„Es war eine riesige Menschenmenge, Menschen jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten: junge Leute, Familien, Kinder und Rentner.“ So beschreibt Mathilda Rossillon von der identitären Frauengruppe Némésis im Gespräch mit der Berliner Zeitung den Trauermarsch für den 23-jährigen Quentin Deranque. Rund 3200 Menschen versammelten sich am vergangenen Wochenende in Lyon, um des Studenten zu gedenken, der wenige Tage zuvor an schweren Kopfverletzungen gestorben war.
Die Aktivistinnen von Collectif Némésis waren bei der Veranstaltung Anfang Februar anwesend. Nach eigenen Angaben hielt sich Deranque in ihrer Nähe auf und soll sie abgeschirmt haben, als die Lage zwischen rechten und linken Demonstranten eskalierte. Némésis tritt regelmäßig mit migrations- und sicherheitspolitischen Aktionen in Erscheinung und wird dem rechten Spektrum zugeordnet.

Aufruf zum Gedenkmarsch
Deranque war am Rande einer politischen Veranstaltung attackiert worden, bei der die Europaabgeordnete Rima Hassan von der Linkspartei La France Insoumise (LFI) auftrat. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde er von mehreren vermummten Personen angegriffen. Sieben Verdächtige wurden inzwischen festgenommen. Gegen sechs wird wegen vorsätzlichen Mordes und schwerer Körperverletzung ermittelt.
Zu dem Gedenkmarsch hatten rechte, rechtsextreme und christliche Gruppen aufgerufen. Etwa 500 Polizisten sicherten die Veranstaltung ab, wie französische Medien berichten. Die Familie des Getöteten nahm nicht teil und hatte im Vorfeld dazu aufgerufen, auf politische Kundgebungen zu verzichten.
Keine Machtdemonstration
Rossillon weist den Vorwurf zurück, bei der Gedenkveranstaltung habe es sich um eine Machtdemonstration gehandelt. „Jede stellte sich vor, dass Quentin ihr Bruder oder ihr Sohn hätte sein können“, sagt sie gegenüber der Berliner Zeitung. Den Marsch habe sie als „sehr würdevoll“ empfunden – trotz Provokationen vonseiten der radikalen Linken und einer medialen Berichterstattung, die die Veranstaltung als „Nazi-Marsch“ bezeichnet habe, so die Aktivistin.
Der Fall hat die ohnehin angespannte politische Lage in Frankreich weiter verschärft. Präsident Emmanuel Macron rief zur Besonnenheit auf und kündigte eine Überprüfung gewaltbereiter Gruppen mit Parteiverbindungen an. „In der Republik ist Gewalt in keiner Weise legitim. Milizen haben hier keinen Platz“, erklärte er gegenüber der Öffentlichkeit.

Politische Spaltung auch in Frankreich
Némésis sehe sich von möglichen Kontrollmaßnahmen nicht betroffen, sagt Rossillon. Keines ihrer Mitglieder sei in Gewalttaten verwickelt, man verfüge über einwandfreie Strafregister. Sie hoffe vielmehr, dass sich die Überprüfung auf antifaschistische Gruppen konzentriere, denen bislang ein hohes Maß an Straffreiheit zugestanden worden sei.
Die Aktivistin beschreibt Frankreich als zunehmend polarisiert. „Die Spaltung vertieft sich“, sagt sie. Ihrer Einschätzung nach unterstützt ein Großteil der öffentlichen Meinung Forderungen nach einem Stopp der Masseneinwanderung und einer härteren Sicherheitspolitik, während die Linke über erhebliche mediale Macht verfüge.
Viele Frauen auf dem Trauermarsch
Beim Trauermarsch seien auffallend viele Frauen anwesend gewesen, darunter zahlreiche Rentnerinnen. Frauen seien im politischen Aktivismus generell unterrepräsentiert – außerhalb von Némésis. Ihr Kollektiv kämpfe dafür, „dass Frauen die Rechte behalten, die ihnen von westlichen Gesellschaften gewährt wurden“.


