„Sachlich richtig“

„Dort, wo es ARD und ZDF wehtut, sollte man weitermachen“: Medienkolumnisten des Berliner Verlags starten Podcast

Der Podcast „Sachlich richtig“ wird nichts aussparen, was rund um den ÖRR, aber auch zu anderen Medien gesagt werden muss. Und das ist dieser Tage eine ganze Menge.

Unser Podcast-Quartett. Von links: Ole Skambraks, Alexander Teske, Annekatrin Mücke, Peter Welchering
Unser Podcast-Quartett. Von links: Ole Skambraks, Alexander Teske, Annekatrin Mücke, Peter WelcheringDetlef Heese

Sie haben viel zu sagen, und sie halten sich nicht zurück: Seit Mai letzten Jahres schreiben unsere vier Medienkolumnisten immer abwechselnd am Dienstag ihre Ansichten und Recherchen zu Entwicklungen im großen Bereich der Medien und vor allem beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf – und liefern unseren Lesern damit kurzweiligen und spannenden Lesestoff auch zu einem Thema, das dieser Tage viele Menschen in Deutschland umtreibt: die Qualität des ÖRR und wie und ob er seinen Auftrag noch erfüllt. Kann er sich überhaupt und wird er sich reformieren? Was wären die Modelle für eine Grundüberholung dieser Institution – und lässt seine aufgeblähte Struktur so eine Neuaufstellung überhaupt zu?

Keine Rücksicht mehr

Erhellend und kurzweilig schreiben jeweils Annekatrin Mücke, Alexander Teske, Ole Skambraks und Peter Welchering ihre Texte dazu – und werden ihre Erkenntnisse nun auch in einen Podcast einfließen lassen. Denn sie alle haben lange im oder für den ÖRR und dessen verschiedene Anstalten und Produktionsfirmen gearbeitet, bringen profunde Insiderkenntnisse und schlechte Erfahrungen mit. Vor allem aber müssen sie keine Rücksicht mehr nehmen, sie sind nicht mehr gebunden an den ÖRR. Sie dürfen aufs Vollste kritisch, ehrlich, authentisch und auch wütend sein – und müssen keine Angst haben, gecancelt zu werden.

So wie Ole Skambraks, der zunächst nicht zur Stammtruppe des Podcasts gehörte, wohl aber zum Medienkolumnisten-Team der Berliner Zeitung: Vor fünf Jahren wurde er vom SWR fristlos gekündigt, weil er 2021 in einem offenen Brief die Corona-Berichterstattung des ÖRR kritisierte. Skambraks unterzeichnete auch das „Manifest für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland“ und wird der erste Gast der Podcasts-Hosts und ihrer Auftaktfolge sein. Dort will er  ausführlich über seine ÖRR-Erfahrungen berichten und danach selbst regelmäßig als Host bei „Sachlich richtig“ zu erleben sein.

Ihren Podcast hatten Mücke, Teske und Welchering vor der Kooperation mit dem Berliner Verlag vor acht Monaten schon selbst aufgelegt. Bei YouTube, wo er ebenfalls abrufbar ist, sind sie inzwischen bei 10.500 Abonnenten und zwei ihrer Folgen haben die Klickzahl von 70.000 überschritten. Ihr Themen-Repertoire reichte dabei von „Immer Ärger mit Jan Böhmermann“, „Wie gehen wir mit der AfD um“ und „Ärger um Julia Ruhs und ‚Klar‘“.

Mit ihrem Podcast „Sachlich richtig“ wird man rechnen müssen.
Mit ihrem Podcast „Sachlich richtig“ wird man rechnen müssen.Detlef Heese

Aber auch der BBC-Skandal, die linke Kritik am ÖRR durch Sascha und Jule Lobo oder Jakob Augstein, das Correctiv-Debakel und die Preisverleihung der Bischöfe für eine ARD-Doku über das angebliche Potsdamer Geheimtreffen ist schon fachkundig von ihnen besprochen worden. Natürlich durften auch die ARD-Sendungen „Die 100“ und die „Die Wahlarena“ sowie die Gebührengeld-Großverdienerin Claudia Nothelle oder die Doppelkassiererin Nadia Kailouli nicht fehlen.

Interessant wie ihre Themen sind auch die Gäste: So konnten die vier schon Friedrich Küppersbusch und Wolfgang Herles sowie den renommierten Medienmacher Michael Haller und den ZDF-Investigativ-Journalisten Michael Halbach vor ihre Mikrofone bekommen, einen langgedienten ZDF-Mitarbeiter, der auch bei seinem Sender in Ungnade fiel, weil er ihm vorwarf, gegen die innere Pressefreiheit zu verstoßen. Wer Kritik übe, werde kaltgestellt oder strafversetzt, so Halbach.

Von „Kontaktschuld“ wollen unsere Podcaster nichts wissen

Noch ist die öffentliche Kritik am ÖRR nur das Aufbäumen von ein paar Mutigen – auch unsere Podcaster gehören dazu. Kein Wunder also, dass sie sich im großen Heer der Ex- und Noch-Mitarbeiter des ÖRR gefunden haben. Sie könnten die Vorhut für viele andere werden, die sich nicht trauen, Missstände beim Arbeitgeber zu reklamieren – zumal einem so mächtigen. Unsere vier haben sich dafür sogar in eine neue, ihnen unbekannte Materie gewagt – ins Podcasten.

