Für die Fahrgäste der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist es keine gute Nachricht. „Wir gehen davon aus, dass es keine schnellen und einfachen Verhandlungen geben wird.“ So schätzt Zukunft Fahrbetrieb BS – Verkehr, eine Gruppe aus dem Umfeld der Gewerkschaft Verdi, die derzeitige Tarifrunde über bessere Arbeitsbedingungen bei der BVG ein. „Es wird wieder nicht ohne Streik gehen“, lautet ein Kommentar. Doch zu dem Machtkampf, der sich jetzt zusammenbraut, gibt es auch andere Stimmen: „Der Arbeitgeber hat diesmal gute Karten“, heißt es.
Am 13. Januar 2026 fiel der Startschuss. Beim Kommunalen Arbeitgeberverband kamen die Teams von Verdi und der BVG zum Auftakt der Verhandlungen für einen neuen Manteltarifvertrag zusammen. Anders als vor einem Jahr geht es also nicht um höhere Löhne für die rund 15.900 Beschäftigten des landeseigenen Konzerns.
Auf der Verdi-Liste stehen andere Themen. So soll der Urlaubsanspruch von 30 auf 33 Tage steigen, ausnahmslos elf Stunden Mindestruhezeit sollen garantiert werden. Jenseits der offiziellen Forderungen, die Anlass für Arbeitskampfmaßnahmen sein könnten, kommt mit der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ein heikles Thema dazu.
BVG: Jede Verbesserung muss gegenfinanziert werden
Doch schon beim ersten Termin am 13. Januar wurde dem Verdi-Verhandlungsführer Serat Canyurt und seinem Team klar, dass der Wind kälter geworden ist. Offenbar verfolgt die BVG eine andere Strategie als bislang. Denn diesmal beließ es Verhandlungsführerin Jenny Zeller-Grothe nicht dabei, die schwierige Lage der Weltwirtschaft im Allgemeinen und des größten deutschen kommunalen Verkehrsunternehmens im Besonderen zu skizzieren. Diesmal leitete die Personalvorständin aus ihrer Analyse die Forderung ab, dass jede Verbesserung für die Beschäftigten einer Gegenfinanzierung bedarf.

Anders formuliert: Was dem BVG-Personal zusätzlich zugebilligt wird, muss anderswo eingespart werden. Im Podcast „Die Betriebsstörung“ berichtete Canyurt, wo die BVG Einsparungen wünscht. So sei es am 13. Januar um die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall gegangen, sagte er. Insider bestätigen, dass die BVG in diesem Bereich sparen will. Gerade im Fahrdienst gebe es viele Langzeitkranke. Das Landesunternehmen prüfe derzeit in solchen Fällen verstärkt, ob es Kündigungen ausspricht.
Neue Schichtdienstmodelle für selbstbestimmtes Arbeiten
Derzeit findet jedes Jahr eine Tarifrunde statt – im Wechsel geht es um den Entgelt- (mit großem Erfolg 2025) und den Manteltarifvertrag. Jedes Jahr gebe es einen langen Streit mit Arbeitskampfmaßnahmen, die das Unternehmen, aber auch die Stadt belasten, heißt es bei der BVG. Sie will sich stärker als in der Vergangenheit dafür einsetzen, dass die kollektiven Verträge vier statt zwei Jahre gelten.
Im Gegenzug sollen neue Arbeitszeit- und Schichtmodelle die Dienstplanung verändern. Ziel ist, dass Arbeitnehmer mehr als bisher darüber bestimmen können, wann sie arbeiten. Die Rede ist von „selbstbestimmtem Arbeiten je nach Lebensphase“, was auch den finanziellen Spielraum der Mitarbeiter erhöhen werde. Doch klar sei: Jede Verbesserung für die Arbeitnehmer müsse an anderer Stelle kompensiert werden, wozu auch eine Effizienzsteigerung gehört.
