Die Berliner Straßenbahn steht still. Der Eisregen hat den größten Trambetrieb in Deutschland in der Nacht zu Montag komplett eingefroren. Einem Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), mit dem die Berliner Zeitung sprach, fiel nur ein Wort ein: „Krise!“ Er sei schon einige Jahre bei der BVG, aber dass alle Straßenbahnfahrten ausfallen, das habe er in Berlin noch nie erlebt. Die Störungen halten auch an diesem Dienstag an, so die BVG - mindestens bis Vormittag. Die Fahrleitungen seien weiterhin flächendeckend vereist, hieß es.
Dagegen hat die Potsdamer Straßenbahn Montagmorgen den Betrieb regulär aufgenommen. Dort waren die Leitungen nachts freigefahren worden. Der Fahrgastverband IGEB forderte, den BVG-Stillstand aufzuarbeiten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bemängelte „Komplettversagen“ bei der Kundeninformation.
Die Fahrer und Fahrgäste des Nachtverkehrs waren die Ersten, die in den frühen Morgenstunden kalt erwischt wurden. Als wie angekündigt Regen einsetzte und gefror, blieb in Berlin eine Straßenbahn nach der anderen stehen. Eis legte sich um die Fahrleitungen und die Stromabnehmer, die Tram-Motoren bekamen keinen Strom mehr.

Alle rund 40 Nachtwagen stoppten unterwegs. Während die Fahrgäste sehen mussten, wie sie weiterkamen, blieb das Fahrpersonal vor Ort. So ist es vorgeschrieben, erklärte ein Straßenbahner. Die Fahrerinnen und Fahrer mussten in den Fahrzeugen, in denen es immer kälter wurde, ausharren. „Bis sie abgelöst wurden“, sagte der BVGler. Auf freier Strecke dürfen Straßenbahnen nicht unbeaufsichtigt bleiben.
Auch zum Betriebsbeginn am Morgen bewegte sich nichts bei der Tram. Dabei ist es geblieben. „Wir haben es mehrfach versucht, aber wir kommen nicht vom Hof“, so ein Bericht aus Lichtenberg. Nach wenigen Metern blieben die Bahnen noch auf oder vor dem Betriebshof in der Siegfriedstraße stehen, weil die Motoren weiterhin nicht länger als wenige Sekunden mit Strom versorgt werden konnten.
Von Turmwagen aus versuchten BVG-Mitarbeiter, die Fahrleitungen freizukratzen. Doch auch die Bemühungen, die elektrische Infrastruktur freizufahren oder mit Gasbrennern zu bearbeiten, hatten keinen Erfolg.
Regierender Bürgermeister lobt das BVG-Personal
Weiterhin hüllen Eispanzer die Leitungen ein, immer wieder fällt Regen. „Selbst wenn wir einige Strecken freikriegen würden, wären sie gleich wieder unbefahrbar“, sagt der BVG-Mitarbeiter. Außerdem: Das Berliner Straßenbahnnetz ist fast 194 Kilometer lang.
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner informierte sich am Montag an der Straßenbahn-Endstelle Hackescher Markt in Mitte über die Lage. „Ich konnte sehen, wie Fahrerinnen und Fahrer sowie viele Mitarbeitende hier an ihr Limit gehen, um den Betrieb unter extremen Bedingungen wiederherzustellen“, berichtete der CDU-Politiker. „Mir ist wichtig zu betonen, dass dabei die Sicherheit immer an erster Stelle steht. Für diesen Einsatz möchte ich mich ausdrücklich bedanken, die Arbeit unter diesen Bedingungen verdient großen Respekt."
Sie sei stolz auf die Kolleginnen und Kollegen, sagte BVG-Bahnchefin Meike Brännström. „Sie leisten seit Stunden Außergewöhnliches – bei einer Wetterlage, wie wir sie in dieser Form bislang nicht bewältigen mussten. Wir tun mit allen verfügbaren Kräften alles dafür, den Straßenbahnverkehr so schnell wie möglich wieder zum Laufen zu bringen.“ Derzeit sind die Mannschaften von drei Turmwagen dabei, um in schweißtreibender Handarbeit Eis von den Leitungen zu entfernen. Eine automatisierte Enteisung wäre nicht möglich.
Auch bei der U-Bahn sind Strecken außer Betrieb
Bei der Berliner U-Bahn ist die Situation offenbar nicht so angespannt. Aber weiterhin sind Abschnitte wegen witterungsbedingter Beeinträchtigungen nicht befahrbar, teilte die BVG mit. Betroffen sind zwei Teilstücke der Linie U2, die größtenteils außerhalb von Tunneln unter freiem Himmel verlaufen. Zwischen Gleisdreieck und Warschauer Straße rollt die U3 dagegen. Der Südteil der U3 zwischen Breitenbachplatz und Krumme Lanke ging wieder in Betrieb.
Die Sperrungen hatten einen technischen Hintergrund: Auf den Berliner U-Bahn-Linien U1 bis U3 werden die seitlichen Stromschienen von oben „bestrichen“. Sie liegen nach oben hin frei. Weil die Kontaktfläche dem Wetter ausgesetzt ist, kann sie vereisen. Stromabnehmer erhalten in diesen Bereichen keinen „Saft“ mehr. Auf den anderen U-Bahn-Linien und bei der Berliner S-Bahn, die nicht zur BVG gehört, ist es anders: Dort werden die Stromschienen von unten bestrichen.
Regionalexpress verspätet sich um sechs Stunden
Der Eisregen macht auch der Deutschen Bahn (DB) zu schaffen. So wurden am Montagmorgen große Probleme von der Strecke zwischen Stralsund, Angermünde und Prenzlau gemeldet. Züge verspäteten sich um mehrere Stunden. Vom Regionalexpress RE 3505 von Stralsund nach Berlin wurde eine sechsstündige Verspätung gemeldet. Mehrere Fahrten fielen ganz aus. Die Gründe: „extreme Witterung“ und „stark vereiste Oberleitungen“, wie es in einer bahninternen Mitteilung hieß.
„Es ist ja nicht so, dass dieses Wetterereignis nicht angekündigt war“, kommentierte ein Eisenbahner. „Früher befuhr man dann die Strecken in kurzen Abständen mit Lokomotiven, um die Fahrleitung zu putzen. Doch das kostet Geld, und es ist dem Management zu teuer. Fahrdienstleiter sollten die Weichen früher regelmäßig bewegen. Das ist rein zeitmäßig nicht mehr möglich, weil der Betrieb zentralisiert wurde und ein einziger Fahrdienstleiter jetzt riesige Stellbereiche hat.“
Umweltverband erklärt, warum die Potsdamer Tram fährt
Während die Berliner Straßenbahn weiter stillsteht, begann in Potsdam Montagmorgen regulär der Verkehr. „Da es kein technisches Problem im Straßenbahnverkehr gegeben hat, konnte der Betrieb regulär stattfinden. Es wurden keine besonderen Maßnahmen ergriffen“, teilte Stefan Klotz, Sprecher der Stadtwerke Potsdam, auf Anfrage mit.
Berliner Verkehrsexperten fragen sich: Warum konnten die Potsdamer Verkehrsbetriebe den Betrieb trotz der Wetterverhältnisse aufnehmen?
„Wir sind in der nächtlichen Betriebspause mit zwei Bahnen unterwegs gewesen, um die Leitungen freizuhalten“, erklärte Klotz.
„Das Geheimnis dürfte in der in Potsdam weiterhin vorhandenen Flotte von rund 40 Jahre alten Tatra-Straßenbahnen liegen“, vermutete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Elektrik und Elektronik solcher Fahrzeuge sind deutlich robuster als die hochgezüchteten aktuellen Wagen. Sie kommen mit den starken Stromschwankungen zurecht, die beim Abschleifen des Eispanzers um die Oberleitung auftreten. Im Anschluss können auch moderne Fahrzeuge problemlos wieder eingesetzt werden“, erläuterte der Verband.

