Man muss schon ein bisschen aufpassen auf der Buchmesse. Vor allem, wenn man durch die gut gefüllten gläsernen Röhren zwischen Halle 2 und 3 oder 4 und 5 wechseln will. Jederzeit kann man auf eine Samtschleppe oder einen Drachenschwanz treten. Es ist ebenso möglich, eine Hellebarde, eine Schnauze oder einen Flügel ans Ohr oder ins Auge zu bekommen. Denn in Leipzig ist es in diesen Tagen üblich, sich wie Comicfiguren zu kleiden.
Die Leipziger Buchmesse stand wie so oft im Zeichen kulturpolitischer Debatten und Auseinandersetzungen. In diesem Jahr lag der Auslöser beim Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Verteidigte er im Herbst bei der Frankfurter Buchmesse noch die unabhängige Juryentscheidung für den Deutschen Verlagspreis, die vom rechten Portal Nius angegriffen wurde, griff er diesmal in die Juryarbeit beim Deutschen Buchhandlungspreis ein. Die Stimmung war von einem deutlichen Bruch zwischen ihm und der Buchbranche geprägt. Doch trotz der Kontroverse war die Buchmesse auch ein höchst erfolgreiches Fest des Buches und des Lesens.
Dass kostümierte und geschminkte Menschen zugleich andere Geschichten mögen, Bücher ganz ohne Bilder, konnte man daran erkennen, dass sie auch die Bereiche Belletristik, Sachbuch sowie Kinder- und Jugendliteratur besuchen. Wer zwischendurch ein bisschen Trost oder gar Zuneigung sucht, kann das übermenschengroße Plüschbuch Lyx umarmen. Es ist benannt nach dem New-Adult- und Romance-Imprint des Lübbe-Verlags, läuft neben der mehrfach gewundenen Schlange her, die zu dem Laden der Bücher mit dem bunten Farbschnitt führt. Die Wege sind aufgemalt, Mitarbeiterinnen weisen die Interessierten ein. Am Sonnabendnachmittag betrug die Wartezeit etwa zweieinhalb Stunden.
Und das, obwohl man diese Bücher überall sonst ebenfalls kaufen kann. Auch deshalb war der wundersame Erfolg gedruckter Bücher wieder ein Gesprächsthema auf der Buchmesse in Leipzig – eines, das angesichts multipler Krisen hoffen lässt.

Bei den Verlagen der Penguin-Gruppe in Halle 2 zieht sich eine Schlange von Kaufwilligen durch den Messestand, die Kasse liegt ungünstig zentral. Daneben sitzt an einem kleinen runden Tisch, eine Tasse Kräutertee mit Zitrone vor sich, die Autorin Dana Grigorcea. Ein Gespräch auf der ARD-Bühne zu ihrem spielerischen Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist gerade vorbei. Nun wartet sie hier, um selbst gleich eine Lesung zu moderieren. Diese Auftritte zählen zum Fokusprogramm der Messe in diesem Jahr. Das ist kein Länderschwerpunkt, sondern ein regionaler Raum, bestimmt durch einen Fluss: „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“.
Grigorcea hat eine mehrfache biografische Verbindung in die Region, sagt sie. In Rumänien wurde sie geboren, in Krems an der Donau hat sie ein Masterstudium absolviert, nach Bratislava führte sie ihre erste Auslandslesereise, in Wien trat sie auf einem Donauschiff auf. „Ich fühle mich überall zu Hause, wo ich mir Geschichten vorstellen kann. Das Donaudelta ist eines meiner Lieblingsreiseziele. Und mein erster Roman spielt dort.“ Der heißt „Baba Rada: Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare“, 2011 erschienen. Eine Novelle und vier Romane folgten.
