Jon Stewart brachte es auf den Punkt. Als er neulich in seiner Daily Show versuchte, die Frage zu beantworten, wem man in diesem Krieg eigentlich glauben soll – dem Iran oder der Trump-Regierung –, rang er sich zu einer bemerkenswerten Formulierung durch: „Normalerweise wären wir in dieser Situation geneigt, den Verlautbarungen dieses theokratischen und korrupten Regimes nicht zu trauen – Iran. Zur Klarstellung: Wir reden von Iran.“
Die Pointe saß, weil sie eine unbequeme Wahrheit enthielt. Denn wer sich die religiöse Rhetorik anschaut, mit der die Vereinigten Staaten ihren Krieg gegen den Iran führen, der muss sich fragen: Welches Land ist hier eigentlich die Theokratie?
Ein Papst widerspricht dem Kreuzritter im Pentagon
Es war ein bemerkenswerter Moment in der Karwoche 2026. Papst Leo XIV., der erste US-amerikanische Pontifex der Geschichte, trug am Karfreitag persönlich das Kreuz durch alle 14 Stationen des Kreuzwegs am Kolosseum in Rom – der erste Papst seit Johannes Paul II., der das tat. Seine Botschaft war unmissverständlich: „Gott hört nicht auf die Gebete derer, die Krieg führen, sondern weist sie zurück.“
Adressat dieser Worte war, auch wenn der Papst ihn nicht beim Namen nannte, ein Mann mit einem für einen Verteidigungsminister bemerkenswert martialischen Auftreten: Pete Hegseth. Der ehemalige Fox-News-Moderator, den die Trump-Administration mittlerweile offiziell als „Kriegsminister“ tituliert, hatte kurz zuvor bei einem christlichen Gottesdienst im Pentagon Gott darum gebeten, den US-Truppen „überwältigende Gewalt gegen jene zu gewähren, die keine Gnade verdienen“. Er forderte die Amerikaner auf, „jeden Tag, auf den Knien“ für einen militärischen Sieg „im Namen Jesu Christi“ zu beten.
Hegseth trägt auf seinem Körper die Tattoos seiner Überzeugungen: das Jerusalem-Kreuz der Kreuzfahrer, den lateinischen Schlachtruf „Deus Vult“ – Gott will es – und das arabische Wort „Kafir“, Ungläubiger. Eine bewusste antimuslimische Provokation, tätowiert auf den Arm des Mannes, der für die mächtigste Armee der Welt mitverantwortlich ist. In einer Bar soll er einmal wiederholt „Kill all Muslims“ gerufen haben. Dass dieser Mann nun christliche Gottesdienste im Pentagon abhält und dabei aus den Psalmen zitiert – „Gepriesen sei der Herr, mein Fels, der meine Hände den Krieg lehrt“ –, ist keine Randnotiz. Es ist Programm.
Die fromme Fassade eines Ölkriegs
Natürlich wäre es naiv, den Krieg gegen den Iran allein als religiösen Feldzug zu deuten. Die strategischen Interessen liegen offen zutage. Der Iran kontrolliert einen erheblichen Teil der globalen Ölreserven und sitzt an der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt. Die „Energy Dominance Strategy“ der Trump-Administration – das erklärte Ziel, die USA zur unangefochtenen Energiesupermacht zu machen – lässt sich ohne die Neutralisierung des Iran schlicht nicht verwirklichen. Ein Iran, der seine Ölproduktion frei auf den Weltmarkt bringt und dabei China und Russland als Abnehmer bevorzugt, ist für diese Strategie ein Hindernis. Ein geschwächter, fragmentierter oder gar regimegewechselter Iran dagegen wäre ein Jackpot.
Doch die religiöse Dimension ist mehr als bloße Dekoration. Sie ist der Klebstoff, der eine politische Koalition zusammenhält, die ohne gemeinsame theologische Überzeugungen so nicht existieren würde.
Dispensationalismus: Die Theologie hinter dem Krieg
Um zu verstehen, warum US-Militärkommandeure ihren Soldaten erzählen, Trump sei „von Jesus gesalbt worden, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden und Armageddon auszulösen“, muss man einen Blick auf eine theologische Strömung werfen, die in Europa kaum bekannt ist, in den USA aber die Weltanschauung von Dutzenden Millionen Menschen prägt: den Dispensationalismus.
Diese im 19. Jahrhundert vom anglo-irischen Prediger John Nelson Darby entwickelte Lehre unterteilt die biblische Geschichte in verschiedene „Dispensationen“ – Epochen, in denen Gott nach jeweils eigenen Regeln mit der Menschheit verfährt. Die zentrale These: Wir leben in der letzten dieser Epochen. Die Gründung des Staates Israel 1948, die Rückeroberung Jerusalems 1967 – das sind in dieser Lesart keine geopolitischen Ereignisse, sondern Stationen eines göttlichen Fahrplans, der unweigerlich auf die Wiederkunft Christi zuläuft.
