Über Ostdeutschland wird viel gesprochen, aber leider oft in festen Mustern. Doch hilft ein mit Helden- und Opfermythen gespicktes, verklärendes Selbstbild gegen Arroganz und abwertende Fremdzuschreibungen aus dem Westen? Dieser Kampf der Narrative prägt nach wie vor die politischen Debatten und die Medien. Ein Ausweg aus diesem Mechanismus könnte die Literatur sein. Der Schriftsteller Lukas Rietzschel versucht, sich diesen Zuschreibungen zu entziehen. Auch sein dritter Roman, benannt nach dem fiktiven Städtchen Sanditz, spielt in Sachsen, während und nach der DDR. Rietzschel gehört zu einer Vielzahl von Schriftstellern, die einen eigenen Ton suchen und selbstbestimmt erzählen wollen. Wir haben mit ihm telefoniert.
Herr Rietzschel, Ihr neues Buch „Sanditz“ spielt wieder in Sachsen zu DDR-Zeiten und danach, es ist wesentlich dicker als seine Vorgänger. Gibt es einen prinzipiellen Unterschied in der Erzählweise?
Ja, würde ich sagen. Mein erstes Buch („Mit der Faust in die Welt schlagen“ von 2018, verfilmt 2023) war noch nah an meiner eigenen Person. Ich habe von meinem Aufwachsen erzählt, in der Umgebung, die ich kannte. Das war ein rohes Debüt – noch ohne große dramaturgische Ambitionen und ohne ausgereifte künstlerische Handschrift. Bei den „Raumfahrern“ (2021) ist es dann ein bisschen konzeptioneller geworden, vielleicht auch verkopfter. Ich habe versucht, mit verschiedenen Zeitebenen zu arbeiten. Und jetzt vermischt sich das. Ich habe mich weitergetastet im Umgang mit verschiedenen Perspektiven, Erzählebenen und Zeiten. Zugleich ist das Buch wieder viel näher an mir und an der Geschichte meiner Familie. Ich habe wieder eine innere Herangehensweise gesucht. Letztlich ist es schwer, so etwas über sich selbst einzuordnen.
Wann merken Sie, dass eine individuelle Geschichte etwas über die Gesellschaft erzählt? Ist das Allgemeingültige ein Ausgangspunkt beim Schreiben oder ist es etwas, das unterwegs entsteht?
Ich glaube eher, dass das etwas ist, das von außen herangetragen wird. Wie gesagt, als ich anfing, habe ich Dinge geborgen, von denen ich dachte, dass sie tief in mir ruhen. Und dann war ich ganz erstaunt, als die Leser von „Mit der Faust“ mir gesagt haben: Das ist meine Geschichte, so habe ich das auch erlebt, ich habe ähnliche Erfahrungen. Da merkte ich, dass ich mit meiner Geschichte nicht allein bin, dass es etwas Verbindendes gibt.

Das kam ganz ohne Absicht?
Ja, der Ansatz ist nie, dass ich etwas Allgemeingültiges schreiben will, mit dem sich möglichst viele identifizieren können. Bei „Sanditz“ ist das dezidiert die Kirchenkomponente. Der Glaube ist ganz persönlich in meiner Familie sehr wichtig – und das werden im Osten wahrscheinlich nicht sehr viele Leser teilen. Das habe ich bisher ausgespart, weil ich mir das noch nicht zugetraut habe. Also dass Religiosität, kunstaffines Kleinbürgertum und christliche Hausmusik eine Rolle spielen, bis hin zu einer Widerständigkeit, die aber ohne Revolutionsgestus daherkommt, ist etwas Partielles in einer Gesellschaft, die mehrheitlich säkularisiert ist. Mein Ansatz ist nicht, etwas auf die Gesellschaft zu münzen, erst recht nicht auf die ostdeutsche.
Wenn über den Osten erzählt wird, tauchen stabile Narrative auf: vom abgehängten Landstrich, von der Protestregion, von Dunkeldeutschland oder Diktaturschaden. Merken Sie, wenn Sie in ein Narrativ hineinrutschen?
Ich kann diesen Klischees kaum verfallen, weil ich vor allem über mich schreibe. Die Figuren in „Sanditz“ machen ihr Ding, sie halten sich jedenfalls an keine gängigen Muster von irgendwelchen Soziologen, bei denen aus Frust Trotz wird, dann Staatsskepsis und früher oder später mangels Alternativen Rechtsradikalismus.
