Debatte

Bruchlinien auf der Rechten: Die Suche nach Alternativen zur völkischen Sackgasse

Wie die MAGA-Anhänger in den USA streiten auch die deutschen Rechten um die richtigen Ansätze für das 21. Jahrhundert.

AfD-Rebell: der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah
AfD-Rebell: der Bundestagsabgeordnete Maximilian KrahBritta Pedersen/dpa

Die politischen Kräfte verschieben sich, ganze Lager verschwinden. Die Liberalen gehen unter, den Sozialdemokraten drohen einstellige Ergebnisse, die Ränder rechts und links blühen, die Volksparteien scheinen am Ende. Verzweifelt sucht eine breite Öffentlichkeit nach den Gründen.

Gemeinhin wird das Phänomen anhand von Stimmungslagen erklärt: Inflation und unbezahlbares Wohnen, wahrgenommene Überfremdung, Iran- und Ukraine-Krieg, öffentlich-rechtliche Belehrungsdemokratie. Dabei lohnt ein Blick auf die Zusammenhänge. Man erinnere sich: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In ihrer analytischen Schärfe schneiden Marx’ Erkenntnisse wie am ersten Tag.

Zwei Faktoren haben die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zur historisch singulären Epoche geprägt. Da waren die durch billige Energie und industrielle Ingenuität entfesselten Produktivkräfte, und da war die Tatsache, dass bis zur sogenannten Globalisierung nur eine einzige Zivilisation davon profitierte: die europäischstämmige.

Das sozialistische Lager unter Führung der Sowjetunion war Teil davon. Beide Ideologien, liberaler Kapitalismus und Kommunismus, entstammten der europäischen Denktradition. China zählte noch nicht. Damit blieben die Früchte der entfesselten Produktion in den Händen dieser einen Zivilisation – genug, um einen breiten Mittelstand materiell zu versorgen. Auch die Ungleichheit hielt sich in Grenzen. Verglichen mit Superreichen wie Elon Musk oder Jeff Bezos pflegten die Millionäre der Nachkriegsjahrzehnte einen bescheidenen Lebensstil.

16 Jahre, die nicht nur Deutschland veränderten

Für die relative Gleichheit sorgte östlich des eisernen Vorhangs der Kommunismus, westlich davon die Angst vor dem Kommunismus. Wurde die Sozialdemokratie im deutschen Osten mit den Kommunisten zwangsvereinigt, so verbürgerlichte sie im Westen. Auch die Proletarier hatten Angst um das Häuschen ihrer Oma. Im Ergebnis existierten, im Westen wohlgemerkt, Sozialdemokratie und Liberalismus Seit’ an Seit’, friedlich und von Wohlstand gesegnet. Das führte maßgeblich zur Kapitulation des sozialistischen Lagers um 1990.

Danach war es, als wüchsen die Bäume in den Himmel, eigentlich bis zur weltweiten Finanzkrise vor 2010. Seitdem ist der Niedergang spürbar. Bei der Bundestagswahl 2009 verpassten die Volksparteien Union und SPD in Summe erstmals die Zweidrittelmarke. Kamen 2009 die Ränder, damals NPD und Linke, auf knapp über zehn Prozent, so erhielten AfD, Linke und BSW bei der Bundestagswahl 2025 zusammen fast 35 Prozent.

In diesen 16 Jahren, ein Großteil fällt mit der Kanzlerschaft Angela Merkels in eins, hat sich nicht nur die Bundesrepublik verändert. Die Produktivitätszuwächse, die jahrzehntelang für Überfluss gesorgt hatten, schwanden dahin. Waren es in Deutschland bis zur Finanzkrise 2009 rund zwei Prozent jährlich, so verzeichnet die Statistik seit 2019 nur magere 0,1 Prozent. Nicht viel anders sieht es beim Wirtschaftswachstum aus.

Die Bilder gleichen sich quer durch die westliche Welt, auch in den immer noch wachstumsvitalen USA. Die industrielle Wertschöpfung sinkt, die Staatsausgaben für Renten und Soziales steigen. Das Wohlstandsversprechen an den Mittelstand ist nicht mehr einlösbar, und die Doppelherrschaft aus Sozialdemokratie und Liberalismus, der die Bundesrepublik ihre besten Jahre verdankte, ist Makulatur. Der politischen Mitte gehen die Rezepte aus.