Der Iran spielt in diesem Drehbuch eine Schlüsselrolle. Im Buch Hesekiel, Kapitel 38 und 39, wird eine Koalition von Völkern beschrieben, die unter der Führung von „Gog aus dem Land Magog“ über Israel herfällt. Unter den Verbündeten wird ausdrücklich „Persien“ genannt. Für Dispensationalisten ist der moderne Iran die Reinkarnation dieses biblischen Feindes. Sein Sturz ist nicht nur wünschenswert – er ist prophezeit.

Hal Lindseys Bestseller „The Late Great Planet Earth“ von 1970, der allein in den USA über 35 Millionen Mal verkauft wurde, machte diese Ideen massentauglich. Die „Left Behind“-Romanreihe der 1990er Jahre dramatisierte sie für ein noch breiteres Publikum. Laut einer Umfrage von LifeWay Research glauben 60 Prozent der amerikanischen Evangelikalen, dass Israel als Erfüllung biblischer Prophezeiung gegründet wurde. 73 Prozent sind überzeugt, dass die Ereignisse in Israel Teil der Prophezeiungen aus der Offenbarung sind.
Bei den Wahlen 2024 stimmten 82 Prozent der weißen evangelikalen Christen für Trump. Mehr als 60 Prozent von ihnen glauben, dass Gott Trump dazu bestimmt hat, die Wahl zu gewinnen. Das ist keine Folklore. Das ist eine Wählerbasis, die erwartet, dass ihr Präsident einen göttlichen Auftrag erfüllt.
Die unheilige Allianz: Evangelikale und Israel-Hardliner
Hier wird die Sache politisch brisant. Denn die dispensationalistische Eschatologie der amerikanischen Evangelikalen und die Ideologie der israelischen religiösen Rechten sind zwar theologisch verschieden, aber strategisch kompatibel – und zwar auf eine Weise, die für den Rest der Welt beunruhigend sein sollte.
Für die Evangelikalen muss vor der Wiederkunft Christi der Dritte Tempel in Jerusalem errichtet werden – an der Stelle, an der heute die Al-Aqsa-Moschee steht, das drittheiligste Heiligtum des Islam. Für die israelischen Siedlerbewegung und Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich ist die Kontrolle über den Tempelberg ein politisches Programm, das sie mit biblischen Landverheißungen begründen. Premierminister Netanjahu selbst sprach davon, sich „sehr verbunden“ mit der Vision eines „Großisrael“ zu fühlen – einer biblischen Konzeption israelischer Grenzen, die vom Irak bis nach Ägypten reicht.
Die Organisation Christians United for Israel (CUFI) des texanischen Megachurch-Pastors John Hagee hat mehr als zehn Millionen Mitglieder – mehr als AIPAC und alle jüdischen Lobbygruppen zusammen. Hagee sprach 2018 den Segen bei der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem. Seine theologische Position ist eindeutig: Wir leben in der Endzeit, und die Unterstützung Israels ist ein biblisches Gebot.
Dass auf evangelikalen Farmen in Texas rote Kälber gezüchtet und mit Unterstützung des Sprechers des Repräsentantenhauses Mike Johnson nach Israel transportiert wurden – für ein alttestamentarisches Reinigungsritual, das als Voraussetzung für den Tempelbau gilt –, klingt wie eine Satire. Es ist keine.

US-Botschafter in Israel Mike Huckabee, selbst evangelikaler Pastor, erklärte in einem Interview, „es wäre in Ordnung, wenn Israel alles nähme“ – gemeint war ein Großteil des Nahen Ostens. Hegseth selbst hatte 2018 bei einer Rede in Jerusalem erklärt, es gebe „keinen Grund, warum das Wunder der Wiederherstellung des Tempels auf dem Tempelberg unmöglich sein sollte“.
Für beide Seiten – die evangelikalen Endzeitgläubigen in Washington und die religiösen Nationalisten in Jerusalem – ist der Iran nicht nur ein geopolitischer Gegner, sondern ein spirituelles Hindernis. Seine Neutralisierung ist eine Voraussetzung für die Erfüllung göttlicher Verheißungen. Netanjahu selbst hat den Iran wiederholt mit den biblischen Amalekitern verglichen – jenem Volk, dessen vollständige Vernichtung im Alten Testament als göttlicher Auftrag beschrieben wird: Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Vieh.
