Vor zwei Wochen schien die Welt in Köpenick noch in Ordnung. Mit dem 1:0 gegen Spitzenteam Bayer 04 Leverkusen vergrößerte der 1. FC Union Berlin im eigenen Stadion den Vorsprung zum Relegationsplatz auf acht Punkte. Innerhalb von zwei Spielen aber ist aus der komfortablen Situation eine prekäre Lage geworden. Auf die 0:1-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach setzte es am Sonntagabend zum Abschluss des 25. Spieltags der Bundesliga eine 1:4 (1:2)-Heimniederlage gegen den SV Werder Bremen. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist auf vier Zähler geschrumpft – die Eisernen taumeln gefährlich in Richtung Abstiegszone.
Die Konkurrenten punkten und erhöhen den Druck
Quasi mit dem Anpfiff in Köpenick endete im Hamburger Stadtteil St. Pauli die Partie der Kiezkicker gegen Eintracht Frankfurt mit einem torlosen Unentschieden und damit einem Punktgewinn für die zweite Mannschaft aus der Hansestadt. Die erste, der Hamburger SV, hatte am Vortag das so wichtige Spiel gegen den VfL Wolfsburg gewonnen und sich erst einmal ein kleines Polster nach unten geschaffen und somit auch den Druck auf die Köpenicker erhöht.
Streng genommen befinden sich noch zehn Mannschaften im Kampf um den Klassenerhalt, wenngleich der 1. FC Heidenheim am Tabellenende bereits den Abstand zum rettenden Ufer aus dem Blick verloren hat. Bei so vielen Vereinen aber gibt es praktisch an jedem Spieltag Duelle von direkten Konkurrenten. Partien, wie die des 1. FC Union Berlin am Sonntag im Stadion An der Alten Försterei gegen Werder Bremen, bieten da jeweils eine große Chance auf einen Sprung nach oben, aber auch die Gefahr eines Abrutschens in der Tabelle.
Ganz wichtig dabei ist stets die richtige Balance aus Risiko und Sicherheit. Im Stadion An der Alten Försterei aber wird gerade bei den Gastgebern stets ganz groß geschrieben. Ob der Gegner FC Bayern München, 1. FC Heidenheim oder Werder Bremen heißt, geht es immer um die eigene DNA. Zumal es am frühen Sonntagabend der Gegner war, der den Sieg dringender benötigte.
Was sich dann in Köpenick aber zeigte, war ein Spektakel der ungewohnten Art. Im besonderen Fokus dabei: Schiedsrichter Timo Gerach. An sich ist das meist kein gutes Zeichen, aber diesmal war der Unparteiische praktisch dazu gezwungen, die Rolle als Hauptdarsteller einzunehmen. Nachdem die Anfangsphase an die Bremer ging, zog Gerach in der 16. Minute den Unmut der Gäste auf sich. Nach einem Halten von Niclas Stark an Ilyas Ansah, das weit vor dem Strafraum begann, ging der Union-Stürmer auch kurz vor dem Sechzehner bereits zu Boden – der Schiedsrichter aber entschied auf Foulelfmeter für die Eisernen und wurde vom VAR nicht überstimmt. Sicherlich diskutabel.
Nachdem sich zuletzt Leopold Querfeld mal sicher, mal wackelnd, mal versagend aus elf Metern zeigte, durfte diesmal Derrick Köhn ran und verwandelte gegen die letztjährigen Teamkollegen sicher zum 1:0 (18.). Gegen Bayer 04 Leverkusen hatte in solcher Vorsprung zwei Wochen zuvor an selber Stätte zum knappen Sieg gereicht. Diesmal erhöhten die Eisernen, in Person von András Schäfer, den Schwierigkeitsgrad unnötigerweise selbst.

Der ungarische Mittelfeldspieler kam im Zweikampf mit Jens Stage deutlich zu spät und traf den Bremer von hinten mit offener Sohle auf Höhe der Achillessehne – sein Team musste über 70 Minuten in Unterzahl spielen. Ähnlich diskutabel wie der Elfmeter, aber eine vertretbare Entscheidung. Und eine, deren Nachwirkungen noch vor der Pause mit voller Wucht zu spüren waren.
Wie schon drei Wochen zuvor wurde gegen einen Konkurrenten noch vor der Pause aus einem 1:0 ein 1:2-Rückstand. Dabei wurden die Eisernen zweimal mit den eigenen Stärken bei Standards geschlagen und offenbarten im eigenen Strafraum ungewohnte Schwächen. Hatten die Bremer zuvor schon gute Schussmöglichkeiten ausgelassen, so konnten sie nach einem Eckball in der 31. Minute ausgleichen.
Das aber war nur möglich, weil erst Ansah den Ball nicht aus dem Strafraum klären konnte und Aljoscha Kemlein beim sehenswerten Schuss von Olivier Deman den Fuß nicht mehr richtig vor den Ball bekam. Torwart Frederik Rönnow, der bis dahin alles parieren konnte, was auf seinen Kasten kam, konnte nur hinterherschauen, wer die Kugel in seinem rechten oberen Eck landete.
Werder Bremen verpasst zweimal das 3:1
Damit aber noch längst nicht genug. In der 35. Minute fingen sich die Eisernen erneut einen Eckball ein. Diesmal aber hatten die Union-Verteidger im Duell mit Jens Stage das Nachsehen – der Däne köpfte aus kurzer Distanz zum 2:1 für Werder Bremen. Es hätte gar noch schlimmer kommen können, wenn Cameron Puertas, der die Ecken bei beiden Toren getreten hatte, in der 44. Minute seinen Schuss nicht knapp rechts am Tor vorbeigesetzt hatte.
So aber konnten sich die Unioner im Stile eines angeschlagenen Boxers in die Kabine schleppen und dort einen neuen Matchplan von Steffen Baumgart in Empfang nehmen. Was auch immer der Trainer seinen Spielern gesagt hat, es verpuffte, weil Bremen zwei personelle Veränderungen hatte und zudem auf Dreierkette umstellte. Die Eisernen fanden mit dem Personal der ersten Hälfte so weiterhin keinen Weg in den Strafraum der Gäste und hatten Glück, dass der SV Werder in der 50. Minute am Pfosten scheiterte.
Was kurz vor und nach der Pause nicht gelang, schafften die Gäste dann aber nach etwas mehr als einer Stunde. Nach einer Flanke von der rechten Seite, bei der Leonardo Bittencourt zuviel Platz hatte, landete der Ball bei Marco Grüll, der aus kurzer Distanz auf 3:1 erhöhte. Den Willen, das Ergebnis noch einmal positiver zu gestalten, konnte man den Unionern nicht absprechen. Aber: Ausgerechnet der gebürtige Berliner Patrice Covic, bei Hertha BSC ausgebildet, sorgte in der Nachspielzeit für den 4:1-Endstand.