Soll vorkommen …
Mir ist das viel zu einfach. Auch dieses Klischee, das den Ostdeutschen eine gewisse Widerständigkeit andichtet, eine erhöhte Sensibilität gegen Macht, Staatlichkeit und Ideologie, halte ich für unzutreffend. Die Leute, für die das am ehesten gelten mag, die tragen es am wenigsten vor sich her. In dem Buch gibt es diesen Widerstand in der Kirchgemeinde, aber die Leute machen das nicht aus einer Charakterfärbung in bestimmten sächsischen Tälern heraus, sondern aus einem Grundgefühl, einer Selbstbefragung: Wie geht man miteinander um? Was ist richtig, was ist falsch? Wie bleibt man anständig? Die beiden Alten, die da heimlich ganze Bücher aus dem Westen abtippen, die machen das, weil sie Literatur lieben und es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, dass jeder das lesen soll, der das möchte. Die nehmen keine Dissidentenrolle ein und wollen kein System stürzen. Diese Zwischentöne reizen mich. Auch die Kleinteiligkeit menschlicher Aktionen, die auf gar kein Ziel gerichtet sein müssen, aber dann doch zu einem Umbruch führen, den sie vielleicht gar nicht gewollt haben, zumindest nicht so.
Und natürlich verrät einer von denen jemanden an die Stasi. Aber bei Ihnen wird dieser Aspekt nicht zum Plottwist oder führt zu irgendeiner Katastrophe, sondern er bleibt unaufgelöst, folgenlos und ohne Wertung. Ist das Absicht?
Ja klar. Bei den „Raumfahrern“ habe ich das einmal durchgearbeitet, wie die äußere Struktur zu inneren Entscheidungen zwingt und individuelle Lebensläufe umschreibt oder verpfuscht. Und hier wollte ich dezidiert die innermenschlichen Entscheidungen nachzeichnen. Es gibt immer eine Wahlfreiheit, auch in unfreien Systemen. Man kann immer sagen, ich mache mit oder ich mache nicht mit. Die Entscheidung hat dann verschiedene Konsequenzen, klar, aber ich wollte es diesmal andersherum erzählen: wie das Innere das Äußere beeinflusst. Deswegen versandet diese Stasigeschichte.
Warum haben Sie das Thema nicht einfach ausgespart?
Das ist schwierig, die DDR ohne die Stasi zu erzählen, ihre Verflochtenheit in der Gesellschaft ist statistisch evident. Aber wenn ich sie reinhole, dann will ich, dass die Leute auch ein Gesicht bekommen. Meistens spielen Stasileute nur eine dramaturgische Rolle als Funktionäre der Klischeereproduktion.
Sie schaffen eine Figur und lassen sie dann mit ihrem moralischen Problem zurück.
Das mache ich an vielen Stellen. Es fällt nicht in meine Zuständigkeit, die Figuren moralisch zu bewerten. Das überlasse ich den Lesern, ich möchte, dass in Texten Räume offen bleiben. Es gibt auch zwei Solitäre in meinem Buch, einen Westler, der die örtliche Sparkassenfiliale übernimmt, und einen syrischen Studenten: Die tauchen auf, sind nur minimal mit der Geschichte verknüpft und dann verschwinden die auch wieder, ohne dass wir wissen, was aus ihnen wird. Ich weiß es auch nicht. Ich halte das für zumutbar. Das ist die Epik des Lebens. Das ist ein Teil des Panoramas, ein Teil von diesem Sanditz. Ich mag diese offenen Enden in Erzählungen und in der Realität.
Eine literarische Methode ist der Wechsel von Perspektiven. Das sagt sich so dahin, aber wie bewerkstelligen Sie das als Autor? Ist das nur Recherche oder auch innere Verstellung?
Es braucht viel Recherche, viel Zuhören, viel Suchen nach Menschen dazu, ich liebe das. Es klingt nach Poesiealbum, aber ich habe ein Grundinteresse an anderen Leben und halte mein eigenes für wahnsinnig langweilig. Ich bin so oft gefangen in Konjunktiven: Wie könnte ich mein Leben führen, wie hätte ich es führen können? Das reizt mich an den Biografien von anderen – der Blick in Welten, die nicht meine sind. Zugleich steckt in allen Figuren etwas von mir. Das ist vielleicht doch etwas wie Verwandlung.