Die Amalek-Doktrin und ihre Konsequenzen
Man muss sich die Tragweite dieser Rhetorik vergegenwärtigen. Wenn ein amtierender Premierminister seinen Feind als „Amalek“ bezeichnet – ein Volk, das laut biblischem Gebot restlos ausgelöscht werden soll –, dann verschiebt sich der Deutungsrahmen fundamental. Aus einem politischen Gegner wird eine kosmische Bedrohung. Aus einem Krieg wird ein göttlicher Auftrag. Und aus Verhältnismäßigkeit wird ein theologisch irrelevantes Konzept.
Der israelische Historiker Raz Segal, Spezialist für Holocaust- und Genozidforschung, bezeichnete Netanjahus Amalek-Referenz bereits im Kontext des Gaza-Krieges als „Beleg für eine Völkermordabsicht“. Im Kontext des Iran-Krieges wiederholte Netanjahu die Formel: „Erinnert euch, was Amalek euch angetan hat.“
Die militärischen Konsequenzen sind messbar. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass in den ersten Kriegstagen im Iran 13 Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen sowie fünf Schulen getroffen wurden. Mehr als 150 Schulmädchen starben bei einem einzigen Angriff auf eine Schule. Hegseth versprach, „Tod und Zerstörung vom Himmel regnen zu lassen, den ganzen Tag lang“, und fügte hinzu: „Die Einzigen, die sich jetzt Sorgen machen müssen, sind Iraner, die glauben, dass sie weiterleben werden.“
Die Ironie des „Religionskriegs“
Es gibt eine bittere Ironie in diesem Konflikt. Außenminister Marco Rubio bezeichnete Irans Führung als „religiöse fanatische Irre“, die Entscheidungen auf Basis „reiner Theologie“ träfen. Senator Lindsey Graham nannte den Konflikt offen einen „Religionskrieg“. Doch wenn amerikanische Militärkommandeure ihren Truppen erklären, der Krieg sei „Teil von Gottes göttlichem Plan“, und wenn evangelikale Pastoren im Oval Office dem Präsidenten die Hände auflegen und für seine göttliche Führung beten – wer führt hier eigentlich den Religionskrieg?
Die Military Religious Freedom Foundation hat seit Kriegsbeginn über 200 Beschwerden von Armeeangehörigen erhalten. Kommandeure zitierten die Offenbarung des Johannes. Sie erklärten ihren Soldaten, Trump sei von Jesus gesalbt worden. Sie sprachen von Armageddon nicht als Metapher, sondern als Einsatzziel.
Robert P. Jones, Präsident des Public Religion Research Institute, brachte die Logik auf den Punkt: „Es ist nicht nur eine Verherrlichung von Gewalt, sondern eine Verherrlichung von Gewalt im Namen des Christentums und der Zivilisation. Es hebt den Konflikt aus dem Bereich der Politik heraus und macht ihn zu einem heiligen Krieg einer angeblich christlichen Nation gegen eine muslimische Nation.“
Europa und der neue Fundamentalismus: Die große Ratlosigkeit
Und Europa? Europa schaut zu. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit und der leisen Hoffnung, dass sich das alles irgendwie von selbst erledigen wird.
Die europäische Außenpolitik ist seit Jahrzehnten auf einer säkularen Prämisse aufgebaut: Religion gehört ins Private, der Staat ist neutral. Europäische Diplomaten sind trainiert, in Kategorien von Interessen, Institutionen und Verträgen zu denken. Sie können mit einem rationalen Akteur verhandeln, der seinen Vorteil maximieren will. Aber was tut man mit einem Verbündeten, dessen Verteidigungsminister Kreuzzugsparolen auf dem Arm trägt und dessen Wählerbasis glaubt, der Krieg gegen den Iran sei eine Station auf dem Weg zur Wiederkunft Christi?
Die ehrliche Antwort lautet: Man weiß es nicht.
Das europäische Unbehagen hat mehrere Schichten. Da ist zunächst die strategische Dimension: Ein Krieg im Nahen Osten, der die Ölpreise in die Höhe treibt, die Straße von Hormuz bedroht und eine neue Flüchtlingswelle auslösen könnte, trifft Europa unmittelbar. Großbritannien hat bereits Gespräche mit Militärplanern weltweit über die Sicherung der Meerenge angekündigt.

Dann ist da die völkerrechtliche Dimension: Ein Präventivkrieg ohne UN-Mandat, begründet mit einer „unmittelbaren Bedrohung“, die sich bei näherem Hinsehen als weniger unmittelbar erweist als behauptet, stellt die regelbasierte Ordnung infrage, auf die Europa seine gesamte Sicherheitsarchitektur gebaut hat.
