Geheimdienst

Auf den Spuren der mutmaßlichen Russland-Spionin von Berlin: „Sie wollte immer berühmt werden“

Botschaften, Politiker, Champagner: Ilona W. bewegte sich in diplomatischen Kreisen. Das zelebrierte sie digital – und täuschte gleichzeitig ein normales Leben im Südwesten der Hauptstadt vor.

LinkedIn-Profilfoto der mutmaßlichen Quelle russischer Geheimdienste
LinkedIn-Profilfoto der mutmaßlichen Quelle russischer GeheimdiensteScreenshot LinkedIn / Berliner Zeitung

Starker, russisch klingender Akzent, bunter Mantel, rote Haare – wer Ilona W. begegnete, erinnert sich an eine auffällige Erscheinung. Sie redete viel, oft ungebremst, dann schwieg sie wieder. Bilder und Videos zeigen sie auf Empfängen, inmitten von Politikern, Diplomaten und Aktivisten. Doch jetzt ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen sie: Verdacht auf Spionage. Wie passt ein scheinbar alltägliches Leben in Berlin zu einem Fall, der nun die Sicherheitsbehörden beschäftigt?

Verdacht und Ermittlungen

Das Bundeskriminalamt hat Ilona W., die sowohl die deutsche als auch die ukrainische Staatsangehörigkeit besitzen soll, festgenommen. Zuerst berichtete der Spiegel. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, Informationen mit Bezug zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine weitergegeben zu haben. Nach Angaben der Ermittler soll sie seit Herbst 2023 Kontakt zu einem Mitarbeiter der russischen Botschaft in Berlin gehabt haben, der im Verdacht steht, für einen russischen Geheimdienst tätig zu sein. Die Ermittlungen dauern an.

Wie lebt eine Spionin?

Nach Recherchen der Berliner Zeitung lebte Ilona W. mindestens vier Jahre im Südwesten Berlins. Nachbarn beschreiben sie als distanziert und eigenwillig. „Sie war hier nicht eingebunden“, sagt ein Anwohner. „Sie kam zu keinen Grillpartys, war in keiner Chatgruppe.“ Auffällig sei ihr starker, russisch klingender Akzent gewesen. Ilona W. soll aus dem Südosten der Ukraine stammen. Ihre Wohnung: ein etwa 35 Quadratmeter großes Zimmer, chaotisch, ziemlich vermüllt.

Gleichzeitig habe sie gern gesprochen, Aufmerksamkeit gesucht, wollte „berühmt“ werden, heißt es aus ihrem Umfeld. In einer Kneipe in ihrer Nachbarschaft stellte sie sich einem Mitarbeiter gegenüber als Russin vor. „Sie wollte über serbisch-russische Beziehungen sprechen“, erzählt der aus dem Balkan stammende Mitarbeiter. Sie habe freundlich gewirkt, viel geredet und gelächelt. „Sie war nur einmal hier, aber ich sah sie oft in der Straße.“

Auch in einem benachbarten Blumenladen sei sie bekannt gewesen. „Ach, die Frau W.“, sagt eine Verkäuferin, als sie ein Foto aus sozialen Medien sieht. „Sie trug immer diesen bunten Mantel und bestellte öfter Blumen.“

Wenig geheim: Auftritte in sozialen Netzwerken und Zugang zum Bundestag

Parallel zu diesem zurückgezogenen Alltag pflegte Ilona W. eine offene Online-Präsenz. Auf beruflichen Plattformen wie LinkedIn präsentierte sie sich als Unternehmerin und Netzwerkerin im politischen und internationalen Umfeld. Nach eigenen Darstellungen habe sie eine Berliner Marketing- und Beratungsfirma geleitet, spezialisiert auf strategische Kommunikation, politische Dialogformate und Veranstaltungen mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Diplomatie. Zudem sei sie Vorsitzende der Bundesvereinigung Binationaler Gesellschaften (BBG) gewesen, eines Vereins, der die Förderung internationaler Beziehungen als Zweck nennt.

Ein Dokument aus dem Jahr 2021, das der Berliner Zeitung vorliegt, deutet darauf hin, dass der Verein damals über Zugänge zum Bundestag verfügt haben dürfte. Eine Bestätigung dazu gibt es nicht: Die Bundestagsverwaltung teilte mit, sie erteile grundsätzlich keine Auskunft darüber, wer Hausausweise besitzt oder besessen hat. Seit Oktober 2025 ist die BBG zudem als frühere Interessenvertreterin im Lobbyregister geführt. Ein „privilegierter Zugang“ besteht daher „nicht mehr“.

Empfänge mit einflussreichen Personen

Öffentliche Beiträge auf LinkedIn deuten zudem darauf hin, dass Ilona W. als Gast an einem pro-ukrainischen Fachforum Mitte Dezember 2025 in Berlin teilgenommen habe, bei dem sicherheits- und außenpolitische Fragen diskutiert worden seien. In einem Beitrag erklärte die Politikwissenschaftlerin Dr. Mariya Heletiy, sie habe dort über einen Friedensplan für die Ukraine referiert und dem Organisator Kostiantyn Lisnychyi für die Einladung gedankt. Die Veranstaltung soll im Haus der Bundespressekonferenz stattgefunden und mehr als 200 Teilnehmer aus Politik, Diplomatie, Zivilgesellschaft sowie Verteidigungs- und Wirtschaftsbereichen zusammengeführt haben. Auf Bildern ist Ilona W. inmitten dieses Umfelds zu sehen.

Recherchen der Berliner Zeitung zeigen zudem, dass sie auf dem russischen sozialen Netzwerk ok.ru unter einem anderen Nachnamen registriert ist, der mit dem Buchstaben „M.“ beginnt.