In den vergangenen Tagen haben sich die Warnsignale für die russische Wirtschaft verdichtet. Kreml-Chef Wladimir Putin beklagte das schwache Wachstum, Zentralbankchefin Elwira Nabiullina verwies auf den zunehmenden Arbeitskräftemangel, den es in der modernen Geschichte Russlands „so noch nie gegeben hat“.
Viele Medien leiten daraus bereits einen bevorstehenden Kollaps ab und ziehen Parallelen zu 1917, kurz vor der Oktoberrevolution, oder zu den 1990er-Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Doch was ist da dran?
So brach Russlands Wirtschaft in den 1990ern wirklich zusammen
Der Ökonom Prof. Dr. Alexander Libman, Leiter der Abteilung Politik am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, hält solche Vergleiche für überzogen. „Wirtschaftlich ist Russland nach wie vor nicht im Kollapszustand“, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Historisch gesehen versteht Libman unter dem Kollaps „eine Wirtschaft, die nicht mehr funktioniert“ – wie genau in den 1990er-Jahren, als die russische Wirtschaftsleistung in kurzer Zeit massiv einbrach und die Hyperinflation 1992/93 von teils über 2000 Prozent das Geld innerhalb weniger Stunden entwertete. Davon sei Russland heute weit entfernt.
Was Russland jetzt stattdessen erlebe, sei das Ende der Phase des schnellen Wachstums nach dem Einbruch 2022. „Russland befindet sich jetzt ganz klar in einer Stagnation, möglicherweise sogar in einer kleinen Rezession“, ordnet Libman ein.
Russlands Wirtschaft verliert Wachstum und rutscht in die Stagnation
Nach dem Rückgang 2022 um rund zwei Prozent hatte sich die russische Wirtschaft zunächst stabilisiert und laut Zahlen des IMF und der OECD zeitweise wieder mehrere Prozent Wachstum erreicht. Diese Phase ist inzwischen vorbei. Laut der Zentralbank ist die Wirtschaftsleistung in den ersten zwei Jahresmonaten bereits um 1,8 Prozent zurückgegangen – worüber sich Putin zuletzt öffentlich geärgert hat.
Die Russische Akademie der Wissenschaften geht inzwischen davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um rund 0,6 Prozent schrumpfen könnte, statt wie ursprünglich erwartet zu wachsen. Libman hält einen Rückgang von einem Prozent bis zum Jahresende für möglich. Das sei weit entfernt von einem Kollaps, aber ebenso weit entfernt von den ursprünglichen Erwartungen, ordnet der Experte ein.
Kriegsausgaben steigen: Russlands Staat sucht neues Geld
Gleichzeitig spricht er vom größeren Druck auf den russischen Staatshaushalt. Die Energieeinnahmen seien zwar durch gestiegene Ölpreise kurzfristig gestiegen, könnten jedoch die gleichzeitig steigenden Ausgaben vor allem für den Krieg nicht abdecken. Russland müsse daher zunehmend nach neuen Einnahmequellen suchen und tue dies bereits durch Steuererhöhungen.
Den von der Zentralbank kürzlich angeprangerten Arbeitskräftemangel sieht Libman zwar als zentrales Problem, aber nicht isoliert. „Nabiullina spielt in einem Rahmen, der politisch vorgegeben ist.“ Das heißt: Sie kann Probleme öffentlich ansprechen, aber nicht deren politische Ursachen.
Arbeitskräfte fehlen in Russland – doch das Problem geht tiefer
Der Grund für diesen Mangel liegt aus Libmans Sicht nicht nur im Krieg gegen die Ukraine, sondern im Wirtschaftsmodell selbst. Russland sei weiterhin stark von Rohstoffen abhängig und könne strukturelle Probleme kaum ausgleichen. In anderen Volkswirtschaften lasse sich der Arbeitskräftemangel durch Technologie oder internationale Arbeitsteilung kompensieren.
Russland selbst habe den Arbeitskräftemangel über Jahre auch durch Migration aus Zentralasien abgefedert. Nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall im März 2024 gehe der Staat jedoch deutlich härter gegen Migranten vor, und die Bevölkerung bleibe zum Teil „xenophob“. Diskutierte Lösungen wie die Einladung von einer Million Indern nach Russland findet der Experte also „völlig unrealistisch.“
Nicht nur Sanktionen: Digitale Blockade nimmt in Russland zu
Westliche Sanktionen spielten zwar eine Rolle, dass Russland die aktuellen Engpässe nicht durch Technologie ausgleichen könne, aber nicht die entscheidende. Sie reduzierten das Wachstumspotenzial langfristig, seien aber nicht der Hauptgrund für die aktuelle Entwicklung. Vielmehr würde der russische Staat die Wirtschaft selbst würgen, meint der Ökonom und verweist zum Beispiel auf repressive Eingriffe im digitalen Bereich, etwa bei Plattformen wie Telegram.
Viele kleinere Unternehmen hätten ihre Geschäftsmodelle darauf aufgebaut. „Die Abschaltung von Telegram alleine hat massive Kosten für die russische Wirtschaft. Daran denkt man nicht, aber Russland ist ein Land, wo Digitalisierung einfach deutlich fortgeschrittener war als in Deutschland“, räumt der Experte ein. „Das hat nichts mit Sanktionen zu tun. Das hat alles mit dem russischen Staat zu tun.“
Langfristig sieht der Ökonom die russische Wirtschaft unter aktuellen Umständen klar auf einem absteigenden Ast. „Wenn man ein hartes Wort verwenden will, dann eher Niedergang, aber in einer Perspektive von Jahrzehnten“, so Libman. Die russische Wirtschaft verliere langfristig an Anschluss, während die Lücke zu entwickelten Volkswirtschaften wachse.
Deutschland stagniert auch – aber aus anderen Gründen
Einen direkten Vergleich mit Deutschland sieht Libman dennoch kritisch. Beide Länder hätten zwar mit Stagnation zu kämpfen – teils wird sogar vor „permanenter Stagflation in Deutschland bis in die 2030er-Jahre“ gewarnt, die Ursachen seien jedoch grundverschieden. Während Deutschland unter hohen Energiepreisen und strukturellen Hemmnissen leide, fehle Russland vor allem der Zugang zu Technologie und funktionierenden Institutionen.




