Wer Deutschlands politische Bildung organisiert, prägt auch den öffentlichen Blick auf Politik und Geschichte. Entsprechend aufmerksam wird in Berlin verfolgt, wer die Bundeszentrale für politische Bildung führt – eine Bundesbehörde mit mehr als 100 Millionen Euro Etat, rund 420 Mitarbeitern und Tausenden Veranstaltungen pro Jahr. Honoriert wird die Verantwortung des Präsidenten mit der Besoldungsgruppe B6, derzeit rund 11.500 Euro.
Seit dem 1. März 2026 ist die Spitze neu besetzt. Präsident ist der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Sönke Rix, sein Stellvertreter der CSU-Politiker und Jurist Volker Ullrich. Das Bundeskabinett bestätigte beide Personalien Anfang März.
Monate der Funkstille
Bemerkenswert ist nicht nur die politische Kombination – ein Sozialdemokrat und ein CSU-Mann –, sondern auch der lange Weg bis zur offiziellen Bekanntgabe. Bereits im November 2025 berichteten Medien über die mögliche Ernennung von Rix. Doch monatelang blieb es bei Gerüchten.
Die Berliner Zeitung fragte mehrfach bei der Bundeszentrale für politische Bildung nach dem Stand der Personalie. Anfang Februar erklärte die Behörde lediglich, die Leitung werde derzeit von der Abteilungsleiterin Cemile Giousouf kommissarisch wahrgenommen. Zu einer möglichen Ernennung könne man keine Auskunft geben, man verwies an das Bundesinnenministerium.
Auch dort blieb man ausweichend. Innenminister Alexander Dobrindt werde „zu gegebener Zeit“ über die Besetzung der Behördenleitung entscheiden und diese dem Kabinett vorschlagen, erklärte die Pressestelle. Zu laufenden Personalmaßnahmen äußere man sich grundsätzlich nicht öffentlich.
Erst Anfang März war die Entscheidung offiziell
Der neue Präsident Sönke Rix wurde 1975 in Eckernförde geboren. Nach einer Ausbildung als Kindergärtner bildete er sich an einer Fachschule für Sozialpädagogik weiter. So arbeitete er zunächst als staatlich anerkannter Erzieher und als Fachkraft für Arbeitsförderung bei der Diakonie.
Schon früh engagierte Rix sich politisch in der SPD. Seit 1992 Parteimitglied, wurde er später kommunaler Politiker und zog 2005 erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Dort arbeitete er unter anderem als familienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und engagierte sich in der Extremismusprävention.
„Ich freue mich sehr, dass das Bundeskabinett meine Ernennung zum Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung beschlossen hat“, lässt sich Rix in einer Presseerklärung zur Ernennung zitieren.
Der Wahlsieger ohne Bundestagsmandat
Der neue Vizepräsident Volker Ullrich kommt aus Augsburg. Der promovierte Jurist und Diplom-Kaufmann arbeitete zunächst als Rechtsanwalt, bevor er 2013 erstmals für die CSU in den Bundestag einzog. Dort befasste er sich vor allem mit Rechts-, Innen- und Europapolitik.

Sein Ausscheiden aus dem Parlament im Jahr 2025 sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit. Ullrich gewann im Wahlkreis Augsburg-Stadt mit mehr als 31 Prozent der Stimmen zwar erneut das Direktmandat. Doch aufgrund der Wahlrechtsreform der früheren Ampelkoalition ziehen nicht mehr automatisch alle Wahlkreissieger in den Bundestag ein.
Da die CSU insgesamt zu wenige Zweitstimmen erhielt, verlor Ullrich trotz des Wahlsiegs sein Mandat. Stattdessen zog Claudia Roth in den Bundestag ein, die über die Landesliste der Grünen abgesichert war.

