Rückkehr

Alfred Prinz von Schönburg und der Adel im Osten: „Ich fühle mich in Sachsen verwurzelt“

Seine Familie wurde einst enteignet und vertrieben, nach der Wende kehrte Prinz Alfred von Schönburg-Hartenstein nach Sachsen zurück. Ein Gespräch über Adel in der DDR und heute.

1996 kaufte Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein die Burg Stein zurück und ließ sie zusammen mit seiner Frau aufwändig sanieren.
1996 kaufte Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein die Burg Stein zurück und ließ sie zusammen mit seiner Frau aufwändig sanieren.Imago; privat

Der Adel in Deutschland wurde bereits mit dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 formell abgeschafft. In Ostdeutschland wurde er nach 1945 im Zuge der Bodenreform weitgehend zerschlagen, die Familien enteignet und vertrieben. Viele flohen in den Westen.

Auch die Familie Schönburg, ein altes sächsisch-thüringisches Adelsgeschlecht, das zum historischen Hochadel zählt, wurde von der Besatzungsregierung der späteren DDR entschädigungslos enteignet und vertrieben. Heutiges Oberhaupt der Linie Schönburg-Hartenstein ist Johannes Fürst von Schönburg-Hartenstein.

Sein jüngerer Bruder, Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein, kehrte nach der Wiedervereinigung in den Osten zurück und nahm die Besitztümer seiner Familie wieder an sich. Wie er in Sachsen empfangen wurde und wie er heute auf die Region blickt, das erzählt uns der Schlossherr der Burg Stein im Interview.

Die Burg Stein befindet sich südöstlich von Zwickau in Hartenstein, am felsigen Ufer der Zwickauer Mulde. Die Schönburger waren mehr als ein halbes Jahrtausend in Hartenstein.
Die Burg Stein befindet sich südöstlich von Zwickau in Hartenstein, am felsigen Ufer der Zwickauer Mulde. Die Schönburger waren mehr als ein halbes Jahrtausend in Hartenstein.privat

Herr von Schönburg, in der DDR galt der Adel als Feindbild und wurde als Steigbügelhalter des Nationalsozialismus stigmatisiert. Was bedeutete das im Alltag?

Verboten war der Adel nicht, aber offiziell existierte er nicht mehr. Den Nimbus konnte man ihm dennoch nicht nehmen. In meiner eigenen Familie gibt es dafür ein schönes Beispiel. Nach der Wende lernte ich in Glauchau einen Polsterer kennen. Während seiner Schulzeit in der DDR hatte er von der Familie Schönburg gehört. Man sagte ihm, uns gebe es nicht mehr. Er fand jedoch heraus, dass es uns durchaus noch gibt – nur eben nicht mehr vor Ort. Aus Interesse begann er alles zu sammeln, was er über die Schönburgs finden konnte. Es entstand ein beeindruckendes Privatarchiv, das für mich bis heute eine wertvolle Quelle ist.

Er hat sogar in seinem Zimmer einen riesigen Stammbaum der Familie vom 12. Jahrhundert bis heute angelegt – mit handgeschriebenen Zetteln, die er immer wieder ergänzte. Den Stammbaum haben wir fotografiert und auf Leinwand gedruckt. Er hängt heute bei uns in der Burg Stein im Eingangsbereich. Geschichten wie diese zeigen: Es ist dem Staat nicht gelungen, den Adel aus dem Gedächtnis zu tilgen.

Lag das auch daran, dass viele Schlösser und Burgen erhalten blieben?

Sicherlich. Nicht alles wurde gesprengt. Wenn Gebäude eine öffentliche Nutzung hatten – als Museum, Schule oder Heim –, blieben sie bestehen. Und wenn eine Burg über Jahrhunderte das Ortsbild prägt, lässt sie sich nicht einfach ausradieren. In Sachsen und Thüringen war das Verhältnis zur Bevölkerung traditionell besser als in manchen anderen Regionen. Parolen wie „Junkerland in Bauernhand“ kamen eher von oben und nicht unbedingt aus der Bevölkerung.

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Foto Wilke
Zur Person
Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein, geboren 1953 in Wien, ist seit 2008 Präsident der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände und seit 1996 durch Rückkauf Eigentümer der Burg Stein in Hartenstein. 2014 erwarben er und seine Ehefrau Prinzessin Marie-Therese von Schönburg-Hartenstein auch das Alte Schloss in Penig.

Ihre Familie musste nach dem Zweiten Weltkrieg das Land verlassen. Was wissen Sie darüber?