Die BVG und ihre Fahrgäste könnten sich glücklich schätzen, im Gegensatz zu Potsdam über einen modernen und niederflurigen Fahrzeugpark zu verfügen, rief der BUND in Erinnerung. „Trotzdem muss es eine Strategie geben, um auch bei widrigen Wetterlagen den Tramverkehr nicht komplett einstellen zu müssen“, hieß es. Es sei in der Branche lange bekannt, dass das befriedigend mit einer Reserve robuster Altfahrzeuge gelingen kann, die nicht unbedingt im Fahrgastbetrieb, aber für Enteisungseinsätze genutzt werden können.
„Es könnte auch an der Streckenlänge liegen“, sagte Stefan Klotz in Potsdam. Die Straßenbahnstrecken in der Landeshauptstadt summieren sich auf eine Streckenlänge von rund 74 Kilometern. Es ist also deutlich kürzer (und weniger komplex) als das Berliner Netz.
Online-Fahrplanauskunft der BVG unerreichbar
Erneut zeige sich der dringende Handlungsbedarf bei der Fahrgastinformation, erklärte der Umweltverband BUND weiter. „Entweder war die Online-Fahrplanauskunft der BVG überhaupt nicht zu erreichen oder sie suggerierte einen funktionierenden Betrieb.“
„Bahnen und Busse werden von der Berliner Landespolitik immer wieder als Rückgrat des Berliner Verkehrs bezeichnet. Das darf aber nicht regelmäßig in größerem bis massivem Umfang versagen“, kritisierte Katharina Wolf, Verkehrsexpertin beim BUND Berlin. „Dringend müssen Politik und BVG Maßnahmen ergreifen, um mehr Verlässlichkeit auch bei widrigen Bedingungen zu gewährleisten.“
Hätte der Stillstand verhindert werden können?
„Zwar hat die BVG bereits seit gestern Nachmittag vor den Auswirkungen des angekündigten Eisregens gewarnt, von der Wucht der Konsequenzen waren aber auch wir überrascht“, sagte Christian Linow, Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB, der Berliner Zeitung. Die flächendeckende Einstellung des Straßenbahnverkehrs stelle viele Fahrgäste vor enorme Herausforderungen. „Ein Blick nach Potsdam oder Frankfurt (Oder) zeigt jedoch, dass das keineswegs ein Naturgesetz ist. Dort nämlich rollt die Tram“, bestätigte er.

„Warum ein Betrieb von Straßenbahnen in Berlin bei derartigen Witterungsbedingungen nicht möglich scheint und ob man das nicht hätte womöglich verhindern können, muss auf jeden Fall aufgearbeitet werden“, betonte der Sprecher. Dass ein Vereisen der Oberleitung vor allem neueren Fahrzeugen mit empfindlicher Elektronik Schwierigkeiten bereitet, sei keine neue Erkenntnis, ruft die IGEB in Erinnerung.






