„Wir müssen die Landwirte ermutigen, verstärkt Biogas zu produzieren.“ Als der EU-Agrarkommissar Christophe Hansen diesen Satz beim agrarpolitischen Forum der Landwirtschaftsmesse Agra in Leipzig sagt, lacht der Saal auf. Viele Landwirte sehen derzeit das Gegenteil.
Für viele ihrer Anlagen läuft jetzt die 20-jährige EEG-Förderung aus. Für den politisch gewünschten Umbau zur flexiblen Stromquelle müssten sie nun viel Geld investieren. Ob sich das am Ende rechnet, ist offen.
Für rund 5000 Anlagen läuft bis 2030 die Förderung aus
Dabei ist der Nutzen von Biogas unter den Praktikern kaum umstritten. „Im Gegensatz zu Wind und Solar“ sei Biogas steuerbar, sagt ein Branchenvertreter im Gespräch auf der Messe. Strom und Wärme könnten gezielt dann erzeugt werden, wenn sie gebraucht würden. Der große Unterschied zu anderen erneuerbaren Energien sei der Speicher. „Das ist bei einer Biogasanlage das Gaslager.“
Während Wind- und Solaranlagen wetterabhängig einspeisen, kann Biogas nach Bedarf gefahren werden, also unabhängig. Für ein Stromsystem, das stark auf fluktuierende erneuerbare Energien setzt, ist das ein Vorteil. Die EU-Kommission hält am Ausbauziel von 35 Milliarden Kubikmetern Biomethan bis 2030 fest. Nur hilft das den Betreibern in Deutschland nicht weiter.
Nach Angaben der Bundesregierung betrifft das Auslaufen der 20-jährigen EEG-Förderung bis 2030 insgesamt 4979 Biogasanlagen und 180 Biomethananlagen. Allein in den Jahren 2025 und 2026 sind 1481 Biogasanlagen betroffen. Das Modell, Strom zu produzieren, einzuspeisen und verlässlich vergütet zu werden, endet damit für die Betriebe.
Warum der Umbau die Betreiber Millionen kosten kann
In Zukunft soll Biogas nicht mehr einfach durchlaufen, sondern flexibel eingesetzt werden. Strom soll dann geliefert werden, wenn Wind und Sonne gerade nicht ausreichen. Die Bundesregierung hat bereits eine Anschlussförderung auf den Weg gebracht, die Anlagenbetreiber im Rahmen von Ausschreibungen beantragen können. Diese reiche aber nicht aus, kritisierte der Fachverband Biogas im August 2025 – denn bei der letzten Ausschreibung gingen laut Angaben des Verbands knapp zwei Drittel der Anlagenbetreiber leer aus.
Gegenüber 240 Megawatt Leistung, die gefördert werden können, wurden demnach Gebote im Umfang von 742 Megawatt eingereicht. Laut einer Umfrage des Verbands unter 540 Betreibern von Biogasanlagen wollen 16 Prozent ihre Anlagen stilllegen, denn ohne die EEG-Vergütung fehle die finanzielle Sicherheit.
„Ohne das EEG als Basis und Sicherheit ist eine Finanzierung zur Flexibilisierung von Biogasanlagen kaum möglich“, sagt der Branchenvertreter auf der Messe. „Im Vergleich zu alternativen Technologien wirken flexible Biogasanlagen als Erzeuger weiterhin preisdämpfend im Energiesystem.“
Biogas auf dem Hof: Warum viele Landwirte trotzdem daran festhalten
Rudolf Scholz, 68, aus Rehau in Oberfranken ist an einer Gemeinschaftsanlage beteiligt, die seit 2010 läuft. Er sitzt an einem Messestand und tauscht sich über Sorgen und Möglichkeiten aus. Die Einspeisevergütung für seine Biogasanlage endet 2030. Danach, sagt er, brauche es neue Lösungen. Einfach weitermachen wie bisher wird nicht funktionieren. Nachinvestitionen seien „auf jeden Fall“ nötig. Scholz spricht von rund „eineinhalb Millionen“ Euro.