Eine Hauptfigur zieht in den Krieg. Waren Sie für die Passagen, die dort spielen, in der Ukraine?
Das hätte ich nicht schreiben können, ohne dass ich selbst dahin reise und mit ukrainischen Soldaten spreche, und ohne dass ich mir ansehe, was die russischen Soldaten verbrochen haben. Ausgangspunkt für den Roman war ein Görlitzer, den ich kenne, der in Bürgerrechtskreisen aktiv war und der auch in der Freiheit, nach der Wiedervereinigung, in einem bestimmten regimekritischen Radikalismus gefangen blieb. Das wollte ich im Ansatz verstehen. Aber nicht erschöpfend ausdeklinieren. Das Buch war ohnehin schon viel zu lang, und es war ein Kampf, die angerissenen Stränge in eine Dramaturgie zu bringen.

Wenn es in der Literatur auch darum geht, Klischees aufzubrechen: Welche sind denn resistenter? Die Fremdzuschreibungen oder die Verklärungen des Selbstbildes?
Beide. Sie sind eng verknüpft und bedingen einander, können sich gegenseitig hochschaukeln. Auf Fremdabwertung antwortet man mit Selbstaufwertung. So kommt dann so ein Narrativ zustande: Wir haben uns unsere Widerständigkeit bewahrt, deswegen sind wir heute gegen die Herrschenden. Und das nehmen manche Ostdeutsche auch dann gern für sich in Anspruch, wenn sie bei der Wende vielleicht erst drei Jahre alt waren. Oder sie haben 1989 nur am Fenster gesessen. Das hat auch etwas mit Außenzuschreibungen zu tun. Diese bewirken eine Antihaltung und Trotz – und in dem entstehenden Echoraum werden dann leider die historischen Tatsachen verklärt.
Das ist nicht unbedingt ein DDR-Thema, oder?
Nein, natürlich nicht. Ich denke an jene Jana aus Kassel, die sich bei einer Corona-Demonstration gegen irgendwelche Zwangsmaßnahmen hinstellte und sich zur Erbin von Sophie Scholl und quasi zum Mitglied der Weißen Rose erklärte. Dieser Mythos der Widerstandstradition hat Ausmaße, die mit der Realität nichts zu tun haben. Je mehr Zeit vergeht, desto höher steigt die Zahl der Menschen, die glauben, dass ihre Vorfahren entweder aktiv im Widerstand gegen das Naziregime tätig waren oder sogar Juden versteckt haben. Das war bei deutlich unter einem Prozent der Deutschen der Fall. Was ist in unserer Erinnerungskultur schiefgelaufen, dass wir uns mehrheitlich als Nachfahren der Opfer sehen und nicht als die, die wir mehrheitlich sind: Nachfahren von Tätern und im besseren Fall von Opportunisten. Das hat nicht nur etwas mit der DDR zu tun.
Trotzdem grassieren ostdeutsche Opfererzählungen.
Es entlastet von der Verantwortung für sich selbst, wenn man die Schuld jemand anderem geben kann, dem bösen Westen zum Beispiel. Dabei vergessen einige Ostdeutsche, dass sie selbst zum Westen gehören. Sie sind nicht die einzigen, die eine Transformation durchlaufen haben. Bei vielen osteuropäischen Ländern lief es viel krasser und teilweise blutiger ab. Es wäre auch möglich, sich mit Osteuropa zu verbünden. Stattdessen arbeitet man sich an der vermeintlichen Arroganz des Westens ab. Das müsste man nicht tun, aber offenbar ist es bequemer und entlastender.
Seit ungefähr zehn Jahren gibt es eine Welle von Literatur, die sich auf die DDR und den Osten Deutschlands bezieht. Hat sie etwas bewirkt und korrigiert an der Selbstbeschreibung der Ostler?
Ich glaube schon. Ich heiße diese Ausgestaltung von Vielfältigkeit in den Romanen und Sachbüchern gut. Dass differenzierte Erfahrungsschätze in diesen literarischen Texten geborgen werden. Und ich stelle immer öfter fest, dass sich bestimmte Diskurse über den Osten nicht mehr ausschließlich am Westen abarbeiten. Die Verständigung nach Innen scheint zuzunehmen, wobei klar wird, dass die Ostdeutschen keine homogene Masse sind. Die Generationen unterscheiden sich in ihren Blickwinkeln, Erfahrungen und Ausblendungen. Dazu kommen regionale Besonderheiten, grundverschiedene Mentalitäten oder eben auch religiöse Prägungen. Es gibt so viel mehr Stoff her, wenn man original und selbstbestimmt erzählt. Wenn man sich gegen Fremdzuschreibungen wehrt, können nur pauschale Ableitungen herauskommen.