Der Entgelttarifvertrag, der nach fünf Warnstreiks und einer Schlichtung im vergangenen Frühjahr unterschrieben wurde, hat das Unternehmen stark belastet. Weil die Mitarbeiter bis zu 20 Prozent mehr Geld bekommen, stiegen die jährlichen Personalkosten um 140 Millionen Euro. Deshalb strebt die BVG an, dass der nun anstehende Manteltarifvertrag nicht so gravierende finanzielle Folgen hat.
Hohe Bewerberzahlen: BVG gilt als attraktiver Arbeitgeber
Dass sich in Deutschland die wirtschaftliche Lage verschlechtert hat, spielt ihr in die Karten. Aus anderen Branchen wollen immer mehr Menschen zu öffentlichen Unternehmen wechseln, weil sie sichere Arbeitsplätze und ordentliche Bezahlung bieten. „Die Bewerberzahlen bei der BVG sind hoch“, sagt der Insider. „So hoch, dass es für die U- und Straßenbahn erst mal keine Stellenausschreibungen mehr gibt.“ Zunächst müssten die vielen Bewerbungen bis Mai abgearbeitet werden. Bei der Tram sei allerdings auch der Fahrlehrermangel ein Problem.
Der Insider berichtet von einem Handwerksmeister, der seine Firma aufgegeben hat und Busfahrer werden will: „Der Druck wurde immer größer, die Kosten steigen. In der Konkurrenz mit Betrieben aus Polen sah er zuletzt keine Hoffnung mehr.“ Eine mögliche Schlussfolgerung lautet: Die Bedingungen bei der BVG sind bereits ziemlich gut, für die Personalgewinnung müssten sie nicht groß weiter verbessert werden.
Verdi: „Bei uns ist Kampfkraft verloren gegangen“
Ein weiterer Pluspunkt für die BVG: Auch aufseiten der Gewerkschaft sind Veränderungen im Gange. Zwar ist Jeremy Arndt, ein gewiefter Taktiker mit großem Netzwerk, weiterhin bei den Tarifverhandlungen sowie in der Tarifkommission dabei. Aber Verhandlungsführer ist er nicht mehr.
Verdi muss bei der BVG auch auf andere erfahrene Mitstreiter verzichten. Erfahrene Gewerkschafter, die sich in vielen Tarifkonflikten engagiert haben und intern bekannt sind, wechselten in den Ruhestand. „Bei uns ist Wissen und Kampfkraft verloren gegangen“, analysiert ein Verdi-Mann. Wenn sich überhaupt Nachrücker für die arbeitsaufwendigen ehrenamtlichen Mandate finden, müssten sie sich meist erst einarbeiten. Nicht wenige kämen aus anderen Kulturkreisen.

„Der Betrieb hat für diese Tarifrunde einen richtig guten Zeitpunkt erwischt“, stellt der Gewerkschafter fest. „Wenn Verdi die Strukturen nicht anpasst, könnte das zum Wendepunkt werden. Dann kann der Arbeitgeber künftig machen, was er will.“ Was diese Tarifrunde anbelangt, könnten nur kosmetische Verbesserungen herauskommen.
Verdi-Verhandlungsführer Canyurt schaut jetzt erst einmal auf den zweiten Termin. „Am 29. Januar muss der Arbeitgeber auf unsere Forderungen reagieren“, sagte er im Podcast. „Das ist unsere Erwartung, dazu hatte er dann zwei Monate Zeit.“ Wie berichtet setzt das Verdi-Team darauf, am Verhandlungstisch zu Ergebnissen zu kommen. Doch wenn das schwierig zu werden droht, „dann muss es ein Signal geben“. Folge: „Dann ist eine Eskalation nicht ausgeschlossen.“
Beobachter erwarten, dass es im Winter zu Arbeitskampfmaßnahmen bei der BVG kommt. Die Notdienstvereinbarung für den Fall eines Streiks wurde bereits aktualisiert, heißt es. „Der Arbeitgeber hat ganz tolle Ideen“, lautete ein Kommentar auf den Bericht von Zukunft Straßenbahn. „Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!!!!“
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