Die Ränder stehen vor nicht geringeren Herausforderungen. Populismus, egal ob von links oder rechts, ist immer für Wählerprozente gut, aber um Mehrheiten zu sammeln, braucht es stringente Konzepte.

Die Linke hat sich nach dem Verschwinden der Industriearbeiter als sozialer Klasse faktisch gespalten. Ein Teil versucht sich an der Renaissance des Klassenkampfs im Namen des neuen Prekariats, ein anderer setzt auf die urbane Mittelschicht als zukunftsträchtigen Phänotyp. Deren woker Wertekanon wird zum identitären Modell, welches wiederum, obschon seinem Ursprung nach links-emanzipatorisch, bis ins bürgerliche Lager hinein anschlussfähig ist. Der Erfolg der Grünen und das hartnäckige Festhalten der Unionsparteien an der Brandmauer gegen rechts beweisen es.

Beide linken Politikansätze sind authentisch und real, der Kampf gegen prekäre Lebensverhältnisse ebenso wie das Eintreten für die Werte woker, urbaner Moralität. Damit sind linksbürgerliche Allianzen ebenso vorstellbar wie Wahlsiege linksbürgerlicher Populisten, konkret am Beispiel des künftigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir.

Die Rechte hat etwas zu bieten

Was den Linken dabei in die Hände spielt, ist, dass niemand eine Rückkehr des Kommunismus, des Gulag, der massenhaften Enteignung und der zentralen Planwirtschaft für möglich erachtet. Das sieht im Verhältnis zum rechten Rand schon anders aus. Ob man sie für legitim hält oder nicht, die Angst vor einer Wiederholung der demokratischen Machtübernahme durch Rechtsextreme wie 1933 treibt Millionen um.

Zugleich hat die Rechte etwas zu bieten; ansonsten hinge nicht der AfD ein Viertel der Wählerschaft an. Zu nennen ist die Sehnsucht nach Normalität, nach einem Leben in Übereinstimmung mit den Werten und Gepflogenheiten der weißen, heterosexuellen Mehrheitsbevölkerung. Auch wenn die AfD verschiedenste Flügel und Fraktionen vereint, von Libertären und Völkischen bis zu enttäuschten Rechtskonservativen – der Wunsch nach solcher Normalität ist der größte gemeinsame Nenner unter ihren Anhängern.

Die Herausforderung für rechte Politik liegt darin, dieses Unwohlsein, das Leiden an einer unwillkommenen Gegenwart, in zeitgemäße Konzepte zu übersetzen. Die Linke hat den Verlust ihrer kollektiven Identität, der sozialen Klasse, überwunden. Sie hat neue Identitäten um die Zeitgeistmerkmale Individualismus und Emanzipation konstruiert: queere Communitys, alle Arten von Minderheiten, empowerte Frauen und so fort. Das macht linke Politik zwar nicht mehrheits-, aber anschlussfähig. Als Basis für Wahlkämpfe taugt es in jedem Fall, erst recht bei einem Urbanisierungsgrad von rund 75 Prozent.

Der völkische Weg in die Sackgasse

Verglichen damit haben viele Rechte den Verlust ihrer kollektiven Identität, der ethnisch definierten Nation, nicht ansatzweise verdaut. Sie weigern sich, das Offensichtliche anzuerkennen: Deutschland als Land der Deutschen ist als Staatsidee so tot wie Deutschland als Land der Arbeiter und Bauern. Nationalismus und Sozialismus entwuchsen den Befreiungskämpfen des 19. Jahrhunderts, waren Ausdruck historischer Dialektik. Als Selbstzweck sind beide Ideologien gescheitert; die verbliebenen Anhänger verschwinden in der Bedeutungslosigkeit.

Wenn aber der völkische Weg in die Sackgasse führt, was bietet dann das 21. Jahrhundert all jenen, denen linke Politikangebote nicht schmecken? Die den woken Anpassungsdruck als repressiv empfinden, Gleichheit als Gleichmacherei und die Spätmoderne als sinnentleert und nihilistisch?