Mein Großvater, mein Vater und alle Angehörigen mussten bis Ende Oktober 1945 gehen. Mein Großvater versuchte noch, Einspruch gegen die Enteignung einzulegen und wenigstens einen Restbesitz zu behalten, aber das war aussichtslos. Am Tag vor angekündigten Verhaftungen verließ er die sowjetische Besatzungszone und ging nach Donaueschingen, später nach Wien. Ich selbst bin nach dem Krieg in Wien geboren. Die Verbindung dorthin bestand schon länger, unter anderem durch familiäre Bindungen seit dem 19. Jahrhundert.

Haben Ihr Großvater oder Ihr Vater über diese Zeit gesprochen?

Kaum. Mein Vater war 15 Jahre alt, als wir vertrieben wurden. Er konnte sich gut erinnern, sprach aber erst sehr spät darüber. Ich glaube, er wollte vieles verdrängen. Der Verlust der Heimat, das war zweifellos ein Trauma für unsere Familie.

Nach der Wiedervereinigung wurden die enteigneten Güter nicht generell restituiert. Wie war das bei Ihnen?

Zu dem Zeitpunkt, als die Treuhand begann, Flächen zu veräußern, wusste ich, dass ich handeln musste. Denn sobald ein gutgläubiger Dritter die Güter rechtsgültig erworben hätte, wären sie für uns endgültig verloren gewesen. Also kaufte ich 1996 die Burg von der Stadt Hartenstein zurück. Wir zogen zunächst in eine kleine Wohnung im obersten Stockwerk und begannen von dort aus mit der Sanierung.

Für uns gab es die Möglichkeit, unseren Besitz zu vergünstigten Konditionen zurückzukaufen. Mir schien das eine tragbare Lösung – vielleicht auch, weil ich nur der Enkel der letzten Eigentümer bin. Wäre ich selbst enteignet worden, hätte ich es wohl anders empfunden. Aber so konnte ich sagen: Mein Großvater hatte viele Enkel, ich bin einer davon – und ich nutze die Chance.

2014 erwarb Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein auch das Alte Schloss in Penig.
2014 erwarb Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein auch das Alte Schloss in Penig.privat

Spielte beim Rückkauf auch eine Rolle, wie sich einzelne Familien in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten hatten?

Ja. Wer aktiv nationalsozialistisch tätig gewesen war, durfte keinen Rückerwerb vornehmen. Man musste eidesstattlich erklären, dass keine entsprechende Belastung vorlag. Auch ich musste diese Erklärung abgeben – das war eine Standardvoraussetzung im Kaufverfahren.

Was befand sich zu DDR-Zeiten in Burg Stein?

Die Burg diente als Wochenenddomizil für Parteifunktionäre, später wurde sie als Pension genutzt. Das Gebäude war baulich in einem ordentlichen Zustand, Dach und Heizung waren intakt. Es gab allerdings keine modernen Bäder. Wir mussten viel investieren, um einen zeitgemäßen Standard zu erreichen, aber die Substanz war gut. Auch der Wald war hervorragend bewirtschaftet.

Wie wurde Ihre Rückkehr vor Ort aufgenommen?

Durchweg freundlich. Ich hatte kein einziges wirklich negatives Erlebnis. Gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer der Gemeinde habe ich damals einen Informationsnachmittag organisiert, zu dem rund 300 Hartensteiner kamen. Man wollte wissen, wer ich bin – und ich wollte wissen, wer hier lebt. Die Begegnung war sehr herzlich.

Ich habe damals zu den Leuten gesagt: Sie können mich für einen Fantasten halten oder sonst etwas, aber eines bin ich nicht – ich bin kein „Wessi“. Ich habe erzählt, wie man mir in den Achtzigern in Wien die österreichische Staatsbürgerschaft verweigern wollte, obwohl ich dort geboren wurde, zur Schule gegangen bin und meine Vorväter seit Generationen immer Doppelstaatsbürger waren. Die Behörden wollten mir den Nachweis aber nicht geben, weil sie sagten, ich sei Ostdeutscher. Das hat hier in Sachsen offenbar Eindruck gemacht.

Burg Stein ist eine in Teilen noch spätromanische Burganlage.  Um 1200 erbaut, schützte die ehemalige Wasserburg den Herrschaftssitz Hartenstein und sicherte den Flussübergang.
Burg Stein ist eine in Teilen noch spätromanische Burganlage. Um 1200 erbaut, schützte die ehemalige Wasserburg den Herrschaftssitz Hartenstein und sicherte den Flussübergang.Hanke/Imago

Gab es auch Konflikte?