„Kunst integriert schneller als die Behörden“

„Ich bin sehr froh, dass in Zeiten der neuen Nationalpolitik hier eine Region im Zentrum steht. Künstler streben danach, international zu sein. Mit Erscheinen meines ersten Romans galt ich schon als Schweizer Schriftstellerin: Kunst integriert schneller als die Behörden.“ Mit dem Wechsel aus dem Lesen, Interviews geben und Moderieren hat sie jetzt eine Vorbereitung auf das Literaturfest München, das in der zweiten April-Hälfte stattfindet. Dana Grigorcea hat das Programm kuratiert und das Motto gewählt: „Freiheit!“ Sieht sie da eine Verbindung? „Wir bleiben ja im Fluss mit der Kunst, und der Fluss ist auch ein Symbol für Freiheit und Durchlässigkeit, für die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Ländern.“
Auf einem Geviert, das von weißen, sanft glitzernden Schnüren abgeteilt ist und von weitem wie Dauerregen oder ein Wasserfall aussieht, steht die Donau-Bühne. Hier haben am Sonnabendnachmittag die Autorinnen Lorina Balteanu, Vernesa Berbo und Gabriela Adamesteanu Platz genommen. Ihre Bücher haben eines gemeinsam: Die Figuren erlebten, wie die Autorinnen selbst, einen Umbruch. Die osteuropäischen Gesellschaften haben sich extrem verändert. Balteanu wurde noch in der Moldauischen Sowjetrepublik geboren, heute lebt sie in Paris. Berbo, mittlerweile in Berlin zu Hause, kommt aus einem serbischen Dorf, durchlitt Krieg und Belagerung im bosnischen Sarajevo. Und Adamesteanu, Grande Dame der rumänischen Literatur, erzählt von einer Ärztin während der Corona-Zeit in einem Land, das eine Diktatur überwunden hat, aber seit Jahren von Korruption geschüttelt wird.
Die Leipziger Buchmesse hat stets einen Ost-Schwerpunkt, ohne dass man ihn ausrufen muss. Von hier aus ist man schneller in Polen und Tschechien als in Österreich oder Paris. Die Stadt selbst steht für die Revolution, mit der die DDR unterging. Eine Autorin und ein Autor sind nun besonders im Gespräch: Jana Hensel mit ihrem Sachbuch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ und Lukas Rietzschel mit seinem Roman „Sanditz“, der auf zwei Zeitebenen in der ostdeutschen Provinz spielt. Deutschlandfunk Kultur führt sie zusammen. Wenn Hensel sagt, wer die AfD wählt, habe sich von der Demokratie verabschiedet, hält Rietzschel dagegen, die gestiegene Wahlbeteiligung zeige, dass man die Hinwendung zu jener Partei als Teil demokratischen Handelns sehen müsse. Sie streiten so heftig miteinander, dass das Moderatorenduo witzelt, nicht mehr gebraucht zu werden.
Gibt es einen Grund für Oststolz?
Zwei Stunden vorher schon saß Rietzschel in anderer Runde im Forum Offene Gesellschaft in Halle 5. „Ostdeutschland: Herkunftsstolz und Identitäten“ ist das Gespräch mit ihm, der Schauspielerin Mai Duong Kieu und dem YouTuber Alexander Prinz überschrieben. Die Plätze reichen nicht, ein Großteil des Publikums quetscht sich eine Stunde lang in unbequeme Positionen, um eine teils heftige Diskussion zu hören.

Mai Duong Kieu ist mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen, nach Chemnitz. Das war 1992, „Postwende“, wie sie sagt. „Sächsisch war meine erste Sprache, die habe ich in der Kita gelernt. Meine Eltern wurden auch vom Sozialismus in den Kapitalismus geworfen und mussten sich erst mal neu erfinden.“ Von Stolz will Lukas Rietzschel nicht sprechen, für „Heimat“ nutzt er einen Begriff von Anna Seghers, die sie mit dem „Erstbezug der Wörter“ erklärte. „Das heißt, mein Baum ist eine Kiefer und meine Landschaft ist sehr sandig wie die Lausitz, in der ich immer aufgewachsen bin.“
Dass Alexander Prinz da anders tickt, zeigt schon sein Buchtitel „Oststolz. Appell eines Nachwendekinds“. Als er sagt: „Wir haben in Ostdeutschland ein sehr ähnliches sozioökonomisches Milieu und dadurch auch sehr ähnliche Erfahrungen, daher rührt ein sehr ähnlicher Stolz“, schüttelt Lukas Rietzschel mit dem Kopf. Er bezweifelt, „dass der Osten ein einheitliches Milieu ist“, die Bedingungen seien hochgradig verschieden. „Sachsen hat mit Meckpomm überhaupt nichts zu tun.“
Und dann gibt es noch die unterschiedlichen Prägungen der Generationen. Laut Prinz werde die DDR immer mehr verklärt, je weiter sie zurückliegt. Seine Mutter habe ihm gerade gesagt: „Wir haben uns doch alle nicht totgemacht in der DDR.“ Rietzschel sagt, er fühle sich befangen, mit den eigenen Eltern über Verlust und Verletzungen zu reden, sei oft allerdings ein „Ersatzgesprächspartner“ für andere, das habe er bei vielen Begegnungen mit Lesern gemerkt. Den „innerostdeutschen Diskurs“, das lernt man an diesem Vormittag, hält er für sehr wichtig. „Eine Gesellschaft, die mit sich im Gespräch bleibt, finde ich grundsätzlich gut.“
Viele Preise, auch für Buchhandlungen
Die spannendste Frage nach der Buchmesse wird sein, wie das Gespräch zwischen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und der Buchbranche wieder in Gang kommen wird. Ohne Zeremonie wurden am Freitag auf der Website des Buchhandlungspreises die Namen jener verkündet, die extra prämiert werden. Aus Berlin sind gleich zwei dabei. Als besonders herausragende Buchhandlung erhält InterKontinental eine Prämie von 15.000 Euro, als eine von drei „Besten Buchhandlungen“ wird der Prinz Eisenherz Buchladen mit 25.000 Euro bedacht.