Im politischen Berlin wird deshalb auch über die Hintergründe der Personalentscheidung gesprochen. Der Journalist Robin Alexander mutmaßte in seinem Podcast „Machtwechsel“, der Posten des Vizepräsidenten könnte für Ullrich eine Art politischer Versorgungsposten sein.
Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht, schließlich wurde erst die Ex-Bauministerin Klara Geywitz (SPD) diese Woche zur Vizepräsidentin des Bundesrechnungshofs befördert.
Eine Institution mit enormer Reichweite
Die Bundeszentrale für politische Bildung ist eine der wichtigsten Einrichtungen politischer Bildungsarbeit in Deutschland. Sie organisiert oder fördert jährlich mehr als 2000 Veranstaltungen, produziert Unterrichtsmaterialien, Bücher und digitale Formate und betreibt bekannte Projekte wie den Wahl-O-Mat.
Mit rund 420 Beschäftigten, einem Etat von etwa 103 Millionen Euro und Standorten in Bonn, Berlin und Gera gehört sie zu den größten politischen Bildungsinstitutionen Europas.
Ihre Materialien sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil vieler Schulen und Universitäten. Ganze Stapel von Büchern werden kostenlos verteilt. Reihen wie „Informationen zur politischen Bildung“ oder die wöchentlich erscheinende Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“ gehören vielerorts zur Standardlektüre in Seminaren und Klassenzimmern.
Früher dominierten Historiker und Wissenschaftler
Gegründet wurde die Behörde 1952 unter dem Namen Bundeszentrale für Heimatdienst. Ihr erster Leiter war der Historiker Paul Franken. Der promovierte Bonner Wissenschaftler hatte Theologie und Geschichte studiert und war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Aufbau der politischen Bildungsarbeit beteiligt. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Bundeszentrale zu einer Institution, die mit Publikationen und Veranstaltungen demokratische Bildung in der jungen Bundesrepublik fördern sollte. Franken leitete die Einrichtung bis 1969.
Auf ihn folgte Hans Stercken, ein klassisch gebildeter Geisteswissenschaftler. Er hatte nach dem Krieg Klassische Philologie, Archäologie, Germanistik und Geschichte studiert und wurde an der Universität Bonn promoviert. Bevor er an die Spitze der Bundeszentrale trat, arbeitete er als Journalist und später als Referent im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Später machte er selbst politische Karriere: Von 1976 bis 1994 saß Stercken für die CDU im Bundestag und war dort unter anderem Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.
Ein ehemaliger DDR-Bürger übernimmt die Leitung
1976 übernahm mit Franklin Schultheiß erstmals ein Sozialdemokrat die Leitung der Bundeszentrale. Seine Biografie spiegelte die deutsche Teilungsgeschichte wider. Schultheiß hatte nach dem Krieg in Jena Philosophie und Volkswirtschaft studiert, wurde jedoch wegen Kontakten zum SPD-Ostbüro von einem sowjetischen Militärtribunal zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und verbrachte Jahre in Gefängnissen wie Bautzen und Waldheim. Nach seiner Freilassung 1956 floh er in den Westen, setzte sein Studium fort und arbeitete später als Referent für politische Bildung beim SPD-Parteivorstand. Von 1974 bis 1992 leitete er die Bundeszentrale als geschäftsführender Direktor.
1992 wurde Günter Reichert Präsident der Bundeszentrale. Reichert war Historiker und Politikwissenschaftler und hatte an mehreren Universitäten studiert, unter anderem in Würzburg, Berlin und Bonn. Promoviert wurde er bei dem bekannten Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher. Vor seiner Ernennung hatte Reichert viele Jahre als wissenschaftlicher Referent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gearbeitet und war Büroleiter des damaligen Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger. Reichert leitete die Bundeszentrale bis zum Jahr 2000.
Der politische Bruch im Jahr 2000
Mit dem Regierungswechsel zu Rot-Grün unter Bundeskanzler Gerhard Schröder veränderte sich das Profil des Amtes deutlich. Im Jahr 2000 übernahm Thomas Krüger die Leitung der Bundeszentrale. Krüger war zuvor DDR-Bürgerrechtler, Mitgründer der ostdeutschen SPD und später Berliner Senator sowie Bundestagsabgeordneter.

Krüger blieb ein Vierteljahrhundert im Amt – länger als jeder seiner Vorgänger. In dieser Zeit wuchs die Bundeszentrale erheblich. Ihre Publikationen, Veranstaltungen und Onlineangebote erreichten ein immer größeres Publikum. Zugleich geriet die Institution häufiger in politische Debatten. Kritiker warfen ihr vor, ihre Arbeit stärker politisch auszurichten.
Der Würzburger Historiker Peter Hoeres etwa schrieb, die Bundeszentrale habe sich unter Krüger zu einer „identitätspolitischen Agentur in einem undifferenzierten Kampf gegen rechts“ entwickelt. Auch internationale Medien wie die Neue Zürcher Zeitung sehen seit Jahren eine politische Schlagseite.
Mit der neuen Doppelspitze aus Sönke Rix und Volker Ullrich beginnt nun ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Behörde.




