Entschuldigend hob Stanley Nsoki beide Arme, sein Blick war schuldbewusst. Der 26-Jährige stand vor dem Gästeblock im Borussia-Park, wo die mitgereisten Anhänger des 1. FC Union Berlin allmählich ihre Banner und Fahnen einrollten, um sich anschließend auf die über 600 Kilometer weite Rückreise in die Hauptstadt zu begeben. Ihren Spieler ließen die Fans nach Abpfiff freilich nicht alleine in seinem Unwohlsein. Für Nsoki gab es aufmunternden Applaus und keine Schuldzuweisungen.
Die Leihgabe der TSG Hoffenheim hatte beim Gastspiel der Köpenicker in Mönchengladbach eigentlich keine schlechte Partie abgeliefert. In Abwesenheit des verletzten Diogo Leite verteidigte Nsoki einmal mehr aufmerksam an der Seite von Leopold Querfeld und Danilho Doekhi. Die Dreierkette hielt im Verbund mit Torhüter Frederik Rönnow – Geschick, aber auch ein wenig Glück – bis in die Nachspielzeit hinten dicht, dann aber ging Nsoki an der Strafraumgrenze zu ungestüm in einen Zweikampf und verschuldete einen Elfmeter.
Gladbachs Kevin Diks ließ sich die Chance vom Punkt nicht nehmen, Union war geschlagen und Nsoki der traurigste Mann auf dem Platz. „Fußball ist ein Fehlersport. Wenn jeder Fußballer sich für einen Fehler entschuldigt, wegen dem ein Spiel in eine falsche Richtung läuft, dann machen wir genau die stark, die von außen immer gerne erzählen, wie es richtig geht“, nahm Steffen Baumgart seinen Abwehrspieler nach Abpfiff in Schutz. Viel mehr wollte der Trainer betonen, dass Nsoki „von Woche zu Woche immer besser, immer klarer“ werde. Die eine – leider spielentscheidende – Situation sollte die Entwicklung des Franzosen nach Baumgarts Ansicht nicht überdecken.
In seinem zehnten Pflichtspiel für Union stand Stanley Nsoki zum fünften Mal in Folge in der Anfangsformation. Nachdem er zu Saisonbeginn auch aufgrund einer Verletzung, die er nach seiner Verpflichtung mit ins Trainingslager gebracht hatte, überhaupt nicht zum Zug kam, ist er in der Schlussphase dieser Saison nun gefragt. Leite fehlt gerade nicht nur verletzt, sondern wird seinen auslaufenden Vertrag auch nicht verlängern, den Verein im Sommer damit ablösefrei verlassen.

Die Verantwortlichen um Baumgart und Manager Horst Heldt müssen also genau hinschauen, ob eine feste Verpflichtung im Hinblick auf die kommende Saison Sinn ergibt. Im derzeitigen Kader gibt es jedenfalls keinen Profi, der sorgenfrei auf dieser Position eingesetzt werden könnte. Als Leite schon zu Saisonbeginn bis zur Schließung des Transferfensters wochenlang mit einem Weggang liebäugelte, funktionierte Baumgart den Schienenspieler Tom Rothe zum linken Glied in der Dreierkette um. Das Experiment allerdings scheiterte, Rothe erwies sich mehrfach als defensiver Schwachpunkt und wurde danach wieder von Leite ersetzt.
Nsoki könnte zum 1. Juli fest verpflichtet werden. Union besitzt eine Kaufoption, die sich um drei Millionen Euro bewegen soll. Schon in der abgelaufenen Spielzeit 2024/25 lief es mit Woo-yeong Jeong und Andrej Ilic ähnlich. Die beiden Offensivspieler kamen auf Leihbasis vom VfB Stuttgart (Jeong) und vom OSC Lille (Ilic), wurden nach Ablauf des temporären Deals fest verpflichtet. In Hoffenheim hat Nsoki, der einst im Nachwuchs von Paris St. Germain als riesiges Talent galt und sämtliche Juniorenteams der französischen Nationalmannschaft durchlief, aller Voraussicht nach keine Zukunft.
Die abschließenden zehn Spiele, angefangen mit der Partie gegen Werder Bremen (Sonntag, 17.30 Uhr), dürften Aufschluss darüber geben, ob der Daumen bei Nsoki eher nach oben oder nach unten geht. Für ihn spricht, dass er auch auf der linken Schiene eingesetzt werden kann und dort sogar Offensivqualität mitbringt. Beim Remis in Stuttgart vor einigen Wochen bereitete er das Tor zum 1:1-Endstand mit einem beherzten Antritt mustergültig vor.