Überhaupt prägen Auszeichnungen alle Tage. Jubel tönt am Sonnabendnachmittag von der Großen Bühne, einem hörsaalartigen, mit schwarzem Tuch abgetrennten Bereich. Da werden die Gewinner des Cosplay-(also Mangaverkleidungs-)Wettbewerbs verkündet. Auf derselben Fläche stellten sich am Donnerstag tagsüber die Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse der Diskussion vor interessiertem Publikum. Stunden später ging es feierlich und optimismusstiftend an die Siegerehrung.
In der Sparte Belletristik geht der Preis an die Berlinerin Katerina Poladjan für „Goldstrand“, ein zauberleichtes und doch abgründiges Buch über das Erzählen von Erinnerung. Ihre Dankesrede hätte eine eigene Auszeichnung verdient, so erschreckend einleuchtend zog sie die Verbindung von der Diktaturerfahrung im Land ihrer Eltern, der Sowjetunion, zum Buchhandlungsskandal. Die diffusen Verweise auf nicht näher benannte geheimdienstliche Erkenntnisse wecken bei ihr „ein tief verwurzeltes Unbehagen und dunkle Erinnerungen an eine erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht“.
Die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic hat mit „Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ nach Auffassung der siebenköpfigen Jury das beste Sachbuch geschrieben, schließt sie doch eine Lücke in der Exilforschung. Und den Preis für die beste Übersetzung – das ist ja das Großartige in Leipzig, dass hier auch die Übersetzer geehrt werden – erhält Manfred Gmeiner. Er ist eigentlich Buchhändler, spezialisiert auf spanischsprachige Literatur. Irgendwann kannte er sie so gut, dass er sich entschloss, selbst zu übersetzen. Da können wir Leser nur dankbar sein, denn „Unten leben“ des peruanischen Autors Gustavo Faverón Patriau, erschienen bei Droschl, ist eine echte Entdeckung.
Berliner Urgestein der Buchbranche
Unabhängigkeit beweist seit Jahrzehnten der Berliner Verleger Klaus Bittermann. Er erhält für seine Edition Tiamat, 1979 in Nürnberg gegründet, seit 1981 in Kreuzberg zu Hause, den Preis der Kurt-Wolff-Stiftung, der Interessensvertretung unabhängiger Verlage. Das Tiamat-Programm sei stets eine Einladung, sich auf den Weg zu machen, sagt Mara Delius am Freitagmittag in ihrer überzeugenden Laudatio, „weg von intellektueller Vorhersehbarkeit, schalen Ideologien, leerem Gemeinschaftskuschel und überhaupt deutscher Dicktuerei“.
Delius beschreibt den Verleger als einen, „der nach links zieht, aber nicht links stehen bleibt“, der sich seit Jahrzehnten am selben Ort befindet und gleichzeitig bewegt, hinein ins Paris der Surrealisten oder quer durch die deutsche Debattenlandschaft. Haltung statt Anpassung sei seine Devise. Man kann es auch an seinen neuesten Titeln sehen. Richard Schuberths Buch „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“ beschäftigt sich mit den israelfeindlichen Exzessen seit dem 7. Oktober 2023 und fragt, wie man diese kritisieren und zugleich das Leid der Palästinenser sehen kann. Und Jan Gerber geht in „Das Verschwinden des Holocaust“ dem Wandel der Erinnerung nach.





