft die Ausnahmegenehmigung aus, die die US-Regierung der PCK Schwedt gewährt hat. Das Bundeswirtschaftsministerium und der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) arbeiten mit Hochdruck daran, die PCK am Leben zu erhalten. Eine Lösung deutet sich nach Informationen der Berliner Zeitung ab: Noch vor dem 10. März soll die Treuhand von einer befristeten „Energie-Treuhand“ in eine unbefristete „Sanktions-Treuhand“ umgewandelt werden. Rosneft wäre dann garantiert außen vor, solange die Sanktionen bestehen. Auf dieser Grundlage könnte die für die Sanktionen zuständige OFAC in den USA einer Verlängerung der Ausnahme zustimmen. Das Thema dürfte auch während des Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz bei Präsident Donald Trump in dieser Woche diskutiert werden.
Die PCK Schwedt wäre dann fürs Erste gerettet. Ob es eine Zukunft mit Energiepartnern aus Russland und damit eine Stärkung des Energiestandorts Ostdeutschland gibt, steht in den Sternen. Zwar ist eine formelle Enteignung der Rosneft bei der PCK kein Thema – auch wegen der Folgen für den Investitionsstandort Deutschland. Bertrand Malmendier, Anwalt von Rosneft und Nord Stream, verweist jedoch auf verschiedene Sprüche von internationalen Schiedsgerichten. Er sagte der Berliner Zeitung: „Wenn einem Unternehmen über Jahre die Stimmrechte genommen werden, seine Gesellschafteranliegen ignoriert werden und Ausschüttung von Gewinnen verwehrt bleibt, wird dies von den Gerichten als gleichbedeutend mit einer Enteignung angesehen.“
Energie wird knapp und teuer
Eines dürfte sich abzeichnen: Energie wir knapp und daher teurer. Die Preise für Gasöl-Futures stiegen am Montagmittag nach der Nachricht von der Schließung der Raffinerie in Saudi-Arabien, einem wichtigen globalen Diesellieferanten. Aramco schaltete die Anlage in Ras Tanura mit einer Kapazität von 550.000 Barrel pro Tag am Montag vorsorglich ab, um die Schäden zu begutachten, berichtet Bloomberg.
