Die Diskussion um die Rote Karte gegen András Schäfer hätte nach Abpfiff das einzige Gesprächsthema sein können. Bei der 1:4 (1:2)-Niederlage des 1. FC Union Berlin gegen Werder Bremen war der Mittelfeldspieler nach 19 Minuten – die Gastgeber waren gerade durch einen verwandelten Foulelfmeter von Derrick Köhn in Führung gegangen – im Zweikampf gegen Jens Stage zu spät gekommen. An welcher Stelle Schäfer den Dänen bei seinem Tritt nun exakt getroffen hatte, war nicht eindeutig aufzulösen. Seitlich am Fuß, auf Knöchelhöhe oder doch noch darunter, die Achillessehne des Gegners touchierend?
Steffen Baumgart hatte „maximal eine Gelbe Karte“ gesehen, und damit stand der Trainer der Köpenicker auch nicht alleine da. Schiedsrichter Timo Gerach entschied sich für den Platzverweis, und auch für dieses Strafmaß war keine an den Haaren herbeigezogene Argumentation notwendig. Trotzdem ein Diskussionsthema, das aber deshalb nicht hochkochte, weil Union nach dem Debakel gegen die Hanseaten ganz andere Probleme hat.
Olivier Deman (31.), Stage (35.), Marco Grüll (66.) und der gebürtige Berliner Patrice Covic (90.+4) schraubten das Ergebnis für die Gäste in die Höhe, während sich die Gastgeber ihrem Schicksal phasenweise ergaben. Weitgehend hilflos sahen die Akteure auf dem Platz ihren Gegenspielern dabei zu, wie die sich den Ball hin- und herschoben, geduldig auf die Lücken warteten, die sich bei fehlender Gleichzahl immer wieder ergaben. Union kam in kaum einen Zweikampf und erspielte sich nach der Pause keine einzige Torchance mehr.
„Wir werden mit dieser Situation sehr sachlich und klar, aber auch sehr ehrlich umgehen, und zwar nicht nur der Trainer mit der Mannschaft und umgekehrt, sondern der gesamte Verein“, sagte Baumgart und hielt ein fast schon flammendes Plädoyer: „Der Verein zeichnet sich immer durch eine Ruhe aus, gerade in den ganz schwierigen Situationen. Intern werden wir sehr direkt werden, aber letztlich geht es darum, zielorientiert zu arbeiten.“ Bei diesem Vorhaben will der 54-Jährige vorangehen, auch wenn nicht nur die Darbietungen auf dem Platz, sondern ganz besonders die jüngsten Resultate gegen Baumgart sprechen.
Union liefert die Zahlen eines Absteigers
Union stellt vor dem abgeschlagenen Schlusslicht Heidenheim und Krisenklub Wolfsburg die drittschwächste Mannschaft der Rückrunde. Nur eine von zehn Partien in diesem Kalenderjahr hat die Mannschaft gewonnen, in der Rückrunde gerade einmal vier Tore aus dem Spiel heraus erzielt. Die Zahlen eines Absteigers. Die Köpenicker, die noch vier Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz haben, leben aktuell einzig und allein vom guten ersten Halbjahr, das die Mannschaft kurz vor Weihnachten mit einem 1:0-Auswärtssieg beim 1. FC Köln gekrönt hatte.
Einige Fans fordern spätestens nach der vor allem in dieser Höhe unerwarteten Pleite die Trennung von Baumgart. Auch Horst Heldt, Geschäftsführer Profifußball, steht in Teilen der Anhängerschaft arg in der Kritik. Der unausgewogene Kader, in dem sich auch nach 25 Spieltagen niemand findet, der vorne zuverlässig trifft, und in dem sich nun auch defensive Schwächen mehr und mehr bemerkbar machen, dürfte vor allem Heldt angekreidet werden. Baumgart muss sich vorwerfen lassen, dass in seiner 15-monatigen Amtszeit auf dem Rasen keine nachhaltige Entwicklung stattgefunden hat.
In genau diesem Punkt muss man den Trainer allerdings auch von Schuld freisprechen. „Jeder, der den Fußball bei uns entwickeln will, fliegt raus“, hatte Präsident Dirk Zingler zu Jahresbeginn erklärt und damit wenig Raum gelassen, verschiedene Dinge aus einer komfortablen Position zu Beginn des Jahres neu zu justieren. Stattdessen funktionieren nun nicht einmal mehr die Basics, zu viele Spieler befinden sich seit langer Zeit in einer Formkrise.
Am Sonntag (17.30 Uhr) muss Baumgart im Auswärtsspiel beim SC Freiburg nicht nur auf András Schäfer verzichten, sondern auch auf Leopold Querfeld, der gegen Bremen seine fünfte Gelbe Karte sah. Mindestens zwei Umstellungen wird es also geben, keinesfalls ausgeschlossen, dass der Trainer eine größere Personalrochade vornimmt.
Erinnerungen ans letzte Jahr werden wach, als Union nach einer 0:1-Heimniederlage gegen den späteren Absteiger Holstein Kiel am Boden lag und in einer sportlich noch prekäreren Situation als krasser Außenseiter zu Eintracht Frankfurt reiste. Nach Halbzeitrückstand siegten die Berliner mit 2:1, starteten dadurch eine Serie von insgesamt acht ungeschlagenen Partien und feierten schon am Osterwochenende den Klassenerhalt.