Eine mögliche Antwort, die auch bei Teilen der deutschen Rechten auf Widerhall stieß, kam 2025 aus den USA: MAGA und der frühe Trump 2.0 – vor dem Beginn der neuen Kriege. Make America Great Again, der Begriff stand für einen Staat, der seinen Bürgern maximale Freiheiten garantiert, sich auf Kernaufgaben wie Sicherheit und Verwaltung konzentriert und den amerikanischen Traum vom Pursuit of Happiness ins Zentrum stellt.

Dabei waren MAGA und Libertarismus zu keinem Zeitpunkt deckungsgleich. Wie der amerikanische Gründungsmythos ist auch der MAGA-Anspruch zivilisatorisch konnotiert, nicht ethnisch oder national. Am ehesten beschreiben lässt er sich durch die Rückbesinnung auf Kernideen der Gründerväter vor Jahrhunderten. Dazu gehörten Freiheit und Gleichheit für ihresgleichen (was die Sklaverei nicht ausschloss) sowie der Rückzug aus den politischen Händeln der europäischen Welt.

Schon die inzwischen zu neuem Ruhm gelangte Monroe-Doktrin aus dem Jahr 1823 zeigt die Realitätsferne der gut gemeinten Selbstbeschränkung. Nicht anders zwei Jahrhunderte später: Ein Jahr nach Trumps zweitem Amtsantritt ist die MAGA-Bewegung tief zerstritten. Interventionisten gegen Isolationisten, Befürworter amerikanischer Kriege einerseits, Kritiker andererseits.

Unter deutschen Rechten existiert eine analoge Front. So gibt es dort die Anhänger einer durchaus multiethnisch verstandenen europäisch-abendländischen, auch transatlantischen Zivilisation. Den amerikanischen Isolationisten wiederum entsprechen am ehesten die Völkisch-Nationalen. Die sehen das kollektive Glück im Rückzug auf ein möglichst deutsches Deutschland, politisch, ethnisch, kulturell. Ein Deutschland, das sich selbst genügt, ohne USA, ohne Nato, ohne EU, vor allem ohne den Islam.

Martin Sellner und Maximilian Krah

Die Auseinandersetzung wird offen, hart und grundsätzlich ausgetragen, unter anderem auf YouTube. Zentrale Protagonisten sind der Österreicher Martin Sellner und der in Sachsen geborene Maximilian Krah, Bundestagsabgeordneter für die AfD. Sellner und seine Anhänger behaupten, Deutschland sei durch die kulturferne Zuwanderung in einem Maß gefährdet, dass letztlich ein Verfassungsbruch mit dem Ziel forcierter Abschiebungen – Remigration – legitim erscheint.

Die Krah-Fraktion hält dagegen, dass solche Forderungen nicht nur chancenlos sind, sondern ein AfD-Verbot geradezu provozieren. Krah plädiert für einen ethnisch blinden Staat, einen Staat, der seine Grenzen kontrolliert, die Beherrschung der Amtssprache erwartet und im Übrigen seine Bürger leben lässt: Deutsche als Deutsche, Kosmopoliten als Kosmopoliten, dito alle anderen. Krahs Staat will seine Bürger nicht zu irgendetwas „machen“, weder zu Deutschen noch, wie er es ausdrückt, zu Regenbogenmenschen.

Vielen Rechten gilt er als Spalter. Oder als einer, der eine Brandmauer quer durch die AfD errichten will. Doch was immer Krahs Ambitionen sind – die Diskussion, die er anzettelt, tut not. Die Völkisch-Nationalen, verloren und tendenziell sektiererisch, brauchen dringend einen nicht minder rechten Widerpart. Links und rechts sind legitime Teile des politischen Ganzen; das verlangt, dass beide programmatisch mehr darstellen müssen als nur Sammelbecken für Frustrierte und Empörte. Insofern enttäuschen sowohl die AfD als auch die Konservativen in der CDU/CSU. Von belastbaren rechten Angeboten für das 21. Jahrhundert kann bislang keine Rede sein.