Ein Streitpunkt war, dass der Burghof lange als öffentlicher Durchgang genutzt wurde. Als wir ihn schlossen, stieß das erstmal auf Unverständnis. Aber letztlich haben die Menschen akzeptiert, dass wir ein Recht auf Privatsphäre haben. Jeder schließt doch seine Haustür ab.

Haben Sie Burg Stein dennoch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht?

Ja. Man kann hier heiraten, und im Burgsaal finden regelmäßig Konzerte statt. Der ältere Teil der Burg ist an die Stadt vermietet, die dort ein Museum betreibt. Die Ausstellungen gab es schon zu DDR-Zeiten, sie sind der Grund, weshalb Burg Stein damals nicht gesprengt wurde.

Bereits in den 1920er-Jahren wurden ja viele Schlossherren unter Druck gesetzt, ihre Besitztümer zu öffnen. In Stein lag das auch deshalb nahe, weil das Gebäude nicht dauerhaft bewohnt war. Zudem hat die Burg durch ihre Lage am Felsen über der Zwickauer Mulde eine besondere Atmosphäre. Ich bin sehr froh über diesen Ort.

Die Burg befindet sich 500 Meter südwestlich von Hartenstein auf einer Felsklippe in der Aue der Zwickauer Mulde.
Die Burg befindet sich 500 Meter südwestlich von Hartenstein auf einer Felsklippe in der Aue der Zwickauer Mulde.Grafik: BLZ

War es Liebe auf den ersten Blick, als Sie nach der Wende hierherkamen – in ein Schloss, das Sie nur aus Erzählungen kannten?

Die emotionale Bindung war sofort da. Aber man konnte sich zunächst kaum vorstellen, ein solches Gebäude tatsächlich zu übernehmen und zu sanieren. Das entwickelte sich erst, als die Stadt die Burg veräußern wollte. Da fühlte ich mich in der Verantwortung. Und ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie mitgekommen ist. So ein Projekt kann man nur gemeinsam stemmen. Auch unsere Kinder haben mitgezogen.

Hat Ihr Vater die Rückkehr noch erlebt?

Ja, sehr intensiv sogar. Er ist vor fünf Jahren gestorben, war aber bis dahin regelmäßig hier. Wir haben viele Familientreffen erlebt, mehrere seiner Urenkel wurden hier getauft, einige unserer Kinder haben auf Burg Stein geheiratet. Für meinen Vater war das sehr bewegend.

Heute betreiben Sie hier Forstwirtschaft, Veranstaltungen, Vermietungen – ist das ein Familienunternehmen?

Es sind im Grunde mehrere Betriebe, die ich inzwischen mit meiner Frau führe. Die Leute vor Ort schätzen unsere Arbeit hier. Wir beschäftigen ja Leute und lösen Aufträge aus. Neulich war ein Handwerksbetrieb aus Lößnitz da, um Reparaturen durchzuführen. Die Mutter des Handwerkers kam extra mit und sagte zu mir: „Sie sind seit Jahrhunderten Kunde bei uns.“ Solche Sätze berühren mich. Es zeigt, dass historische Beziehungen weiterwirken.

Kolorierte alte Postkarten zeigen die landschaftliche Einbettung des Anwesens.
Kolorierte alte Postkarten zeigen die landschaftliche Einbettung des Anwesens.Imago

Wie sieht Ihr Alltag als Schlossherr aus?

Wenn ich hier bin – ich lebe weiterhin teilweise auch in Wien –, ist der Tag gut gefüllt. Ich bin viel im Wald unterwegs, auch wenn wir natürlich einen Förster haben. Bei größeren Holzeinschlägen versuche ich, dabei zu sein. Zwar bin ich von Hause aus Jurist und habe ursprünglich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen, aber seit 30 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Forstwirtschaft. Man lernt ständig dazu.

Sie sind seit 2008 auch Präsident der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände. Haben Sie einen Überblick, wie viele Adelige nach 1945 den Osten verlassen haben?

Die meisten sind gegangen. Es spielte ja keine Rolle, ob jemand blieb oder nicht – enteignet wurde so oder so. Es gab zwei große Enteignungswellen: 1945 zunächst die Großgrundbesitzer, später auch kleinere Betriebe. Nur wenige Kleinstbetriebe durften weitergeführt werden. Wohnhäuser und weiteres Eigentum wurden ebenfalls enteignet. Einige Adelige blieben zwar, traten aber öffentlich nicht mehr in Erscheinung.