Ist es bedenklich, wenn Menschen versuchen, Gemeinsamkeiten zu finden, um sich darüber zu verbinden?
Nein. Ich finde nichts Schlimmes daran, dass sich Menschen über ihre Herkunft verbinden – und dabei von anderen unterscheiden. Das geht auch über die Sexualität oder die Migrationsgeschichte; man bezeichnet das von außen gern abwertend als Identitätspolitik. Mich verunsichert und enttäuscht an dieser Diskussion, dass vor allem rechte und konservative Politiker das sogleich kolportierten und dieser Wunsch nach Verbindung unter Verdacht gestellt, schlechtgemacht oder gleich gänzlich abgetan wird. Als wäre die Vereinzelung die einzig gültige Maxime dieser Gesellschaft. Da dürfte auch Neid eine Rolle spielen bei denen, die diesen Wunsch nach Solidarisierung verspüren, aber Verbrüderung nicht herstellen können.
Worauf sollten die Westler neidisch sein?
Jedenfalls nicht auf eine den Ostdeutschen immanente Systemkritik, von solchen Verklärungen halte ich wenig. Literaturwissenschaftlich kann man aber vielleicht sagen, dass im Osten die besseren Romane entstehen, aufgrund der härteren Reibungsflächen, der größeren Fallhöhen, des Umbruchs – das macht existenzielle Fragen kenntlich und anschlussfähig. Das hat der Osten dem Westen voraus, wenn ich jetzt auch mal pauschal werden darf.
Ihr Roman beginnt mit dem Anflug von Raben, die sich noch einmal in die Müllerburschen aus der Krabat-Legende verwandeln. Andrusch, einer von ihnen, wird gefragt: „Kannst du die Menschen nicht einfach in Ruhe lassen? Kannst du nicht einfach dabei zusehen, wie sie sich verheddern und in ihr Verderben stolpern?“ Ist das Ihr Auftrag, den Menschen auf die Finger zu gucken?
Gucken ja, intervenieren eher nicht. Ich halte nichts von Didaktik in der Kunst. Das obliegt dann diesen mythischen Gestalten aus dem Prolog des Romans.
Die kommen, um „diesen muffigen Geist der Vergangenheit“ aufzuhalten, der nach Mundgeruch stinkt. Was meinen Sie damit?
Das geht auf eine konkrete Geschichte zurück. Der Bautzener Stadtrat hatte die Idee, ausgerechnet auf dem Czorneboh, dem größten Berg in den sorbischen Siedlungsgebieten, eine Bismarck-Statue, die da mal stand, wieder zu errichten. Ausgerechnet den Sorben, die über die Jahrhunderte, egal, wie das Land hieß, unter den Deutschen zu leiden hatten, dieses deutsche Ding vor die Nase zu stellen, das ist schon frech. Aber das wollte ich gar nicht weiter ausführen, das wäre zu kompliziert geworden. Ich brauchte diese Statue nur, damit die Krabat-Burschen kommen und sie umwerfen und der Roman von da an seine Geschichten entspinnt.
Was hat Sie an der Krabat-Sage interessiert?
Wir sprachen schon darüber: das Suchen nach Gemeinschaft, die Frage danach, was eine Gemeinschaft zusammenhält und wann man sich aus ihr herauslösen muss. Bei Krabat ist es die Magie, die die Müllerburschen zusammenhält, die sie aber gleichzeitig auch gefährdet. Sie werden dem Zauber, der sie zusammenhält, geopfert. Die übergeordnete Frage ist also: Müssen wir bekämpfen, was uns zusammenhält, wenn wir überleben wollen? Muss man den Traum begraben, um leben zu können? Oder muss man das Leben begraben, damit der Traum weiterleben kann? Das ist die Frage, vor die sich alle Figuren des Romans gestellt sehen: das Scheitern des Traums, das Abdingen des Traums – aber auch die mögliche Aussicht, dass es danach erst richtig losgeht.