In die Episoden, die nun für die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (inklusive Berliner Zeitung) entstehen werden, sollen weitere Gäste kommen, die ihre eigenen Erfahrungen mit dem ÖRR gemacht haben. Dabei gibt es keine politische Richtung,  die ausgeschlossen werden soll, denn von „Kontaktschuld“ wollen unsere Podcaster nichts wissen, es interessiert sie nur, ob jemand auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Andersherum müssen die Gäste nicht mit einer einhelligen Interviewer-Front rechnen, auch unsere Hosts haben verschiedene Meinungen zu verschiedenen Themen.

Sich mit anderen, vielleicht schon etablierteren Medien-Podcasts zu vergleichen, haben Mücke, Teske und Welchering in ihrer Gründungsphase gar nicht erst getan, denn in der Tat gibt es eine audio-visuelle Konstellation wie in „Sachlich richtig“ noch gar nicht: Dass ehemalige ÖRR-Mitarbeiter über und aus dem Innenleben dieses riesigen, heillos überfrachteten Kosmos berichten, und sich zur politischen Unausgewogenheit der Institution ebenso äußern wie zu Personalgeschichten, mit denen der ÖRR inside wie outside zurzeit keinen Applaus erntet – soweit sie denn überhaupt ans Tageslicht kommen. „Denn“, so Peter Welchering, „das Wissen darüber, wie der ÖRR funktioniert und wie dort Strukturen aussehen, das ist oft noch nicht mal bei Medienpolitikern vorhanden.“

Aber so oder so: Schön wär’s, wenn die Gespräche der vier ein großes Publikum fänden, aber ebenso macht unseren Experten auch ein Nischendasein keine Angst. Denn immer mehr Zuschauer des ÖRR sind unzufrieden mit dem staatlichen Programm, fühlen sich weder gesehen noch angesprochen. In einem Land, in dem immer mehr Menschen Umfragen zufolge das Vertrauen in diese Institution verlieren und sich immer mehr von ihnen der Zahlung des Rundfunkbeitrages entziehen, ist „Sachlich richtig“ also umso mehr vonnöten. „Wir wollen die Leute natürlich abholen bei ihrer Empörung, die schon viel zu lange unbeachtet blieb, aber wir wollen nicht nur zustimmen, sondern auch die Fakten dazu liefen“, erklärt Annekatrin Mücke.

Keine Angst vorm Nischen-Dasein: das Team des OAZ-Podcasts
Keine Angst vorm Nischen-Dasein: das Team des OAZ-PodcastsDetlef Heese

Und Peter Welchering ergänzt: „Als wir mit unserem Podcast anfingen, damals noch nicht unter dem Dach der Berliner Zeitung, wurde schon nach den ersten Folgen und der massiven Kritik, die aus ARD und ZDF auf uns zukam, deutlich, dass wir genau die Themen ansprechen, die denen offensichtlich wehtun. Ja, und dann sollte man das eben auch weitermachen.“

Für wen sie sich auch selbst interessieren, sind diverse „alternative Medien“, bei denen immer mehr Menschen Zuflucht suchen, eben, weil sie sich vom ÖRR und manchem Leitmedium nicht mehr ernst genommen fühlen. „Ich sehe diese Alternativmedien als Scharnier zwischen der alten und der neuen Welt“, sagt Alexander Teske, gleichwohl meinend, dass auch dort nur interessiert, was sich auf Grundgesetz-Terrain bewegt. Ein Mix aus jungen, ambitionierten und auch streitbaren Medienmachern wie Apollo-News-Gründer Max Mannhart und langjährigen Medienmachern und -wissenschaftlern – das wäre im Sinne unseres Podcast-Teams.

Podcast wird bereits auf den Hierarchieebenen der Funkhäuser gehört

Und dass die Macher von „Sachlich richtig“ in der Zukunft und bei Erfolg den Podcast auch mit Variationen des ÖRR-Themas gestalten wollen – davon ist auszugehen. Eine staatstragende Veranstaltung soll keine ihrer Folgen werden. Seriös – ja, trocken – nein. Höchstens, was den Humor angeht.

Peter Welchering, der wie alle anderen Kollegen sehr gut vernetzt ist und selbst einst Mitglied des Presserats war, kann jedenfalls schon mal berichten, dass seinem Eindruck nach „kein anderer Podcast so intensiv in allen Funkhäusern und insbesondere auf den Hierarchien-Ebenen gehört wird wie unserer“. Das zumindest wird ihm von ehemaligen Kollegen, die noch im ÖRR arbeiten, gespiegelt.

Es gibt natürlich auch den einen oder anderen von politischer Ebene, der fragt, warum man dann jetzt unter dem Dach des „Schwurblerblatts“ Berliner Zeitung diesen Podcast machen will. Aber zum einen sind unsere vier Journalisten dürftige und denkfaule Anfeindungen dieser Art gewöhnt, zum anderen wissen sie, dass die Berliner Zeitung auch das Blatt ist, welches sich bemüht, das gesamte politische Meinungsspektrum dieses Landes widerzuspiegeln. Ein Alleinstellungsmerkmal in diesen Zeiten, in denen sich viele Medien nur einer Haltung verschrieben haben. Und ein Auftrag, den eigentlich der ÖRR hat.


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