Erst am Mittwoch hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Wachstumsprognose für dieses Jahr halbiert. Neue Daten zeigen jetzt, dass sich die Lage weiter eintrübt: Die deutsche Wirtschaft ist im April erstmals seit Mai 2025 wieder geschrumpft.
Der Einkaufsmanagerindex fiel laut einer Umfrage von S&P Global auf 48,3 Punkte und damit unter die Wachstumsschwelle von 50. Damit mehren sich die Anzeichen, dass Deutschland auf Jahre hinaus kaum noch wächst.
Ein aktueller Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zeichnet sogar das Szenario einer „permanenten Stagnation“ bis in die 2030er-Jahre. Die Ursachen liegen weniger in geopolitischen Krisen als in strukturellen Problemen: vom demografischen Wandel über schwache Investitionen bis zu Bürokratie und Reformblockaden.
„Die deutsche Wirtschaft stagniert faktisch seit 2019“
„Die deutsche Wirtschaft stagniert faktisch bereits seit 2019“, sagt Marcel Thum, Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, auf Anfrage der Berliner Zeitung. Die aktuellen Prognosen spiegelten diese Entwicklung lediglich wider. Aus seiner Sicht handelt es sich längst nicht mehr um eine konjunkturelle Schwäche, sondern um einen strukturellen Wandel.
Fehlende Wettbewerbsfähigkeit vor allem bei energieintensiven Branchen, Verschiebungen von Wettbewerbsvorteilen nach China, demografisch bedingter Arbeitskräftemangel sowie hohe und steigende Arbeitskosten belasteten die Wachstumsperspektiven dauerhaft. „Das Bild einer ‚permanenten Stagnation‘ ist tatsächlich zutreffend“, warnt der Ökonom – auch weil das Produktionspotenzial bis 2030 gegen null tendiere.
„Ein selbsttragender Aufschwung ist nicht in Sicht“, sagt Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Die deutsche Wirtschaft sei nach einer kurzen Erholung durch den jüngsten Energiepreisschock erneut zurückgeworfen worden, das Wachstum speise sich derzeit vor allem aus staatlichen Impulsen.

DIHK: Immer mehr Unternehmen investieren im Ausland
Auch mit Blick auf die kommenden Jahre sieht Holtemöller wenig Dynamik. „Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich das Wirtschaftswachstum bis zum Ende des Jahrzehnts auf die Null-Prozent-Marke hinbewegen.“ Hauptursachen seien die schrumpfende Erwerbsbevölkerung und das schwache Produktivitätswachstum. Mehr Wachstum sei nur möglich, wenn die Produktivität deutlich gesteigert werde – etwa durch bessere Rahmenbedingungen für private Investitionen.
Auch aus Sicht der Wirtschaft verschärft sich die Lage. „Deutschlands Aufschwung ist nicht nur fragil, er ist akut gefährdet“, sagt Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der DIHK. Der Iran-Konflikt verstärke bestehende Probleme zusätzlich, etwa durch steigende Energiepreise und gestörte Lieferketten. Viele Unternehmen litten schon länger unter hohen Standortkosten und strukturellen Defiziten.
Laut DIHK-Daten spüren 83 Prozent der Betriebe die negativen Folgen. „Der Standort verliert Substanz“, warnt Melnikov. Wegen der hohen Kosten investierten 43 Prozent der Industrieunternehmen zunehmend im Ausland – der höchste Wert seit 2003. „Die Luft für viele Unternehmen wird immer dünner.“
Ökonom: Wachstum entsteht nicht durch Staatsausgaben
Andere Ökonomen sehen grundlegende Fehlentwicklungen in der Wirtschaftspolitik. „Die Lage der deutschen Wirtschaft ist schlecht“, sagt Gunther Schnabl, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute. Hohe Energiepreise, Regulierung und ein wachsender Staatssektor hätten die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft geschwächt. Die Einschätzung einer langfristigen Stagnation hält er für realistisch. Wachstum werde vor allem durch private Investitionen getragen, diese würden jedoch durch Abgaben, Bürokratie und Unsicherheit ausgebremst. „Die Triebkraft von Wachstum sind private Investitionen, nicht wachsende Staatsausgaben.“
Gleichzeitig sieht Schnabl strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt. Deutschland habe niedrige Geburtenraten lange durch Zuwanderung ausgeglichen. „Das ist auch in Zukunft möglich, wenn die Zuwanderung nicht in die Sozialsysteme erfolgt“, sagt er. Auch die im internationalen Vergleich geringe Arbeitszeit und steigende Lohnstückkosten deuteten auf strukturelle Schwächen hin. Deutschland sei heute nicht mehr in der Lage, einen immer weiter wachsenden Staatssektor und Sozialausgaben in Höhe von fast 1,4 Billionen Euro zu finanzieren.

Hans-Werner Sinn kritisiert deutsche Energiepolitik: „Höchste Stromkosten der Welt“
Besonders scharf fällt die Kritik von Hans-Werner Sinn aus, dem früheren Präsidenten des Ifo-Instituts. „Die Doppelstrategie, bei günstigen Wetterlagen grünen Strom zu nehmen und bei ungünstigen auf konventionelle Kraftwerke zu setzen, hat uns so ziemlich die höchsten Stromkosten der Welt gebracht. Das vertreibt die Industrie“, sagt er. Neben der Energiepolitik sieht Sinn auch industriepolitische Entscheidungen als Ursache. „Das faktische Verbrennerverbot hat die Autoindustrie dezimiert.“
Gleichzeitig wirke der demografische Wandel als zusätzliche Belastung: „Das Ausscheiden der Baby-Boomer bedeutet eine massive Bremsung des Wirtschaftswachstums.“ Das Sondervermögen könne daran wenig ändern, solange die Mittel für Sozialleistungen zweckentfremdet würden. „Letztlich wird nur eine fundamentale Kurskorrektur helfen“, betont Sinn. Dazu gehörten aus seiner Sicht unter anderem Atomkraft, bessere Bildung und eine Reform der Sozial- und Klimapolitik.