Für einen landwirtschaftlichen Betrieb ist das viel Geld. Der Landwirt sagt trotzdem, dass er wieder in Biogas investieren würde. Auf den Höfen fallen organische Stoffe ohnehin an, von Gülle bis zu Futterresten. Biogas macht daraus Energie. „Wir können kontinuierlich liefern“, sagt er. Für ihn ist das ein praktischer Vorteil. Gleichzeitig rechnet auch er mit einem schrumpfenden Markt. Er sieht für viele Anlagen keine dauerhafte Perspektive. Denn viele Betreiber stünden wie er vor hohen Investitionen, langwierigen Genehmigungen und der Frage, ob es auf dem Hof überhaupt Nachfolger gebe.
„Ich bin enttäuscht“: Landwirt legt seine Kosten offen
„Ich bin enttäuscht“, sagt Scholz, der CSU‑Mitglied im Stadtrat von Rehau und Zweiter Bürgermeister ist. Über Jahre hätten Politiker unterschiedlichster Parteien Biogas als sinnvollen Weg bezeichnet. Viele Landwirte und auch Teile der Industrie hätten sich darauf eingestellt. Trecker, die mit Biomethan fahren, und neue Vermarktungsmodelle sind mittlerweile reale Fortschritte.
In Deutschland gibt es seit Jahren Bioenergiedörfer, in denen Haushalte über Nahwärmenetze mit Energie aus Biogas und anderer Biomasse versorgt werden. Und doch habe er heute den Eindruck, dass die Entwicklung gebremst werde. „Warum will man das mit Gewalt niederbringen?“
Tatsächlich sind die Signale aus Berlin für viele in der Branche widersprüchlich. Einerseits wurde mit dem Biomassepaket zumindest für einen Teil der Anlagen eine Anschlussperspektive geschaffen. Andererseits ist die neue Welt deutlich komplizierter als die alte. Betreiber müssen sich durch Ausschreibungen, neue technische Vorgaben und volatile Marktpreise arbeiten.
Für 2026 hat die Bundesnetzagentur den Höchstwert für bestehende Biomasseanlagen auf 19,83 Cent pro Kilowattstunde festgelegt, für neue Biomasseanlagen auf 19,43 Cent. Für Biomethananlagen liegt er bei 23,13 Cent. Die Behörde sieht damit grundsätzlich ausreichende wirtschaftliche Bedingungen für die Teilnahme an den Ausschreibungen. Das beantwortet aber nicht die Frage, ob ein Hof die nötigen Umbauten finanzieren kann. Denn der neue Markt verlangt nicht nur Flexibilität, sondern auch Vorleistung. Wer mitspielen will, muss erneut investieren, bevor klar ist, ob sich das langfristig rechnet.
Hinzu kommt ein technischer Punkt. Denn eine Biogasanlage ist kein gewöhnliches Gaskraftwerk. Der biologische Prozess im Fermenter läuft weiter, auch wenn sich die Einspeisung wegen niedriger Preise gerade nicht lohnt. Das Gas entsteht trotzdem. Irgendwann ist das Gaslager voll. Biogas lässt sich nicht beliebig an- und abschalten.

Bauernpräsident: „Katherina Reiche ist sehr nah bei großen Energieunternehmen.“
Hansen geht auf die konkrete deutsche Förderlage in Leipzig nur am Rande ein. Auf eine Frage der Berliner Zeitung, wie er die auslaufenden Förderungen und die Sorgen der Landwirte in Deutschland bewerte, antwortet Hansen: Er sehe in der Landwirtschaft ein „extremes Potenzial“, zur Energiesicherheit beizutragen. Nicht jeder Betrieb brauche eine eigene kleine Anlage, auch größere Gemeinschaftsprojekte seien sinnvoll. Landwirtschaft solle nicht nur als Problem gesehen werden, sondern „als Teil der Lösung“.
Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbands, griff Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche beim agrarpolitischen Forum am Donnerstagnachmittag direkt an. „Unsere Wirtschaftsministerin Frau Reiche ist sehr nah bei großen Energieunternehmen, sie sieht das anders als Sie“, sagte er in Richtung Hansen.
Dahinter steht der Vorwurf, dass die Bundesregierung lieber in neue Gaskraftwerke investiert, die vorübergehend mit Erdgas und anschließend mit Wasserstoff betrieben werden sollen, statt auf bestehende landwirtschaftlich getragene Biogasanlagen zu setzen.