Wie war der Blick der DDR-Bevölkerung auf den Adel? War er nur Feindbild – oder auch Projektionsfläche?

Es gab immer eine gewisse Faszination, die bis heute anhält. In Theaterstücken oder Filmen spielt das Thema ja weiterhin eine Rolle. In der DDR durfte es offiziell keine Bedeutung haben – also wurde es ausgeblendet. Aber das Interesse war nie ganz verschwunden. Nach der Wende meldete es sich rasch zurück, auch weil viele Familien nach ihren Wurzeln suchten oder überlegten, zurückzukehren.

Warum ist das nicht überall gelungen?

Ein Rückkauf musste innerhalb der Familie geklärt sein: Wer übernimmt Verantwortung, wer trägt das Risiko? Und es mussten natürlich die finanziellen Mittel vorhanden sein. In vielen Fällen scheiterte es daran.

Mit Handwerkern aus der Region haben die Schönburg-Hartensteins zahlreiche Restaurierungsarbeiten vorgenommen und die Burg zu neuem Leben erweckt.
Mit Handwerkern aus der Region haben die Schönburg-Hartensteins zahlreiche Restaurierungsarbeiten vorgenommen und die Burg zu neuem Leben erweckt.privat

Was zahlt man für sein eigenes, zurückgekauftes Schloss?

Das ist sehr unterschiedlich. Es war auch keineswegs selbstverständlich, dass man überhaupt den Zuschlag bekam. Man brauchte eine positive Haltung im Umfeld. Deshalb war mir wichtig zu wissen, wie die Stimmung hier vor Ort ist. In Stein war sie gut – und der Stadtrat hat unserem Rückkauf letztlich einstimmig zugestimmt.

Hatten Sie das Gefühl, dass die Menschen in Sachsen besonders offen waren?

Ich glaube schon. Die Sachsen waren historisch gesehen immer ein anpackendes Volk. Man darf nicht vergessen: Chemnitz war einst eines der bedeutendsten Industriezentren Deutschlands. Dass die Stadt zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß, kam nicht von ungefähr. Diese Tradition des Zupackens hat letztlich auch uns geholfen: Die Leute fanden es gut, dass hier jemand investiert und etwas aufbaut.

Haben Sie bei der Sanierung des Schlosses mit Firmen aus der Region gearbeitet?

Ja, ganz bewusst. Ein eindrucksvolles Projekt war die Restaurierung einer spätgotischen Holzdecke im ersten Stock. Nach einem Brand im 18. Jahrhundert waren die Balken beschädigt und später verdeckt worden. Bei der Sanierung standen wir vor der Wahl: Entweder wir stabilisieren die Konstruktion mit Stahl – dann wäre die Decke nur noch Fassade gewesen – oder wir stärken die historischen Balken selbst.

Gemeinsam mit den Denkmalbehörden sowie einer Schweizer Spezialfirma entwickelten wir ein Verfahren, bei dem die Balken mit Kohlefaserlamellen verstärkt wurden. Das dauerte fast ein Jahr. Wir lebten mit einem offenen Geschoss über uns – aber es hat sich gelohnt. Heute ist es eine wunderschöne, tragfähige historische Decke. Ausgeführt hat das eine Restaurierungsfirma aus der Region. Auch für historische Fensterscheiben oder andere Details haben wir hervorragende Handwerksbetriebe in Sachsen gefunden.

Es ist kurios: Wir unterhalten uns über Sachsen, und dabei höre ich die ganze Zeit ihren Wiener Dialekt. Wo ist heute Ihre Heimat?

Meine Heimat ist auf jeden Fall auch in Ostdeutschland, in Sachsen. Die Familie war über Jahrhunderte hier verwurzelt, und ich fühle mich inzwischen ebenso. Wichtig ist mir, dass auch meine Frau sich hier zu Hause fühlt – denn ohne sie wäre all das nicht möglich gewesen. Dieses Leben zwischen Wien und Sachsen kann man nur gemeinsam führen.

Ihre Frau kommt aus Österreich?

Ja. Und sie hat sich hier sehr gut eingelebt. Früher habe ich manchmal Witze gemacht, wenn Verwandte sagten, wie schön es hier sei. Heute muss ich zugeben: Sie hatten recht. Es ist nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern kulturell und historisch außergewöhnlich dicht. So viel Geschichte auf engem Raum findet man selten.