Matchwinner

Der Jubel als Gewohnheit: Warum Rani Khedira beim 1. FC Union Berlin plötzlich trifft

Rani Khedira war vor dem gegnerischen Tor viele Jahre keine große Hilfe. Mittlerweile trifft der Routinier regelmäßig. Zufall ist das nicht.

Rani Khedira (l.) hat nach Bundesliga-Toren nun mit seinem älteren Bruder Sami gleichgezogen.
Rani Khedira (l.) hat nach Bundesliga-Toren nun mit seinem älteren Bruder Sami gleichgezogen.Engler/nordphoto GmbH/imago

Knapp acht Jahre ist es her, da erzielte Rani Khedira sein erstes Tor in der Fußball-Bundesliga. Zum zwischenzeitlichen 1:2-Anschlusstreffer hatte der damals 24-Jährige bei der späteren 1:3-Heimniederlage des FC Augsburg gegen Werder Bremen getroffen. Ein seltenes Glücksgefühl, war doch schon in den Jahren zuvor beim VfB Stuttgart und bei RB Leipzig deutlich geworden, dass aus ihm kein Torjäger werden würde. Gar nicht ungewöhnlich für einen, der seine Qualitäten vor allem auf der anderen Seite des Platzes in der Defensivarbeit hat. Dass er einige Jahre später aber 81 Anläufe benötigen würde, um sein erstes Pflichtspieltor für den 1. FC Union Berlin zu erzielen – damit hatte er sicher nicht gerechnet.

Auf dem Weg in die Champions League schoss Khedira die Köpenicker im Frühjahr 2023 beim 2:0-Heimsieg gegen Eintracht Frankfurt auf die Siegerstraße. „Beim Mittagessen wurde ich noch von den Jungs aufgezogen, wann ich mein erstes Tor schieße, wann es denn endlich so weit ist“, berichtete der Vize-Kapitän seinerzeit. Erst habe er zu seinem damaligen Mitspieler Sven Michel Richtung Ersatzbank laufen wollen, der ihn am „allermeisten aufgezogen“ hatte, dann aber zogen ihn seine Teamkollegen in Richtung Eckfahne unter dem Anzeigehäuschen, wo sich die ganze Freude in einem auf ihm liegenden Spielerknäuel entlud.

Am Sonnabend schlug Khedira diesen Weg wieder ein. Diesmal musste ihn niemand ziehen und zerren, mittlerweile weiß er ganz genau, wie so ein Torjubel funktioniert. Gerade hatte er Union mit 1:0 gegen Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen in Führung gebracht, es sollte am Ende das Siegtor sein, das die Eisernen in der Tabelle für den Moment von ziemlich vielen Sorgen befreit.

Sieben Spiele hatte die Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart in diesem Kalenderjahr nicht gewonnen, ein Dreier musste irgendwie erzwungen werden. Also lief Khedira dem weiten Ball von Aljoscha Kemlein nach, den der weit in Richtung des gegnerischen Strafraums gehoben hatte. Robert Andrich, früher selbst für Union am Ball, hatte eigentlich die günstigere Position, ließ sich vom hartnäckig bleibenden Khedira aber doch abdrängen. Plötzlich hatte der Torschütze nur noch Keeper Janis Blaswich vor sich, den er sauber – und zwar im Stile eines Torjägers – überlupfte.

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Sorgen um Janik Haberer
Am Sonnabend (15.30 Uhr) muss der 1. FC Union Berlin definitiv auf Stürmer Andrej Ilic verzichten, der gegen Leverkusen seine fünfte Gelbe Karte sah und damit gesperrt ausfällt. Janik Haberer verletzte sich schon in der Anfangsphase nach einem eigenen Foulspiel und musste gestützt den Platz verlassen. Eine genaue Diagnose hat der Verein nicht bekannt gegeben.

„Ich habe darauf spekuliert, dass der Verteidiger und der Torhüter sich nicht ganz einig sind. Das ist gefühlt schon so oft vorgekommen. Ich habe versucht, auf die Innenbahn zu kommen und dazwischenzugehen. Dann konnte es nur ein Foul geben oder ich komme an den Ball“, beschrieb der Mittelfeldspieler den Moment, in dem er den vierten Heimsieg der laufenden Saison auf den Weg brachte.

Anschauungsunterricht in England und beim eigenen Bruder

Mit seinem Treffer setzte er sich gleichzeitig an die Spitze der teaminternen Torjägerliste, die bis zum Wochenende Ilyas Ansah alleine mit fünf Toren angeführt hatte. Wie aber kommt es, dass Khedira – in vier Union-Jahren zuvor überhaupt nur dreimal erfolgreich – mittlerweile so oft im gegnerischen Strafraum auftaucht? „Ich versuche immer, mich an meine Partner im Zentrum anzupassen. Joschi (Aljoscha Kemlein, Anm. d. Red.) ist ein Spieler, der den Ball aus der Tiefe heraus gerne öfter am Fuß haben will. Also versuche ich, einen Tick höher zu stehen, immer wieder aus dem Rücken in die Spitze vorzustoßen“, erklärte der 32-Jährige.

Vor der Saison habe er sich von verschiedenen Top-Spielern Videos angeschaut, die ganz ähnlich agieren. In erster Linie vom argentinischen Weltmeister Enzo Fernández, der beim FC Chelsea in der Premier League spielt. Auch Bayern-Profi Leon Goretzka nannte Khedira als Vorbild in dieser Hinsicht. Und seinen älteren Bruder Sami. Den hat er mit Blick auf die erzielten Tore nun eingeholt. Kleiner Makel: Rani brauchte für seine jetzt 14 Treffer 277 Bundesliga-Spiele, Sami nur 107.

Gefreut haben dürfte sich auf der Tribüne auch Michael Hefele. Der Co-Trainer der tunesischen Nationalmannschaft war im Stadion An der Alten Försterei vor Ort, um die Leistung Khediras noch einmal selbst unter die Lupe zu nehmen. Schon seit längerer Zeit laufen die Gespräche über einen Verbandswechsel des gebürtigen Stuttgarters. Derzeit sieht alles danach aus, dass er im Sommer bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada für das nordafrikanische Land am Ball sein wird. Möglicherweise ja auch in einer nicht ausschließlich defensiven Rolle.