Aber die tiefste Verunsicherung ist kultureller Natur. Europa hat im 20. Jahrhundert auf die brutalste denkbare Weise gelernt, was passiert, wenn politische Führer göttliche Mandate für sich beanspruchen. „Gott mit uns“ stand auf den Koppelschlössern der Wehrmacht. Die europäische Nachkriegsordnung war auch eine Antwort auf diese Erfahrung: die bewusste Trennung von religiöser Überzeugung und staatlichem Handeln, die Einhegung messianischer Politik durch Institutionen und Recht.
Nun sieht sich Europa mit einem transatlantischen Partner konfrontiert, in dem diese Trennung erodiert – nicht von den Rändern her, sondern aus dem Zentrum der Macht. Wenn der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten im Pentagon Gottesdienste abhält und Gott um „gerechte Ziele für Gewalt“ bittet, dann ist das keine Marotte eines Exzentrikers. Es ist Ausdruck einer politischen Kultur, in der religiöser Fundamentalismus und staatliche Gewalt eine Verbindung eingegangen sind, die Europa fremd ist – und die es zutiefst beunruhigen sollte.
Der Papst als letzte Stimme der Vernunft?
Es ist eine der seltsameren Wendungen der Geschichte, dass ausgerechnet der Papst – der Oberhirte einer Institution, die selbst Kreuzzüge ausgerufen und Inquisitionen geführt hat – nun als Stimme der Mäßigung auftritt. Aber Leo XIV. tut genau das, und er tut es mit einer Klarheit, die man in europäischen Hauptstädten vergeblich sucht.
„Jede Person in einer Machtposition wird sich vor Gott verantworten müssen für die Art, wie sie ihre Macht ausübt: die Macht zu richten, die Macht, einen Krieg zu beginnen oder zu beenden, die Macht, Gewalt oder Frieden zu säen“, hieß es in seiner Gegenwart bei der Karfreitagsliturgie.
Pater Antonio Spadaro, Untersekretär des vatikanischen Dikasteriums für Kultur und Bildung, formulierte die Logik hinter Leos Worten so: „Von der Nazi-Ära an und schon davor war ‚Gott mit uns' immer ein Weg, Krieg, Blutvergießen und Konflikt zu rechtfertigen, indem man den Konflikt auf eine metaphysische, theologische Ebene hebt, den Sieg des Guten über das Böse. Was der Papst tun wollte, ist, diese Logik zu untergraben, in der Gott mit seiner himmlischen Armee sich auf eine Seite stellt. Das ist eine Art, sich das Göttliche anzueignen.“
Erzbischof Timothy Broglio, der die US-Militärdiözese leitet, wurde noch deutlicher: „Die katholische Lehre zur Frage des gerechten Krieges sagt: Verteidigung ist eine Sache – Angriff ist etwas ganz anderes.“
Kardinal Pierbattista Pizzaballa aus Jerusalem warnte: „Der Missbrauch und die Manipulation des Namens Gottes zur Rechtfertigung dieses und jedes anderen Krieges ist die schwerste Sünde, die wir in dieser Zeit begehen können.“
Die doppelte Agenda
Was wir im Nahen Osten erleben, ist kein Religionskrieg im klassischen Sinne. Es ist ein geopolitischer Machtkampf, der religiös aufgeladen wird – und zwar von allen Seiten. Aber die religiöse Aufladung ist nicht symmetrisch. Der Iran ist eine Theokratie, die ihre religiöse Verfasstheit offen deklariert. Die Vereinigten Staaten sind es verfassungsrechtlich nicht – aber die Kluft zwischen Verfassungstext und politischer Realität war selten so groß wie heute.
Die eigentliche Gefahr liegt in der Konvergenz zweier Agenden: einer strategischen, die auf die Kontrolle iranischer Energieressourcen und die Neuordnung der nahöstlichen Machtverhältnisse zielt, und einer ideologischen, die diesen Krieg als Station auf dem Weg zu einem göttlichen Endspiel begreift. Beide Agenden sind für sich genommen gefährlich. Zusammen sind sie es umso mehr, weil die religiöse Überzeugung die strategische Kalkulation immunisiert gegen Zweifel, Kompromiss und Diplomatie.
Wenn Kriege als Teil göttlicher Geschichte erscheinen, wird Kritik zum Verrat. Verhältnismäßigkeit wird irrelevant. Und Frieden wird – in der Logik derer, die an den göttlichen Fahrplan glauben – zum Widerstand gegen Gottes Plan.
Jon Stewart hatte recht, als er die Trump-Regierung ein „theokratisches und korruptes Regime“ nannte – auch wenn er es als Witz verpackte. Die Pointe war nur, dass er gar keinen Witz machte.








