Spätestens in der Schlussphase war das Spiel nach vorne den Fans des 1. FC Union Berlin nicht mehr wichtig. Hätte der eine oder andere Zuschauer den Kopf geschüttelt, als Derrick Köhn eine Flanke von links einfach verweigerte und den Ball lieber noch einmal hinten rum spielte, so war das zwei Minuten vor Abpfiff der Partie gegen Bayer 04 Leverkusen genau die richtige Aktion. Mit 1:0 lagen die Unioner zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als einer Stunde in Führung und wollten diesen knappen Vorsprung nun einfach nur noch über die Zeit bringen.
Jede Klärungsaktion, jedes Halten des Balls in den eigenen Reihen sowie jeder Pass, der ins Aus ging und etwas Zeit von der Uhr nahm, wurde lautstark bejubelt. Nach zuletzt sieben sieglosen Spielen war die Lust auf einen Sieg spürbar groß und nach sieben Minuten Nachspielzeit auch endlich Gewissheit. Durch einen Treffer von Rani Khedira feierte der 1. FC Union Berlin den ersten Sieg im Jahr 2026 und verbesserte sich in der Tabelle auf Platz neun.
Innerhalb weniger Wochen wird es für Union wieder knapp
Aber: Gerade einmal gut einen Monat war es her, da sah die Welt in Köpenick ähnlich gut aus. Die Punkte aus den Unentschieden gegen den 1. FSV Mainz 05, FC Augsburg und den VfB Stuttgart fühlten sich wie kleine Siege an, hatten sie doch dafür gesorgt, dass der Vorsprung auf den Relegationsplatz auf elf Zähler angewachsen war.
Das Thema Abstieg hatte man auch deshalb weit aus den Gedanken verbannt, weil sich zwischen den neuntplatzierten Unionern und eben diesem 16. Tabellenplatz noch sechs andere Vereine befanden, die noch näher an der Abstiegszone lagen und einen Puffer boten, der für eine gewisse Sicherheit sorgte.
Bei drei Punkten Rückstand auf Rang sieben, der schon mal die Qualifikation für die Europa League bedeutete, begann vielleicht gar manch Traum von Europa in den Köpfen der Fans zu wachsen. Die 0:3-Niederlage gegen Borussia Dortmund ersetzte die Träumerei schnell wieder durch Realismus, auch das 1:3 gegen die TSG 1899 Hoffenheim stellt in dieser Saison keinen Beinbruch dar - kämpfen die Sinsheimer doch diesmal nicht gegen den Abstieg, sondern um den Einzug in die Champions League.
Die Gefahr aber schlich sich auch bis zum Spiel gegen Leverkusen aus dem Hintergrund immer weiter an. Weil die Eisernen in der Rückrunde mittlerweile mit nur zwei Punkten aus fünf Spielen die zweitschlechteste Bilanz der Bundesliga vorzuweisen haben und die Konkurrenten inzwischen deutlich nähergerückt oder im Fall des Hamburger SV gar vorbeigezogen sind.
So führten die Köpenicker vor dem Anpfiff gegen die Bayer-Elf zwar als Zehnter die zweite Tabellenhälfte an, aber liegen nur noch sechs Punkte vor Rang 16, auf welchem sich der SV Werder Bremen befindet und am Sonntag gegen den FC St. Pauli, den Vorletzten spielt. In einem der drei Spiele, die am Samstagnachmittag parallel zu dem im Stadion An der Alten Försterei stattfanden, kam es zwischen dem FC Augsburg und dem VfL Wolfsburg ebenfalls zu einem Duell zweier Union-Verfolger.
Neben der kurzfristigen Aufgabe gegen Leverkusen stand die Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart bei dieser Entwicklung vor der großen Aufgabe, sich gedanklich aus der Komfortzone des trügerisch sicheren Tabellenmittelfelds in den Kampf um den Klassenerhalt zu versetzen. Das beste Mittel dabei sind natürlich Siege, die Schwierigkeit gegen das Team um den ehemaligen Unioner Robert Andrich aber wohl derzeit eins der schwierigsten.
Sieben Pflichtspiele in Champions League und Bundesliga hatte die Bayer-Elf zuletzt in Folge nicht verloren, sechs davon vor dem Auftritt in Köpenick gewonnen. Beim Blick auf den Zustand des Rasens, aber auch in der Bewertung des Gegners prognostizierte Andrich vor dem Spiel im Mikrofon von Sky, dass kein großer Leckerbissen für die Zuschauer werden würde. „Spiele in der Alten Försterei sind generell nie schön, deshalb geht es heute darum, das Ding hier zu ziehen“, so der pragmatische Ansatz des Leverkuseners.

Zumal die Eisernen nach zuletzt sieben sieglosen Spielen zwar nicht gerade einen Lauf hatten, aber mit der ihr eigenen und intensiven Spielweise gerade für die Leverkusener, die noch am Mittwoch in der Champions League bei Olympiakos Piräus im Einsatz waren, maximal unangenehm sein können.
Und so präsentierten sich die Eisernen auch vom Anpfiff weg. Mutig wurden die Leverkusener bereits im Spielaufbau gestört, von der erwartbaren Dominanz des Tabellensechsten war nicht viel zu sehen. Bei fast ausgeglichenem Ballbesitz in den ersten 45 Minuten waren es sogar die Unioner, die besseren Torchancen hatten. Und: Eine davon führte sogar zur Führung.
Khedira trifft sehenswert für den 1. FC Union Berlin
Nach einem Angriff der Gäste hatte Torwart Frederik Rönnow das Spiel schnell gemacht, Aljoscha Kemlein einen langen Ball auf den in den freien Raum durchstartenden Rani Khedira gespielt. Hatte man im ersten Moment noch das Gefühl, dass Andrich, der im Strafraum zunächst vor Khedira war, die Situation bereinigen kann, so ließ sich der ehemalige Union-Spieler im Zweikampf viel zu einfach abkochen, zudem kam Bayer-Torwart Janis Blaswich zu zögerlich raus und wurde von Khedira überlupft (28.).
Mit mutigem Spiel brachten die Eisernen die 1:0-Führung bis in die Pause, hatten dabei auch den Wermutstropfen des frühen verletzungsbedingten Ausfalls von Janik Haberer weggesteckt. Zur Halbzeit also sah die Situation mit Blick nach unten in der Tabelle wieder besser aus: Der Vorsprung auf Bremen war auf neun Punkte gewachsen.


